Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Novellenschaffen in christlicher tradition

Index
» Novellenschaffen in christlicher tradition
» Stefan Andres

Stefan Andres



Um Zugang zu dem Novellenwerk des Dichters zu gewinnen, ist es nötig, einige Daten seines Lebens zu erwähnen. Nicht gleichgültig für das Verständnis ist seine Herkunft aus der Mosellandschaft. 1906 ist Stefan Andres im Trierer Land geboren. Ohne die Verwurzelung in dieser Landschaft sind die ,Moselländischen Novellen', aber auch manche andere Werke nicht zu verstehen. Wichtig für den Zugang zum Werk - man denke an die Novelle, die seinen Namen besonders bekannt gemacht hat: ,Wir sind Utopia' - ist auch der Umstand, daß der Dichter zunächst mit dem Studium der Theologie begonnen hat. Durch den Besuch einer Klosterschule vorbereitet, begann er das Noviziat des Kapuzinerordens. Zwei Jahre später hat er das Studium gewechselt. Nicht überflüssig zu erwähnen ist es auch, daß er 1937 nach Italien, und zwar nach Positano, übergesiedelt ist. Zahlreiche Novellen erinnern an den langjährigen Aufenthaltim Süden. 1955 ist Stefan Andres nach Deutschland zurückgekehrt, um sich einige Jahre später wieder nach Italien zurückzuziehen.
      1935 veröffentlichte Stefan Andres eine Novelle, die die Öffentlichkeit zum ersten Mal auf ihn aufmerksam gemacht hat und die in der folgenden Zeit immer wieder neu gedruckt wurde: ,E Greco malt den Großinquisitor'. 1937 folgen die .Moselländischen Novellen', 1940 die Novelle ,Das Grab des Neides', 1942 wurde das bekannteste Werk des Dichters in der damaligen frankfurter Zeitung' veröffentlicht, die bereits erwähnte Novelle ,Wir sind Utopia'. Genannt seien noch die Novelle ,Das Antlitz' und ,Hagia mone', beide aus dem Jahre 1951. Die zitierten Novellen wurden mit einigen anderen 1962 in der Reihe ,Die Bücher der Neunzehn' noch einmal vom Autor überprüft und veröffentlicht. Unter diesen hat Stefan Andres vor allem die Novelle ,Hagia Mone' in wesentlichen Zügen umgearbeitet; sie erschien jetzt unter dem Titel ,Der Brunnen der Hera'. Einige novellistische Arbeiten wurden nicht genannt, vor allem die ausgezeichnete, bis heute nicht mehr veröffentlichte Novelle ,Der andere Name', erschienen im ,Hochland' 1935.
      Um Zugang zu der besonderen Thematik des Dichters zu gewinnen, sei bei der zuletzt genannten Novelle eingesetzt. Im Mittelpunkt des Werkes steht das Schicksal einer Frau, die, aus einer spanisch-deutschen Familie stammend, während ihrer Studien in Madrid Faki, einen ägyptischen Archäologen kennenlernt und sich zur Ehe mit ihm entschließt. Trotz der Warnung des Vaters war sie zu diesem Entschluß gekommen. 'Den Ehebogen von Madrid nach Berlin zu spannen, wäre schon weit und gefährlich genug gewesen, zum Nil hin gingen keine Brücken". So die warnenden Worte des Vaters. Er sollte damit recht bekommen. So lange Faki mit Marguerita - so der Name der Frau - in Europa weilt, steht der Verständigung der beiden kaum etwas Ernsthaftes im Wege. Erst mit der Ãœbersiedlung des Paares nach Kairo und Luxor beginnen die Schwierigkeiten. Faki kehrt alsbald in die religiösen und gesellschaftlichen Sitten seiner Umgebung und seiner Verwandtschaft zurück. Diese Anpassung hat tiefgreifende Konsequenzen für das Verhältnis der Ehegatten. Beruht die Ehe zuerst auf der im Abendland gültigen Achtung vor der personalen Mündigkeit der Partner, so muß Marguerita mit wachsendem Befremden feststellen, daß sie - gemäß den Vorstellungen des Islam - immer mehr ihrer Freiheit beraubt und in die Enge des Frauengemachs verwiesen wird; kaum anders als ein beliebiges Stück des Mobilars innerhalb der sie umgebenden Räume. Die damit unvermeidlichgewordene Krise zwischen den Ehegatten wird in dem Augenblick un-überwindbar, als Faki mit Rücksicht auf seine Angehörigen Marguerita den Namen verwehrt, den er ihr zuvor als Name der Liebe gegeben hatte. Wie der Titel ausweist, zieht sich an dieser Stelle die Pointe der Novelle zusammen. Daß der Name für beide einmal Sinnbild einer neuen Geburt bedeutet hat, wird von Faki geleugnet. Bei dem Besuch eines altägyptischen Tempels erwähnt er, wie Tutmose I

II.

, von Haß überwältigt, dort den Namen der Königin ausgetilgt habe. Dabei kommt es zur letzten Auseinandersetzung zwischen den Ehegatten und zum Ende der Ehe. In Auflehnung gegen das, was damals geschehen, nimmt Marguerita ihren Stift, um den Namen der Königin wieder in die aufgerissene Wand einzuschreiben. Es ist mit der Empörung gegen das Vergangene zugleich der Protest gegen ihr eigenes Schicksal.
      Man kann der kurzen Skizzierung entnehmen, daß die Novelle um die gleiche Thematik kreist, um deren Klärung sich zur selben Zeit Theologie und Philosophie bemüht haben. Martin Buber - um diesen repräsentativen Namen zu nennen - sprach in diesem Sinn von dem 'Dialogischen Prinzip". Um Begegnungs- und Dialogmöglichkeiten solcher Art kreisen im Grunde alle Novellen. Auch die zuvor skizzierte Novelle ,Der andere Name' gehört in diese Reihe. Marguerita ist bereit, der Fremdheit in Faki standzuhalten, und der Warnung des Vaters zum Trotz hat sie Grund zu hoffen, daß das Wagnis gelingt. Aber dann wird die Chance vertan, da der Mann es vorzieht, in eine religiöse und gesellschaftliche Tradition zurückzukehren, die die Frau in dem Maße verdinglicht, daß Dialog und Wandlung am Ende erstickt werden.
      Bevor es möglich ist, am Beispiel der Novelle ,Wir sind Utopia' noch konkreter auf die Thematik des Dichters einzugehen, sei unter den zahlreichen Novellen noch auf eine andere hingewiesen, die ebenso aufschlußreich für den Dichter ist wie die im ,Hochland' publizierte. Es ist die in zweiter Fassung unter dem Titel ,Am Brunnen der Hera' erschienene Dichtung. Da sie wesentlich geschlossener ist als die erste, möge an diese angeknüpft werden, auch wenn in der Umarbeitung einige bedeutende Partien geopfert wurden.
      Man würde auf den ersten Blick die Novelle in die Reihe der zahlreichen Künstlernovellen der deutschen Literatur einordnen; so wie auch die ,El-Greco'-Novelle in diese Reihe einzuordnen ist. Allerdings müßte man dann hinzufügen, daß Künstlertum in beiden Novellen weniger auf die monologische Entfaltung der schöpferischen Potenzen gestellt ist, als viel-mehr auf Dialog und Begegnung. Im Mittelpunkt der Novelle scheint zunächst der Maler Gutwangen zu stehen. Er ist ein Künstler, der scheitert, weil in seinem Schaffen die Bereitschaft fehlt, sich an die Fremdheit von Mensch und Welt zu wagen. Stattdessen bleibt sein Künstlertum im Zirkel der Eitelkeit und der Ich-Bezogenheit eingeschlossen. Zwei Frauen werden in seinem Leben von Bedeutung: Lisa, seine Frau, und Agatha, ihre jüngere Schwester. Lisa, statt das Ihre zu tun, um Gutwangen zur Wandlung zu bewegen, sucht ihn trotz besseren Wissens in seiner Selbstgewißheit zu bestätigen. Während alle um ihn herum die Fragwürdigkeit seiner Existenz erkennen, treibt Lisa, blind in ihrer Liebe zu dem Mann, einen Kult mit seinem Künstlertum, daß Gutwangen sich selbst schließlich dagegen aufbäumt. Für Lisa ist diese Auseinandersetzung der Augenblick, da sie die Unwahrheit ihres Bemühens begreift und sich das Leben nimmt. Der Mann, weit entfernt davon, die Tragik dieses Todes zu begreifen, gewinnt rasch seine alte Ãœberlegenheit zurück und arbeitet weiter, ohne sich die Unfruchtbarkeit eines solchen Schaffens einzugestehen. In dieser heillosen Verfassung kommt er auf die griechische Insel, wohin sich Agatha - Malerin wie Gutwangen - in ein Kloster zurückgezogen hat, um dort im Umkreis des Klosters und vor allem in der Nähe der asketischen Kunst byzantinischer Ikonenmalerei ihre Form zu finden, und das will sagen, sich in ihrem Schaffen vor jener Versuchung der Selbstgenügsamkeit und der Willkür zu bewahren, die das Künstlertum Gutwangens zerstört hat. Dieser fühlt sich zu Agatha hingezogen, so wie diese auch ihn liebt. Zwei Dinge sollen nach dem Wunsch Gutwangens bei dem Besuch nicht zur Sprache kommen: Der Tod Lisas und sein eigenes Künstlertum. Aber gerade darum geht es in dem großen Gespräch, das sich unmittelbar nach der Ankunft des Malers zwischen beiden entspinnt. Anders als die Schwester, konfrontiert Agatha in Härte den Mann mit seiner transzendenzlosen Verschlossenheit und der dadurch bedingten Sterilität seiner künstlerischen Existenz. Diese Partie ist die eigentliche Mitte der Novelle. Das Gespräch hat wieder den Charakter jenes dialogischen Sprechens, wie es sich zwischen Marguerita und Faki in der Novelle ,Der andere Name' entfaltet hat. Agatha stellt sich dem, was im Künstlertum Gutwangens unwahr erscheint, aber nicht um an einer möglichen Wandlung zu verzweifeln, sondern in der Hoffnung, zum Leben zu erwecken, was auch in der Tiefe seiner Existenz als Verantwortung der Wahrheit gegenüber schlummert. Die Novelle schließt mit einem Ausblick, der erwarten läßt, daß nach dem Gespräch der Prozeß der Wandlung in Gutwangen begonnen hat.
      Es war erörtert worden, daß die zweite Fassung der Novelle, auf die sich die Deutung bezieht, gegenüber der ersten wesentlich dichter durchgestaltet ist. So bezieht sich auch alles, was im ersten Teil, der Ankunft des Künstlers in Nauplia, geschieht und gesprochen wird, von Anfang an auf die zentrale Thematik der Novelle. Daß Leben nicht möglich ist, ohne daß der Tod in das Leben einbezogen wird, daß die Gnade des schöpferischen Gelingens dem Menschen nicht zuteil wird, ohne daß er gewagt hat, sein Ich zu opfern —, das alles klingt schon da an, wo der Fischer Talos voller Bewunderung von dem ihm befreundeten Seiltänzer berichtet: Dieser trage - so etwa sagt er - das Leben 'über den Tod hin" ..., der Tod sei nicht Gegner des Seiltänzers, sondern sein Helfer4. Nicht vergessen werden darf auch, welche Bedeutung der als Titel der Novelle gewählte Brunnen der Hera für das Geschehen hat. Es ist der Brunnen, in dem die Göttin das Alte, Verbrauchte immer wieder abwirft, um in der Wiedergeburt eine neue Jugend zu finden. Auch mit diesem Brunnen verbindet sich also das Motiv vom Sterben und der neuen Geburt. Nicht zufällig findet das große Entscheidungsgespräch zwischen Agatha und Gutwangen, das immer von neuem die unvermeidbare Verschränkung von Leben und Tod umkreist, in der Nähe dieses Brunnens statt; letztlich zu verstehen als Hinweis auf das, was von dem Künstler gefordert ist und was Gutwangen bisher zu tun sich geweigert hat.
     

 Tags:
Stefan  Andres    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com