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"mutter courage und ihre kinder" als muster epischer theaterkunst

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Der 'Chronik-Stil



Der Untertitel der Mutter Courage: 'Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg" schien Brecht selbst erläuterungsbedürftig. In seinem Gespräch mit Friedrich Wolf über 'Formprobleme des Theaters aus neuem Inhalt" setzt er den Begriff 'Chronik" gleich mit dem Gattungsbegriff 'History" aus der elisabethanischen Dramatik. Er wollte mit dem Wort 'Chronik" keinen Anspruch auf historische Faktizität erheben. 'Nötig ist freilich, daß Chroniken Tatsächliches enthalten, das heißt realistisch sind."


Nun denkt man allerdings bei 'History" in erster Linie an die Königsdramen Shakespeares. Brecht, der mit Marlowes Leben Eduards IL von England selbst ein englisches Historiendrama bearbeitet und inszeniert hatte, kannte natürlich die englische Renaissancedramatik genau und wußte auch, daß die moralischen und ordnungspolitischen Tendenzen, die Shakespeare in der dramatisierten Rivalität der Häuser Lancaster und York zum Ausdruck brachte, der Verherrlichung seiner Herrscherin und des Hauses Tudor dienten.
      Ein solcher propagandistischer Geschichtsmythos lag Brecht fern; er wollte eine 'realistische" Darstellung von der Geschichte geben. Der Begriff 'History" ist dafür nur bedingt tauglich.
      Im Modellbuch zur Mutter Courage von 1949 benutzt er denn auch statt 'Chronik" den Begriff 'Historie". Der Assoziation dieses Wortes an die 'Deutschen Volksbücher" der Renaissance ist er sich dabei sicher bewußt: Eine sehr lustige Histori von dem Ritter mit den silbern schlüsseln und der schonenn Magellona; Eine wunderschöne Historie von dem gehörnten Siegfried; Historia von D.Johann Fausten. Der Anspruch der Volksbuchdichter, daß ihre Geschichten bei all ihrer krausen Abenteuerlichkeit als wirklich geschehen geglaubt werden sollten, kommt Brechts Anmutung nahe, der Zuschauer sollte seine Dramenhandlung als 'realistische" Darstellung historischer Ereignisse, sozusagen als 'chronikalisch verbürgt" betrachten. Einen solchen Anspruch mußte er bei der völligen Unverbürgtheit der Couragehandlung erläutern. Im 'Arbeitsjournal" I findet sich unter dem 22. 4. 41 die Eintragung: 'warum ist die COURAGE ein realistisches werk? es bezieht für das volk den realistischen Standpunkt gegenüber denideologien: kriege sind für Völker katastrophen, nichts sonst, keine erhebungen und keine geschalte." Und etwas früher heißt es dort: 'die MUTTER COURAGE durchstudierend, sehe ich mit einiger Zufriedenheit, wie der krieg als riesiges feld erscheint, nicht unähnlich den feldern der neuen physik."
Brechts historisches Interesse zielt weder auf Objektivität noch auf archivarische Entdeckungen, sondern auf ein Geschichtsbild. Wie in den Eisenfeilspänen eines magnetischen Feldes sollen Kräfte sichtbar gemacht werden, die auf Menschen und Ereignisse einwirken. Es soll erkennbar werden, daß diese Kräfte nicht übermenschlicher Herkunft sind, sondern bestimmt von politischen und sozialen Machtkonstellationen. Vor allem will er sein Stück nicht als historische Tragödie mißverstanden sehen. Das Schicksal der Courage ist kein unausweichliches Verhängnis, sondern ein verhängnisvoller Irrtum. Die historische Gesetzlichkeit in dieser 'Felddarstellung" resultiert nicht aus dem Eingriff übermenschlicher Mächte, sondern aus menschlichen Fehlentscheidungen.
      Mit dem Begriff 'Feld" wählt Brecht bezeichnenderweise ein physikalisches, kein philosophisches Bild, um sein Verständnis eines 'Theaters im wissenschaftlichen Zeitalter" auszudrücken. Ihn faszinierte die Beweiskraft naturwissenschaftlicher Demonstrationen, ihre Unumstößlichkeit.
     

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