Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Schon der'Titel kündigt einen mciarcril an, der nicht nur Lyotard-Lesern suspekt sein wird, sondern auch bei französischen, italienischen und spanischen Lesern Verfremdungseffekte auslösen dürfte, wei
Index
» Moderne / postmoderne literatur
» Von der modernen zur postmodernen Literatur: Ambivalenz, Indifferenz und Ideologie
» Postmoderne Literatur, Dekonstruktion und Pragmatismus: Epilog II

Postmoderne Literatur, Dekonstruktion und Pragmatismus: Epilog II



In Adornos Minima Moralin wurde Hegels Einsicht in Wahrheit und Wesen mit dem lapidaren Satz »Das Ganze ist das Unwahre« zurückgenommen. Seither war unter Dekonstruktivisten wie G. H. Hartman pauschal von einem »negative thinking« die Rede, das die Verwandtschaft zwischen Dekonstruktion und negativer Dialektik zum Ausdruck bringen sollte. Derlei Pauschalurteile setzen sich indessen über die Tatsache hinweg, daß Adorno nie versucht hat, das Denken der Kontingenz zu überantworten und den ästhetischen Sinn schlicht zu negieren. In den Minima Mora-lia heißt es auch: »Die Verleugnung der objektiven Wahrheit durch den Rekurs aufs Subjekt schließt dessen eigene Negation ein: kein Maß bleibt fürs Maß aller Dinge, es verfällt der Kontingenz und wird zur Unwahrheit.« Sosehr eine Reduktion des Singulären auf den Begriff zu meiden ist, sosehr ist darauf zu achten, daß begriffliche Wahrheit nicht dem Singular-Kontingenten ausgeliefert wird.
      Komplementär dazu wird in der Ã"sthetischen Theorie die Sinnegation moderner Werke als sinnvoll, d.h. als bedeutsam für Gcsellschalts- und Ideologiekritik dargestellt: »Die sinnlosen oder â- sinnfremden Werke des obersten Formniveaus sind darum mehr als bloß sinnlos, weil ihnen Gehalt in der Negation des Sinns zuwächst.« Es geht um den Wahrheitsgehalt, und Adorno setzt hartnäckig die moderne Suche nach Sinn fort, wenn er hinzufügt: »Alles hängt daran, ob der Negation des Sinns im Kunstwerk Sinn innewohnt oder ob sie der Gegebenheil sich anpaßt .«""
So sehen die Dekonstruktivisten es nicht: Ihnen wird Sinncgalion zu schlichter Sinnzerstörung, die sie mit Nietzsches Krilik der Metaphysik verbinden. Im letzten Abschnitt des vorigen Kapitels wurde bereits klar, daß die akribischc Beschreibung der semantischen Aporie und des Sinnzerfalls das zentrale Element des dekonstruktivistischen Spiels ist. Es gilt zu zeigen, daß Sinn eine Illusion ist, die zergeht, sobald der Text unter die dekonstruktivistische Lupe genommen wird. »Der dekonstruktivistische Kritiker«, erklärt .1. Hillis Miller, »versucht , das nichtlogische Element in dem von ihm untersuchten System zu finden, den Faden im Text, der alles auflassen wird, oder den lockeren Stein, der das ganze Gebäude zum Einsturz bringt. Dckonstruktion ist keine Demontage einer Textstruktur, sondern Vorführung der Tatsache, daß diese sich selbst schon demontiert hat.«"2' Anders als im Modernismus und in der Kritischen Theorie geht es hier also nicht um die Negation ideologischer Sinnsetzungen, die auf einen Wahrheitsgehalt hindeutet, sondern um Sinnegalion tout court.
      Analog dazu wären die Texte Robbe-Grillets, Butors, Jürgen Beckers, Werner Schwabs und Maurice Rochcs zu lesen, in denen die Kritik an Ideologien, gesellschaftlichen Normen und tradierten literarischen Formen im Nichts ausmündet. Claude Simons La Route des FlanJrex endet mit einer Vision der Welt als eines verlassenen, unbewohnbaren Gebäudes, das der Inkohärenz, und der zerstörerischen Wirkung der Zeit überantwortet wird: »wie ein verlassenes, unbrauchbares, dem zusammenhanglosen, fahrlässi-gen, unpersönlichen, zerstörerischen Wirken der Zeit preisgegebenes Gebäude« Dieses Bild wird von Ransmayrs Endzeitvision einer versteinerten Menschheit und von Azüas Darstellungen des gesellschaftlichen und subjektiven Todes ergänzt.
      Ergänzt wird es auch von Paul de Mans Interpretationstheorie, die der Dekonstruktivist nicht als Spiel im Sinne von Barthcs auffaßt, sondern als Zerstörung. Das Ziel dieser Zerstörung, die durchaus auch Ideologeme und Doxa kritisch zersetzt, ist nicht Adornos Wahrheilsgehalt, sondern Azüas, Schwabs und Ransmayrs Tod. Paul de Man bemerkt im Anschluß an Nietzsche: »Die Weisheit des Textes ist selbstzerstörerisch , doch diese Selbstzerstörung wird durch eine unendliche Folge rhetorischer Umkehrungen verschoben .«22'' Mit ein wenig Zynismus könnte man hier von einem Tod auf Raten sprechen: Der Tod der Wahrheit soll nicht zu schnell erfolgen, damit der Spaß an der Dckonstruktion noch eine Weile währt. »Zerstören, ohne sich anzupalzen«, würde Werner Schwab sagen.
      Innerhalb der Indifferenzproblematik erscheint der Tod des Sinnes und der Wahrheil als durch den Tauschwert vermittelt. So faßt es jedenfalls im Anschluß an Heidegger und Baudrillard Gianni Vattimo auf, wenn er feststellt: »Auf diese Weise ist der Nihilismus die Reduktion von Sein auf Tauschwert.«2MI
Die dekonstruktivislische Sinn- und Wahrheitsncgation wird, wie die eingangs zitierten Bemerkungen aus Minima Moralin anschaulich zeigen, durch die Kontingenzlhcvnic des Pragmatismus ergänzt und konkretisiert. Wie die postmoderne Literatur, die spielerisch dekonslruiert oder revoltierend zerstört, ohne allgemeingültige Einsichten vermitteln zu wollen, so bringt der Pragmatist Gedanken hervor in der Hoffnung, daß sie anderen gefallen und von ihnen aufgegriffen werden. Er strebt
Iweder Allgemeingültigkeit noch Verallgemeinerungsfähigkcit an. Richard Rorty sieht das so: »Der Unterschied zwischen Genie und Phantasie ist nicht der Unterschied zwischen Prägungen, die eine Verbindung zu etwas Universellem, einer vorgängigen Realität dort draußen in der Welt oder tief im Inneren des Selbst herstellen, und anderen, denen das nicht gelingt. Es ist vielmehr der Unterschied zwischen Idiosynkrasien, die zufällig bei anderen Menschen auf fruchtbaren Boden fallen - zufällig wegen der Konlingenzen einer historischen Situation, eines besonderen Bedürfnisses, das eine bestimmte Gemeinschaft zufällig zu einer bestimmten Zeit hat -, und anderen, die das nicht tun.« Zufälliger, konlingenter gehl es nicht mehr.
      Wird die im dritten Kapitel bereits kommentierte Behauptung Rortys mitberücksichligl, »daß es keine Probleme gibt, die die Generationen zu einer einzigen Art namens >Menschheil< zusammenbinden«"1'1, so ergibt sich ein extrem partikularistischcr Wahrheilsbegriff, der sogar das universelle Anliegen des kollektiven Ãoberlebens inmitten von Umweltzerstörung unberücksichtigt läßt. Dieser Parlikularismus entspricht jedoch dem einer postmodernen Literatur, deren Autoren z.T. expressis verbis auf die ästhetische Suche nach verallgcmeinerungsfähigen Werten verzichte! haben.
      Obwohl Oswald Wieners Die Verbesserung von Mitteleuropa nicht denotativ als philosophischer Text zu lesen ist, konnotieren einige Sätze aus diesem Werk den Diskurs des Pragmatismus, der von Wiener allerdings zusammen mit dem Wahrheilsbegrtiff als »gescheitert« verabschiedet wird: »wahrheil ist ein Clement der gescllschaft, kniffe der politischen anästhcsic; Wirklichkeit ist privat, die prothese des individuums. die ärmlichkeit dieser beiden begriffe.«'" Ihre Ã"rmlichkeit hängt mit der von Sartre, Camus und den Surrealisten beobachteten Tatsache zusammen, daß der Alltag von kommerziellen Diskursen und rivalisierenden Ideologien beherrscht wird, von denen eine jede mit ihrer Wahrheit oder Wirklichkeit auf die anderen einschlägt, so daß Wahrheits- und
Wirklichkeitsbegriffe im Indifferenzzusammenhang schließlich austauschbar werden. In diesem Zusammenhang könnte auch K.'s verzweifelter Ausruf »Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht!«21' bald obsolet erscheinen. Denn wo es keinen verbindlichen Wahrheitsbegriff gibt, dort wird es zunehmend schwieriger, die Lüge oder das falsche Bewußtsein zu bezeichnen.i

 Tags:
Postmoderne  Literatur,  Dekonstruktion  Pragmatismus:  Epilog  II    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com