Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Die europäische Soziologie, die als eigenständige Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Emile Durkheim, Max Weber, Alfred Weber, Ferdinand Tönnies,
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» Moderne / postmoderne literatur
» Moderne und Postmoderne aus soziologischer Sicht
» Pluralismus, Indifferenz und Ideologie

Pluralismus, Indifferenz und Ideologie



Nicht nur die marxistischen, sondern auch die soziologischen Interpretationen der Nachmoderne - vor allem die Touraincs und Beils - entfalten eine »Logik der Zerfalls«, indem sie die Widersprüche der Moderne in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen: Verwaltung und Freiheit, Rationalisierung und Solidarität, Arbeitsethos und Konsumorientierung, Marktgesetz und Kultur werden als unversöhnliche Gegensätze aufgefaßt, die den Zusammenhalt moderner Gesellschaftssysteme akut bedrohen. Es ist jedoch gut zu wissen, daß nicht alle zeitgenössischen Soziologen und Philosophen die nachmodernen Entwicklungen mit so viel Skepsis betrachten.
      Sowohl Verfechter einer dynamischen Moderne wie der Soziologe Richard Miinch als auch Theoretiker der Poslmodcrne wie Wolfgang Welsch scheinen trotz aller Divergenzen in der Ansicht übereinzustimmen, daß die zeitgenössische Gesellschaft keineswegs dem Zerfall nahe ist, sondern sich unablässig und möglicherweise in beschleunigtem Rhythmus weiterentwickelt. Während Miinch. der den Postmoderne-Begriff für überflüssig hält, eine Interpenetration der vier wesentlichen Elemente der Moderne - individuelle Freiheit, Rationalität, aktive Weltgestal-tmii; und Solidarität - für möglich und wünschenswert hält, stellt sich Welsch eine postmoderne Moderne vor, die er als qualitative Erneuerung der modernen Ordnung auffaßt.
      Anregend sind diese beiden Ansätze deshalb, weil sie die Möglichkeil erkennen lassen, das Objekt auch anders und ohne apokalyptische Konnolationen zu konstruieren. Recht hat jedenfalls Miinch, wenn er es ablehnt, die Moderne mit einer ihrer Erscheinungen, dem Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, dem Industrialismus oder dem Bauhaus-Funktionalismus, zu identifizieren: »All diese Erscheinungen waren Kinder der Moderne, die heule schon längst zu Greisen geworden oder gestorben sind und durch andere Generalionen verdrängt und abgelöst wurden.«'â"¢ Er scheint Callinicos' Befund, daß der Niedergang des realen Sozialismus dem postmodernen Denken einen starken Auftrieb gab, weil »der Sozialismus konservativ wird und die Rolle der Progression an neue Bewegungen abgeben muß«15'', teilweise zu bestätigen.
      Miinch zeigt sich recht zuversichtlich, daß die Inlcrpcnetration der vier von ihm genannten Faktoren für eine dynamische Kontinuität der Moderne sorgen wird: »Während die Rationalisierungstheorie, wie von Max Weber konsequent zu Ende gedacht, im völligen Skeptizismus hinsichtlich der zukünftigen Möglichkeitvon individueller Freiheit und sozialer Ordnung endet, zeigt die Theorie der Interpcnelration zugleich einen Weg zur Verknüpfung von Freiheit, Rationalität, sozialer Ordnung und aktiver Weltge-slallung in einer voluntaristischen Ordnung auf.«"'"
Es soll hier nicht erörtert werden, ob Miinchs Entwurf tatsächlich aus Webers .spätmoderner Sackgasse hinausführt. Wichtiger scheint nach der Eeklüre der Werke Baumans, Becks, Touraines und Beils die Frage zu sein, ob Münch die von diesen Soziologen aufgezeigten Widersprüche und Krisen nicht wahrnimmt und weshalb die mit wachsender Arbeitslosigkeit, Protestfreudigkeil und Kriminalität konfrontierten Politiker nicht längst begonnen haben, die Theorie der Interpcnelration zu praktizieren. Wahrscheinlich haben sie - von den eigenen Terminkalendern gehetzt Miinchs Arbeiten noch nicht zur Kenntnis genommen.
      Obwohl er den Postmodcrne-Begriff keineswegs für überflüssig hält, weil er die Moderne in einer neuen, postmodernen Ordnung aufheben möchte, geht Wolfgang Welsch mit ähnlicher Zuversicht an das Problem heran wie Münch. Aus ganz anderen Gründen als der Weber-Schüler und Weber-Kriliker Münch lehnt er es ab, die Widersprüche und fatalen Neigungen der Moderne in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen, weil er in der postmodernen Entwicklung eine Verwirklichung moderner Versprechen sieht. Erst die Poslmodcrne wird seiner Ansicht nach den modernen Pluralismus voll verwirklichen und den Demokratisierungsprozeß zu Ende führen: »Pluralität ist der Schliis-selbegriff der Postmoderne. Sämtliche als postmodern bekannt gewordene Topoi - Ende der Meta-Erzählungen, Dispersion des Subjekts, Dezenlrierung des Sinns, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Unsynthetisierbarkcit der vielfältigen Lebensformen und Rationalitälsmusler - werden im Licht der Pluralität verstand-lieh.«""
Welsch wird nicht müde, die Radikalisierung dieser Pluralität für die nachmodernen Gesellschaftstypen zu reklamieren und zu beteuern, kulturelle Vielfalt sei bereits in der Moderne angelegt gewesen. Zu Recht beruft er sich auf Max Webers Feststellung, die moderne Welt sei durch einen »Polytheismus der Werte« gekennzeichnet, und stellt lest: »Auch im gesellschaftlichen Aspekt ist evident, daß die Postmoderne die Moderne fortsetzt, ja in radikalisierter Form einlöst. Denn schon für die moderne Gesellschaft wurde Pluralität - das Kennzeichen der Postmoderne -verbindlich wie für keine andere vor ihr.«"' Wie die Philosophen Lyotard und Rorly, von denen im nächsten Kapitel ausführlicher die Rede sein wird, widersetzt sich Welsch allen totalisie-renden Tendenzen und einer Betrachtungsweise, die darauf aus ist, die verschiedenen miteinander kollidierenden Standpunkte umfassend auf einen Nenner zu bringen.
      Freilich ist er sich der Gefahr bewußt, daß ein undifferenzierter Pluralismus unversehens in Indifferenz umschlagen könnte. Dies ist wohl der Grund, weshalb er immer wieder versucht, das von ihm vertretene plurulc Denken gegen Oberflächlichkeit und Indifferenz abzugrenzen. Es sei schlicht gedankenlos, erklärt er, die Postmoderne mit Indifferentisnius und einem »gleiehmacheri-schen >anylhing goesAlltags< in diesem eigentlichsten Sinn des Wortes besteht ja gerade darin, daß der in ihm dahinlebende Mensch sich dieser teils psychologisch, teils pragmatisch bedingten Vermengung todfeindlichcr Werte nicht bewußt wird und vor allem: auch gar nicht bewußt werden will, daß er sich vielmehr der Wahl zwischen >Gott< und >Teufel< und der eigenen letzten Fntscheidung darüber: welcher der kollidierenden Werte von dem einen und welcher von dem anderen regiert werde, entzieht.« "lS Diese Unmöglichkeil oder Unfähigkeit zu wählen und aktives Subjekt zu sein, ist eine gesellschaftliche Situation, die hier mit dem Begriff ln-L)ifferenz umschrieben wird und die nicht auf Gleichgültigkeit als persönliche Einstellung oder Eigenschaft zu reduzieren ist.
Diese Ãoberlegungen sollten daher nicht im Sinne einer Trivialprophezeiung interpretiert werden, dcrzufolge schließlich »allen alles egal sein wird«. Im Gegenteil: die hier skizzierte Problematik bringt eine soziale Anomie im Sinne von Durkheitn mit sich, auf die Individuen und Gruppen vor allem in Krisenzeiten mit ideologischem Dualismus reagieren können, der im Gegensatz, zur Indifferenz steht und sie dialektisch ergänzt. Die Nachmoderne sollte folglich nicht als ein ideologiefreies Zeitalter des verwirklichten Pluralismus aufgefaßt werden, sondern als eine Zeit verschärfter ideologischer Auseinandersetzungen. In einer Gesellschaft, in der tradierte religiöse, moralische und politische Werte ihre Kraft und ihre Bedeutung für die Subjektkonstitution ein-büßen, wächst die individuelle und kollektive Anfälligkeit für ideologischen Fanatismus. "'
Daß Welsch sich über die ideologischen Reaktionen auf Indifferenz und Pluralismus keine Gedanken macht, trägt wesentlich zur Bekräftigung seiner postmodernen Zuversicht bei, die strek-kenweise bukolische Züge annimmt. Seine Feststellung, »daß eine adäquate Praxis der Pluralität nicht leicht sein wird«'70, kann angesichts der Ausführungen in diesem Kapitel bestenfalls als Euphemismus gelesen werden. Münchs Theorie der Moderne als Interpenctration von Individualismus, Rationalisierung, Solidarität und Aktivismus verhält sich insofern komplementär zu Welschs Ausführungen, als sie das sich anhäufende Konfliktpotential ebenfalls ausblendet. Beide Autoren setzen sich über die Probleme des Individuums hinweg, das aus der pluralen Welt des Tauschs und der Anomie in den subjektkonstituierenden und richtungsweisenden Dualismus der Ideologie flüchtet.
     

 Tags:
Pluralismus,  Indifferenz  Ideologie    


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