Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Jean-Erancois l.yotard mag nocli so oll behaupten, daß die Post-moderne nicht als neue Epoche oder gar als neues Zeitaller, sondern als eine der Moderne innewohnende kritische Gegen-bewegung aufzufass
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Ã"sthetik: Die Heterotopie und das Erhabene, die Allegorie und die Aporie



Die postmoderne Ã"sthetik entspricht insofern der postmodernen Ethik, Erkenntnistheorie und Sozialphilosophie, als sie die Be-griffslosigkeit, die Vielfalt und das Heterogene zur Grundlage hat. Allerdings sollte man sich davor hüten, von der simplifizierenden Annahme auszugehen, daß es eine postmoderne Ã"sthetik gibt: Es gibt sie ebensowenig wie eine postmoderne Sozialphilosophie, Erkenntnistheorie oder Ethik. Es sollte jedoch möglich sein, aus den durchaus heterogenen Ã"sthetiken Vattimos, Lyotards und de Maus - wie aus den Soziologien oder Erkenntnistheorien - gemeinsame Anliegen und Tendenzen herauszulesen, die sich aus der umfassenden postmodernen Problematik erklären. Vattimo stimmt zwar weitgehend mit Lyolard überein, wenn es gilt, die ästhetische Utopie als Vereinheitlichung der Menschheit im kan-tianischen oder neukantianischen SinneÃ"S zusammen mit dem autonomen und harmonischen Kunstwerk abzulehnen; er weicht aber radikal von ihm ab, wenn er den ästhetischen Pluralismus der Massen- und Konsumgesellschaft als Abschied von den koalisierenden Utopicvorstellungcn der Moderne und als Heterotopie begrüßt.
      Vattimos Auffassung dieser Heterotopie ist im Zusammenhang mit seiner Lyotardschen Kritik an den modernen Metacrzählungen und seinem von Heidegger stammenden Begriff der Verwindung zu verstehen. Wie schon im zweiten Abschnitt angedeutet wurde, geht Vattimo im Anschluß an Nietzsches Gedanken der »ewigen Wiederkehr« von der These aus, daß die zahlreichen Utopieent-würfc des Rationalismus, des Marxismus, der Avantgarden und zuletzt der 68er Bewegung nicht realisiert wurden, sondern sieh in der zeitgenössischen Heterotopie aufgelöst haben. Aus historischer Sicht stellt sich dieser Prozeß als eine Verwinduni> dar, die die von den Revolutionären angepeilte Ãoberwindung der gesellschaftlichen Zustände gleichsam verdrängt oder neutralisiert: »Es ist nun genau der Unterschied zwischen Verwindung und Ãoberwindung, der unshelfen kann, das >post< der Postmoderne philosophisch zu bestimmen.«""' Inwiefern? Insofern, als die modernen und modernistischen Hoffnungen auf eine Ablösung der bürgerlichen durch eine radikal andere Gesellschaft nicht in Erfüllung gingen, so daß die Moderne nicht nur als »unvollendetes« , sondern zugleich als nicht-realisierbares oder gar unerwünschtes Projekt erscheint.
      Dies bedeutet nicht, wie Welsch richtig gesehen hat2'", daß Vattimo sich gegen die Moderne oder für einen Bruch mit ihr ausspricht; es bedeutet lediglich, daß er die modernen Utopien, allen voran die Utopie der Ãoberwindung, für illusorisch oder gar für gefährlich hält. Zwar sind nicht die totalitären, nach Einheit strebenden Utopien der Rationalisten, Marxisten, Surrealisten oder Futuristen verwirklicht worden, sagt Vattimo, es wurden jedoch die Pluralisierungs- und Partikularisierungsvcrsprechen der Moderne und des Modernismus eingelöst: »Ist die Idee einer zentralen Rationalität der Geschichte erst einmal aufgehoben, explodiert die Welt der generalisierten Kommunikalion wie eine Vielfalt >lokalcr< Rationalitäten - ethnischer, sexueller, religiöser, kultureller oder ästhetischer Minderheiten -, die nun das Wort ergreifen .«"'* Vattimo spricht von einem »Befreiungsprozeß der Differenzen«.""
Im ästhetischen Bereich entspricht diesem Differenzierungsprozeß die Heterotopie, die die utopischen Hoffnungen des Ã"s-thelizismus, der Avantgarden und der 68er Bewegungen ablöst. Es handelt sich folglich nicht »um eine reine und einfache Verwirklichung der Utopie, sondern um ihre verzerrte und veränderte Verwirklichung: die ästhetische Utopie kann nur als Entfaltung von Heterotopie erfolgen«. Diese Heterotopie ist ästhetische Vielfalt: eine radikale Pluralisierung der Gesellschaft, die nicht eine, sondern unzählige Schönheiten anerkennt und sich aus zahlreichen, miteinander konkurrierenden ästhetischen Gemein- schalten zusammensetzt, in denen grundverschiedene Kriterien, Normen und Werte gelten.
      Am Zustandekommen der Heterotopic hat die europäische Massenkultur durchaus teil, ja sie erscheint Vattimo als ihre treibende Kraft: »Die Massenkultur hat, indem sie alles >Schöne< den Werten jener Gemeinschaft, nämlich der europäischen bürgerlichen Gesellschaft, die sich als privilegierte Trägerin des Menschlichen verstand, zugesprochen hat, keineswegs zu einer Nivellierung der ästhetischen Erfahrung geführt; sie hat vielmehr in explosiver Weise die Vielfalt des >Schönen< hervorgehoben, indem sie durch die anthropologische Forschung sowohl verschiedene Kulturen, wie auch interne >Subsysteme< eben gerade der westlichen Kultur zu Wort kommen ließ.«""
Daß die kommerzialisierte Massenkultur keine Nivellierung der ästhetischen Erfahrung bewirkt, klingt zwar beruhigend, ist aber keineswegs sicher. Statt apodiktisch zu behaupten, hätte sich der Fürsprecher der Postmoderne ausführlicher mit Adornos Kommentaren zum infantil-regressiven Charakter der Unterhaltungsmusik auseinandersetzen sollen. Er hätte sich auch fragen können, ob Umberto Ecos subtil konstruierter, aber doch auf den kulturindustriellen Geschmack ausgerichteter Erstlingsroman // nome della rosa durch die Verfilmung nicht vollends nivelliert wird: und zwar so, daß er sich mit dem Mittelalter-Klischee deckt, mit dem die Werbung die Kulturkunden lockt.
      Diese Ãoberlegung ist deshalb wichtig, weil Vattimo ganz zu Recht von der Annahme ausgeht, daß in der gegenwärtigen Situation die ästhetische Sphäre nicht mit der des Kunstwerks zusammenfällt. Nicht nur von der »Marginalisicrung der Literatur«10', sondern von der Marginalisicrung der Kunst insgesamt könnte die Rede sein: in einer Gesellschaft, in der sich Happening, bocly art, Cyberpunk und Werbung die Welt des

Ã"sthetischen teilen. In dieser Welt erscheint die »Kunst der Kunstwerke« als nur eine Möglichkeit unter vielen: »Wenn auf der einen Seite die Kunst in ihrer traditionellen Bedeutung, als Kunst der Kunstwerke, zur Ordnung zurückkehrt, verschiebt sich andererseits in der Gesellschaft der Sitz der ästhetischen Erfahrung: zwar nicht im Sinne des generalisierten Designs und einer universellen gesellschaftlichen Hygiene der Formen und auch nicht als ästhetisch-revolutionäre Befreiung des Daseins im Sinne Marcuses, sondern als Fintfaltung der Möglichkeit des ästhetischen Produkts - wir sagen nicht ohne weiteres des Kunstwerks - >Wclt zu schaffen< und Gemeinschaft zu erzeugen.«

   Vattimo hätte sagen sollen: Welten zu schaffen und Gemeinschaften zu erzeugen, denn die ästhetische Sphäre wird ihm zu einer Vielzahl heterogener Gemeinschaften, von denen die eine Klassik verehrt, die andere für Cyberpunk schwärmt, die dritte Rockveranstallungcn zum Mittelpunkt des Lebens macht, während die vierte zwischen den Gattungen oszilliert. Diese Heterotopic mag man als Befreiung von präskriptiven Ã"sthetiken und Kanonisierungen auffassen - oder aber mit Karel Teige als »Jahrmarkt der Kunst«10'' oder Jahrmarkt der Gefühle: als Kulturindustrie. Die schwer aufzulösende Ambivalenz besteht wohl darin, daß der kompetente Betrachter dieses Geschehens durchaus in der Lage ist, das »Richtige« für sich herauszusuchen, während der inkompetente Konsument hilflos der »psychotcchnischen Behand-lung«1 zum Gegenstand.''"1' Man könnte nun geneigt sein anzunehmen, daß Lyotard die postmoderne Ã"sthetik, wie sie von Vattimo, Eco und Jencks konzipiert wird, nämlich als »Transavantgardc« und konsumierbare Schönhcit für jedermann, durch eine modernistische Ã"sthetik des Undarstellbaren und Unnahbaren ersetzt.
      Diesem Irrtum verfällt Peter Bürger, der tatsächlich meint, Lyotard spiele seine Ã"sthetik des Undarstellbarcn oder Erhabenen gegen Olivas und Jencks' »kämpferische Antimodernc« aus und müsse »sich zugleich von der ästhetischen Postmoderne absetzen«. Der Irrtum setzt sich aus drei Elementen zusammen: aus der simplifizierenden Annahme, daß es nur eine postmoderne Ã"sthetik, nämlich die Olivas, Jencks' u.a., gibt; aus dem komplementären Gedanken, daß jemand, der diese Ã"sthetik ablehnt, ein Gegner postmoderner Ã"sthetik ist ; schließlich aus der Unkenntnis von Lyotards wichtigster ästhetischer Schrift Discours, figure und von seinen Lecons sur L'Analytiquedu sublime , die von L'Enthousiasme und L'Inhu-main angekündigt werden.1"
Wir haben es jedoch nicht mit einer postmodernen Ã"sthetik, sondern mit verschiedenen postmodernen Reaktionen auf die hier skizzierte Problematik zu tun. Zwar distanziert sich Lyotard wie Vattimo von den großen Meta-crzählungen und hält wie der italienische Philosoph an der Hete-rogenität, der Partikularität und der Begriffslosigkeit fest; er lehnt aber eine Hetcrotopic ab, die in seinen Augen auf eine Integration des Ã"sthetischen in den Kulturbetrieb des Spätkapitalismus hinausläuft. Dies ist der Grund, weshalb er den Leser bittet, seine Postmoderne nicht mit der Olivas und Jencks' zu verwechseln. Man sollte diesen Abgrcnzungsversuch analog zur Heterogcnität des Modernismus als Spätmoderne sehen und sich an Adornos Abgrenzungsversuche gegenüber Brecht, Lukäcs und Sartre erinnern.
      Komplementär sind Lyotards und Vattimos Entwürfe einer postmodernen Ã"sthetik insofern, als Lyotard nicht nur die Hctero-topic als Heterogcnität des gesellschaftlichen Ã"sthetischen wahrnimmt, sondern diese Heterogcnität als Widersprüchlichkeit, ja als Widerstreit und Aporie in den ästhetischen Bereich selbst projiziert. Der »Widerstreit« ist nicht nur ein postmoderner, weil partikularisiercnder und pluralisierender Schlüsselbegriff; er ist zugleich der Kernbegriff von Lyotards Werk, der in nuce schon in seiner These d'Etal, in Discours figure, angelegt ist.
      In dieser Frühschrift geht es um die aporetische Aufgabe, über die Malerei zu sprechen, jedoch im Bewußtsein der Unmöglichkeit, sie zu verbalisieren, in Worte zu fassen. Ausgehend von der postmodernen These avant la lettre, daß »die abendländische Ratio die Kunst zusammen mit dem Traum tötet«Szeneriepostmodern< eine Tautologie oder ein Oxymoron, da ja kein Schriftsteller oder Kritiker jemals das Moderne im Sinne des authentisch Selbstgcborenen erreicht, geschweige denn überwindet.«,4S
De Man muß aber nicht recht haben, und im nächsten Kapitel soll - wie im ersten und zweiten - die Frage nach dem Ãobergang von einer modernen und modernistischen zu einer postmodernen Gesellschafts- und Literaturform gefragt werden. Denn es erscheint aus sozialwissenschaftlicher Sicht eher unwahrscheinlich, daß gesellschaftliche und literarische Entwicklung nietzscheanisch als »ewige Wiederkehr« zu deuten ist: Die Entstehung der Europäischen Union wäre auf diese Art sicherlich nicht zu verstehen - es sei denn, daß sie als Wiedergeburt des Römischen oder gar des Heiligen Römischen Reiches betrachtet wird; aber derlei Spekulationen haben nichts mit Sozialwissenschaft zu tun. Es käme darauf an , den Anspruch sozialwissenschaftlicher Theorie gegen die Rhetoriken der Postmoderne zu verteidigen.
     

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