Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Schon der'Titel kündigt einen mciarcril an, der nicht nur Lyotard-Lesern suspekt sein wird, sondern auch bei französischen, italienischen und spanischen Lesern Verfremdungseffekte auslösen dürfte, wei
Index
» Moderne / postmoderne literatur
» Von der modernen zur postmodernen Literatur: Ambivalenz, Indifferenz und Ideologie
» Postmoderne Literatur und Indifferenz: Kritik der Metaphysik

Postmoderne Literatur und Indifferenz: Kritik der Metaphysik



Da die postmoderne Literatur im folgenden immer wieder als eine Radikalisierung des Modernismus dargestellt wird, die extreme Formen der Intertextualität, Karnevalisierung, Verfremdung und Polysemie entwickelt, soll zunächst auf den globalen Bruch hingewiesen werden, der sich im vorigen Abschnitt bereits abzeichnet und der von der - durchaus realen - Kontinuität nicht verdeckt werden sollte. H.-U. Gumbrecht gibt zu bedenken, daß die zeitgenössische Gesellschaft, »sich selbst nicht als eine Epoche verstehen kann«112, weil ihr das historische Bewußtsein vergangener Epochen fehlt. Dazu ist zweierlei zu sagen: Einerseits sind wir nicht verpflichtet, uns das Selbslvcrständnis einer Gesellschaft oder Zeit zu eigen zu machen; andererseits steht keineswegs fest, daß alle Befürworter der Postmoderne mit Lyotard in der Ansicht übereinstimmen, daß die Postmoderne keine Epoche ist. Es hat sich gezeigt, daß Autoren wie Harvcy, Fokkema, Hutchcon und McHale von der Annahme ausgehen, daß die postmoderne Literatur als historische Innovation zu betrachten ist. Es fragt sich, von wo diese Innovation ihren Ausgang nimmt.
      Die allgemeine These lautet bekanntlich, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg im Ãobergang von der modernistischen zur postmodernen Problematik zu einem jetzt erst erkennbaren shift von der Ambivalenz zur Indifferenz kommt. Freilich wird diese Verschiebung schon im Modernismus angekündigt, wo die Indifferenz bei Autoren wie Camus und Moravia allmählich zur Dominanten wird. Sic rückt nur deshalb nicht ins Zentrum der Problematik, weil die Autoren des Existentialismus weiterhin nach dem Wert, der Wahrheit und dem Subjekt fragen. Im Rahmen dieser Suche erscheint die Indifferenz immer wieder als Skandalon oder als Sünde: Während in Camus' L'Elranger die Wertindifferenz des Icherzählers im Rahmen eines christlich-humanistischen Diskurses, der Meursault zu einem verantwortlichen und strafba-ren Subjekt macht, negiert wird, gesteht der Held von Moravias .'" An anderer Stelle ist von einem »Albdruck von Gleichgültigkeit«, einem »ineubo di indifferenza« die Rede.
      Die Schriftsteller der Postmoderne erwachen aus diesem Alptraum, stellen fest, daß es lediglich einer jener modernen und modernistischen Träume war, die aus den von Psychoanalytikern beschriebenen Schuldgefühlen hervorgehen und sich auflösen, sobald der Ballast der Wertsetzungen und der Subjektivität aufgegeben wird. Antiquiert, alteuropäisch oder gar iiiasochistisch kommt ihnen die metaphysische Wertsuchc des Modernisten Moravia und seines Helden Michele d' Ardengo vor: »Eine einzige wahrhafte Tat, ein Beweis der Zuverlässigkeit würde genügen, um Ordnung in das Chaos zu bringen und den richtigen Maßslab für jene Werte zu finden .« (»Sarebbe bastato un solo atto sinecro, un atto di fede, per fermare questa baraonda e riasse-stare quesli valori nella loro abituale prospettiva .«)MS Die hier fast aufdringlich formulierte Frage nach dem »richtigen Maßslab« wird in der Postmoderne irrelevant.
      In diesem Zusammenhang nimmt die allgemeine These eine konkretere Gestalt an, wei! klar wird, daß die für den modernen Roman charakteristische Suche nach der wahren Wertskala und dem wahren Ich in der Postmoderne endgültig aufgegeben wird. Die gesamte Wertproblematik erscheint Autoren wie Robbe-Gril-let, Eco, Jürgen Becker, Thomas Pynchon oder Thomas Bernhard nebensächlich, weil das Verlangen nach einer Alternative zur bestehenden Ordnung als Utopie im ursprünglichen Sinn erkannt wird: als ou topos, kein Ort.
      Am Ende von Thomas Bernhards Auslöschung stellt der Erzähler fest, daß die Menschen anderswo genauso verlogen und widerwärtig sind wie in seiner Heimat; es sind aber mehr: »Die Leute in Rom sind auch nicht anders, noch viel verlogener, aber mit was für einem hohen Intelligenzgrad, dachte ich. Ein paar hundert Menschen genügen einfach nicht, ein paar Millionen müssen es sein, dachte ich, Millionen Verlogene, nicht nur Hunderte, Millionen Widerwärtige, nicht nur Hunderte.«'"' Nicht der negative Ton ist hier entscheidend, sondern die Austauschbarkeit der Topoi, die zum Verzicht auf die metaphysische Suche des spül modernen oder modernistischen Romans führt. Daß diese Austauschbarkeit den Gedanken der Gleichwertigkeit aufkommen läßt, bestätigt Bernhard, wenn er in einem Interview bemerkt: »Mein Standpunkt ist die Gleichwertigkeit aller Dinge.«1"
In einem sprachlichen und sozialen Kontext, in dem die Zielsetzungen der großen historischen metarecits des Christentums, des Rationalismus und des Marxismus unglaubwürdig werden, wird auch die quete des Romans ihres Telos beraubt. Schon in seinem Erstlingsroman, in dem ein Medizinstudent von seinem Ausbildungsarzt beauftragt wird, dessen Bruder, den Kunstmaler Strauch, zu beobachten und alles Wissenswerte über ihn zu berichten, verzichtet Thomas Bernhard auf ein Telos im modernen und modernistischen Sinn. »Doch weder die Erzählfigur noch der Leser«, schreibt Ralf Kock, »erfahren den Grund, warum, zu welchem Zweck und mit welchem Ziel die Beobachtungen gemacht werden sollen.«"" Ã"hnliches ließe sich von Alain Rob-bc-Grillets Dans le lahyrinthe sagen, einem Nouvcau Roman, der als Parodie des modernen Romans gelesen werden könnte, weil sein Erzähler von Szene zu Szene einem ziellos umherirrenden Soldaten folgt, der eine dem Feind preisgegebene, verlassene Stadt durchstreift.
      In anderen poslmodernen Texten wie John Barths Lost in the Funhouse oder Felix de Az.üas Historia de un idiota contada porei misino, die hier eine wichtige Rolle spielen werden, wird die modernistische Suche parodiert oder ad absurdum geführt. Bei Azüa zeigt sich u.a., daß die verschiedenen erotischen, politischen und ästhetischen Wertsetzungen austauschbar, indifferent und daher als Grundlagen der Subjektkonstitution untauglich sind.
      Die aus der Ambivalenz hervorgehende modernistische Frage nach Wahrheit, Wert, Wirklichkeit und Subjekt verstummt in der Postmoderne, weil Wertsetzungen wie Kunst, Gerechtigkeit, Sozialismus oder Nächstenliebe, mit deren Hilfe Autoren wie Proust, Sartre, Brecht oder Bcrnanos eine neue Subjektivität zu begründen suchten, in einer von ideologischen Kämpfen zerrissenen Marktgesellschaft der Indifferenz als Austauschbarkeit zum Opfer fallen.
      Wie diese auf sprachlicher Ebene aussieht, schildert Andre Breton in Arcane 17: »Die Wörter, die sie bezeichneten, wie zum Beispiel Recht, Gerechtigkeit, Freiheit, hatten beschränkte, widersprüchliche Bedeutungen angenommen. Ihre Elastizität wurde von beiden Seiten so gut ausgenutzt, daß es gelang, sie auf alles mögliche anzuwenden, bis sie genau das Gegenteil von dem ausdrückten, was sie ursprünglich bedeuteten.«11' Hier wird gezeigt, wie die Indifferenz aus der Ambivalenz, hervorgehen kann, wenn die Zusammenführung der Gegensätze zu einer Dauererscheinung wird. Zugleich wird klar, was Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse mit der »Wesensgleich-heit« der miteinander »verknüpften« und »verhäkcltcn« guten und bösen Werte meint: Sie sind genetisch miteinander verwandt und werden mit der Zeit ununterscheidbar.
      Insgesamt wird deutlich, daß die postmoderne Literatur sowohl als Reaktion auf die Moderne als auch als Reaktion auf den Modernismus zu lesen ist. Ihre Kritik an der Moderne ist durch ihre Kritik am Modernismus gleichsam vermittelt: Indem die Postmodernen der metaphysisch-ideologischen Suche der Modernisten Proust, Kafka, Moravia oder Thomas Mann eine Absage erteilen, verabschieden sie sich endgültig von der platonischen, christlichen, rationalistischen und hegelianischen Frage nach dem Wesen, die Marxismus und Psychoanalyse aufs engste miteinander verbindet. Auch in dieser Hinsicht erscheinen sie als Erben Nietzsches, der in der Fröhlichen Wissenschaft dem platonisch-hegelianischen Wesen den Rücken gekehrt hat.1

   Angesichts solcher Erkenntnisse werden Marxens und Lukacs' Fragen nach dem Wesen, nach den wahren Interessen, die Ideologien verbergen, und nach dem Wesentlich-Typischen in der Kunst ebenso hinfällig wie Freuds tiefenpsychologische Enthüllungen der wahren Absichten und des wahren Charakters. Der literarische Diskurs der Postmoderne ist nicht mehr parallel zum marxistischen oder psychoanalytischen zu lesen, weil Schnitzlers Heldin, »die sich in ihrem Traum enthüllt hatte als die, die sie war«141, zusammen mit ihren geheimnisvollen Begleitern die literarische Szene verlaßt. Ihr folgen Figuren, deren Sein ihr Schein ist und die als Paraphrasen marxistischer oder psychoanalytischer Diskurse nicht zu verstehen sind. Daraus folgt aber keineswegs, daß diese Diskurse auf post-moderne Texte nicht angewandt werden können; schließlich werden sie auch auf antike und mittelalterliche Werke appliziert.
     

 Tags:
Postmoderne  Literatur  Indifferenz:  Kritik  der  Metaphysik    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com