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Novellenschaffen in christlicher tradition

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Gertrud von Le Fort



Das Schaffen der Dichterin Gertrud von Le Fort wurzelt in der gleichen dichterischen Tradition wie das Werner Bergengruens. Unter den zahlreichen Novellen, die die Dichterin geschaffen hat, — aus der Reihe der Erzählungswerke sei an dieser Stelle nur ,Die Abberufung der Jungfrau von Barby' und die letzte nach dem zweiten Weltkrieg publizierte Novelle ,Die Verfemte' genannt - ist ,Die Letzte am Schafott' die bekannteste ge-blieben. 1931 entstanden, hat sie zahlreiche Auflagen erlebt. Wie stark die Wirkung war, die von ihr ausgegangen ist, macht, von vielen Besprechungen bei der Erscheinung des Werkes abgesehen, vor allem die berühmte Dramatisierung offenbar, die die Novelle durch Georges Berna-nos unter dem Titel ,Dialogues des Carmelitaines' erfahren hat.
      Worin diese Anziehung gerade zur Zeit der Entstehung begründet war, läßt sich unschwer ausmachen; man verfehlt kaum den Sinn des Werkes, wenn man darauf hinweist, daß alles in der Novelle, die Handlungsführung und das Verhältnis der Personen untereinander um die Frage nach dem Sinn der Angst in der Existenz der Menschheit kreist. Die gleiche Frage war in diesen Jahren nicht zuletzt durch Martin Heideggers 1926 in erster Auflage erschienenes Werk ,Sein und Zeit', aber auch durch Bemühungen der Tiefenpsychologie und der Religionswissenschaft von neuem von Bedeutung geworden, nachdem sie schon einmal mehr als ein Jahrhundert zuvor in Philosophie und Dichtung gestellt worden war. Man denkt dabei an die Linie, die von Hamann über Baader, Kierkegaard bis zu den Dichtungen Georg Büchners führt. Nur wenige Jahre nach dem Erscheinen des Heideggerschen Werkes schuf Gertrud von Le Fort ihre Novelle. Nicht zuletzt in dieser zeitlichen Nähe scheint die Aufmerksamkeit begründet, die diese Dichtung von Anfang an auf sich gezogen hat.
      Will man dem Werk gerecht werden, dann wird man vor allem auf die zwei Aspekte hinweisen müssen, die für die Dichterin entscheidend waren: den geschichtlichen und den religiösen. Beide sind schwer voneinander ablösbar. Hans Urs von Balthasar hat in diesem Sinn in seiner Schrift ,Der Christ und die Angst' die Novelle der Gertrud von Le Fort mit dem Werk zweier anderer Dichter zusammengenommen, mit dem Schaffen von Bernanos und mit Claudels ,L'Otage', Werke, die um das gleiche Phänomen der Angst kreisen. Ãœber die Kritik, die der Verfasser an dem Werk der Dichterin geübt hat, wird später zu sprechen sein. An dieser Stelle sei stattdessen auf einen Satz verwiesen, der geeignet ist, deutlich zu machen, warum für das Geschehen der Novelle mit dem religiösen auch der geschichtliche Aspekt entscheidend ist: 'Alle drei genannten Dichter haben ihren genauen Stand dort erkannt . . . wo die christliche Angst ihren geistigen Platz hat: In der Französischen Revolution, im Zusammenbruch der ganzen alten Weltordnung vor dem heraufziehenden Chaos der Freiheit, das als chaotische Offenheit und Allmöglichkeit .. . nur als die teuflische Kontrafraktur der Wahrheit gewertet werden kann."

Von dem, was Balthasar als Voraussetzung entwickelt, läßt sich die Handlung der Novelle deuten. Blanche de La Force, jene also, die mit dem Zusammenbruch des ancien regime am wehrlosesten der Angst ausgeliefert ist, ist Mittelpunktsgestalt des Werkes. Will man der Novelle im Ganzen gerecht werden, so muß man beachten, daß diese Blanche nicht für sich steht, sondern in Konflikt mit Gegenspielerinnen gesehen ist, die ihrer Not verständnislos gegenüberstehen, ja sie als unwürdig empfinden; im Gegensatz zu ihrer Erzieherin, Madame de Chalais, aber noch stärker zur Novizenmeisterin des Karmeliterinnenkonvents, in dem Blanche Schutz vor ihrer Angst sucht. Wie Blanche sind auch die beiden anderen Gestalten nicht ohne den von Balthasar berührten geschichtlichen Hintergrund zu verstehen. Für beide ist es charakteristisch, daß sie die auch in ihnen latente Angst überspielen, indem sie das Königtum Gottes und das irdische Königtum bis zur Identität aneinanderbinden, um auf diese Weise Sicherheit zu gewinnen. 'Du mußt doch selbst einsehen, daß es für den König des Himmels ein Leichtes ist, dich zu beschützen . . . Bedenke doch, wie mächtig schon unser irdischer König ist". So die Worte der Erzieherin Blanches in ihrem Bestreben, in dem ihrem Schutz anbefohlenen Mädchen eine Gewißheit zu wecken, die stärker ist als die Angst. Wie fragwürdig dieses Angebot ist, läßt schon hier die Antwort der Blanche deutlich werden: 'Wenn er nun aber seine Krone verliert? fragte sie nachträglich".
Wichtiger als die Erzieherin ist die schon genannte Gestalt der Novizenmeisterin Marie de L'Incarnation. Um ihr Verhalten zu begreifen, ist es nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß diese Frau mit der Familie des Königs verwandt ist. Obwohl sie keineswegs die Verdorbenheit des Hofes leugnet, ist diese negative Verfassung für sie kein Grund, darüber an der absoluten Geltung der alten hierarchischen Ordnung zu zweifeln. Was indessen ihre Haltung unglaubwürdig macht, ist die gleiche problematische Sanktionierung des politischen Königtums durch das Königtum Gottes, wie man sie zuvor schon in der Haltung der Erzieherin erfahren hat. In der Tatsache, daß es zur Tradition des Karmeliterordens gehört, Christus im Symbol des Königs zu sehen, sieht sie eine Bestätigung ihrer Haltung. So gehören die beiden Figuren als Gegenspielerinnen der Blanche zusammen. Man darf allerdings bei aller Ähnlichkeit in der Haltung einen Unterschied nicht unerwähnt lassen. Madame de Chalais geht, unfähig, den Sinn von Blanches Angst zu begreifen, an der vorschnellen Identifikation von Gott und Welt zugrunde. Marie de L'Incarnation dagegen versteht am Ende diesen Sinn. Nach dem, was am Ende des Geschehensin ihr vorgeht, weiß sie, daß alle Formen der überkommenen Tradition bereit sein müssen, in der Angst vorübergehend ins Ungreifbare zu verschwinden, um dann wieder - die Erinnerung an den letzten Satz aus Kleists Gespräch ,Ãœber das Marionettentheater' liegt nahe - nach dem Durchgang durch das Unendliche verwandelt wiederzukehren. Es kann nicht im einzelnen verfolgt werden, wie sich der Wandel in der Novizenmeisterin vollzieht. Nur wenige Stellen seien zitiert, um das Gesagte zu belegen. Wie unangemessen auch hier der religiöse und politische Bereich ineinander verstrickt sind, läßt folgendes Bekenntnis erkennen: 'Das Königtum Frankreichs . . . hat das Banner Christi ergriffen" - so die Worte der Novizenmeisterin - 'gestatten Sie uns . . ., daß wir ihm in seinem Kampf . . . diejenige Hilfe anbieten, die Gott in unsere schwache Kraft gelegt hat . . ." . Was ihr Verhalten noch problematischer macht, ist der offenkundige Hochmut gegenüber Blanches Schwäche: 'Marie de L'Incarnation hatte verstanden: es gab nur eine Schwache im Karmel von Compiegne ... - Oh meine Mutter" - so wendet sie sich an die Priorin -, 'warum beugen Sie den Heldenmut Ihrer Töchter unter die Schwachheit jenes armen Kindes . . ." . Dann aber beginnt sie umzudenken und andere Wertmaßstäbe anzulegen. Als der Herr von Villeroi sie nach dem Tode Blanches aufsucht, hört er aus ihrem Munde ein aufschlußreiches Bekenntnis. 'Sind denn . . . Furcht und Schauder immer nur Ärgernis? Besteht nicht die Möglichkeit, daß sie - wenigstens zunächst — etwas viel Tieferes sein können als Mut, etwas, das weit mehr der Wirklichkeit der Dinge, das heißt, den Schrecken der Welt entspricht und auch weit mehr - unserer eigenen Schwäche?" Zwischen der anfänglichen Hochgemutheit und diesem Bekenntnis liegt eine lange, schwere Wandlung. Während Blanche trotz der Flucht vor dem Opfer doch dieses Opfers gewürdigt wird, wird die Novizenmeisterin davon ausgeschlossen. Aber sie begreift, daß sie diese Zurückweisung als Sühne für ihren Hochmut auf sich nehmen muß. Was ihre Größe ausmacht, ist ihr Ja zu dem, was von ihr gefordert wird, auch wenn es nach außen hin als Feigheit ausgelegt werden konnte. 'Und nun taucht das eigentliche Opfer dieser großen Seele am Horizont auf . . . Dieses Opfer hat keinen stolzen Namen: es handelt sich um das Opfer des Opfers selbst."
Im genauen Gegensatz zu dem, was sich mit der Novizenmeisterin begibt, entfaltet sich also das Schicksal der Blanche. Von Kind an, ja durch das 'Versehen" der Mutter schon vor dem Eintritt in das Leben, ist sie mit der Angst vertraut. Erster Versuch, diese Angst zu überwinden: der

Eintritt in das Kloster. Blanche setzt, kaum anders als ihre Mitschwestern, auf das transzendente Königtum Gottes statt auf das irdische Königtum.
      Zunächst scheint ihre Entscheidung die richtige zu sein. Aber doch nur für kurze Zeit; denn die Ereignisse der Revolution machen der Abgeschlossenheit des Klosters ein rasches Ende. So mißlingt der Versuch, im Bereich der religiösen Tradition Schutz zu suchen, gleichwie der politische Bereich des Königtums sich vorher als unfähig erwiesen hatte, Blanche vor der Angst zu sichern. Der Gott, den sie aufsucht, ist allzusehr begriffen als ein Gott, der nur die Geborgenheit anbietet. Daß zu der wirklichen Begegnung mit ihm auch die sich in der Angst ankündigende radikale Ungeborgenheit gehört, kommt ihr zunächst nur vorübergehend in den Sinn, ohne daß sie fähig ist, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Warnungen, die geeignet sein könnten, sie darauf aufmerksam zu machen, begegnen ihr wiederholt. Schon der schlimme Tod der alten Priorin Croissy war eine solche Warnung. Auch andere Momente in ihrem Leben lassen in ihr die Erkenntnis der wahren Situation der menschlichen Existenz jäh aufbrechen. Daß diese Einsichten ohne Folgen bleiben, macht die Tatsache deutlich, daß Blanche völlig unvorbereitet dem Einbruch der Revolutionäre in das Kloster gegenübersteht. So kommt namenloses Grauen bei dem ersten Besuch der Kommissare über sie. Ãœbrigens wird an dieser Stelle wiederum erkennbar, wie es der Autorin auf den Gegensatz zwischen der Novizenmeisterin und Blanche ankommt. Für diese wird der Besuch zum Anlaß einer fast theatralischen Entfaltung traditioneller Repräsentation, während Blanche an ihrer Angst zugrundegeht. Immer wehrloser verfällt sie dieser Angst. 'Das Schlimmste aber war . . . man gewann damals den Eindruck, daß Blanche sich plötzlich nicht mehr wie früher gegen ihre bedenkliche Lage wehre." So scheint nicht nur für die Novizenmeisterin, sondern für alle Beteiligten Blanches Schwäche der Ausdruck einer unverzeihlichen Würdelosig-keit zu sein. Erst vom Ende der Novelle her wird deutlich, daß gerade diese Wehrlosigkeit, auch wenn sie nach dem Austritt aus dem Kloster bis zur Verächtlichkeit zu gehen scheint, gleichsam den Raum freimacht, in dem das Geheimnis einer letzten Sicherheit mächtig wird.
      Im Gefolge der Wirren kommt der Tag, da man ihr von seiten des Konvents den Weg in die Freiheit freigeben will in der Meinung, daß sie in ihrer Schwäche dem nicht gewachsen ist, was auf das Kloster zukommt. Die Priorin macht ihr diesen Vorschlag, stößt aber auf die entschiedene


Abwehr Blanches. Noch einmal folgt eine Stelle im Gespräch, da nicht nur die Preisgegebenheit, sondern auch die darin geheimnisvoll verborgene Stärke sichtbar wird; in der Fügung der Novellenhandlung als Vorausdeutung auf das Ende zu verstehen, wo endgültig der Mut über die Angst triumphiert. Es ist der Satz, da Blanche in dem erwähnten Gespräch mit der Oberin ihre Hilflosigkeit nicht verleugnen kann, wo es aber zugleich heißt, daß in ihrer Stimme zwar alle Hoffnungslosigkeit, zur selben Zeit aber auch etwas 'merkwürdig Getröstetes" gewesen sei . Zunächst allerdings wird deutlich, wie schutzlos Blanche erscheint. Es ist der Blick ihrer Augen, der ihre innere Verfassung offenbar macht. 'Die Priorin erkannte es kaum wieder. Vor ihrem geistigen Auge tauchte plötzlich eine Reihe völlig zusammenhangloser Bilder auf: kleine sterbende Vögel — verwundete Krieger auf dem Schlachtfeld .. . Sie glaubte nicht mehr, Blanches Angst, sondern überhaupt jede Angst zu erblicken." Daß gerade die Priorin, im Gegensatz zu dem traditionsgebundenen Heroismus der Novizenmeistcrin, die einzige ist, die schon hier zu begreifen anfängt, wohin der Weg Blanches geht, wird in diesem Zusammenhang erkennbar.
      Im weiteren Ablauf folgt der von der Novizenmeisterin angeregte Weiheakt des Konvents. Wie Blanche sich dieser Aufforderung gegenüber verhält, liegt weiter in der Konsequenz jener äußersten Angst, deren die Priorin zuvor Zeuge war. Daß Blanche das Kloster verläßt, um in dem Palast des Vaters Schutz zu suchen, ist danach nicht überraschend. Damit beginnt die letzte für das Verständnis der Novelle wichtigste Erzählphase. Die Hoffnung, bei ihrem Vater Hilfe zu finden, muß in diesem Stadium der Revolution zunichte werden. Blanche wird Zeuge, wie der Vater im Verlauf der Septembermorde sein Leben läßt. Sie selbst aber gerät, durch diese Ereignisse völlig wehrlos geworden, in die Hand der Hallenweiber, die sich im Palast des Vaters breitgemacht haben. Sie wird gezwungen, bei den Aufmärschen der Revolutionshorde mitzuziehen und sich selbst an Exzessen blasphemischer Art zu beteiligen. So sinkt sie in die tiefste Erniedrigung hinab. Und doch ist - gemäß der 'Logik" des Paradoxes, von der sich Gertrud von Le Fort leiten läßt - selbst diese Form der äußersten Erniedrigung der geschichtlichen Situation adäquater als der religiöse Heroismus ihrer Gegenspielerin. Diese wollte über das Opfer verfügen; Blanches Tod dagegen ist das Opfer, das nicht im Belieben des Menschen steht, sondern von der anderen Seite verfügt wird. Das Ende, durch zahlreiche Vorausdeutungen vorweggenommen, fügt sich konsequent der Novellenhandlung ein. Während die Karmeliterinnendas Schafott besteigen, schlägt die Angst der von Marktweibern eingeschlossenen Blanche in einen Mut um, der aus tieferen Schichten kommt als die Schwäche. Die Karmeliterinnen haben in ihrer Todesstunde die Hymne des Pfingstfestes - des Festes, das der Jünger gedenkt, in denen Ratlosigkeit und Ohnmacht unbegreiflicherweise in Stärke und Mut umgeschlagen ist — angestimmt. Am Ende fehlt die, die die letzte Strophe singen müßte. Indem Blanche in unbeirrbarer Furchtlosigkeit diese letzte Strophe anstimmt, erleidet sie, nicht anders als die Gefährtinnen, den Tod; nicht den auf dem Schafott, sondern den schlimmeren unter den Fäusten der entmenschten Masse. Die Novelle schließt mit einem Bekenntnis dessen, der von diesen Vorgängen in dem Brief an eine Emigrantin berichtet. Für ihn sei mit diesem Augenblick die Revolution mit ihrem Schrecken erloschen. 'Und nun . . . der Regenbogen über der Place de Ia Revolution war erloschen, und trotzdem hatte ich das Gefühl: die Revolution ist zu Ende. "
So etwa stellt sich der innere Zusammenhang der Novelle dar. Daß diese von einem noblen Geist geschaffen und dazu, wie dargelegt, von den angenommenen Prämissen her untadelig entfaltet ist, wird man ohne Zögern zugestehen; es bleibt allerdings, wie zuvor bei Bergengruen, die Frage, ob die künstlerische Gestaltung ebenso gelungen ist wie die gedankliche Entfaltung. Indem man diese Frage stellt, gerät man an die Problematik des Werkes. Urs von Balthasar hat in der eingangs zitierten Abhandlung weniger an der künstlerischen Gestaltung Kritik geübt, er hat vielmehr gegenüber dem Versuch der Dichterin, deterministisch neurotische und existentielle Angst allzu ungeschieden ineinander übergehen zu lassen, Bedenken angemeldet. Dabei führt er vor allem das 'Versehen" der Mutter vor der Geburt Blanches an. Es handelt sich dabei um ein altes Novellenmotiv, das vor allem in der Novellistik der deutschen Romantik - das bekannteste Beispiel dafür ist die Cardillac-Novelle E. T. A. Hoffmanns - eine entscheidende Rolle spielt; hier im Geiste der romantischen Schicksalsgläubigkeit aufgegriffen. Ob es in Gertrud von Le Forts Novelle die gleiche Bedeutung hat, ist nicht einfach zu beantworten. Balthasar ist offenbar der Meinung, daß man dieses Motiv im Sinne einer neurotischen Kausalität zu verstehen habe. Der Verfasser, der dem Buch Balthasars vieles verdankt, stellt sich allerdings die Frage: Wäre es nicht möglich, es auch final zu deuten; weniger als individuelle Anormalität denn vielmehr als Witterung kommender geschichtlicher Erfahrung? Denn was die Mutter der Blanche bei Gelegenheit der Vermählung Ludwigs des

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erlebt, war bereits das Bild jener chaotischen Masse, die später die Herrschaft an sich reißen soll. 'Es war niemand mehr da" - so wird das Erlebnis beschrieben - 'wie ein einziges, wildes, von seiner eigenen Todesangst erdrücktes, massenhaftes menschliches Ungeheuer ..." . Dieser Eindruck ist es, der von der Mutter auf das Kind übergeht. Wenn sich dann die Angst der Blanche in scheinbar krankhaften Zügen offenbart, so müssen diese nicht nur im zwanghaft neurotischen Sinn verstanden werden, sondern auch als unvermeidlicher Ausdruck und Vorwegnahme jener tiefen Preisgegebenheit, für die sie von Anfang an ausersehen ist.
      Offenbar liegt die Problematik des Werkes nicht an dieser Stelle, sondern in der künstlerischen Gestaltung. Drei Bedenken seien angemeldet. Das erste betrifft die Sprachschicht und den Stil der Novelle. Von den ersten Sätzen an gerät man an jenes eigentümlich typisierende Pathos, das nicht nur charakteristisch ist für den Prosastil dieses Werkes, sondern auch für andere Werke -, genannt sei noch einmal die Novelle ,Die Abberufung der Jungfrau von Barby' - ein Pathos, das im letzten in einer bestimmten religiösen, aber auch in einer bestimmten gesellschaftlichen Haltung begründet ist. Vor allem wird dadurch die Zeichnung der Gestalten um eine Nuance zu rasch und unbekümmert auf bestimmte Eigenschaften hin festgelegt. So die auf Stolz und Würde stilisierte Gestalt der Novizenmeisterin. So auch die Zeichnung der Erzieherin; sowohl im Anfang des Geschehens, da sie ungebrochen in ihrem religiös-aristokratischen Selbstbewußtsein erscheint, wie auch am Ende, da von ihrem völligen Zusammenbruch berichtet wird. Ähnliches gilt für andere Gestalten, auch Blanche nicht ausgenommen, um von der primitiven Charakterisierung der Novizin Constance de St. Denis zu schweigen. Durchgängig ist der Stil von wertenden Epitheta bestimmt. Diese sichern zwar eine gewisse Höhenlage der Sprachgebung, tragen aber, auf das Ganze gesehen, eine künstlerisch bedenkliche Monotonie in die stilistische Gestaltung hinein. Dadurch ist alles von Anfang an fixiert, sei es im negativen, sei es im positiven Sinn. So wird von der 'jungen, naiven Novizin Constance" gesprochen; so von den Karmeliterinnen als 'jenen stillen Frauen zu Com-piegne", so von der 'heldenmütigen Gesinnung dieser frommen Frauen" . So äußert sich die Novizenmeisterin 'mit ihrer edlen Eindringlichkeit" .
      Auch die Metaphorik weist in die gleiche Richtung. Ein Beispiel für viele. Nachdem im ersten Teil der Novelle berichtet wird, wie Blanches Angst neue Nahrung findet, als sie erleben muß, daß nicht nur in ihrer Einbil-düng, sondern auch faktisch die Stäbe des Geländers brechen, heißt es: 'Die erschreckten Vögelchen in Blanches Gesicht stoben förmlich zu Madame de Chalais empor." Wie emblematisch die Metaphern eingesetzt werden, macht der Umstand deutlich, daß im Zusammenhang der zitierten Stelle die Metaphern ohne Bruch ins Abstrakt-Allegorische übergehen. 'Einen Augenblick lang" - so heißt es dann - 'sahen sich Angst und Sicherheit fast feindselig an" . Es erübrigt sich, weitere Beispiele zu zitieren. Oft genug sind die Metaphern und Vergleiche von einer schwer erträglichen Verbrauchtheit. Als von dem ersten Besuch der Kommission und ihrem gereizten Gespräch mit der Novizenmeisterin erzählt wird, heißt es: 'Als ich den Kapitelsaal verließ, war mir, als habe man in meinem Innern eine hohe, feierliche Totenkerze entzündet, deren Licht alle meine Hüllen gleichsam verzehrte, oder als sei ich über und über durchsichtig geworden."
Mit dem letzten Hinweis kommt man zu der schwierigen Frage nach Recht und Unrecht der religiös-christlichen Symbolik in der Novelle. Problematisch ist schon die Wahl der Ordensnamen. Etwa des Namens der Blanche: De Jesus au Jardin de L'Agonie. Auch in diesem Fall bringt die Identifikation eines konkreten, nach vielen Seiten hin offenen Menschendaseins mit einer bestimmten Situation des Heilsgeschehens die Gefahr mit sich, nach einer Richtung hin festzulegen, was im Dasein unvermeidlich an Vieldeutigkeit mitgegeben ist. Wie weit diese Typisierung geht, dafür gibt es zahlreiche Belege. Eine Stelle sei zitiert. Als man den Weiheakt als Sühne für die Verbrechen der Revolution vornimmt, fällt der Blick der wiederum allzu hochgesinnten Novizenmeisterin auf Blanche, von der wieder die Angst Besitz ergriffen hat: 'In diesem Augenblick trat gleichsam der Schatten der Todesangst Christi ihrem Heroismus in den Weg, aber sie erkannte ihn nicht." Auch jetzt kann man die Frage nicht unterdrücken, ob die Ãœberforderung der menschlichen durch die religiöse Sphäre nicht zu weit geht. Man könnte andere Sätze zitieren, um das Gesagte weiter zu belegen. Etwa die, in denen die Figur des Christkindes als 'Petit Roi" allzu oft leitmotivisch erscheint. Auch diese Stellen sind mit Bedeutung zu stark überladen, als daß sie künstlerisch überzeugen könnten.
      In Konsequenz der gleichen Problematik liegt auch das, was zur Wahl der Erzählperspektive zu sagen ist. Die Novelle ist so konzipiert, daß als Einkleidung die Form eines Briefes gewählt ist, den ein während der Revolution in Paris verbliebener Adeliger an eine Frau gleichen Stan-des schreibt. Die so gewählte Perspektive hat den Vorteil, daß der Schreiber des Briefes auf weite Strecken des Geschehens hin als Augenzeuge berichten kann; nicht zuletzt von den Ereignissen am Ende, aber auch von zahlreichen Etappen der Handlung. Bei anderen Gelegenheiten muß er sich zwar auf Gespräche mit Zeugen berufen; auf solche etwa wie der Schauspielerin Ducort, von der berichtet wird, daß sie den Verfolgten tapfere Hilfe geleistet habe. Noch wichtiger ist die Einsicht des Erzählers in die Notizen der Priorin Lidoine sowie in den Erinnerungsbericht der Marie de L'Incarnation. Eine solche Ausweitung der Perspektive ist alte epische Tradition. Es stellt sich allerdings die Frage, ob wirklich die Chancen, die sich aus der Vervielfältigung der Perspektiven ergeben, ausgenutzt sind; Chancen die vor allem darin bestehen könnten, die verschiedenen Weisen der Stellungnahme auch sprachlich abzustufen. Ein Zitat möge als Grundlage zur Beantwortung dieser Frage dienen: 'Sie" -die Novizenmeisterin - 'gab mir dann verschiedene Aufzeichnungen, teils Notizen der Priorin Lidoine . . . teils Erinnerungen von ihrer eigenen Hand geschrieben . . . Ich entnehme den beiden Manuskripten das für uns Wichtige und erzählte weiter. Schwester Marie de L'Incarnation also redete der Mutter Priorin zu, Blanche vorerst noch nicht einzukleiden . . . ,Oh meine Mutter', so sagte sie damals, indem sie ihre schönen feurigen Augen zu der Priorin hinabgleiten ließ, ,. . . dieses arme Kind rührt mich, denn wahrlich, es hat sich in die Mauern des Karmel eingekuschelt wie ein Vögelchen ins Nest'" . Hier nimmt sich zwar der Erzähler das Recht, die Quellen nach eigenem Belieben für seinen Bericht zu benutzen. Aber gerade dieser Anspruch verleitet ihn dazu, ohne Nuancierung jenen monoton-pathetischen Erzählungsstil fortzusetzen, der durchgängig bestimmend war.
      Schließlich sei im Zusammenhang der formalen Analyse noch auf ein drittes Stilproblem eingegangen, eines, das schon bei der Bergengruen-Novelle berührt wurde: die Rolle der Reflexion in der erzählerischen Darbietung. Das Klima der Reflektiertheit ist durch die Einkleidung in die Form eines Briefes nahegelegt, wird aber allein dadurch nicht gerechtfertigt, da die gleiche Reflektiertheit auch für andere Novellen der Dichterin charakteristisch ist, die auf eine solche Einkleidung verzichten. Die Frage nach dem Recht der Reflexionen in einer Novelle ist eine Frage des Taktes. Die klassische Novelle kennt keine Erörterungen. Aber davon kann man nicht ausgehen. In der romantischen Novelle und noch stärker in der Novelle des 19. Jahrhunderts ist die knappe, sachliche Objektivität, die der klassischen Novelle eigen war, zugunsten eines subjektiv reflektier-ten Erzählstils verloren gegangen. Aber diese nachklassische Wandlung bedeutet prinzipiell nicht, daß damit geopfert wurde, was das Wesen der Novelle ausmacht. Erinnert sei an Stifter und Gottfried Keller, deren Novellendichtungen kaum die Grenze des Erlaubten überschreiten. Gertrud von Le Fort - darin Bergengruen vergleichbar - geht wesenhaft darüber hinaus. Bei Gelegenheit der schon erwähnten Katastrophe anläßlich der Vermählung Ludwigs des X

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heißt es: 'Man hat später in dieser Katastrophe ein Fanal sehen wollen . . . Nun, sie war vielleicht nicht nur das Vorzeichen des Schicksals, sondern auch zugleich dessen Symbol ." Stellen dieser Art finden sich in allen Teilen des Werkes und offenbaren die Tendenz, der gedanklichen Durchdringung mehr Raum zu gewähren, als es der Novelle angemessen ist. Das sind die Bedenken, die man bei einer Begegnung mit dem Werke nicht verschweigen kann. Lag es bei der um Jahrzehnte zurückliegenden ersten Lektüre des Werkes nahe, die existentielle Konsequenz zu bewundern, die das Ungewöhnliche dieser Novelle ausmacht, so mischt sich in diese Bewunderung heute die zweifelnde Frage, ob die Intention der Dichterin auch eine angemessene künstlerische Verwirklichung erfahren hat.
     

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