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Zwölf Jahre - zwölf Bilder
Die epische Montagetechnik der Mutter Courage dient dazu, 'den Krieg als historisch-soziales Phänomen in den Dimensionen des Dramas abzubilden." Die dargestellte Zeit reicht vom Frühjahr 1624 bis zum Winter 1636. Am Anfang ist der Krieg noch 'jung". Am Ende weiß der Zuschauer, daß noch zwölf weitere elende Jahre folgen werden.
In der ersten Niederschrift von 1939 hat das Stück 11 Szenen. Für die Züricher Uraufführung von 1941 gliederte Brecht die Szenen um und reduzierte durch Zusammenfassung einiger Bilder ihre Zahl auf 9. Dementsprechend gab es 9 Szenentitel. Erst während der Einrichtung der Berliner Erstaufführung von 1949 sind es, wieder in etwas anderer Gruppierung, 12 Bilder, korrespondierendden zwölf Jahren dargestellter Zeit. Szene 11 und 12 haben dabei einen gemeinsamen Titel.
Der Eindruck historischer Authentizität wird durch Jahreszahlen und den Hinweis auf reale Ereignisse in den Titeleinblendungen erweckt: '1 Tillys Sieg bei Magdeburg" 'Januar 1636. Die kaiserlichen Truppen bedrohen die evangelische Stadt Halle" . Axel Graf Oxenstierna wird erwähnt , der Tod des Königs Gustav Adolf , vorher die Schlacht von Wallhof bei Riga und das Begräbnis des Tilly in Ingolstadt . Es gibt Zeitsprünge: Zwischen Szene 2 und 3 liegen drei Jahre nicht dargestellte Zeit, zwischen 4/5 und 8/9 jeweils zwei Jahre. Die Jahreszahl für Szene 4 ist aus Szene 5 zu erschließen. Szene 7 ist, zeichenhaft für ihren symbolhaften Charakter, undatiert.
Die Szenenfolge verklammert die Handelszüge der Courage mit den Greueln des Krieges:
Szene Kriegsgreuel
Handelszüge der Courage
1 Die Gewissenlosigkeit der Rekrutenwerber
2 Brutale Konfiskationen, Mißhandlung der Bauern
3 Die Willkür der Stand-und Feldgerichte
4 Die Korruption der Offizierskaste
5 Die Zerstörung der Bauerndörfer, Ausplünderung und Ermordung der Bauern
6 Vergewaltigung und Verunstaltung
7 Kriegsgewinn
8 Exekution
9 Hunger, Seuchen, Kälte, Verarmung
Mit dem Heer Gustav Adolfs in Dalarne ,von dort über Polen nach Livland undzurück ins polnische Feldlager.
Im polnischen Feldlager.
Mit dem Heer Tillys nach Mähren, Bayern, Italien und zurück ins Brandenburgische nach Magdeburg undnach Bayern ins Feldlager vor Ingolstadt.
Durch das winterliche Fichtelgebirge.
Szene Kriegsgreuel
Handelszüge der Courage
10 Heimatlosigkeit Über die Landstraßen Mit-teldeutschlands zur
11 Überfall, Belagerung Belagerung von Halle.
12 Vereinsamung und Ver- Mit dem schwedischen elendung Heer ins Ungewisse.
Auf ihren Handelszügen wechselt die Courage bedenkenlos Fahnen und Gesinnungen . Ihr Glaubensbekenntnis in diesem 'Glaubenskrieg" paßt sie den jeweiligen Handelschancen an. Ihren 'Heldenkönig" Gustav Adolf nennt sie drei Tage nach seiner Niederlage den 'Antichrist, wo Hörner aufhat" . Drei Jahre darauf sind die Protestanten für sie wieder 'die Unsern" , aber bei der Belagerung von Halle steht sie erneut im Lager der Katholiken. Sie hat durchschaut, was die Großen mit ihrem Krieg im Sinn haben und versucht, es im Kleinen nachzuahmen: 'Der Krieg ist nix als die Geschäfte" . Und ihr Geschäftserfolg wechselt wie das Schlachtenglück der Großen. In Szene 7 trägt sie eine Kette mit Silbertalern , in Szene 9 bettelt sie um einen Teller Suppe . Sie rettet einen evangelischen Feldprediger, indem sie ihn an ihren Dienst nimmt und schlägt den Heiratsantrag eines holländischen Kochs aus. Und sie verliert ihre Kinder, eins nach dem andern, an den Krieg, und zwar jedesmal, wenn sie ihren Handelsgeschäften nachgeht. Daß sie auch ihren Lieblingssohn Ei-lif verloren hat, weiß sie bis zum Ende des Stückes selbst nicht; der Zuschauer weiß es. Er hat gesehen , wie die Courage in ihrer Angst, die Handelschancen des neu ausbrechenden Krieges zu versäumen, die Frage nach dem Schicksal ihres Sohnes verdrängt hat. 'Sie erzählens mir später, wir müssen fort" . Die Courage sieht nichts; sie will nichts sehen in ihrer blinden Geschäftigkeit. Das antike Tragödienmotiv von der Blindheit oder Verblendung des Helden spielt hier in das epische Theater hinein, aller antiaristotelischen Dramaturgie zum Trotz. Sehend wird allein der Zuschauer. 'Wenn jedoch die Courage weiter nichts lernt - das Publikum kann, meiner Ansicht nach, dennoch etwas lernen, sie betrachtend."
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