Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Jean-Erancois l.yotard mag nocli so oll behaupten, daß die Post-moderne nicht als neue Epoche oder gar als neues Zeitaller, sondern als eine der Moderne innewohnende kritische Gegen-bewegung aufzufass
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Erkenntnistheorie II: Sprache, Begriff, Partikularität -von Deleuze und Derrida zu Vattimo



Eine Darstellung poslmodemer Erkenntnistheorie wäre unvollständig, wenn sie nicht die »sprachliche Wende« in Betracht zöge, die ganz wesentlich zur Stärkung der neuromanlischen und vor allem nietzscheanischen Partikularisierungs- und Pluralisierungs-lendenzen beitrug. Die beiden Werke von Gilles Deleuze, Differcnce et rcpeiiiion und Logique du sens , die fast gleichzeitig erschienen sind, ergänzen einander insofern, als das erste Buch den Partikularismus des zweiten auf sprachlich-begrifflicher Ebene konkretisiert. Zugleich verweist es auf Jacques Denidas niemals Wiederholung des Selben sein kann, weil die wiederholten Elemente von keinem ihnen allen gemeinsamen BcgrilT als Ursprung oder Sinnpräsenz eingefaßt werden.
      Um diese These zu veranschaulichen, unterscheidet Deleuze zwei Arten der Wiederholung: die platonische und die nietzschea-nische. Während die platonische Wiederholung auf der Idee des Selben oder des unveränderlichen Originals gründet, geht der nietzscheanische Gedanke der Wiederholung von der reinen Differenz aus, die nicht Differenz im Hinblick auf ein unveränderliches Original ist, sondern Bewegung, Abweichung.
      Deleuze stellt die platonische Unterscheidung von Original und Kopie radikal in Frage und nimmt sich eine »Umkehrung des Piatonismus« vor: »Die Aufgabe der modernen Philosophie wurde definiert: als Umkehrung des Platonismus .«1" Allerdings bedeutet renversement nicht nur »Umkehrung«, sondern auch »Umsturz«, denn: »Die heraklitischc Welt rumort im Platonismus«.1"' Man könnte an dieser Stelle weiter ausholen und durchaus im Sinne von Deleuzc hinzufügen: die nietzscheanische Welt ist Piatos Ideulismus eingeschrieben und schickt sich an, sein System zu sprengen.
      'Tatsächlich behauptet Deleuzc - ähnlich wie Derrida in Ui Disscmination -, daß ein bestimmter Antiplatonismus im Platonismus selbst enthalten ist: »Unter den ungewöhnlichsten Passagen bei Plato, die den Antiplatonismus im Herzen des Platonismus offenbaren, gibt es diejenigen, die nahelegen, daß das Differente, das Unähnliche, das Ungleiche, kurz: das Weiden, sehr wohl nicht bloß Mängel sein könnten, die das Abbild affizieren, als Preis für seinen zweitrangigen Charakter, als Ausgleich für seine Ã"hnlichkeit, sondern daß sie selbst Urbilder sind, schreckliche Urbilder des Pseudos, in denen sich die Macht des Falschen entfaltet.«"*" Anders gesagt: Einige Ã"ußerungen in Piatos Werk wecken Zweifel an der Existenz eines mit sich selbst identischen Originals oder eines mit sich selbst identischen Begriffs, von dem alle differierenden oder ähnlichen Einheiten als mehr oder weniger treue oder abweichende Kopien abgeleitet werden könnten.
      Das platonische Verhältnis von Erscheinung und Wesen, Urbild und Abbild wird von Delcuze nicht so sehr umgekehrt oder umgestülpt , sondern nietzscheanisch eingeebnet, so daß schließlich die »Welt des Scheins« mit der Wirklichkeit zusammenfällt und der Gegensatz von phainomenon und noumenon aufgehoben wird. Zugleich zerfällt der Gegensatz von Urbild oder Original einerseits und Abbild oder Simulakrum andererseits, und die Welt der Simu-lakren erscheint - wie beim Nietzscheaner Baudrillard - als die einzig denkbare.

     
Die voneinander abweichenden Simulakren können nicht auf ein gemeinsames Urbild als Original oder Ursprung bezogen werden, sondern nur auf die Differenzen, die zwischen ihnen herrschen: »Das Trugbild ist jenes System, in dem sich das Differente mittels der Differenz selbst auf das Differente bezieht.«1"'' Mit anderen Worten: Nur die Unterschiede sind wahrnehmbar und kein Oberbegriff, der allen Simulakren gemeinsam wäre; der es uns gestatten würde, sie einer begrifflich definierbaren Einheit zu subsumieren und diese als Sinngegenwart oder Sinndarstellung aufzufassen.
      Sowohl in Difference et repetition als auch in Logique du xenx wendel sich Deleuzc gegen die platonisch-hegelianische Neigung zur Vereinheitlichung und Identitätsbildung. Als bad guys treten wie in allen postmodernen Philosophien die »Kategorien der Repräsentation, die in der Vorbedingung des Selben, des Einen, des Identischen und des Gleichen verkörpert sind«1'"', auf. Die Wiederholung als Wiederholung des Nicht-Gleichen, Nicht-Identischen und Vielfältigen ist Nietzsches »ewige Wiederkehr«, so wie sie auf recht eigenwillige Art von Deleuze aufgefaßt wird: »Die ewige Wiederkunft läßt nicht das Selbe und das Ã"hnliche wiederkehren, sondern leitet sich selber aus einer Welt der reinen Differenz ab Es versteht sich fast von selbst, daß einer Welt der reinen Differenz nur ein vielfältiges Subjekt im Sinne von Vattimo und Lyotard entsprechen kann. Wie bei Vattimo ist auch bei Deleuze die Welt des Scheins eine Welt der Vielfalt, der Abweichung und des Zufalls: »Das Subjekt der ewigen Wiederkehr ist nicht das Selbe, sondern das Differente, nicht das Ã"hnliche, sondern das Unähnliche, nicht das Eine, sondern das Viele, nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall.«1' Nietzscheanisch und antiplalo-nisch oder antihcgelianisch ist in dieser Passage nicht nur die Rhetorik der Vielfalt, sondern auch die Aufwertung des Zufalls der Notwendigkeit gegenüber: eine Tendenz, die schon die Junghegelianer als Vorläufer Nietzsches eingeleitet haben.1'"
Deleuze, der in Logique du sens behauptet, daß das Vielfältige als Vielfältiges bejaht werde, wie auch das Verschiedene als Verschiedenes Freude bereite1''', wird von Wolfgang Welsch allerdings so verstanden, daß er die Andcrsheit nicht absolut setzt , sondern für ihre »transversale« Verknüpfung plädiert: »Iis gilt, Andersheiten versiehen zu können, die nicht radikal different sind, sondern zugleich Momente von Gleichheit einschließen.«1'^ Iis bleibt jedoch Deleuzes, Guattaris und Welschs Geheimnis, wie das Rhizoin als verbindendes oder vermittelndes Denken, das in Mille plateaux völlig vage als »azenlrisches, nicht hierarchisches und asignifikantes System ohne General« und »einzig und allein durch eine Zirkulation von Zuständen«1'"' umschrieben wird, irgendeine vermittelnde Funktion erfüllen soll.
      Zwar gibt es Versuche in Deleuzes Werk, die disparalen Finhcitcn der gefeierten Vielfalt wieder zusammenzuführen , aber die generelle Stoßrichtung seiner Argumentation ist unübersehbar: Sic stemmt sich gegen den Universalanspruch der Begrifflichkeit, ja gegen den Begriff als solchen. Es geht in einem ersten Schritt darum, die Differenz, ohne Begriff zu denken, es gehl »um die Explikation der Möglichkeit von begrifflosen Differenzen«.1'"* In einem zweiten Schritt soll gezeigt werden, wie das Differcnte und Vielfältige die begriffliche Darstellung sprengt. Von der Idee, die er vom Begriff unterscheidet, sagt Deleuze, sie befreie die Differenz in »positiven Systemen, in denen sich das Differcnte auf das Differcnte bezieht, wobei sie aus Dezcntricrung, Disparität und

Divergenz jeweils Gegenstände von Bejahung macht, die den Rahmen der begrifflichen Repräsentation aufbrechen«.IW Angesichts dieses begriffsfeindlichen Affekts, dessen Aufwertung des mythischen Aktanten der difference nicht nur eine drastische Partikularisierung des Denkens zur Folge hat, sondern einer schlichten Absage an den Begriff gleichkommt, sind die von Welsch beschworenen »Momente der Gleichheit« in Deleuzes Denken nur schwer vorstellbar. Denn das »Gleiche« und »Ã"hnliche«, das von Deleuze - wie sich gezeigt hat - systematisch geleugnet wird, ist nur als begriffliches denkbar.
      Im Gegensatz zu Adorno, der sich vornahm, »über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen«"00, ohne die Ratio der Mi-mesis zu opfern, sind postmodernc Autoren durchaus gewillt, die philosophische Begrifflichkeit durch Liierarisierung der Philosophie oder durch Rhetorik als Zusammenspiel von Tropen zu ersetzen. Dies gilt nicht nur für Deleuze, Rorty und Lyotard, der in Economic libidinale jede Art von Theoriebildung ablehnt*'", sondern auch für Derrida, dem in De la gntmmatologie der Begriff als notwendiges Ãobel erscheint, der es dem Dekonstruktivi-sten gestattet, die metaphysische Maschine' zu zerlegen, zu dekonstruieren. Aus postmoderncr Sicht fördert der Begriff nicht die Erkenntnis, sondern behindert sie, weil es ihn strenggenommen nicht gibt: weil er sich bei näherer Betrachtung als gegenwärtiger Sinn oder Sinnpräsenz, d.h. als Illusion, auflöst.
      Ahnlich wie bei Deleuze, dessen nietzscheanische Wiederholung niemals das Selbe, sondern immer nur ein Anderes, ein Divergierendes oder [afferentes als Simulakrum auftreten läßt, wird bei Derrida Wiederholung als iterabilite, d.h. als endlose Sinnverschiebung aufgefaßt. Im Gegensatz zur anglo-amerikani-schen Sprechakttheorie Auslins und Scarles, im Gegensatz zu rationalistischen Semiotikern wie Greimas, die von einer »platonischen« Wiederholung als iterativite ausgehen, die wesentlich zur Sinnkonstitution beiträgt, behauptet Derrida, daß Wiederholung primär sinnzersetzend wirkt. Die Wiederholung eines und desselben Wortes im Text oder in einer bestimmten Kommunikationssituation trägt nicht zu seiner eindeutigen Definition bei, sondern hat eine Sinnverschiebung zur Folge, die nicht cingrenzbar ist, weil sie wie bei Deleuze - nur Differenzen erkennen läßt, nicht aber einen gegenwärtigen Sinn.
In ITilge gestellt wird hier Saussures platonisch-carlesianisehe Vorstellung von einem transzendentalen Signifikat, das nur als Sinngcgenwarl denkbar ist. Doch die Annahme einer Sinngegen-warl, die Saussures Konstruktion des Sprachsystems zugrunde liegt, geht Derrida zufolge aus der rationalistischen Illusion hervor, daß es möglich sei, die Bedeutung eines ein/einen Elements im Rahmen des Systems als geschlossener Totalität vollständig zu bestimmen. Das Sprachsystem aber, das dem historischen Wandel unterliegt, ist offen, und der Strukluralist Saussure, der ganz zu Recht annimmt, daß die Bedeutung eines Wortes wie Literatur, Schrift oder Text nicht an und für sich existiert, sondern nur ex negativa durch Differenz zu »benachbarten« oder semantisch »verwandten« Wörtern zustande kommt, übersieht, daß diese Differenz nicht Abweichung von einem transzendentalen Signifikat ist, sondern endlose Sinnverschiebung.
      Derrida bezeichnet diese Sinnverschiebung mit dem Neologismus differance , um auszudrücken, daß die Unterscheidung von Literatur und Schrift, von Schrift und Text nicht durch Bezugnahme auf die Sinngcgenwarl eines oder mehrerer Signifikate fixiert werden kann, sondern zu einer endlosen Verschiebung des Sinnes führt. Sie beschreibt er als unabschließbare Bewegung von einem Signifikanten zum nächsten: »Und wenn die Bedeutung des Sinns unendliches Einbegriffensein ist? Die unbestimmte Rückverweisung eines Signifikanten auf einen Signifikanten? Wenn seine Kraft eine gewisse reine und unendliche Mehrdeutigkeit ist, die dem bezeichneten Sinn keinen Aufschub und keine Ruhe läßt, die ihn in seiner eigenen Ã-konomie auffordert, zum Zeichen zu werden und sichselbst aufzuschieben'! Außer im Livre irrealise von Mallarme gibt es keine Selbstidcntität des Geschriebenen.«20'
An dieser Stelle kehrt die Argumentation zu Deleuze zurück: Es gibt nur die Differenz als Abweichung oder Verschiebung, und sie kann durch kein mit sich selbst identisches Signifikat als Ursprung oder Originalbegriff begründet werden. Wie Deleuze argumentiert Derrida in der Nachfolge Nietzsches: Es gibt kein Wesen als Signifikat oder Begriff, sondern nur das unabschließbare Zusammen.v/>/

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