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„mutter courage und ihre kinder" als muster epischer theaterkunst

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Die 'Courage-Fabel - Quellen und Abwandlung



Aber der Grimmeishausen läßt sich das Moralisieren und Abstrahieren nicht verbieten. Brecht, 1

  
   Der Satz, geschrieben zur Abfassungszeit der Mutter Courage und gegen Georg Lukäcs' Realismus-Thesen gerichtet, nimmt den barocken Sozialsatiriker als Vorläufer für Brechts didaktischen Literaturbegriff in Anspruch. Ein moralisches Exempel sollte auch das Stück werden, für dessen Titelfigur Grimmeishausen den Namen lieferte mit seinem Roman Lebensbeschreibung der Ertzbetrügenn und Landstörtzerin Courasche .
      Von dessen Erzählhandlung allerdings übernahm Brecht so gut wie nichts. Schon der Name der Heldin hat bei Grimmelshausen eine andere Bedeutung. Janco, so der Tarnname des als Mann verkleideten böhmischen Soldatenliebchens Lebuschka, die im Drei-
ßigjährigen Krieg dem kaiserlichen Lager folgt, 'vertauscht sein Edles Jungfer-Kräntzlein bey einem resoluten Rittermeister um den Nahmen Courahsche." In einer Rauferei hat sie einen Mann, der nach ihren Schamteilen gegriffen hatte, 'mich bey dem jenigen Geschirr zu erdappen / das ich doch nicht hatte", sehr übel zugerichtet 'darumb, daß er mir nach der Courage gegriffen hat / wohin sonst noch keines Manns-Menschen Hände kommen seyn."

   Brechts Anna Fierling dagegen erklärt ihren Namen mit ihrem händlerischen Wagemut: 'Courage heiß ich, weil ich den Ruin gefürchtet hab', Feldwebel, und bin durch das Geschützfeuer bei Riga gefahren mit fünfzig Brotlaib im Wagen." Aus der derb erotischen, rauf- und liebeslustigen böhmischen Landstreicherin macht Brecht eine tollkühne landfahrende Marketenderin.
      Zwei Züge der Lebuschka hat Brecht in der Courage verwendet: ihren sozialen Abstieg und ihre Habgier. Auch die Landstörtzerin will durch den Krieg wohlhabend werden, nicht durch Handel, sondern durch Liebeseroberungen. Sie verelendet von der Hauptmannsgattin zur Lagerhure. Bei Plünderungen greift sie gierig zu. Sie hat aber keine Kinder und keinen Lebensplan, sie ist nichts als ein sozialsatirisches Zerrbild einer durch die Kriegsläufte verwahrlosten Frau. Die Konfliktspannung zwischen Mutter und Händlerin ist Brechts eigene Erfindung. Nur der bürgerliche Name der Courage enthält noch einen versteckten, philologisch anmutenden Anklang an die Landstörtzerin. ,Anna Fierling' erinnert an das mittelhochdeutsche ,vierren', ,virren' oder ,verren' = in die Ferne schweifen. Die Courage gehört wie die Lebuschka zu den Fahrenden und damit den sozial Geächteten.
      Grimmeishausens Lebuschka spiegelt sich noch in einer weiteren Figur des Stückes. Die Niederländerin Yvette Pottier steigt, gegenläufig zu ihrem böhmischen Vorbild, von der Lagerhure zur Obristengattin auf, wobei Brecht ironisch in Zweifel zieht, ob das ein Aufstieg ist. Die bürgerliche Ordnungsnorm erscheint durch ihre Verfremdung pervertiert, ähnlich wie im Moraltopos des Barockdichters die göttliche Weltordnung.
      Als eine weitere Quelle des Courage-Stoffes wurde die Ballade 'Lotta Svärd" des finnischen Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg bezeichnet. Die schwedische Schauspielerin

Naima WifStrand hat den Brechts das Gedicht im Sommer 1939 vorgetragen und ins Deutsche übersetzt. Lotta Svärd ist eine skandinavische Volksheldin, eine Marketenderin im russisch-finnischen Krieg 1808/09, die in ihrer patriotischen Gesinnung den tapfer kämpfenden Soldaten einen Labetrunk spendet, ihn aber dem Feigling verwehrt, ganz im Gegensatz zur antiheldischen Einstellung der Anna Fierling.
      Da kam der Soldat, und sie füllt' ihm das Glas Hochvoll, und als er es nahm, Da fehlte nicht viel, daß er über das Maß Zwei Tränen hinzubekam.
     
   Mit seinem naiv gefühlsseligen Patriotismus gab Runebergs Gedicht für das Courage-Stück noch weniger her als der Lebuschka-Stoff, außer vielleicht einer Stimmungsanregung durch seinen anheimelnden Volkston. Die finnische Marketenderin Lotta Svärd ist weder zur Landstörtzerin Grimmeishausens noch zu Brechts Anna Fierling ein skandinavisches Pendant. Mutter Courage und ihre Kinder ist 'durch und durch ein Originalwerk Brechts."

  

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