Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Schon der'Titel kündigt einen mciarcril an, der nicht nur Lyotard-Lesern suspekt sein wird, sondern auch bei französischen, italienischen und spanischen Lesern Verfremdungseffekte auslösen dürfte, wei
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» Moderne / postmoderne literatur
» Von der modernen zur postmodernen Literatur: Ambivalenz, Indifferenz und Ideologie
» Modernismus und Kritische Theorie: Epilog I

Modernismus und Kritische Theorie: Epilog I



Vor dem Hinlergrund dieser Fragestellung beschloß Adorno die Negative Dialektik mit dem bekannten Satz: »Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.«" Wo diese Solidarität aufgekündigt wird, etwa in der Dekonstruktion, dort besteht die Gefahr, daß Dialektik wieder zu dem wird, was sie in der Antike ursprünglich war: Sophistik. Dieser Gefahr eingedenk, schrieb Adorno in den Minima Moralia: »Vor Mißbrauch wirJ gewarnt. - Die Dialektik ist in der Sophistik entsprungen, ein Verfahren der Diskussion, um dogmatische Behauptungen zu erschüttern und, wie die Staatsanwälte und Komiker es nannten, das mindere Wort zum stärkeren zu machen.«" Das mindere Wort muß aber nicht das wahre sein.
      Mit Autoren wie Musil, Kafka, Proust und Mallarme verbindet Adorno die metaphysische und utopische Suche nach Wahrheit und einer wahren Sprache, die das Andere, die Differenz zur verwallelen Kommunikation der Mediengesellschatt, erkennbar macht: die Differenz zu Kommerz, Herrschaft und Ideologie. Hinige Sätze aus Adornos »Rede über Lyrik und Gesellschaft« muten wie Paraphrasen aus Stephane Mallarmcs »Divagalion preniierc« an, wo die organisierte Kommunikation als »l'univcrsel reporta[>e«lu' der Literatur gegenübergestellt wird. Vom hohen Stil Georges heißt es: »Er wird gewonnen, nicht, indem er etwas an rhetorischen Figuren und Rhythmen sich vorgibt, sondern indem er asketisch ausspart, was immer die Distanz von der vom Kommerz geschändeten Sprache mindern könnte.«'"
Synekdochisch faßt Adornos Sprachkritik die gesamte Problematik des Modernismus zusammen: dessen kritische Distanz zur bürgerlichen, spätkapilalistisehen Gesellschaft, den von Lukäcs in der Theorie des Romans nachgezeichneten Bruch zwischen Subjekt und Objekt, die Suche nach Wahrheit und die utopische Hoffnung auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft, die in der Forderung nach einer reinen Sprache zum Ausdruck kommt. Vom lyrischen Subjekt verlangt Adorno: »Es muß sich gleichsam zum Gefäß machen für die Idee einer reinen Sprache. Ihrer F.rrettung gelten die großen Gedichte Georges.«"K Dieser Gedanke verbindet ihn nicht nur mit den Lyrikern, sondern auch mit dem Romancier Proust, der in der Schrift eine Alternative zu der vom Tausch-prinzip beherrschten Konversation der mondänen Salongesell-schafl erblickt.
      Mit Proust und Musil wendet sieh Adorno gegen alle modernen Formen des Herrschaftsprinzips - vom Rationalismus bis zum Hegelianismus und Marxismus -, wenn er für das Besondere und Singulare Partei ergreift und versucht, sich ihm mimetisch-essayi-stisch zu nähern, statt es in systematischen Traktaten zu vereinnahmen. Fr beschreibt seinen eigenen Entwurf einer herrschaftsfreien Theorie, wenn er von der Recherche sagt: »Eben dagegen, gegen das gewalttätig Unwahre einer subsumierenden, von oben her aufgestülpten Form hat Proust revoltiert.«"'' Dem entsprichtlast wörtlich, was Robert Musil über die Verstrickung von Philosophie und Herrschaft schreibt: »Er war kein Philosoph, Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.«1' Freilich sind hier nicht alle Philosophen -etwa Pascal, Montaigne, Nietzsche oder F. Schlegel - gemeint, sondern die Systematiker der Moderne, die als Erben Piatons versuchen, die Wirklichkeit aus der Idee abzuleiten, und mit Hegel und seinen marxistisch-leninistischen Nachfolgern »Umso schlimmer für die Tatsachen!« ausrufen, wenn die Facta den theoretischen Ficta nicht entsprechen wollen.
      Wie Musil nimmt sich Adorno als Kritiker moderner Systematik vor, eine essayistische Schreibweise zu entwickeln, die es ihm gestatten soll, sich den Erscheinungen theoretisch zu nähern, ohne ihre Besonderheit zu tilgen. Die Vorzüge des Essays erblickt er - wie Musil und Broch - im »Bewußtsein der Nichtidentilät« und »in der Enthaltung von aller Reduktion auf ein Prinzip, im Akzentuieren des Partiellen gegenüber der Totale, im Stiickhaften«'2'. In der Negativen Dialektik entwickelt er ein »Denken in Modellen«'"" in der Hoffnung, im Modell dem Spezifischen und Einmaligen Rechnung tragen zu können.
      Dieser Hang zur Partikularisierung, der nach Steven Best und Douglas Kellner den »postmodernen« Charakter von Adornos Theorie ausmacht12', wird in der Ästhetischen Theorie durch den Parataxis-Gedanken noch verstärkt: Adorno stellt dort selbstkritisch fest, daß auch das Modell dem Besonderen und Einmaligen nicht in jeder Hinsicht gerecht wird und erläutert die paralaktische Anordnung seines letzten Werks, wenn er von dessen Darstellungs Schwierigkeiten sagt, »daß die einem Buch fast unabdingbare Folge des Erst-Nachher sich mit der Sache als so unverträglich erweist, daß deswegen eine Disposition im traditionellen Sinn, wie ich sie bis jetzt noch verfolgt habe , sich als undurchführbar erweist. Das Buch muß gleichsam konzentrisch in gleichgewichtigen, parataktischen Teilen geschrieben werden, die um einen Mittelpunkt angeordnet sind, den sie durch ihre Konstellation ausdrücken.«12' Mit dem Wort Konstellation kehrt Adorno zu seiner frühen Sprachlheorie zurück, in der das Benjaminsche Konfigurationsprinzip eine herrschaflsfreic Betrachtung der Erscheinungen ermöglichen sollte.12^
Die Herrschaftsfreiheit, die auch von Schriftstellern wie Kafka, Musil und Proust angestrebt wird, soll in der Kritischen Theorie zugleich durch mimetische Angleichung an das Objekt erreicht werden, die in der Kunst vorgezeichnet ist. Schon in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung wird die Kunst in Übereinstimmung mit Schellings Ästhetik als »Vorbild der Wissenschaft«12'' bezeichnet, und in der Ästhetischen Theorie heißt es, »Ratio ohne Mimesis ncgicr sich selbst«.12' Nur durch die Aufnahme künstlerischer Mimesis könne Theorie ihre eigene Umwandlung in ein Herrschaftsdenken als Technologie verhindern.
      Es handelt sich hier, wie leicht zu erkennen ist, um eine besondere Position innerhalb der modernistischen oder spälmodcr-nen Problematik, die mit den marxistischen Positionen Brechts oder Lukäcs', den surrealistischen Positionen Brelons und Ara-gons sowie mit Sartres rationalistischem Existentialismus kollidiert. Mit diesen Autoren teilen die Vertreter der Kritischen Theorie jedoch den Glauben an einen metaphysischen Wahrheits-begriff und die metaphysische Hoffnung auf eine Erlösung in der

Geschichte - eine Hoffnung, die beim späten Adorno in Verzweiflung umzuschlagen droht. Dennoch würde er mit Kafka behaupten: »Leben ohne Wahrheit ist unmöglich.«1

   Sein Festhalten am Wahrheits- und Subjektbegriff ist nicht nur als Beharren auf einem zentralen Werl des liberalen Individualismus zu verstehen, sondern auch als Versuch, im unangepaßten, nichtidentischen Individuum den kritischen Gedanken zu verankern, um sein Überleben zu sichern: »Gegenüber den kollektiven Mächten, die in der gegenwärtigen Welt den Weltgeist usurpieren, kann das Allgemeine und Vernünftige beim isolierten Einzelnen besser überwintern, als bei den stärkeren Bataillonen, welche die Allgemeinheit der Vernunft gehorsam preisgegeben haben.«12" Diesem Gedanken entspricht das ästhetische Theorem, daß einem kritischen, autonomen Künstler wie Valery eine StatthallciTollc zufällt: Er erscheint Adorno nicht nur als der isolierte Einzelne, sondern zugleich als der Statthalter des menschlichen Gesamtsubjekls.'

   Trotz dieser Versuche, das Allgemeine und das Besondere zusammenzuführen, mündet Adornos Streben nach einer Synthese dieser Elemente in eine Aporic: Der einsame Einzelne steht mit seinem kritischen Bewußtsein außerhalb der historischen Prozesse, und die Kritische Theorie, die die Mimesis der Kunst in sich aufnehmen möchte, gerät in Widerspruch zu sich selbst, »weil sie gegen Theorie überhaupt zielen muß«.1" In diesen Aporien der Theorie macht sich die globale Ambivalenz der Spätmoderne bemerkbar, die aus der nachhegelianischen Unmöglichkeit resultiert, Besonderes und Allgemeines zur Synthese zu bringen. Diese Unmöglichkeit tritt, wie sich im dritten Kapitel bereits gezeigt hat, in der Postmoderne kraß in Erscheinung.
     

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Modernismus  Kritische  Theorie:  Epilog  I    


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