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Kontraste und Parallelen
Der Planwagen ist
'voll behängt und frisch bespannt. Er wird gezogen von den beiden Söhnenf. . .] Auf dem Bock sitzen die stumme Kattrin, die Mundharfe spielend, und die Courage. Die Courage sitzt bequem, ja faul, sich auf dem Wagen wiegend, sie gähnt."
Mutter Courage spannt sich allein vor ihren leeren Planwagen [. . .] Langsam geht die Alte zum Wagen, rollt den Strick auf, an dem bisher die stumme Kattrin mitgezogen hat, nimmt einen Stecken, beschaut ihn, zieht die Schlinge des zweiten Stricks durch, klemmt sich den Stekken unter den Arm und zieht los.
Die beiden Kontrasthandlungen umklammern das Stück. Der rollende Planwagen, ein sich durch die ganze Dramenhandlung ziehendes Leitmotiv, ist am Anfang mit seiner frischen Plane ein wohl ausgestattetes Warenlager eines gutgehenden Handelsgeschäfts, am Ende, mit zerfetzter Plane und leer, das Elendsjoch einer müden alten Frau. Die Szenenfotos von der Berliner Aufführung von 1949 illustrieren den scharfen Kontrast: Zu Beginn haben sich zwei kräftig ausschreitende junge Männer vor den Wagen gespannt. Kattrin ist noch ohne Verunstaltung, hübsch, fröhlich und unbefangen, die Courage selbstbewußt mit herausfordernder Gestik. Die Familie ist noch vollständig beisammen. Die Schlußszene zeichnet nur noch ein düsteres Bild von Armut, Mühsal, Einsamkeit und Niedergebeugtheit. Zwischen diese beiden Pole ist die Dramenhandlung gespannt. Sie gipfelt ziemlich genau in der Mitte, wieder mit dem Bild des Wagenziehens, unter dem Szenentitel : 'Mutter Courage auf der Höhe ihrer geschäftlichen Laufbahn." Von einer 'Sinuskurve" der Dramenhandlung spricht Marianne Ke-sting.74Nach dem Szenenarrangement des Modellbuches zeigt sich die Courage in der siebten Szene, mit Schmuck behängt, im 'Vollbesitz ihrer Vitalität." 75 Die Peripetie deutet sich aber schon an. Szene 10, wieder ein Landstraßenbild, zeigt Ausgesetztheit, Müdigkeit und Kälte. 'Wie ein müder Schlachtgaul" legt sich die Händlerin, laut Regiemodell, in die Leinen ihres Wagens. So ist Szene 10 zugleich Kontrastbild zu 7 und Antizipation des Schlußbildes.
Die szenischen und motivlichen Entgegensetzungen ziehen sich durch das ganze Stück. Jendreiek spricht von einem 'bipolaren Strukturprinzip"77, Marianne Kesting von 'szenischer Rhythmik". So ergibt sich ein Geflecht von parallelen und kontrastiven Handlungsmotiven innerhalb der Gesamthandlung, durch die Nachdenklichkeit erzeugt werden soll. Mit den folgenden exemplarischen Gegensatzpaaren soll das Gesaltungsprinzip verdeutlicht werden, zunächst in einer Schemazeichnung.
I
Selbst in der äußersten Not bleibt die Courage ihrem Geschäftsprinzip treu: 'Lieber lauf ich mir die Füße in den Leib nach einem Angebot, als daß ich gleich verkauf." Zunächst zeigt sich dieses Prinzip in einer humorigen Darstellung. Die Courage sieht sich in einer günstigen Verkäuferposition, als sie dem Koch einen Kapaun verkaufen will. Im Lager herrscht Hungersnot, die Bauern im Land sind ausgeplündert. Die Courage nützt das aus. Ihre Gewitztheit und ihr schnelles Reaktionsvermögen zeigen sich, als der Feldhauptmann mit einem Gast erscheint. Nun muß der
Koch einkaufen, weil der Offizier nach Essen brüllt. Der Kapaun, gerade vom Koch auf 40 Heller heruntergehandelt, kostet plötzlich einen Gulden. Der besondere Witz ist, daß die Courage in dem 'Ehrengast" des Feldhauptmanns ihren Sohn Eilif erkannt hat. 'Für meinen Ältesten ist mir nichts zu teuer." Das wortgewandte Handelsgespräch der Courage, ihre launigen Einfälle, als sie etwa ihren Kapaun als 'talentiertes Vieh" anpreist - 'es hat rechnen können, so intelligent war es " - und als sie vom Ochsenfleisch des Kochs behauptet, der Ochse müsse 'schon bei Lebzeiten gestunken haben" , erwecken Sympathie, selbst beim Koch Lamb, der sich doch geprellt fühlen mußte. Die Courage erscheint hier noch nicht als die 'Hyäne des Schlachtfelds" , sondern als Figur des 'gemeinen Volks", derb und voller Mutterwitz.
Schon in der nächsten Szene hat sich die Situation dialektisch umgekehrt. Die Erschießung des Schweizerkas läßt sich nur noch durch Bestechung verhindern. Die Courage muß ihren Wagen verkaufen. 'Es ist auf Leben und Tod" . In einem verzweifelten Wettlauf mit der Zeit versucht sie dennoch, zunächst den Verkauf in Verpfändung umzuwandeln, weil sie hofft, durch ihren Sohn Fejos an die schwedische Regimentskasse heranzukommen, um den Wagen wieder auszulösen. Als sich diese Hoffnung zerschlagen hat, versucht sie, die Bestechungssumme herunterzuhandeln. 'Es kommt ein bissei schnell, was mach ich?" In den Handel hinein dröhnen dann aber schon die Trommeln des Exekutionskommandos. 'Mir scheint, ich hab zu lang gehandelt."
Die beiden Gesichter der Händlerin offenbaren sich im Kontrast. Aus dem hartnäckig heiteren Spiel nach den Regeln von Angebot und Nachfrage beim Handel mit dem Kapaun ist in Szene 3 tödlicher Ernst geworden. Der Lebensplan der Courage richtet sich gegen das Leben. 'Auf was ich aus bin, ist, mich und meine Kinder durchbringen mit meinem Wagen" . Sie bringt am Schluß den Wagen durch und verliert ihre Kinder.
II
'Wie fein du die Bauern geschlenkt [= betrogen, Anm. d. Verf.] und die zwanzig Rinder gefangen hast" , lobt der Feldhauptmann seinen Soldaten Eilif und preist seine Kühnheit: 'Es gibt noch einen echten Glauben in meinem Heer" . - 'Einem Bau-ern sein Vieh nehmen, was war daran kühn?" heißt es in genau gleicher Situation sechs Jahre später. Der einzige Unterschied: Die erste 'Heldentat" geschah im Kriegszustand, die zweite während eines Zwischenfriedens.
Brecht entlarvt mit diesen Kontrasthandlungen nicht nur die Verlogenheit von Kriegsehrungen und Tapferkeitsauszeichnungen, er will auch den 'Glaubenskrieg" als Raubkrieg bloßstellen. Dazu wird in das Gespräch des Eilif mit dem Feldhauptmann der Feldprediger hineingezogen. 'Der Seelenhirt schaut wieder zu, weil er predigt nur, und wies gemacht werden soll, weiß er nicht." Nach der Modellregie soll der Offizier den Geistlichen bei diesen Worten beleidigen, ihm Wein über seinen Priesterrock schütten, sich die Pfeife von ihm holen lassen. Der Feldprediger unterwirft und erniedrigt sich vor dem Kriegsmann. In einem Akt des Glaubensverrats ist er sogar bereit, den Satz 'Not kennt kein Gebot" aus der Bibel herzuleiten. Ganz anders, nämlich mit moralischem Befremden, beurteilt er einen anderen Raubzug des Eilif in Szene 8: 'Wie hast du das machen können?" Dann geleitet er ihn zur Richtstätte. Der Zuschauer soll sich aber auch noch daran erinnern, daß der Feldhauptmann den Eilif mit dem 'Glaubenshelden" Gustav Adolf von Schweden verglichen hat: 'Du hast schon was von ihm." Die Ironie, mit der hier das 'Heldentum" des Königs mit Mord und Straßenraub gleichgesetzt wird, wird nicht ihm, aber dem Zuschauer bewußt. Aber am Ende bleibt dem 'Glaubenshelden" Eilif in seinem 'Glaubenskrieg" nichts weiter als ein fragwürdiger geistlicher Trost im Sterben. Wieder wird durch die Verfremdung kontrastiver Bezüge das Befremden des Zuschauers geweckt.
III
Auf dem Höhepunkt ihrer Geschäftskarriere, korumpiert vom Erfolg, singt die Courage ihr neues Geschäftslied: 'Der Krieg ist nix als die Geschäfte / Und statt mit Käse ists mit Blei." Dazu preist sie ihre Existenz als nicht 'Seßhafte", als fahrende Händlerin: 'Und was möcht schon das Seßhaftwerden nützen. Die Seßhaften sind zuerst hin."
Drei Jahre später, auf winterlicher Straße, hören Kattrin und die Courage im Vorbeiziehen aus einem Bauernhaus ein anderes Lied:
Es kann uns wenig geschehen. Wir habens Dach gerichtet Mit Moos und Stroh verdichtet. Wohl denen, die ein Dach jetzt han, Wenn solche Schneewind wehen.
Im Modellbuch heißt es dazu: 'Sie hören die Stimme aus dem Bauernhaus, bleiben stehen, horchen, setzen sich mit ihrem Wagen wieder in Bewegung. Was in ihnen vorgeht, soll nicht gezeigt werden; das Publikum kann es sich denken."
IV
Die stumme Kattrin, die sehr gut hören und sehen kann, hat es als erste gemerkt: Eilif läßt sich von Rekrutenwerber das Handgeld zustecken, mit dessen Annahme er sich unwiderruflich zum Kriegsdienst verpflichtet. Die Mutter, eben noch entschlossen, ihren Sohn mit dem Messer vor der Anwerbung zu schützen , hat sich hinter ihren Wagen zurückgezogen wegen eines Handelsgeschäfts. Sie sieht und hört nichts. Kattrin 'springt vom Wagen und stößt rauhe Laute aus" , sie wird nicht verstanden. Die Courage verliert ihr erstes Kind über einem Handel, sie wird auch ihr letztes so verlieren. Als Eilif erschossen wird, ist sie auf dem Markt, um wegen des vermeintlichen Friedensschlusses eilig Waren abzustoßen ; sie ist in der Stadt, 'ihren Schnitt machen" , als Kattrin stirbt. Jedesmal stirbt ihr ein Kind über einem Handel. 'Sie ist Geschäftsfrau, weil sie Mutter ist, sie kann nicht Mutter sein, weil sie Geschäftsfrau ist." .
V
'Wir können nix machen [. . .] Ja, wir können nix machen [. . .] Bet, armes Tier, bet! Wir können nix machen." Das Gebet der Bauersleute in Szene 11 ist Ausdruck ihrer Unfähigkeit zur Tat. Sie sehen sich 'in Gottes Hand", wobei der aufmerksame Zuschauer sich an die ironische Verfremdung dieser Redensart durch die Courage erinnert: 'Ich glaub nicht, daß wir schon so verlorensind." Brecht will Auswege zeigen aus der scheinbaren Ausweglosigkeit. Er läßt durch die stumme Kattrin erweisen, daß man doch etwas machen kann. Ihre Trommelschläge, mit denen sie die belagerten Stadtbürger von Halle zur Gegenwehr weckt, sollen als revolutionäre Tat gewertet werden, die auch gleich im Bauernsohn einen Nachfolger findet. Die leiernden Lamentationen der Bäuerin, das starre 'Zeremoniell der Verzweiflung"81, werden kontrastiert von einer verzweifelten Gegenwehr, einer befreienden Tat.
VI
Brecht war stolz auf den Einfall seiner Frau Helene Weigel, als sie in der Inszenierung von 1949 das Eingangslied des Vorspiels nicht schwungvoll und frech, sondern 'als Geschäftslied, Lied der ak-tualen Repräsentation" singen wollte. Das Bekenntnis der Courage zum Krieg als Fortsetzung des Geschäftslebens mit anderen Mitteln kommt auch in ihrer knappen Antwort an den Feldwebel zum Ausdruck: 'Wer seid ihr? - Geschäftsleute In ihrer zynischen, desillusionierenden Nüchternheit sieht sie den Kriegstod als ausgemacht an, aber nur für die andern. Für sie und ihre Familie ist der Krieg ein Geschäft. 'Kanonen auf die leeren Mägen / Ihr Hauptleut, das ist nicht gesund. / Doch sind sie satt, habt meinen Segen / und führt sie in den Höllenschlund."
Aber das Lied ist noch nicht zu Ende. Die dritte Strophe erklingt am Ende des Stückes, aber es ist nicht mehr die Courage, die singt. Melodie, Rhythmus und Refrain sind geblieben, der Text klingt anders: 'Der g'meine Mann hat kein Gewinn."
Es ist ein aufbegehrender, revolutionärer Ton hineingekommen: 'Ein Dreck sein Fraß, sein Rock ein Plunder / Den halben Sold stiehlts Regiment." Die Courage aber nimmt diesen Ton nicht auf.
Die Umrahmung des Stückes durch das Couragelied und seine Variation zeigt in künstlerischer Form die Wandlungsunfähigkeit der Händlerin, die dem Zuschauer als fehlerhaft und vermeidbar bewußt werden soll. Er stellt fest: Es ist immer das gleiche Lied. Aber er fragt sich auch: Ist es wirklich noch das gleiche Lied? 'Wenn die Courage weiter nichts lernt - das Publikum kann, meiner Ansicht nach, dennoch etwas lernen, sie betrachtend." (Brecht in: Formprobleme des Theaters aus neuem Inhalt. |