Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Schon der'Titel kündigt einen mciarcril an, der nicht nur Lyotard-Lesern suspekt sein wird, sondern auch bei französischen, italienischen und spanischen Lesern Verfremdungseffekte auslösen dürfte, wei
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» Von der modernen zur postmodernen Literatur: Ambivalenz, Indifferenz und Ideologie
» Moderne Literatur und Ambivalenz: Zwischen Nietzsche und Freud

Moderne Literatur und Ambivalenz: Zwischen Nietzsche und Freud



Möglicherweise ließe sich zeigen, daß die Ambivalenz als dialektische Einheit der Gegensätze ohne Synthese, als Zusammenführung unvereinbarer Werte {ambo-vuloR) und als Zusammenwirken einander entgegengesetzter Regungen im psychoanalytischen Sinne das strukturierende Prinzip von Nietzsches Philosophie und Freuds Tiefenpsychologie ist. Im dritten und vierten Kapitel wurde deutlich, daß es Nietzsche als Hegel-Schüler und Hegel-Kritiker immer wieder zu einer Zusammenfühl ung der Gegensätze jenseits der Hegeischen Aufhebung drängt: zu einer eoineidentia apposilonim, die auf noelischer, ethischer und ästhetischer Ebene eine ungeahnte Sprengkraft entfaltet.
      Sie entlädt sich in seinen essayistischen Betrachlungen immer dann, wenn zwei Extreme, die das Alltagsdenken streng voneinander scheidet, jäh verknüpft werden. Von Nietzsches Gedankengang gilt, was Walter Benjamin von der Idee sagt: »Die Darstellung einer Idee kann unter keinen Umständen als geglückt betrachtet werden, solange virtuell der Kreis der in ihr möglichen Extreme nicht abgeschritten ist.«" Das ist ein junghegelianischcr und modernistischer Gedanke par excellence: Erst die Kehrseite der Medaille ermöglicht deren vollständige Erkenntnis, weil Gut und Böse, Vernunft und Unvernunft, Lust und Askese nicht voneinander zu trennen sind. Nur Rationalisten und Mclaphysiker bleiben einem Trennungsdenken verhaftet, das auf der Annahme gründet, Rationalismus und Irrationalismus, Liebe und I laß, Moral und Ausschweifung hätten nichts miteinander zu tun.
      Bei Nietzsche greifen nicht nur gegensätzliche Termini, sondern ganze semantische Ebenen, die konventionelles Denken auseinanderhalten möchte, ineinander: Wachstum und Niedergang, Wahrheit und Lüge, Misanthropie und Liebe, Lust und Unlust sind unentwirrbar miteinander verwachsen. So sind Zeiten gesellschaftlicher Entfallung und kulturellen Aufblühens zugleich Zeilen des Niedergangs: »Tatsächlich bringt jedes große Wachstum auchein ungeheures Abbröckeln und Vergehen mit sich: das Leiden, die Symptome des Niedergangs gehören in die Zeiten ungeheuren Vorwärtsgehens .« Wahrheit und Lüge verschmelzen in Nietzsches Diskurs immer wieder zu einer Einheit, etwa wenn es im Anschluß an Heraklit und mit einem Seitenblick auf Plato und Hegel heißt: »Die >scheinbare< Welt ist die einzige: die >wahre Well< ist nur hinzugelogen ...«" Während der wahrhcitssuchendc Philosoph der Lüge überführt wird, wird der Misanthrop als Liebender erkannt: »Misanthropie ist die Folge einer allzu begehrlichen Menschenliebe und >Menschenfresserei< .« Schließlich erfährt der Lustsuchende, daß er möglicherweise bis an sein Lebensende auch das Gegenteil dessen, was er anslrebt, in Kauf nehmen muß: »Wie wenn nun Lust und Unlust so mit einem Stricke zusammengeknüpft wären, daß, wer möglichst viel von der einen haben will, auch möglichst viel von der anderen haben muß .«l, Solche Überlegungen, die in Nietzsches Werk allenthalben anzutreffen sind, führen mitten in die Welt der Psychoanalyse, wo Liebe und Haß, Eros und Thanatos, Sadismus und Masochismus ambivalente Einheiten bilden.
      Schon das Verhältnis zwischen Patient und Analytiker ist ambivalent, weil die Übertragung sowohl Liebe als auch Haß involviert: »Übertragung ist ambivalent, sie umfaßt positive, zärtliche wie negative, feindselige Einstellungen gegen den Analytiker, der in der Regel an die Stelle eines Eltcrnteils, des Vaters oder der Mutter, gesetzt wird.«"' Was die Analyse zutage fördert, ist ebenfalls von der Ambivalenz geprägt. Es kann sich beispielsweise zeigen, daß sich die Liebe des Sohnes oder der Tochter zu den Ellern mit Haß vermischen kann, sobald das Kind in ein erotisches Konkurrenzverhältnis zum Vater oder zur Mutter tritt: »Die Verwandlung eines Triebes in sein Gegenteil wird nur in einem Falle beobachtet, bei der Umsetzung von Liebe in Haß. Da diese beiden besonders häufig gleichzeitig au dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, ergibt diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel einer Gcfühlsambivalenz.«

   Diese definiert Freud im Anschluß an Bleuler1" als affektives Schwanken zwischen Liebe und Haß und vertritt die für die Zwischenkriegszeit sicherlich ungewöhnliche Ansicht, daß die emotionale Zweigleisigkeit, die die gesamte Kindheit beherrscht, auch später immer wieder zutage tritt und vor allem die Einstellung des Neurotikers prägt: »In den ersten Phasen des Liebeslebens ist offenbar die Ambivalenz das Regelrechte. Bei vielen Menschen bleibt dieser archaische Zug über das ganze Leben erhalten, für die Zwangsneurotiker ist es charakteristisch, daß in ihren Objektneziehungen Liebe und Haß einander die Waage hallen. Auch für die Primitiven dürfen wir das Vorwiegen der Ambivalenz behaupten.«1''
Der letzte Satz ist deshalb erhellend, weil er andeutet, daß Ambivalenz in Freuds Diskurs nicht einfach ein Aspekt der Sexualität ist, sondern ein strukturierendes Flcmcnl, das die gesamte Semantik dieses Diskurses beherrscht. Denn Freud dehnt den Ambivalenzbegriff nicht nur auf den Bereich der archaischen, totemistischen Gesellschaften ausJ0, sondern wendet ihn auch auf die Religion an. »Es braucht nicht viel analytischen Scharfsinns, um zu erraten, daß Gott und Teufel ursprünglich identisch waren«21, erklärt er in seiner kurzen Abhandlung »Der Teufel als Vaterersatz«.
      Nicht die anthropologische und religionsgeschichlliche Frage nach der Richtigkeit dieser Deutung ist hier entscheidend, sondern die Überlegung, daß Freud - wie Nietzsche - im Rahmen der modernistischen Problematik denkt, in der das Geld, wie Marx sagt, »die Verbrüderung der Unmöglichkeiten« herbeiführt und »das sich Widersprechende zum Kuß« zwingt.

Im 18. Jahrhundert und noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Jane Austen und Balzac den wahren Charakter ihrer oft zweideutigen Romangestalten aufzudecken vermochten und mit Hegel das Wesen hinter den Erscheinungen erkennen ließen", war Amhii>uitäl, nicht Ambivalenz, das zentrale Problem. Diese rückte in den Mittelpunkt soziologischer, philosophischer und literarischer Betrachtungen, als es in der entwickelten Marktgesellsehaft immer schwieriger wurde, die im kulturellen Bereich definierten Qualitäten als solche anzuerkennen und den wahren Wert vom Warenwert zu unterscheiden.
      Wie dieses Problem als soziales Problem konkret aussieht, zeigt Thomas Mann, wenn er seinen Icherzähler Felix Krull, der zeitweise als Kellner in einem Hotelrestaurant arbeilet, bemerken läßt, daß der kulturell sanktionierte Gegensatz zwischen Herr und Diener willkürlich und zufallsbcdingt ist, weil ein Rollcnlauseh jederzeit möglich erseheint. Beim Anblick der mondänen Gesellschaft kommt dem Protagonisten der »Gedanke der Vertausch-btirkeit«: »Den Anzug, die Aufmachung gewechselt, hätten sehr vielfach die Bedienenden ebensogut Herrschaft sein und hätte so mancher von denen, welche, die Zigarette im Mundwinkel, in den tiefen Korbstühlen sich rekelten - den Kellner abgeben können. Es war der reine Zufall, daß es sich umgekehrt verhielt - der Zufall des Reichtums; denn eine Aristokratie des Geldes ist eine vertauschbare Zufallsaristokratie.« Der Gegensatz zwischen Dienern und Herren erscheint dekonslruierbar, weil der »Gedanke der Vertauschbarkeit« die beiden scheinbar unvereinbaren sozialen Rollen der Ambivalenz überantwortet: Der Herr verdankt seine Identität nicht unveräußerlichen kulturellen Qualitäten, sondern dem Tauschwert. Man könnte mit Nietzsche noch einen Schritt über die Ambivalenz hinausgehen und von der realen »Wesens-glcichheit« der hier beschriebenen Rollen sprechen: ihrer Vertauschbarkeit als Indifferenz.

     
Es ist sicherlich Michail M. Bachtins Verdienst, die Ambivalenz, die er mit dem Zusammenbruch der Hierarchien und der Umwertung der Werte im Karnevakgeschehen verknüpft, sowohl in der älteren als auch in der modernen Literatur in allen Einzelheiten beschrieben zu haben. In seinem Do.stoevxkij-Buch weist er auf die »karnevalislische Ambivalenz« des Felix-Krull-Romuns hin und spricht im Zusammenhang mit Dostoevskijs Werk von der »tiefen Zweideutigkeit und Vieldeutigkeit jeder Erscheinung«, vom charakterlichen »Zwiespalt« und vom »Widerspruch«.2'' Alle diese Elemente leitet er aus der populären Karnevalstradition ab, die im Spätmitlelaller und in der frühen Renaissance ihren Höhepunkt erreicht und später in der modernen Literatur als » Karncvalisierung« fortwirkt. Dostoevskijs Romane werden als Produkte dieser subversiven, weil herrschafts- und monologfeindlichen Überlieferung gedeutet: »Mit ihrem Pathos des Wechsels und der Erneuerungen, die alles äußerlich Feste, Ausgeprägte und Fertige relativiert, hat sie es Dostocvskij ermöglicht, in die Tiefenschichten des Menschen und der menschlichen Verhältnisse vorzudringen.«2''
Es ist allerdings nicht ohne weiteres möglich, vom Karneval als Volksfest im .spätmittelalterlichen Sinn unmittelbar eine Brük-ke zum modernen Roman Dostoevskijs oder Thomas Manns zu schlagen. Dies mag ein Grund sein, weshalb sich Bachtin in seiner Erklärung der karnevalistischen Elemente bei Thomas Mann mit einem Hinweis auf den »wesentlichen Einfluß«2' Dostoevskijs begnügt. Nun hat aber Dostoevskijs von Karncvalisierung, Ambivalenz und Polyphonie geprägter Roman nicht alle modernen Werke beeinflußt, in denen diese Elemente eine wichtige Rolle spielen. Anscheinend handelt es sich um kollektive Kulturphänomcne, die nicht auf individuelle Einflüsse reduzierbar sind. Im Anschluß an die Passage aus Thomas Manns Felix-Krull



Roman und an das bisher Gesagte sollte Bachtins »Karneval« daher als eine Metapher für Tauschwert und Marktgesetz gelesen werden: Die Umkehrung der Hierarchien erscheint in diesem Kontext - zusammen mit der Ambivalenz und der Maske - als eine Folge der Vertuuschbarkeil, von der Thomas Manns Icherzähler spricht.
      Komplementär zu Bachtins Darstellung der Ambivalenz-Problematik bei Dostocvskij verhalten sich Freuds analytische Bemerkungen zu Dostoevskijs Bisexualität: »Eine stark bisexuelle Anlage wird so zu einer der Bedingungen oder Bekräftigungen der Neurose. Eine solche ist für Dostojewski sicherlich anzunehmen und zeigt sich in existenzmöglicher Form in der Bedeutung von Männerfreundschaften für sein Leben, in seinem sonderbar zärtlichen Verhalten gegen Liebesrivalen und in seinem ausgezeichneten Verständnis für Situationen, die sich nur durch verdrängte Homosexualität erklären, wie viele Beispiele aus seinen Novellen zeigen.«2" Nicht Freuds psychoanalytische Deutung von Dostoevskijs Einstellung und seinem Werk ist an dieser Stelle wichtig , sondern die Ambivalenz als allgegenwärtiges semantisches Element, das den psychoanalytischen Diskurs strukturiert.
      Denn dieses Strukturelement prägt auch die wichtigsten Romane, Novellen und Dramen des Modernismus. Der moderne Roman könnte als ein Text gelesen werden, in dem Nietzsches und Freuds Erkenntnisse über die Verknüpfung unvereinbarer Werte und das Zusammenwirken einander entgegengesetzter Regungen gebündelt und ins Fiktionale projiziert werden.
      Nietzscheanisch ist jedenfalls Robert Musils Zeitdiagnose, in der die moderne Literatur als eine von der coimidentia opposito-rum geprägte Well erscheint: »Diese Überzeugung von der Übcr-gänglichkeit der menschlichen Erscheinungen ineinander, die tiefere Verwandtschaft der moralischen Gegensätze kann man geradezu als ein Kennzeichen der zeitgenössischen Literatur im Unterschied zu früheren Zeiten ansprechen.«21' Die Überlegung, daß das Selbstverständnis des Schriftstellers und seine Einschätzung der modernen Literatur als einer Literatur der Ambivalenz der hier vorgeschlagenen Objektkonstruktion entsprechen, beweist zwar nichts, ist aber als Indiz nicht völlig irrelevant, zumal sie von verschiedenen Arbeiten über Nietzsche und Musil bestätigt wird.1"
Es ist sicherlich kein Zufall, wenn in Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften, der auf allen Ebenen von der Ambivalenz durchwirkt ist, die von Freud angesprochene Bisexualität in der Gestalt des Androgynen anthropomorphe Formen annimmt, vor allem in den nachgelassenen Fragmenten, in denen Ciarisse als Hermaphrodit auftritt: »Heiser flüsterte Cl zurück: >lch bin kein Weib Ld !, ich bin der Hermaphrodit!< - «" In diesem Kontext ist auch Schnitzlers Traumnovelle zu lesen, in der ambivalente Wesen auftreten, die ein Doppelleben zwischen Tag und Traum, zwischen Bewußtsein und Unbewußtem führen.1"
Die Ambivalenz im psychologischen und psychoanalytischen Sinn erfaßt das Subjekt und läßt dessen Identität problematisch erscheinen. Dies ist eines der Hauptthemen von D. H. Lawrences Roman- und Novellenwcrk, das - ähnlich wie Virginia Woolfs Werk - in entscheidenden Momenten die Zersplitterung des denkenden und handelnden Subjekts in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt: »Man or woman is made up of many selvcs. With onc seif shc loved this gipsy man. With many selves she ignored him or had a distasle l'or him.«M In den folgenden Ab-schnitten soll gezeigt werden, wie Einheit der Gegensätze, Krise des Subjekts und Krise des Romans zusammenhängen.
      Daß das Kunstwerk als solches von dieser destruktiven Einheit und der von ihr ausgehenden Krise des Modernismus erfaßt wird, läßt mit aller Deutlichkeit eine Bemerkung von Manns Erzähler Zeitblom über die Kompositionen seines Freundes Adrian Lever-kühn erkennen: »Hitze und Kälte walteten nebeneinander in seinem Werk, und zuweilen, in den genialsten Augenblicken, schlugen sie ineinander .«w Der Ausdruck »schlugen ineinander« erinnert an Baudelaires und Benjamins »brüske Koinzidenz« und auch daran, daß die literarische Moderne eine Well des Schocks, der Krise und des Zerfalls ist - nicht nur im avantgardistischen Bereich.
     

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