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"mutter courage und ihre kinder" als muster epischer theaterkunst

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Die Sprache der Courage



Gängige Sprachmuster umzumontieren, um erstarrte Denkgewohnheiten aufzulösen, bereitete Brecht offenbar ein besonderes Vergnügen. Manchmal genügt ihm die Ã"nderung eines Satzzeichens, um den Sinn einer Aussage in sein Gegenteil zu verkehren. Aus der frommen Redensart 'Der Mensch denkt, Gott lenkt" macht die Courage: 'Der Mensch denkt: Gott lenkt. Keine Red davon."

Der besondere Sprachwitz der Courage zielt auf Enthüllung und Entlarvung. Mitunter entlarvt sie sich auch selbst: 'Heeresgut nehm ich nicht. Nicht für den Preis." Mit Schlagfertigkeit enttarnt sie leere Phrasen: 'Der Werber: Im Lager, da brauchen wir Zucht. / Mutter Courage: Ich dacht Wurst." - 'Der Feldpre-diger: Wir sind eben jetzt in Gottes Hand. / Mutter Courage: Ich glaub nicht, daß wir schon so verloren sind." Ihr nüchterner Realismus und ihre Lebenserfahrung artikulieren sich in ihrem witzigen Skeptizismus: 'Wenn es wo so große Tugenden gibt, das beweist, daß da etwas faul ist." - 'Die Liebe ist eine Himmelsmacht, ich warn dich." Zitate und Redensarten macht sie sich passend, indem sie sie auf den Kopf stellt. 'Sein Licht muß man unter den Scheffel stellen", sagt sie, als sie ihrer Tochter das Gesicht mit Asche einreibt, um sie vor der Schändung durch die Soldaten zu bewahren. 'Die Ehr ist verloren, sonst nix", variiert sie den Ausspruch Franz' I. nach der Schlacht bei Pavia, um auszudrücken, daß die Niederlage der Großen die kleinen Leute nichts angeht.
      Der Volkston ihrer Rede verstärkt sich durch die bayrisch-alemannische Dialektfärbung. Sie benutzt den Akkusativ für den Dativ: 'mit die Säbel" ; 'mitn Wagen" und das Wort ,wo' als Relativpronomen: 'Der Schwede, wo Hörner aufhat" ; 'Der Alte, wo beinah mein Wagen gekauft hätt". Manche Ausdrücke sind reine Dialektsprache: 'Ranken" für ,Brocken' , 'Krampen" für ,grober Mensch' (von ,Krampus' für den Nikolaus, 'Menscher" für ,Dirnen', 'um-gstanden" für ,umgefallen'. Die Beziehung der Courage zum Koch Lamb beruht unter anderem auf der Gemeinsamkeit ihrer Sprache. In seinem Sprachwitz ist der Koch der Marketenderin ebenbürtig. Er äußert sich allerdings vor allem politisch subversiv. Mit gewagten Paradoxien verspottet er die Mächtigen des Krieges: 'In einer Weis ist es ein Krieg, indem daß gebrandschatzt, gestochen und geplündert wird, bissei schänden nicht zu vergessen, aber unterschieden von allen andern Kriegen dadurch, daß es ein Glaubenskrieg ist, das ist klar." - 'Anstatt daß die Polen den Frieden aufrechterhalten haben, haben sie sich eingemischt in ihre eigenen Angelegenheiten und den König angegriffen, wie er grad in aller Ruh dahergezogen ist." - 'Freilich, wenn einer nicht hat frei werden wolln, hat der König keinen Spaß gekannt. Zuerst hat er nur Polen schützen wolln vor böse Menschen, besonders dem Kaiser, aber dann ist mitn Essen der Appetit gekommen, und er hat ganz Deutschland geschützt. Es hat sich nicht schlecht widersetzt."
Die Mächtigen ihrerseits entlarven sich selbst, unfreiwillig in Paradoxien, deren Widersinn ihnen nicht einmal bewußt zu werden scheint. 'Feldhauptmann: Wir sind gekommen, ihnen ihre Seelen zu retten, und was tun sie, als unverschämte und verdreckte Saubauern? Uns ihr Vieh wegtreiben!" - 'Der Werber: Es ist gegen uns gesagt worden, daß es fromm zugeht im schwedischen Lager, aber das ist eine üble Nachred." - [Von einem Rekruten, der sich der Anwerbung entzogen hat]: 'Ich hab ihn glücklich besoffen, er hat schon unterschrieben, ich zahl nur noch den Schnaps, er tritt aus, ich hinterher zur Tür, weil mir was schwant: Richtig, weg ist er wie die Laus unterm Kratzen. Da gibts kein Manneswort, kein Treu und Glauben, kein Ehrgefühl."
Es gehört zur Pervertierung aller menschlichen Beziehungen durch den Krieg, daß er auch die Sprache pervertiert. Der Betrüger beruft sich auf 'Treu und Glauben", der Menschenschinder auf Humanität. Die Sinnverdrehung der Worte soll die Idealisierung des Krieges als Heuchelei enthüllen. Wo sich Edelmut verkündet, muß man wachsam sein, es steckt eine List dahinter. 'Menschlichkeit" dient der Verschleierung des Eigennutzes. 'Der Feldhauptmann hat uns beschissen", beklagt sich der Soldat, 'er hat die Stadt nur für eine Stunde zum Plündern freigegeben. Er ist kein Unmensch, hat er gesagt; die Stadt muß ihm was gezahlt haben."

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