Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Jean-Erancois l.yotard mag nocli so oll behaupten, daß die Post-moderne nicht als neue Epoche oder gar als neues Zeitaller, sondern als eine der Moderne innewohnende kritische Gegen-bewegung aufzufass
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Nietzsches Krben



Nahezu alle wichtigen Themen der hier kommentierten postmodernen Philosophien werden von Friedrich Nietzsches Werk antizipiert, sofern es als eine Reaktion auf den europäischen Idealismus gelesen wird: auf dessen Kernbegriffe wie Geschichte,

Notwendigkeit, Subjekt, Wesen, Wahrheit, Totalität, Dialektik und Arbeit. Alle diese Begriffe werden von Nietzsche - zusammen mit der Begrifflichkeit als solcher - genealogisch ausgehöhlt, ausgezehrt. Wenn er beispielsweise versucht, die scheinbare Notwendigkeit der geschichtlichen Entwicklung aus dem Zufall, das Wesen aus dem Schein und die Wahrheit aus den akkumulierten Figuren der Rhetorik abzuleiten, diskreditiert er die ehrwürdigen Termini des Idealismus. Denn was ist schon »Wahrheit«, wenn sie lediglich aus einer tradierten, angelernten, aber unreflcktierten Metaphorik besteht?
Zu den Schlüsselbegriffen des deutschen Idealismus gehört spätestens seit Hegel die Geschichte als teleologische Entwicklung der Menschheit, die von einem göttlichen oder säkularisierten Subjekt wohlwollend, richtend oder strafend begleitet wird. Aus Nietzsches Sicht wird sie unzeitgemäß. Was ist am Philosophen rückständig? - fragt er und antwortet: »Daß er weiß, was wahr ist, was .«

Lyotard projiziert diese philosophische Problematik in ihren politisch-historischen Zusammenhang, wenn er in Moralites postmodernes die Zurücknahme der dialektischen Ãœberwindung mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Mittel-und Osteuropa verknüpft. Ihm erscheint der Marxismus als letzte metaphysische Teleologie der Geschichte: »Der Marxismus, der letzte Sproß des Christentums und der Aufklärung, scheint seine ganze kritische Kraft eingebüßt zu haben. Er ist mit der Berliner Mauer gefallen.«' Auch Kritiker postmoderner Philosophie nehmen diesen Kontext wahr und erinnern an Beils These über das »Ende der Ideologien«."" Selbst wenn man aus soziologischen Gründen am Ideologiebegriff festhält*1, wird es zusehends schwieriger, die gesellschaftliche Entwicklung mit Comic und Hegel als lineare oder dialektische Entfaltung zu immer höheren Stadien zu denken.
      Dabei setzt sich auch Nietzsches Hinsicht durch, die er möglicherweise den Junghegelianern verdankt, »wie wenig Vernunft, wie sehr der Zufall unter den Menschen herrscht«."' Im Anschluß an den deutschen Philosophen wertet Gilles Deleuze den Zufall der Notwendigkeit gegenüber auf, postuliert die Notwendigkeil des Zufalls und die aus ihm hervorgehende Vielfalt. In einem Kommentar zu Mallarmes Un coup de des ruft er mit Nietzsche zu einer Bejahung des Zufalls auf: »Denn ebensowenig wie das Eine das Viele unterdrückt oder verneint, unterdrückt oder hebt die Notwendigkeil den Zufall auf. Nietzsche identifiziert den Zufall mit dem Vielen, den Hragmenlen, den Gliedern, dem Chaos: dem Chaos der Würfel, die man schüttelt und wirft. Nietzsche macht aus dein Zufall eine Bestätigung, eine Bejahung.«1'' In Deleuzes Nietzsche-Buch heißt es ergänzend: »Oder man behauptet, wie Nietzsche sagt, die Notwendigkeit des Zufalls. Dionysosist Spieler. Der wahre Spieler macht aus dem Zufall einen Gegenstand der Bejahung .«J'' Zufall und Spiel, Fragment und Vielheit: Dies sind die Begriffe eines neuen Denkens, das nach dem Zusammenbruch des hegelianischen Marxismus nicht mehr nach den Gesetzen des historischen Prozesses Ausschau hält.
      Hin solches Denken ist nicht länger der progressiv-kumulativen Auffassung der Geschichte verpflichtet, die Aufklärern, Rationalisten und Dialektikern noch als selbstverständlich erschien. Es fühlt sich eher von Nietzsches zirkulärer Metapher der ewigen Wiederkehr angezogen, die Hyolard mit derZirkulalionssphare des Tauschwerts, Vattimo hingegen mit der Wirkung der Medien assoziiert, die den Menschen das Gefühl der Gleichzeitigkeit und der Wiederkehr vermitteln. In Hyotards Des disposilifs pulsionnels wird unmißverständlich auf den Nexus von »ewiger Wiederkehr« und Kapilalzirkulation hingewiesen: »Man sieht hier, was uns Nietzsche heute bedeutet. Die geregelte Wiederkehr ist das Kapital .«"•' Die Produktion für den Markt erscheint ihm - nicht zu Unrecht -- als »melamorphose sans Tili et sans but«, als »Metamorphose ohne Ende und ohne Ziel«.:K Vattimo bezieht sich wiederum auf das Erleben des Alltags, wenn er behauptet: »Der Hortschritt wird zur Routine .«"'' Bekanntlich ist auch die Routine als Wiederkehr des Inimergleichen darstellbar.
      Sic ist mit der Inlentionalilät eines sozialen oder transzendentalen Subjekts, das für die Erfüllung einer Teleologie verantwortlich wäre, unvereinbar. Der'Tod des göttlichen Subjekts bei Nietzsche hat bei den meisten postmodernen Denkern den Tod des menschlichen Subjekts zur Folge, das im Rahmen der marxistischen Diskurse noch hoffen konnte, die göttliche Vorsehung durch historische Praxis zu ersetzen.
      Michel Foucault, den H. Fink-Eitel mit Recht als »Doppelgänger Nietzsches« bezeichnet, stellt Hegel und Marx gemeinsam auf den Kopf, wenn er in seinem wichtigen Aufsatz, über Nietzsches »Genealogie« die Geschichte nicht als Selbstverwirklichung des göttlichen oder menschlichen Subjekts, sondern als dessen Selbstauslösung betrachtet: »Wird sie genealogisch ausgerichtet, dann hat die Geschichte nicht den Zweck, die Wurzeln unserer Identität zutage zu lordern, sondern im Gegenteil: sie aufzulösen; sie bewirkt nicht, daß wir den einzigen Ursprung, aus dem wir hervorgegangen sind und zu dem wir den Metaphysikern zufolge wie in unsere erste Heimat zurückkehren werden, zu Gesicht bekommen; sie läßt alle Brüche zutage treten, die uns durchziehen.«" An anderer Stelle ist von einer »dissocialion systemalique de notre identite«" die Rede.
      Es ist, als hätte sich in dieser Passage der Philosoph Foucuull vorgenommen, in einem Nietzsche-Kommentar sein gesamtes Programm einer »Archäologie des Wissens« und einer »Genealogie der Macht« in komprimierter Form zusammenzufassen. Denn er zeigt, wie in einer gesellschaftlichen Situation, in der sich das Telos der Geschichte als eitle Schimäre erweist, individuelle und kollektive Subjektivität nicht mehr als Einheit denkbar ist. Nur noch ihre Zerfallsprodukte, ihre Brüche und Fragmente sind darstellbar. In diesem Zusammenhang spricht Vattimo von einer »finitezza del soggclto« und einem »sfondamento«: einer »Endlichkeit des Subjekts« und einer »Aufhebung des Grun-des«.
      Innerhalb der postmodernen philosophischen Problematik, die - wie die soziologische und die literarische - von einer starken Partikularisicrungstendenz durchzogen wird, tritt der physische Körper als menschliches Leben an die Stelle des metaphysischen Subjekts. In seinen wichtigsten Untersuchungen über den Wahnsinn , die Kriminalität und die Sexualität geht es Foucault in erster Linie um die politische und wissenschaftliche Verwaltung des menschlichen Körpers und um die Frage, wie aus dieser Verwaltung, die stets Machtausübung ist, Subjektivität hervorgeht. Wie wird der Einzelne als pltysis von Macht und Verwaltung zu dem gemacht, was er ist: zum empfindenden, denkenden und handelnden Subjekt? Dabei wird die im Idealismus stets freie und verantwortliche Subjektivität tendenziell auf ihre Körperlichkeil reduziert. »Aus Nietzsches Sicht wurde die moderne Kultur vor allem durch fehlende Vitalität gekennzeichnet«1'4, bemerkt .lose-Gilherme Merquior und fügt hinzu: »Was sie aus Foucaults wie auch aus Adornos oder Marcuses Sicht charakterisiert, ist ihr Zwangscharakter.«
Foucaults Position erscheint ihm in diesem Zusammenhang als ein Plädoyer für den malträtierten Körper: »Unsere Freiheit ist unser physisches Leben, das nicht von den gesellschaftlichen Regeln kolonisiert wurde.«"' Diese Deutung mag eine Ãœbertreibung sein, die bestenfalls noch für den ersten Band von Histoire de la sexualite gilt, nicht jedoch für die beiden folgenden Bände, in denen es u.a. um die Selbstverwirklichung innerhalb bestimmter sozialer Normen- und Wertesyslcmc geht. Sie ist dennoch brauchbar, weil sie die postmodernc Abkehr von Vernunft und Wahrheit erkennen läßt, die bei Foucault mit einer Hinwendung zur Körperlichkeit cinhergeht. Nicht zufällig steht am Beginn von Surveiller et punir das qualvolle Martyrium des erfolglosen Königsmörders Damicns aus dem Jahr 1757, das den physischen Aspekt der Unterdrückung sinnfällig machen soll: »Le corps des condamnes«, lautet der Titel des ersten Kapitels.
      Dieser Partikularisicrungstendenz als Ausrichtung auf die physis entsprach schon bei Nietzsche ein radikaler Zweifel an den komplementären Begriffen Wesen und Wahrheit, die universelle Geltung beanspruchten und den Kern des Piatonismus, später des deutschen Idealismus ausmachten. Nietzsche glaubt nicht , daß sich irgendein Wesen hinter den Erscheinungen verbirgt: »Was ist mir jetzt >Scheinein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünkeiK.« Vcrsprachlichung als Lokalisierung und Partikularisierung des Wahrheitsbegriffs: Wenn Wahrheit rein konventionellen Charakter hat, d.h. an Ort und Zeit gebunden ist, kann sie auch keine universelle Geltung beanspruchen, weil sie Ausdruck von besonderen Konstellationen und Machtverhältnissen ist.
      Zusammen mit der begrifflichen Wahrheit wird von den postmodernen Nietzscheanern das rationalistische und marxistisch-hegelianische Ideal einer allgemeingültigen wissenschaftlichen Erkenntnis verabschiedet. Als Eirben Nietzsches suchen sowohl Rorty als auch Deleuze die wahren Empfindungen eher im Bereich der Kunst als in der Welt der Wissenschaft. Schon Nietzsche wertete in der Fröhlichen Wissenschaft und einigen anderen Schriften die Kunst der von positivistischen Idealen beseelten Wissenschaft des 19. Jahrhunderts gegenüber auf: »Hätten wir nicht die Künste gutgeheißen und diese Art von Kultus des Unwahren erfunden: so wäre die Einsicht in die allgemeine Unwahrheit und Verlogenheit, die uns jetzt durch die Wissenschaft gegeben wird , gar nicht auszuhalten.«

All diese Kritik des begrifflichen Denkens knüpft Rorty an, wenn er den postmodernen »Tcxtualismus« gegen das Wissenschaftsideal der metaphysischen Tradition ausspielt und behauptet, »der Tcxtualismus des 20. Jahrhundert die Literatur in den Mittelpunkt stellen und sowohl Wissenschaft als auch Philosophie bestenfalls als literarische Gattungen behandeln« . Dem entspricht, wie sich noch zeigen wird, Delcuzes Versuch, kreative Momente im ästhetischen Sinne in den philosophischen Diskurs aufzunehmen, sowie Dcrridas Wunsch, die Trennungslinie zwischen Philosophie und Literatur zu tilgen.
      Wo der Anspruch des philosophischen oder wissenschaftlichen Denkens erlischt, Wirklichkeitswahrnehmung durch Hrkenntnis von Wesen und Wahrheit zu vereinheitlichen, dort zerfällt Hegels Kategorie der Totalität in Vielheil und Heterogenität. In Delcuzes Kommenlaren erscheint Dionysos als tragische Gestalt, als Garant des .Schöpferischen und der Vielfalt: »Dionysos bejaht alles, was in Erscheinung tritt, >noch das herbste Leiden

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