Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Der Titel deutet bereits an, daß sich die Problematik auf lileratur-wissenschalllicher Ebene verschiebt, weil hier nicht so sehr der Gegensatz zwischen Moderne und Poslmodcrne die Diskussion beherrsch
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» Moderne / postmoderne literatur
» Modernismus und Postmoderne: Die literatur wissenschaftliche Debatte
» Die Problematiken des Modernismus und der Postmoderne: Ambiguität, Ambivalenz und Indifferenz

Die Problematiken des Modernismus und der Postmoderne: Ambiguität, Ambivalenz und Indifferenz



Die literarische und literalurwissenschaftliche Diskussion hat hier auch deshalb einen »paradigmatischen« Stellenwert, weil eine der gegenwärtigen Bedeutungen des Wortes »Postmoderne« in den Jahren 1959-60 entstanden ist, als die amerikanischen Lileraturwissenschaftler Irving Howe und Harry Levin4'' die Nachkriegsliteratur als »postmodern« abqualifizierten. In ihren Augen erreichte sie nicht mehr das Niveau der großen Meister der Moderne: Eliots, Thomas Manns, Prousts. »Es blieb Leslie Fiedler, mir und anderen überlassen«, erinnert sich Ihab Hassan, »den Begriff in den 60er Jahren mit voreiliger Zustimmung und sogar einem Körnchen Bravur zu verwenden.« Vor allem Fiedler laßt, wie noch zu zeigen sein wird, die postmoderne Schreibweise als einen Brückenschlag von der anerkannten zur populären Literatur auf.
      Im literarischen Bereich dreht John Barth ebenfalls den Spieß gegen Apologeten der Hochmoderne wie Howe und Levin um, wenn er in seinen berühmt gewordenen Artikeln »The Literature of Exhaustion« und »The Literature of Replenishment: Postmodernist Fiction« in der modernistischen Tradition eine gewisse Blutarmut diagnostiziert und postmoderne Alternativen entwirft. Die schroffe Ablehnung der realistischen Erzählung, der Illusionsbildung, der bürgerlichen Vernunft und der Moral der Mittelklasse durch die Modernislen sei zu einseitig, denn: »Zu-sammenhanglosigkeit, Collage, Irrationalismus, Antiillusionismus, Sclbslreflexion, Sclbstrefercnlialität, olympische Attitüden in der Politik und ein moralischer Pluralismus, der sich der moralischen Entropie nähert - sind auch nicht die ganze Wahrheit.«

Als Programm der literarischen Postmoderne schlägt Barth eine Ãoberwindung der Kluft vor, die sich zwischen modernistischer Literatur und bürgerlichem Alltag aufgetan hat, und faßt eine Synthese zwischen den erzählerischen Konventionen des 19. und den Eixperimenten des 20. Jahrhunderts ins Auge: »Mein idealer postmoderner Autor lehnt weder völlig ab noch imitiert er bloß seine modernistischen Eltern des 20. oder seine vormodemisti-schen Großeltern des 19. Jahrhunderts.«" Ohne radikal mit dem modernistischen Experiment zu brechen, besinnt sich dieser Autor auf den Wert der vormodernistischen Romantradition, die in der volkstümlichen Kultur der Mittelklasse beheimatet ist .
      Dieses Plädoyer für eine Erneuerung der Literatur durch Rückgriff auf bewährte Erzählformen mag konservativ anmuten; sie antizipiert aber Umberto Ecos drei Jahre später erschienene Nachschrift zum Namen der Kose, in der die Erschöpfung des Modernismus als Avantgarde verkündet wird: »Es kommt jedoch der Moment, da die Avantgarde nicht mehr weitergehen kann . Die poslmodcrne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, daß die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefaßt werden muß: mit Ironie, ohne Unschuld.« Auch hier führt also der Weg aus der Sackgasse des Modernismus zurück zu tradierten Erzählmustern.
      In dieser sprachlichen Situation, in der die einen sich enttäuscht von einer inhaltsleeren oder marktkonfomicn Literatur abwenden, während andere eine Postmoderne zelebrieren, die sich mit bürgerlichen Konventionen und den Gepflogenheiten der Kulturindustrie versöhnt, ist die Versuchung groß, flugs Partei für die einen oder die anderen zu ergreifen oder gar mit gezücktem Marx-, Lukäcs- oder Adorno-Schwert eine Attacke gegen das rote Tuch der Postmoderne zu reiten. Das tut beispielsweise Terry Eagleton, wenn er die postmoderne Literatur pauschal mit Ver-dinglichung und affirmativer Ideologie identifiziert. Linda Hut-cheons Gegenangriff ss laßt nicht auf sich warten, und der Taubstummendialog zwischen Brecht, Lukäcs und Anna Seghers erlebt eine Neuauflage in postmodernem Gewand.
      Es ist auch denkbar, daß »der Modernismus« und »der Postmodernismus« überhaupt nichts tun, weil sie komplexe und heterogene Systeme im Sinne von McHale sind, die allmählich, durch eine Verschiebung innerhalb der literarischen und gesellschaftlichen Problematik, aus der Romantik und dem Realismus hervorgehen. Dies meint z. T. auch Rolf Günter Renner, wenn er erklärt: »Die frage nach dem Verhältnis der Termini modern und postmodern kann schon von daher auf keine Bpochenbestimmung im üblichen literaturwissenschaftlichen Sinn zielen, sondern muß von vornherein die Beschreibung einer Konstellation von Diskursen und Erfahrungen ins Auge fassen, die bereits in der Moderne entstehen, gleichwohl deren Grenzen markieren.«y'
Dazu ist zweierlei zu sagen: Es ist sicherlich ergiebiger, Modernismus und Postmoderne als Konstellationen von Diskursen und Erfahrungen zu denken, als zu versuchen, sie auf Ideologien, Ã"sthetiken oder Stilistiken festzulegen: Was hier mit Problematik ausgedrückt wird, überschneidet sich in einigen Punkten mit Renners Auffassung der Konstellation. Es sollte jedoch ergänzt werden, daß Modernismus und Poslmoderne - vor allem angesichts der von Soziologen beschriebenen gesellschaftlichen Umschichtungen - sehr wohl historisch-chronologisch als Epochen darstellbar sind: unter der Voraussetzung allerdings, daß auch Epochen wie Romantik oder Realismus nicht einfach als Ã"sthetiken oder Stilrichtungen, sondern als Problematiken oder Konstellationen gedacht werden. Auch die Romantik, die Quino-nes für die eigentliche Vorgängerin und Konlrahentin des Modernismus hält, erscheint bei näherer Betrachtung als ein komplexes System von ideologischen und ästhetischen Positionen, in dem

Shelleys Anarchismus und Chateaubriands oder Novalis' Konservatismus kollidieren. Insofern hätte Renner seine Position offensiver vertreten und behaupten können, daß auch die älteren lileraturwissenschaftlichen Epochen als Konstellationen aufzufassen sind.
      Der Realismus, aus dem in den meisten literaturgcschichtlichen Betrachtungen der Modernismus hervorgehen soll", ist, vor allem, wenn er im Gegensatz, zum altersstarren Klassizismus oder zu einer sich auflösenden Romantik beschrieben wird, als gesell-schaflskrilische oder gar revolutionäre Bewegung darstellbar. Stephan Kohl übertreibt nicht, wenn er vom »engen Zusammenhang« spricht, »den man damals zwischen Demokratie, der Revolution von 1848 und Realismus sah«.â"¢ Dennoch hat man den europäischen Realismus des öfteren einer konservativen Gesinnung geziehen: nicht nur in Anbetracht von Balzacs lcgilimisli-scher Tendenz, sondern auch im Hinblick auf C E. Meyers histo-rislische Flucht aus der Moderne, die mit Spielhagens bisweilen radikalem Liberalismus nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Auch der Realismus ist also nicht als einheitliche Ideologie oder Ã"sthetik darstellbar.
      Gemeinsam scheint den Realisten die Annahme zu sein, daß es möglich ist, die Wirklichkeit mimetisch wiederzugeben und die Zweideutigkeit oder Ambiguität, die den kognitiven oder ästhetischen Darslellungsversuchen Widerstand leistet, zu überwinden. In dieser Hinsicht waren sie Hegelianer, und Hegel wird von John E. Smith zu Recht als philosophischer Realist definiert: »In dieser Hinsicht war Hegel durch und durch Realist: Was wir erkennen, sind die Dinge selbst, ihre Eigenschaften, Einheiten, Beziehungen. Für Hegel ist das Wirkliche nicht hinter oder jenseits, sondern in dem von uns Wahrgenommenen enthalten.«S Wie die Realisten - obwohl in einem anderen Kontext - glaubt Hegel an die Mög-lichkeit, Zweideutigkeiten und Widersprüche, die sich unserer Erkenntnis entgegenstellen, durch ein synthetisierendes Denken zu überwinden.
      Parallel dazu nimmt sich Balzac vor, »ein mehr oder weniger treuer Maler« seiner Gesellschaft zu sein und stellt seinen Roman Les Paysans als eine gesellschaftskritische Studie dar: »Ich beobachte die Entwicklung meiner Epoche, und ich veröffentliche dieses Werk.« '' Die Möglichkeit, eine Epoche erzühlcrisch-mimetisch darzustellen, setzt allerdings die Erkennbarkeit der Situationen, Figuren und Handlungen voraus. Sie ist in der Comedie Humaine insofern gegeben, als Autor und Erzähler in der Ansicht übereinstimmen, daß kognitive, ethische und psychische Zweideutigkeiten aufgelöst werden können, so daß schließlich die Wahrheit - Hegel würde sagen: das Wesen hinter den Erscheinungen - zutage tritt.
      Gleich zu Beginn der Itlusions perdues nimmt sich der Erzähler vor, Mine de Bargeton, eine der Hauptfiguren des Romans, zu erklären: »comprendre Mme de Bargeton, un des personnages les plus importants de cette histoire«.'' Wenige Seilen später wird dieses erzählerische Vorhaben mit Erfolg abgeschlossen: Mme de Bargeion wird vom »scharfsinnigen Beobachter« ihrem Wesen nach erkannt: als Liebende ohne Geliebten, »enfin l'amour sans ramant«.''' Um ja keine Zweifel aufkommen zu lassen, wird dieser Befund vom Erzähler bestätigt: »Et c'etail vrai.«" Von solch realistischer Zuversicht können die modernen und postmodernen Erzähler Kafkas, Becketts oder Robbe-Grillets nur träumen.
      Tatsächlich gehen die Realisten von der Annahme aus, daß ihre Erzähler in der Lage sind, die Dinge so darzustellen, wie sie sind, so daß sich eine Reflexion über die Kontingenz des Erzählerstandpunkts erübrigt. »Erlaubt ist ausschließlich die fortschreitende epische Darstellung unter völliger Ausschaltung des Erzäh-lers«'' bemerkt Stephan Kohl im Zusammenhang mit Spielhagen. Diese Einstellung ist auch die des italienischen Veristen Giovanni Verga, der in seiner Einleitung zu L'aman/e di Grarnig-na nach einer wahren und realistischen Darstellung strebt, die uns die Gegenwart des Erzählcrsubjekts vergessen läßt: Das Kunstwerk »wird das Siegel des wirklichen Ereignisses tragen« und wird uns »als aus sich selbst entstanden erscheinen« .'* Es fällt auf, daß hier zusammen mit der Frage nach der Kontingenz des Erzählerdiskurses die Frage nach der Konstruktion der Wirklichkeit ausgeblendet wird.
      Diese ontologische Zuversicht gehl dem späten Realismus verloren: »Im Werk Raabes zeigt sich beispielhaft für den deutschen Realismus des 19. Jahrhunderts, wie die Ãoberzeugung von einer erkennbaren Weltharmonie mehr und mehr von Zweifeln bedroh! wird und die Darstellung eines Zusammenhangs der Dinge< nur als subjektive Setzung gelingt.«''' In diesem Kommentar von Stephan Kohl zeichnet sich die aus dem Realismus hervorgehende Problematik des Modernismus ab: Die von Hegel und den Realisten epistemologisch und ästhetisch überwundene Ambiguität erscheint von nun an als extreme Ambivalenz, deren Aufhebung in einer logischen, phänomenologischen oder ästhetischen Synthese nicht mehr möglich ist. Zugleich wird die poetische oder erzählerische Konstruktion der Wirklichkeit als solche, d.h. als »subjektive Setzung«, sichtbar: als konlingente conjeeture im Sinne von Popper, die der Widerlegung, der refutation durch Ereignisse und Gegenentwürfe, ausgesetzt ist.
      Der Denker der extremen Ambivalenz ist, wie sich gezeigt hat, Friedrich Nietzsche, dessen Antihegelianismus und Antircalismus auf die wichtigsten modernen Autoren nachhaltig eingewirkt haben. Seine Umwertung aller Werte führt eine Ambivalenz als eoineidentia opposiiorum herbei, die sich nicht nur im ethischen und ästhetischen, sondern auch im erkenntnistheoretischen Bereichauswirkt: »Kann man nicht alle Werte umdrehn? und ist Gut vielleicht Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist alles vielleicht im letzten Grunde falsch?«''
In Zweifel gezogen wird Hegels und der Realisten Allerhei-ligstcs, nämlich unsere Vernunft: »Daß die Welt nicht der Inbegriff einer ewigen Vernünftigkeit ist, läßt sich endgültig dadurch beweisen, daß jenes Stück Welt, welches wir kennen - ich meine unsre menschliche Vernunft -, nicht allzu vernünftig ist.«'1'' Diese Art von Selbsterkenntnis, die den »endgültigen Beweis« nur ironisch, d.h. negativ auffassen kann, wirkt sich auch auf unser logisches Vermögen aus: »Woher ist die Logik im menschlichen Kopfe entstanden? Gewiß aus der Unlogik, deren Reich ursprünglich ungeheuer gewesen sein muß. Aber unzählig viele Wesen, welche anders schlössen, als wir jetzt schließen, gingen zugrunde: es könnte immer noch wahrer gewesen sein! Wer zum Beispiel das >Gleiche< nicht oft genug aufzufinden wußte, in betreff der Nahrung oder in betreff der ihm feindlichen Tiere, wer also zu langsam subsumierte, zu vorsichtig in der Subsumption war, hatte nur geringere Wahrscheinlichkeit des Forllebens als der, welcher bei allem Ã"hnlichen sofort auf Gleichheit riet.«

   Diese Passage ist nicht nur deshalb wichtig, weil sie die abendländische Logik dem Zweifel der extremen Ambivalenz aussetzt , sondern weil sie den Nexus von Ambivalenz. Kontingenz und Partikularisierungstetidenz erkennen läßt, der zu den wichtigsten Komponenten der modernistischen Problematik gehört . Die Logik haben nach Nietzsche diejenigen erfunden, die aus Angst oder Hunger zu schnell subsumierten, allzu großzügig klassifizierten. Wenn diese Argumentation, die jedem Carlesianer und Hegelianer zum Alptraum werden muß, zutrifft, dann ist unsere Logik konlingent, weil zufallsbedingt und partikular: nicht vcrallgemeinerungsfähig.
      Komplementär zu diesen Ãoberlegungen Nietzsches verhalten sich Baudelaires religionskrilische Betrachtungen, in denen Reli-gion und Prostitution, Heiliges und Profanes, Christentum und Heidentum, Wahrheit und Aberglaube miteinander in einem vom Willen zum Sakrileg beseelten Diskurs verknüpft werden:
Analyse des contre-religions, exemple: la Prostitution sacree. Qu'est-ce que la Prostitution sacree? Hxcitalion nerveuse. Mysticitc du paganisme.
      1.0 myslicismc, Irait d'union entre le paganisme et le christianisnie. I.e paganismc et le christianisnie se prouvent reciproquenient. I.a revolution et le eulte de la Raison prouvent l'idee du sacrilice. I.a superstition esl le reservoir de toutes les veriuis.
      Es ist frappierend, wie in Anlehnung an Benjamin Constanl'", aber lange vor Nietzsche die eoineidentia oppositorum der extremen Ambivalenz im französischen Kontext praktiziert wird: »Der Aberglaube ist das Reservoir aller Wahrheiten«, sagt der Dichter und antizipiert Nietzsches bekannte These über den »Trieb zur Metaphernbildung«", der bei ihm als Grundlage der metaphysischen Wahrheit erscheint. Bei beiden Autoren fällt der Wahrheitsbegriff einerseits der Zu-sammenführung der Gegensätze, von der auch Walter Benjamin im Zusammenhang mit Baudelaire spricht74, andererseits der aus ihr resultierenden Partikularisicrungstendenz zum Opfer. Wo die Wahrheit bald als Zufallsprodukt des Aberglaubens, bald als das Ergebnis einer zufallsbedingten Metaphernbildung erkannt wird, dort ist ihre Kontingenz besiegelt, weil ihr Anspruch auf All-gemeingülligkeil hinfällig wird.
      Wie sieht nun die Ambivalenz als strukturierendes Prinzip moderner Literatur aus? Bevor die modernistische Problematik in großen Zügen und gleichsam als modele reduit des fünften Kapi-lels dargestellt wird, sollen einige ihrer Schlüsselbegriffe wie Ambivalenz, Ironie, Kontingenz und Subjektkrise anhand von Robert Musils Drama Die Schwärmer konkretisiert werden. Das erscheint auch deshalb sinnvoll, weil die Probleme des Modernismus zumeist an Romantexten verdeutlicht werden: im nächsten Kapitel und bei Alan Wilde, der in seiner bekannten Studie Horizons of Assent den modernen Text durch die aus der Ambivalenz hervorgehende absolute Ironie charakterisiert: »The conf usions of the world are shaped into an equal poise of opposiles: the form of an unresolvable paradox.«" Musils Drama Die Schwärmer läßt klarer als andere Texte des Modernismus die Verflechtung von Ambivalenz, Ironie, Kontingenz und Partikularisierungslendenz erkennen.
      Die Hauptakteure dieses Dramas sind deshalb schwer zu bestimmen, weil sie wandelnde Beweise für Nietzsches These sind, daß Gut und Böse, Wahrheit und Lüge miteinander »verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich sind« . Am Ende des dritten Aufzugs tritt ihre Ambivalenz - diesmal auch im psychoanalytischen Sinne als »gleichzeitige Anwesenheil einander entgegengesetzter Slrebungen«7'' - besonders kraß in Erscheinung. Anselm scheint den ihm überlegenen Thomas gleichzeitig zu lieben und zu hassen:
Rl'CilNH: Was wütest ilu gegen ihn! Kr haßt dich nicht mehr als er jeden hassen muH, aber er liehl dich viel mehr.
      THOMAS: Mich liehl er?! Hergekommen, um Maria zu entwenden! RliGINH: Dich liehl er wie einen Bruder, der stärker ist als er. ANSP.I.M hat sich mühsam aufgerichtet: Ich hasse dich. Wohin ich gehen wollte, immer warst du zuvor.
      Kurz vor Ende des zweiten Aufzugs wird uns noch einmal die Verwandtschaft der Gegensätze vor Augen geführt, und ihre von Nietzsche angekündigte Wescnsgleichheit erscheint möglich. Von

Anselm erfahren wir in ironischer Perspektive, daß in seinem Innersten Wahres und Falsches ineinander übergehen:
THOMAS: Kr hat einen falschen Selbstmord versucht. Aber wahres Gefühlund falsches sind wohl am linde beinahe das gleiche.
      KLG1NL: lis gibl Mensehen, die wahr sind hinter Lügen und unaufrichtigvor der Wahrheil.
      THOMAS: Man findet einen Gefährten und es ist ein Betrüger! Manentlarvt einen Betrüger und es ist ein Gefährte!7*
Der ambivalente Charakter, der in den Schwärmern auf Schritt und Tritt inszeniert wird, ist zugleich ein Möglichkeilsmensch im Sinne des Mannes ohne Eigenschaften. Anselm, Thomas, Maria und Regine sind stets nach allen Seiten offen, und Thomas beschreibt Ireffend ihre Einstellung, wenn er sagt, »daß das, was wirklich geschieht, ganz unwichtig ist neben dem, was geschehen könnte«.7'' Diese selbslironische Betrachtungsweise macht ihn zu einem Geistesverwandten Ulrichs, der die geronnene Well der Wirklichkeitsmenschen, der Realisten, durch seinen Möglichkeitssinn wieder in Eluß bringt. Von beiden gilt, was der Erzähler des Romanfragments von den Möglichkeitsmenschen allgemein sagt: »Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven .«K Hier ist zugleich von der Well der Schwärmer die Rede, die nicht nur von unverwirklichten Möglichkeiten und vom Traum, sondern auch von der Kontingenz beherrscht wird. »Zufällig hat nicht er, sondern Thomas Maria geheiratet«*1, erläutert Rcginc die Rolle des Zufalls dem entrüsteten Fräulein Mertens, das wie der Universitätsprofessor Josef rationalistisch-realistisch denkt, klar umrissene Eigenschaften besitzt und den Ambivalcnzzusammenhang nicht durchschaut.
      Dieser liegt nicht nur der »absoluten Ironie« , sondern auch der Kontingenz als Unverantwortlichkeit und der Verdoppelung des Subjekts zugrunde. In Musils Drama wird das Subjekt immer wieder der Kontingenz ausgeliefert. Es hat als kulturelle Instanz längst auf den noetischen Herrschaftsanspruch der Aufklärung und des Realismus verzichtet, weil es nicht mehr in der Lage ist, die Zweideutigkeit als Ambivalenz rationalanalytisch aufzulösen oder hegelianisch in höheren Synthesen zu überwinden. Dadurch wird sowohl der Wahrheits- als auch der Realitätsbegriff für dieses Subjekt problematisch, das der Kontingen/, und dem naturwüchsigen Zufall vergeblich Widerstand leistet. In einer solchen Situation zerbröckelt der kulturelle Firnis, die soziale Subjektivität löst sich auf, und die beiden rivalisierenden Akteure Ansehn und Thomas stehen einander als animalische Individuen gegenüber.
      THOMAS: Denn nun isl es wie in der Well der Hunde. Der Geruch in deiner Nase entscheidet. Hin Seelengcruch! Da slchl das Tier Thomas, dorl lauert das Tier Anschn. Nichts unterscheidE) sie vor sieh seihst, als ein papierdünnes Gefühl von geschlossenem l.eib und das Hummern des Ululs dahinter. HaB) ihr kein Herz, das zu begreifen'.'! JaG) es uns nicht in den Tod oder einander in die Arme?!""
Wesentliche Aspekte der modernen Literatur treten in dieser Passage zutage: Ambivalenz, Kontingenz, Austauschbarkeil und Naturwüchsigkeit als Schwächung des »Kultur-Ãobcrichs« . An dieser Stelle des Dramas hat sich die Subjektivität zeitweise aufgelöst, und die reine, nichtsozialisierte Individualität wird sichtbar. Es gehört jedoch zu der besonderen 1* Dynamik des Dramas, daß der Zerfall der Subjektivität im Grenz.be-reich zwischen Natur und Kultur, Traum und Wachen, Zufall und Absicht wieder zurückgenommen, d.h. subjektiv reflektiert und überwunden wird.
     

Aus Musils Drama Die Schwärmer könnten die wichtigsten Elemente der modernistischen Problematik abgeleitet werden. Sic sollen hier im Anschluß an Brian McHales Konstruktionsversuch mit epistemologischen und ontologischen Fragestellungen verknüpft werden, die andeuten, daß es sich nicht um eine homogene ideologische Taxonomie handelt, sondern um offene Probleme, auf die verschiedene Autoren im Namen von heterogenen Ã"sthetiken und Ideologien übereinstimmend, komplementär oder widersprüchlich reagieren. Entscheidend ist, daß es sich um verwandle Probleme handelt, die trotz ihrer Offenheit eine strukturelle Einheit bilden:
Das Bewußtsein von der Widersprüchlichkeil oder Ambivalenz der Werte, Normen, Handlungen und Aussagen; ableitbare Stil-begriffe: l'aradoxie , kompositorische Paralaxis , Konstruktivismus , agnostischer Erzähler , Kar nevalisierung , Verfremdung , Essayismus , Ironie , extreme Polysemie . Probleme: Einheit der Gegensätze ; die komplementäre Kritik am Wahrheitshegriff ; der Zweifel am System und an der Möglichkeit, die Entwicklung der Menschheil in einem großangelegten Makrosyntagma darzustellen ; die Kritik an der narrati-ven Syntax: an der anekdotischen Erzählung in der modernen Prosa oder an der »vorwärtsdrängenden Handlung« im Drama ; das Bewußtsein von einer Krise des individuellen und des kollektiven Subjekts ; die Betonung der Kontingenz. und des Zufalls der Notwendigkeit gegenüber ; das Anseinandertrelen von Subjekt und Objekt sowie das Unbehagen in Gesellschaft und Kultur ; die Darstellung der Natur als Befreiung oder Gefährdung des Subjekts
Wesentlich ist, daß dieser Problem- und Fragenkomplex sehr heterogene Problemlösungen und Antworten ermöglicht, die von Brechts avantgardistischem Realismus und Audens politischem Engagement bis zu Eliots Konservalismus und Wyndham Lewis' oder Marinctlis Faschismus reichen. Dadurch wird die Einseitigkeit und reduklionistische Vereinheitlichung vermieden, die etwa Leon Suretles The Blrth of Modernism prägt: eine in vieler Hin-sichl anregende Studie, die aber die Entstehungsgeschichte des gesamten Modernismus auf die Werke von Ezra Pound, T.S. Eliot und W.B. Yeats ausrichtet. So, ist es wohl zu erklären, daß der Autor zu dem Schluß kommt: »Der Modernismus war stilistischer Strenge sowie dem metaphysischen und epistemologischen Absolutismus verpflichtet.«" Er fügt hinzu: »Modernism was clas-sically severe , oecult or mystical.«" Diese Charakteristik mag auf Eliot, Pound und Yeats zutreffen; für Autoren wie Coline, Brecht, Svevo, Pirandcllo, Döblin und Hasek gilt sie keineswegs. Um Einseitigkeiten dieser Art zu vermeiden, wird im Anschluß an die Problematik des Modernismus die Problematik der literarischen Poslmodernc kontrastiv definiert:
Das Bewußtsein von der Austauschbarkeit oder Indifferenz der Werte, Regungen, Handlungen, Aussagen; ableitbare Stilbegriffe: Pluralismus, Entdifferenzierung der Stile , radikaler Konstruktivismus , extreme Formen der Inter-textualilät und der Polyphonie , Anachronismus als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen , konkurrierende Erzählerstandpunkte , Auflosung der Gattungsgrenzen , Karnevalisierung , Verfremdung , extreme Polysemie , lineares Erzählen , Rückkehr zu tradierten Erzählformen , systematische Thematisierung der Leserrolle ; Probleme:

Austauschbarkeit der Wertsetzungen ; Ablehnung des metaphysischen Wahrheilsbegriffs durch Parlikularisierung ; Ablehnung der historischen Makrosyntagmen, der melarecits ; das Spiel mit der narrativen Syntax und der dramatischen Handlung ; das Spiel mit der Subjektivität ; Kontingent und Konstruktion jenseits des Wahrheitsanspruchs und der ästhetischen, metaphysischen und politischen Wertsetzungen ; 'Zweifel an der Subjekt-Objekt-Dialektik, tendenzielle Aufgabe der Gesellschafts- und Kulturkritik ; Darstellung der Natur als eines ökologischen Problems
Vcrglcichl man die beiden unvollständigen Modelle der modernistischen und der postmodernen Problematik, so sind folgende Schlüsse im Rahmen einer offenen Struktur möglich:
1. Es ist nicht sinnvoll, Modernismus und Postmodernc ausschließlich auf stilistischer Ebene zu definieren, weil stilistische Merkmale erst im Gesamtzusammenhang der Ambivalenz- oder Indifferenz-Problematik eine konkrete Bedeutung annehmen. Während der Verfremdung im modernistischen Kontext eine kogniliv-kritische Bedeutung zukommt dient sie in der Poslmodernc entweder dem ästhetischen Genuß oder der Provokation ohne Wahrheitsgehalt.
      2. Modernismus und Postmoderne sind stilistisch und politisch heterogen; dem Modernismus wird allerdings durch das Aufbegehren seiner Autoren gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung eine Einheit zuteil, die im gemeinsamen Nenner der univer-salistisch fundierten Gesellschaftsfcr

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