» » Sprachliche Verfremdungen
Sprachliche Verfremdungen
'Die Auslegung der Fabel und ihre Vermittlung durch geeignete Verfremdungen" bezeichnete Brecht 1948 als das Hauptgeschäft des Theaters. Sein Begriff von Verfremdung ist allerdings vieldeutig schillernd. Er ist vom Zweck bestimmt, nicht von der Form, 'eingeengt auf ein Ensemble von Kunstmitteln zur Erreichung von Gesellschaftskritik." Häufiger als von 'Verfremdung" spricht er daher von 'Verfremdungseffekt", verkürzt zu: 'V-Effekt", um zu zeigen, daß es ihm um die Wirkung ging, nicht um Poetik.
Nach Heinrich Lausberg liegt die Wirkung der rhetorischen Verfremdung in einem 'psychischen choc"87, hervorgerufen durch die Überraschung, wenn ein gänzlich unvermutetes Sprachmuster erscheint. 'Die allgemeinste Eigenschaft des Unerwarteten in der Außenwelt ist die Abwechslung ; die der Abwechslungs-losigkeit entgegengesetzte Abwechslung ruft das Verfremdungserlebnis hervor."
Mit dem Phänomen der Verfremdung verbunden sieht Lausberg einen Verlust an 'perspicuitas", an Durchsichtigkeit und Klarheit der Rede. 'Der Künstler gibt seinem Werk gewisse Dunkelheiten mit und überläßt dem Publikum die Ausführung des Endstadiums des Werkes." Das erinnert an Brechts Epilog zu Der gute Mensch von Sezuan: 'Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! / Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!" Es erinnert aber auch an die Dichter der deutschen Früh- und Hochromantik, denen die Lizenz der 'Dunkelheit" in ihrer Zugewandtheit zur 'Nachtseite" der Welt sehr entgegenkam. Für Novalis ist 'die Kunst, auf eine angenehme Art zu verfremden" geradezu 'das Grundprinzip der Poetik". Brechts Begriff der Verfremdung läßt sich dazu deutlich kontrastiren. Ihm geht es nicht um Wortmagie, um die Sichtbarmachung einer 'heimlichen Welt" hinter der Welt durch Poesie, sondern um die Erkennbarmachung der heimlichen Antagonismen in der sozialen Wirklichkeit. Er will nicht verzaubern, er will entzaubern. Seine Verfremdungskunst ist alles andere als 'angenehm", sie ist eine besonders boshafte Form der Ironie im ursprünglichen griechischen Wortsinn von 'eironeia", nämlich 'Kunst der Verstellung im Reden". Sie ist eine Sprachlist, die dem Sprecher erlaubt, ungestraft subversive Wahrheiten auszusprechen, die Tarnsprache des heimlich aufsässigen Untertanen. Brecht hat selbst auf das literarische Vorbild für seine Verfremdungsmuster hingewiesen: auf Jaroslav Haseks braven Soldaten Schwejk. Die Sprache der Mutter Courage ist die Sprache Schwejks, 'dieselben gedanklichen Kurzschlüsse, dieselbe Nüchternheit des paradoxen Weiterdenkens in der Luftlinie". Sein Schwejk-Stück nannte Brecht ein 'Gegenstück zur Mutter Courage". Die verschleierte Naivität, mit der Schwejk in Haseks Roman das Attentat auf den Erzherzog Ferdinand kommentiert, erscheint in den hintersinnigen Auslassungen der Courage über den Tod des Feldherrn Tilly geradezu zitiert:
Ein Verlust ist es, das läßt sich nicht leugnen. Ein furchtbarer Verlust. Der Ferdinand läßt sich nicht durch jeden beliebigen Trottel ersetzen. Nur noch dicker hätt er sein solin [...], dann hätt ihn sicher schon früher der Schlag getroffen, wie er die alten Weiber in Konopischt ge-jagt hat, wenn sie in seinem Revier Reisig und Schwämme gesammelt ham, und er hart nicht eines so schmählichen Todes sterben müssen.
Mutter Courage :
Schad um den Feldhauptmann - zweiundzwanzig Paar von die Sok-ken -, daß er gefalln ist, heißt es, war ein Unglücksfall. Es war Nebel auf der Wiesen, der war schuld. Der Feldhauptmann hat noch einem Regiment zugerufen, sie solln todesmutig kämpfen, und ist zurückgeritten, in dem Nebel hat er sich aber in der Richtung geirrt, so daß er nach vorn war und er mitten in der Schlacht eine Kugel erwischt hat [. . .] Eine Schand, daß ihr euch vom Begräbnis von eurem toten Feldhauptmann drückt.
Nach dem gleichen Muster wird in beiden Reden die geheime Sub-versivität durch Ausdrücke von Hochachtung und Trauer neutralisiert, so daß der Redende nicht belangt werden kann.
Nach dem Schwejk-Muster werden Autoritäten, 'unverstandene" große Männer, hehre Ideale wie 'Glaubenskrieg", 'Freiheit" und 'Tapferkeit", d. h. die ganze Ideologie dieses Krieges, reduziert auf das Wirkliche: den Gewinn. 'Wenn man die Groß-kopfigen reden hört, führens die Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist. Aber wenn man genauer hinsieht, sinds nicht so blöd, sondern führn die Krieg für Gewinn."
Die Rückführung des Idealen auf das Reale, die Entschleierung des materiellen Interesses hinter den Propagandaphrasen ist die gemeinsame Tendenz der brechtschen Verfremdungsmuster, die sich in den verschiedensten Stilformen artikulieren: Wortwitze, Sinnverdrehungen, Umformulierungen von Zitaten und Sentenzen, Paradoxien und gewollte Mißverständnisse. Auch Dialektausdrücke und Dialektfärbung wirken verfremdend im Sinne Brechts, da sie nicht als folkloristische, sondern als aufklärerische Elemente verwendet werden.
|