Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Schon der'Titel kündigt einen mciarcril an, der nicht nur Lyotard-Lesern suspekt sein wird, sondern auch bei französischen, italienischen und spanischen Lesern Verfremdungseffekte auslösen dürfte, wei
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» Moderne / postmoderne literatur
» Von der modernen zur postmodernen Literatur: Ambivalenz, Indifferenz und Ideologie
» Kritik an Wahrheit, System und Subjekt: Kritik der Moderne

Kritik an Wahrheit, System und Subjekt: Kritik der Moderne



Ã"hnlich wie die Soziologie Durkheims, Simmeis, Max Webers und Alfred Webers kann die modernistische Literatur als Reflexion und Kritik der Moderne seit der Aufklärung gelesen werden . Sowohl den soziologischen als auch den literarischen Modernismus kann man als eine spätmoderne Selbstkritik der Moderne auffassen, der ihre eigenen Schlüsselbegriffe wie Wahrheit, System und Subjekt problematisch werden. Insofern als Autoren wie Musil, Kafka, Sartre und vor allem Camus nicht mehr an die Ideologie, den gesellschaftlichen Fortschritt und die metaphysische Wahrheit glauben können, erscheinen sie, wie Rolf Günter Renner im Zusammenhang mit Musil richtig bemerkt7'', als Vorläufer postmodemer Schriftsteller und Philosophen.
      Die Krise der Sprache, die schon in der Zeit Baudelaircs und Mallarmes, vor allem aber im zwanzigsten Jahrhundert, Wort-Werte wie »wahr«, »gut«, »böse«, »schön«, »wissenschaftlich« oder »demokratisch« fragwürdig erscheinen läßt, höhlt allmählich den Wahrheitsbegriff aus, den Nietzsche, wie sich gezeigt hat,rhetorisch auflöst. Die Kommerzialisierung aller sprachlichen Bereiche, die ideologischen Auseinandersetzungen, in denen die Bedeutungen der letzten, noch unversehrten Wörter bedenkenlos ausgeschlachtet werden, und eine falsche Verwissenschaftlichung des Vokabulars lassen einen modernen Schriftsteller wie Sartre an der Zukunft der Sprache zweifeln: »Führen wir nicht eine Bewegung fort, die die >unrcincn Münden, die wir verachten, begannen, treiben wir nicht den Wörtern ihren eigentlichen Sinn aus, und werden wir uns nicht, mitten in der Katastrophe, in einer absoluten Gleichwertigkeit aller Namen wiederfinden und dennoch gezwungen sein zu sprechen?«*" Der Kurzkommentar des Zynikers könnte lauten: Die Katastrophe ist schon da und heißt Postmoderne. Pynchons Prosa und Werner Schwabs Dramen zeigen, daß der Zyniker trotz des vereinfachenden Gcslus nicht ganz unrecht hat.
      Jedenfalls wird der Wahrheilsbegriff in der von Sartre so prägnant beschriebenen sprachlichen Situation stark erschüttert und droht zu zerfallen. Sartre selbst bemerkt in einem Kommentar zu Brice Parains Sprachthcoric: »Die Lüge bestünde darin, daß man die Wahrheit kennt und sie ablehnt, ebenso wie das Böse tun eine Ablehnung des Guten beinhaltet. Aber es ist ebenso unmöglich, in Parains Welt zu lügen, wie es unmöglich ist, in Claudcls Welt das Böse zu tun.«" Komplementär zu dieser Einschätzung des Wahren und des Guten verhalten sich Kafkas und Musils Bemerkungen zum Wahrheilsbegriff. Beide Autoren betrachten den Begriff vorwiegend auf pragmatischer Ebene, als zwischenmenschliche Wahrheit: »Geständnis und Lüge ist das Gleiche. Um gestehen zu können, lügt man«*-, erklärt Kafka. Geradezu kafka-esk mutet Musils Kommentar an: »Die wahre Wahrheit zwischen zwei Menschen kann nicht ausgesprochen werden. Jede Anstrengung wird ihr zum Hindernis.«
Nietzscheanisch, weil genetisch-psychologisch verfährt Ilalo Svevo, wenn er zum Wahrheitsbegriff bemerkt: »Die Wahrheitsliebe kann auf zwei Arten zum Ausdruck kommen: Man kann das Wahre bejahen und es lieben oder das Falsche verneinen und es hassen. Natürlich sind Wahrheit und Unwahrheit austauschbar ; aber indem man eine Behauptung liebt, die man als wahr bezeichnet, und eine andere haßt, die man als unwahr bezeichnet, kann man beteuern, die Wahrheit zu lieben, und sich dabei täuschen.«* Jenseits der metaphysischen Tradition wird hier die Wahrheit als individuelle, subjektive Schimäre aufgefaßt: als kontingente Altitiide, deren Verallgemeinerungsfähigkeit kaum als diskussionswürdig erscheint.
      Was für die Wahrheit gilt, gilt im Modernismus, wie Sartres Kommentar zu Parain bereits andeutet, auch für moralische, politische und ästhetische Werte: Autoren wie Sartre, Kafka, Svevo oder Broch halten sie zwar nicht für austauschbar, sind sich aber ihrer Ambivalenz bewußt - sowie der Wahrscheinlichkeit, daß ihre Verallgemeinerungsfähigkeil weiterhin abnehmen wird. Nirgendwo wird - zusammen mit der Ambivalenz - die Partikula-risierungslendcnz, die alle Wertbereiche der modernen Gesellschaft erfaßt, so klar und umfassend dargestellt wie in Brochs Schlafwandler-Trtiogie. Die soziale Differenzierung, die die moderne Soziologie von Durkhcim und Simmel bis Luhmann systematisch untersucht*', führt bei Broch zu einem »Zerfall der Werte«, in dessen Verlauf sich die einzelnen Wertbereiche der Gesellschaft verselbständigen und als fensterlose Monaden koexistieren: »Gleich Fremden stehen sie nebeneinander, das ökonomische Wertgebiet eines >Geschäftemachens an sich< neben einem künstlerischen des l'art pour l'art, ein militärisches Wertgebiel neben einem technischen oder einem sportlichen, jedes autonom, jedes >an sich< .«*'' Zwischen den einzelnen Wertsystemenherrscht Indifferenz, und Brochs Darstellungen lassen erkennen, daß Indifferenz nicht nur aus der Vermittlung durch den Tauschwert und der ideologischen Zerstörung der Sprache hervorgeht, sondern auch mit der arbeitsteiligen Zersplitterung des Wertsystems und der »Absolutierung« der einzelnen Partialsyste-me zusammenhängt.
      Es ist für die moderne Literatur kennzeichnend, daß sie die Wahrheils- und Wertproblematik nicht einfach ausklammert oder über Bord wirft, wie es in postmodernen Texten geschieht, sondern immer wieder zu ihr zurückkehrt. Nicht nur Broch wirft in seinem essayistischen Roman die Frage nach Wahrheit und Wert auf, sondern auch Proust, der sich schließlich in den ästhetischen Wertbereich zurückzieht. Musil weiß, daß der Individualismus »zu Ende« geht, möchte aber das Wesentliche »hinüberretten«*7, und Thomas Mann stellt schließlich die gesamte Werlproblematik des modernen Romans dar, wenn er seinen Erzähler Zeitblom über Adrian Leverkühn sagen läßt: »Der Glaube an absolute Werte, illusionär wie er immer sei, scheint mir eine Lebensbedingung. Meines Freundes Gaben dagegen maßen sich an Werten, deren Relativität ihm offen zu liegen schien, ohne daß eine Bezugsmöglichkeit sichtbar gewesen wäre, die sie als Werte herabgesetzt hätte. Schlechte Schüler gibt es genug. Adrian aber bot das singulare Phänomen des schlechten Schülers in Primusgestalt.«u
Einerseits werden die »absoluten Werte« als illusionär angezweifelt, andererseits werden sie durch Leverkühns janushafte Gestalt, die synekdochisch als pars pro toto des Modernismus aufgefaßt werden könnte, relativiert: Ihm erscheinen die kulturellen Werte ambivalent, weil Markt, Arbeitsteilung und ideologische Konflikte sie in ein Konkurrenzverhältnis zueinander treten lassen, das sich in der Postmoderne dramatisch verschärft.
      In einer solchen sozio-linguistischen Situation, in der Bezeichnungen wie »wahr«, »gut«, »gerecht«, »schön«, »demokratisch« oder »wissenschaftlich« mit einer wachsenden Anzahl von Fragezeichen versehen werden, zerfällt nicht nur das Wertsystem, auf i#%dem die Romanerzählung und die Romanhandlung gründen, die vom Gegensatz zwischen Helden und Antihelden leben, sondern auch die Wertskala, die die Grundlage der »großen Metacrzäh-lungen« bildet. Der Zweifel an narrativen Systemen und Metaerzählungcn als metarecits ist keine Erfindung der Postmo-derne, sondern für die Werke zahlreicher Modernisten charakteristisch, die nicht nur die Erzählstruktur des traditionellen Romans für unglaubwürdig halten, sondern darüber hinaus die Ansicht vertreten, daß das Erzählen als solches ein Relikt aus metaphysischen Zeiten ist.
      Besonders charakteristisch für die moderne oder modernistische Skepsis den großen Metaerzählungcn gegenüber sind Musils Bemerkungen zur Krise des Romans: »Ã"ußerlich ist die gegenwärtige Krise des Romans so in Erscheinung getreten. Wir wollen Lins nichts mehr erzählen lassen, betrachten das nur noch als Zeitvertreib. Für das, was bleibt, suchen zwar nicht >wirdans sa paresse et son respect du De-slinAnderssein< nicht erklärt; daher, weil das Anderssein unerklärt daneben liegen bleibt, fallen sie doch auseinander und ist die Wesensfüllc in seiner Vorstellung von der Welt-vernunfl nur seine ehrliche Vorstellung. Ist also die Natur nicht wirklich abgeleitet, so ist es auch der mit ihr gegebene Zufall nicht, und hieraus folgt zugleich, daß Hegel vom Zufall in der Naturseitc des Geistes, also auch vom Traume, geringschätzig wievon allem Zufälligen, nur flüchtig und beiläufig redet.«' Diese Passage, die mit der »absoluten Spaltung« und dem »Anderssein« den Zerfall des Hegelschen Systems bei den Junghegelianern und den Anbruch des Modernismus ankündigt, beschreibt wesentliche Elemente der neuen Ã"ra, die aus dem Zerfall des Systems hervorgehen: die Natur, das Andere, den Zufall, den Traum.
      Die strukturelle und ideologische Ambivalenz des Modernismus besteht darin, daß einige seiner Autoren diese Zerfallsprodukte »in der Naturseite des Geistes« für Vorboten einer Befreiung des Subjekts halten, während andere Autoren in ihnen tödliche Gefahren erblicken. Während Proust, Camus, Breton und Hesse auf die Herausforderung der naturwüchsigen Kontingenz, des Zufalls und des Traums mit neuen ästhetischen Impulsen und Erkenntnissen reagieren, stellen Sartre, Kafka, der junge Moravia und Miroslav Krleza alle diese Elemente als zu bannende Gefahren dar.
      Proust ist insofern ein Vorläufer der Surrealisten, als er - nach Nerval und dem Chateaubriand der Memoires J'Oulre-Tombe -dem Zufall eine kreative Rolle im Prozeß der memoire involon-taire, der unwillkürlichen Erinnerung, zuspricht. Die von der Kontingenz verknüpften Assoziationen erscheinen seinem Icherzähler authentischer als die kausalen Ableitungen, für die der Intellekt verantwortlich ist: »Ich hatte nicht die beiden ungleichen Pflastersteine, an die ich angestoßen war, in jenem Hofe gesucht. Aber gerade die Form eines unentrinnbaren Zufalls, unter der ich dieser Empfindung begegnet war, bedeutete gleichsam eine Gegenprobe auf die Wahrheit der Vergangenheit, die sie wiedererweckte, der Bilder, die sie auslöste .« (»Je n'avais pas ctc ehercher les deux pavcs inegaux de la eour oü j'avais bute. Mais juslement la facon fortuite, inevitable, dont la Sensation avait ete rencontrec, contrölait la verite du passe qu'elle ressuscitait,des images qu'elle declenchait .«)')s Die von Proust entdeckte Wahrheit ist nicht die des Intellekts und der Vernunft, sondern die des Unbewußten: der memoire involontaire und des instinct arti-stique, dem der Romancier den Intellekt unterordnet.
      Seine Entdeckung wird von den Surrealisten im Anschluß an Baudelaire und Apollinaire radikalisiert, mit dem Freudschen Unbewußten und dem objet trouve verknüpft und als onirisch-ästhetisches Experiment systematisch praktiziert. Entscheidend ist, daß die Surrealisten wie Proust der Ansicht sind, daß die Wahrheit nicht im Alltagsbewußtsein oder in der Sphäre des Intellekts zu finden ist, sondern im Bereich des Unbewußten, des Traums und des objektiven Zufalls . Wichtig ist auch, daß sich Breton von den Mechanismen des Unbewußten und des Zufalls die Befreiung des Individuums verspricht. »Der gefundene Gegenstand«, schreibt er in L'Amour fou, »erfüllt hier in strenger Entsprechung die gleiche Aufgabe wie der Traum, insofern als er das Gemüt des einzelnen befreit .« (»La trouvaille d'objet remplit ici rigoureusement le meme Office que le reve, en ce sens qu 'eile libere I 'individu .«)'"' Für Bretons Surrealismus gilt, was Karl Riha über den Dadaismus der Zwischenkriegszeit schreibt: »Offen zu sein für den Zufall, sich dem Zufall zu öffnen, wird daher gerade in diesem Jahrzehnt zu einem entscheidenden Innovationskriterium der Literatur .

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