Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Die europäische Soziologie, die als eigenständige Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Emile Durkheim, Max Weber, Alfred Weber, Ferdinand Tönnies,
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Kritiken der Moderne: Universalismus, Partikularismus und soziale Bewegung



Ambivalent im Sinne der spätmodernen Soziologie ist auch Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Einstellung zum Prozeß der Moderne in der Dialektik der Aufklärung , die sowohl hier als auch im nächsten Kapitel den Ausgangspunkt bildet. Die Autoren anerkennen einerseits die emanzipatorische Wirkung der Aufklärung, stellen aber andererseits das Herrschaftsprinzip in den Vordergrund, das dem aufgeklärten Rationalismus - auch in dessen neuesten Varianten - innewohnt. Ihr kritisches Projekt richtet sich nicht gegen die Aufklärung, sondern peilt deren Erneuerung an: »Die dabei an Aufklärung geübte Kritik soll einen positiven Begriff von ihr vorbereiten, der sie aus ihrer Verstrik-kung in blinder Herrschaft löst.«" Es geht um den Entwurf eines herrschaftsfreien Denkens, das nicht vom rationalistischen und positivistischen Prinzip der Naturbcherrschung durchwirkt ist. Es ist zugleich ein Denken, das sich der Vermittlung durch Tauschwert und Marktgesetz widersetzt, welche Individuen und Gegenstände nur als austauschbare und beherrschbarc Objekte gelten läßt. Dabei tritt immer wieder die von M. Weber, Durkheim und Simmel dargestellte Ambivalenz der Moderne zutage, die gleichzeitig Befreiung und Knechtschaft verheißt: »Die Wohltat, daß der Markt nicht nach der Geburt fragt, hat der Tauschende damit bezahlt, daß er seine von Geburl verliehenen Möglichkeiten von der Produktion der Waren, die man auf dem Markte kaufen kann, modellieren läßt.«"
Der hier angedeutete Niedergang des Subjekts, den Adorno und Horkheimer mit der Entfaltung der Konzernwirtschaft und der Machtfülle der Gewerkschaften erklären, verläuft parallel zur Objekt- und Naturbcherrschung. »Subjekt und Objekt werden beide nichtig«'5, heißt es lapidar in der Dialektik der Aufklärung. Sie werden nichtig, weil die Herrschaft über das Objekt als Selbstbeherrschung und Selbstvergewaltigung schließlich das Subjekt erfaßt. Die Herrschaft über die Menschen wohn! dem aulgeklärten Rationalismus inne: »Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann.«"' Komplementär dazu verhält sich das Erkenntnisinteres.se des Wissenschaftlers, der die Dinge manipuliert, statt sich ihnen verstehend zu nähern.
      Welchen »positiven Begriff von Aufklärung« bereiten nun Horkheimer und Adorno vor? Sie entwerfen eine Theorie, die einerseits an die gesellschaftskritischen Zielsetzungen der Aufklärung anknüpft, andererseits aber Sehellings These über die Kunst als »das Vorbild der Wissenschaft«" beherzigt und in ihre Begrifflichkeit das mimetische Moment der künstlerischen Angleichung ans Objekt aufnimmt. »Ratio ohne Mimesis negiert sich selbst«1", heißt es rund zwei Jahrzehnte später in Adornos Ästhetischer Theorie, die sich - wie schon die Dialektik der Aufklärung - an Waller Benjamins Mimesis-Begriff orientiert.1"
Im dritten Kapitel wird sich zeigen, daß Habermas diese selbstkritische Fortsetzung der Aufklärung als Ausrichtung der Theorie auf Mimesis und mimetische Kunst nicht akzeptiert, weil sie ihm zu begriffs- und wissenschaftsfeindlich, d. h. zu parliku-Itiristiscli ist. Mit dieser Kritik steht er nicht allein, weil vor allem Adornos Theorie der Nachkriegszeit durch ihre Ausrichtung auf lissay, Paralaxis und Mimesis einen Brückenschlag zu den Sozialwissenschaften erheblich erschwert.""
Habermas' Kritik hat andere Philosophen und Soziologen jedoch nicht davon abgehallen, an die Partikularisierungstendenzen in der Dialektik der Aufklärung anzuknüpfen und sie zu radikali-sieren. Auch Alain Touraines Crilique de la inodernite gehl stellenweise von Adornos und llorkheimers Frühwerk aus und kehrl immer wieder zu ihm zurück. Darin stimmt sie ungeachtet aller Unterschiede und Divergenzen mit Ulrich Becks Theorie der Risikogescllschaft überein, die trotz ihrer Skepsis die Möglichkeit einer herrschaftsfreien Moderne evoziert. Vor allem aber die feministischen Ansalze treiben die Partikularisierungstendenzen der Dialektik der Aufklärung auf die Spitze und stellen dadurch die Möglichkeit theoretischer Kritik, die, wie Habermas wußte, ohne eine allgemeingültige Begrifflichkeit nicht auskommt, grundsätzlich in Frage. Insgesamt zeigt sich, daß Adornos und Horkhei-mers Kritik der Aufklärung den Ausgangspunkt der im folgenden kommentierten Theorien bildet.
      Es ist wohl kein Zufall, daß sich der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman, der als Ethiker auch im nächsten Kapitel eine wichtige Rolle spielen wird, in einem Interview zwar zu Adornos und Horkheimers Kritischer Theorie bekennt, Habermas aber mit

Mißtrauen begegnet: »I don't likc Habermas, however.« Weshalb nicht? Weil Habermas, wie noch zu zeigen sein wird, den Partikularisierungstendenzen der Dialektik der Aufklärung eine klare Absage erteilt , während Bauman diese Tendenzen noch radikalisiert und aus ihnen eine extrem partikularistische postmoderne Soziologie und Lilhik ableitet.
      Seine Kritik der Moderne knüpft, wenn auch nicht explizit, an Adornos und Horkheimers Ablehnung eines mit der Naturbeherrschung verquickten Rationalismus sowie an ihre Polemik gegen »die Unterwerfung alles Seienden unter den logischen Formalismus«"' und die durch den Tauschwert vermittelte Abstraktion der Zahlen an. Bauman erscheinen begrifflicher Univcrsalisnuis und universale Herrschaft als zwei Aspekte eines Problems, das es durch eine poslmoderne Partikularisierung zu lösen gilt: »Ja, die Postmoderne dreht die Zeichen der Weile, die für die Moderne zentral sind, um, wie Gleichförmigkeit und Universalismus. Und sobald erst einmal wahrgenommen worden ist. daß die Vielfalt der Lebensformen unreduzierbar ist und es unwahrscheinlich ist, daß sie konvergieren, werden sie nicht nur widerstrebend akzeptiert, sondern in den Rang eines höchsten positiven Wertes erhoben, der weder in eine Lebensform aufzulösen ist, welche auf Universalität zielt, noch durch eine Form degradiert wird, die nach universaler Herrschaft strebt.«"
Diese antiunivcrsalistischc Kritik der Moderne hängt nicht nur mit Baumans Lektüre der Dialektik der Aufklärung zusammen, sondern auch mit seiner Betroffenheit angesichts der Judenverfolgung im Europa des 20. Jahrhunderts. Für Bauman ist der moderne Jude der Unangcpaßtc, der Differierende schlechthin, der vom modernen Herrschaftsdenken, von Rationalismus und Universalismus, gleichgeschaltet wird. Die Gleichschaltung entspricht dem »modernen Drang, die Ambivalenz zu überwinden und die monoseme Klarheit der Sclbigkeit zu fördern«.2' Bauman geht so weit, daß er den Universalismus und Rationalismus der Aufklärung für die Greueltaten der Nationalsozialisten und Stalinisten verantwortlich macht, ohne zu bedenken, daß der Nationalsozialismus primär als eine Negation der Aufklärung aufgefaßt werden sollte.*"'
In diesem Kontext nimmt es nicht wunder, wenn er immer wieder für das Besondere und Einmalige und einen radikalen, unzähmbaren kulturellen Pluralismus plädiert, dessen begriffliche Vereinnahmung er ablehnt. Jede Universalisierungstendenz, etwa der Versuch, bestimmte Werte oder Begriffe für allgemeingültig zu erklären, erscheint ihm als Ausfluß des Herrschaftsprinzips oder einer kulturellen Hierarchisierung, die es abzulehnen gilt. Strenggenommen, sagt Bauman, ist der Ausdruck »postmoderne Kultur« ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, weil die postmo-derne Welt eine radikale, unaufhebbare Pluralitäl, Mannigfaltigkeil ist, wählend der Kultui begriff stets auch die Hierarchisierung und die Tendenz zur Vereinheitlichung beinhaltet.
      Die postmoderne Welt erscheint ihm wie Wolfgang Welsch als »incurably pluralistic«"' als »composed of an indefinite number of meaning-generating agencies«' und »a plethora of multiple realilies and universes of meaning«.'* Weiter kann man die Partikularisierung und die Mannigfaltigkeit schwerlich Kultur ist nur zu retten, meint Bauman, wenn sie sich selbst ihre geographische und historische Besonderheit - man könnte auch sagen: ihre Unverbindlichkeil - eingesteht.
      Nicht klar durchdacht ist Baumans Behauptung, die Marktwirtschaft fördere die Mannigfaltigkeit, die Individualität. »Der Markt«, sagt er, »trat als Erzfeind der Uniformität auf.« Er fügt hinzu: »Der Markt lebt von der Vielfalt.re[lexivRisikogesellschafl< als postmoder-nistische Krisendiagnosc bezeichnet werden.«" Wie sieht nun diese Diagnose aus?
Wie Bauman und Touraine stellt Beck den aufgeklärten Uni-versalismus, die Allgemeingültigkeit der wissenschaftlich-instru-menlellen Vernunft grundsätzlich in Frage: »Dies ist meine These: Der Ursprung der Wissenschafts- und Technikkritik und -skepsis liegt nicht in der >Irrationalität< der Kritiker, sondern in dem Versauen der wissenschaftlich-technischen Rationalität angesichts wachsender Risiken und Zivilisationsgefährdungen.« Er zeigt, daß nicht nur die Moderne als ganze, sondern innerhalb der Moderne auch die Wissenschaft reflexiv wird, weil sich das Bewußtsein von Modcrnisierungsrisiken »gegen den Widersland der wissenschaftlichen Rationalität durchgesetzt«" hat.
      Das Rcflexivwerden der Wissenschaft, das eine Demystifizie-rung der wissenschaftlichen Ratio und des Wissenschaftlers ein-leitet, kommt u. a. dadurch zustande, daß Vertreter ökologischer, pazifistischer oder gewerkschaftlicher Bewegungen mit Hilfe von Wissenschaftlern und mit wissenschaftlichen Argumenten gegen die etablierten Wissenschaften aufbegehren. Beck spricht in diesem Zusammenhang von »Formen der Verwissenschaftlichung des Protestes neuen Wissenschaft«.'''' Dadurch wird der Begriff der Wissenschaftlichkeit gespalten und seines cartesianischen Universalanspruchs entledigt. Wer im Namen der Wissenschaft spricht, muß darauf gefaßt sein, daß seine Widersacher sich auf eben diese Wissenschaft berufen, um ihn zu widerlegen, oder daß sie im Rahmen von konkurrierenden wissenschaftlichen Theorien den Gegenbeweis antreten.
      Nicht nur der Glaube an Wissenschaft und Fortschritt ist erschüttert, sondern auch der Glaube an tradierte Werte und Institutionen wie die Familie, die Geschlechterrollen, die Gewerkschaften und den Klassenbegriff. Beck zeigt, daß durch fortschreitende Vermarktung, radikale Individualisierung und klassenübergreifende ökologische Risikoverteilung nicht nur die Familie ausgehöhlt, sondern auch die soziale Klasse im marxistischen Sinne aufgelöst wird. Während der klassenübergreifende Charakter ökologischer Katastrophen und ökologischer Risiken die von den Marxisten beschworene Klassensolidaritäl schwächt, weil einige Wirtschaftszweige von bestimmten Risiken profitieren, andere hingegen von ihnen bedroht werden , führen wirtschaftlicher Konkurrenzkampf und die Individualisierung von Gesellschaftslagen zum Zerfall männlicher und weiblicher Rollenmuster, zum Zerfall der Kleinfamilie und zur Isolierung des Einzelnen. Fazit: »Die Grundfigur der durchgesetzten Moderne ist - zu Ende gedacht - der oder die Alleinstehende.«'
Dieser Gedanke, daß die gesellschaftlich und kulturell fundierten Formen der Solidarität einer wirtschaftlich bedingten Individualisierung und Atomisierung zum Opfer fallen, ist nicht eben neu, weil er in der Vergangenheit von so verschiedenen Soziologen wie David Riesman in den USA und Luden Goldmann in Frankreich entwickelt wurde."'* In dem hier konstruierten Kontext ist er deshalb wichtig, weil er sowohl von Beck als auch von Anthony Giddens aufgegriffen wird.
      Beide sind der Meinung, daß die neue Ethik der Selbstver-wirklicliung, deren Konturen in verschiedenen zeitgenössischen Gesellschaften erkennbar werden, nicht mit einem platten Egoismus verwechselt werden sollte: »Diese neuen Werlorientierun-gen weiden daher auch leicht als Ausdruck von Egoismus und Narzißmus vcrstanden. Damit wird jedoch der Kern des Neuen, der hier hervorbricht, verkannt.«w Bei Giddens wird deutlich, woraus dieser Kern besteht: aus einer reflexiven Suche nach dem eigenen Ich ''" in einer durch Risiken und Anomien verunsicherten Gesellschaft.
Becks Antwort auf die Probleme der Risikogesellschaft ist allerdings nicht die Selbstfindung des Einzelnen, sondern Demokratisierung. Es geht darum, Entscheidungsprozes.se in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik »öffentlich zugänglich zu machen, und zwar nach den Regeln, die im Rezeptbuch der Moderne dafür vorgesehen sind: Demokratisierung«.''' Diese Forderung nach mehr Demokratie ist konkret nur zu verstehen, wenn Becks Darstellung des Verhältnisses von industrieller und nachindustrieller Gesellschaft mitberücksichtigt wird. Die Industriegcsellschaft, die sich primär an der Naturbeherrschung und der Vermehrung des Reichtums orientierte, hat viele ihrer Versprechen wie demokratische Entscheidungsfindung oder Gleichbehandlung von Mann und Frau nicht eingelöst. Es käme darauf an, diese Versprechen in einer nachindustriellen Gesellschaft ernst zu nehmen.
      In diesem Punkt trifft sich der Soziologe Beck mit dem Philosophen Wolfgang Welsch, der die Postmoderne als Verwirkli-chung moderner Demokratisierungsprojekte auffaßt: »Postmodemc ist so der Zustand, in dem die Moderne nicht mehr reklamiert werden muß, sondern realisiert wird.« Es wird jedoch nicht klar, wie in einer von Großbanken, Wirtschaftskonzernen, Wirl-schaftsmafien und Parteibürokratien dominierten Well Pluralismus und demokratische Kontrolle verwirklicht weiden sollen.
      Becks Antwort auf diese Frage erinnert an die Antworten Touraines: Wie der französische Soziologe beruft er sich auf die sozialen Bewegungen: »In diesem Sinne sind die neuen sozialen Bewegungen einerseits Ausdruck der neuen Gelährdungslagen in der Risikogesellschafl und der aufbrechenden Widersprüche zwischen den Geschlechtern; andererseits ergeben sich ihre Politisierungsformen und Slabilitätsproble-me aus Prozessen der sozialen Identitiilshildung in enttraditionali-sierten, individualisierten Lebenswelten.«''
Anders als Tourainc, der dazu neigt, die soziale Bewegung zu verherrlichen und sie mit der Entstehung einer neuen Gesellschaftsordnung zu assoziieren ''1, ist bei Beck ein skeptischer Unterton nicht zu überhören: »Soziale Bewegungen - bedeuten, einmal wörtlich genommen, Kommen und Gehen. Vor allem Gehen. Die Selbstauflösung ist ihr führendes Mitglied.«s Im Lichte dieser Skepsis, die von der raschen Auflösung zahlreicher Bewegungen bestätigt und gesteigert wird, büßen Touraines Thesen einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit ein.
      So ist es wohl zu erklären, daß Anthony Giddens, der die zeitgenössische Gesellschaft als leite modernity, als späte oder radikalisicrte Moderne, verstehen möchte, nicht so sehr eine Veränderung durch soziale Bewegungen ins Auge faßt, sondern ein gesellschaftliches Szenario, in dem es vorrangig darauf ankommt, das Streben der Individuen nach Selbstverwirklichung aufdie lebens- und überlcbenspolitischen Bedürfnisse der Gesellschaft abzustimmen. Von der Lebenspolitik heißt es in Modernily and Self-Idenlity: »Es ist eine Politik der Selbstver-wirkliehung in einer reflexiv geordneten Umgebung, in der diese Reflexivilät Ich und Körper mit Systemen von globalem Ausmaß verknüpft.«'''' Dies ist eine recht vage Behauptung, die - im Kontext interpretiert - bedeutet, daß das Streben von Gruppen und Individuen nach Selbslverwirklichung moralisch akzeptabel sein muß 1'', d.h. nicht mit den Interessen der Gesellschaft und der Menschheit kollidieren darf. Konkret: Der Einzelne sollte einen neuen Lebensstil ins Auge fassen, der Verschwendung und llmweltzerstörung ausschließt. Anders als Tourainc und Beck setzt Giddens beim Individuum an: wohl in der Hoffnung, daß sich das Projekt der Selbslverwirklichung auf die globalen Problemlösungsstrategien der Gesellschaft abstimmen laßt. Hs ist eine recht vage Hoffnung, die eher von der Hilflosigkeit zeitgenössischer Sozialwissenschaft als von luzider Kritik und Analyse lebt.''"
In den hier kommentierten und miteinander verglichenen Theorien der Gesellschaft kristallisiert sich eine Zeitdiagnose heraus, die in einigen Punkten zusammengefaßt werden kann:
I. Seit der Entstehung der modernen Soziologie, die sich parallel zu den selbstreflcxiven und selbslironischen Romanen Musils, Svevos, Blochs, Pirandellos und Prousts entwickelt hat''', setzen sich Soz.ialwisscnschaftlcr kritisch mit der aufgeklärten, rationalistischen und rationalisierenden Moderne auseinander. Bei Autoren wie Max Weber, Alfred Weber, Georg Simmel und Einilc Durkheim mündet diese Kritik bisweilen in Skepsis und Kulturpessimismus.

     
2. In der zeitgenössischen Soziologie mehren sich die Versuche, einem modernen Denken abzusagen, das der Naturbeherrschung und einem aufgeklarten Rationalismus huldigt, der das Besondere, Singulare dem Allgemeinen zu opfern scheint.
      3. Zugleich wird eine Ablösung der auf Naturbeherrschung und Disziplinierung gegründeten Industrie- und Klassengesellschaft durch eine nachindustrielle Risikogesellschaft, eine postindustrielle Gesellschaft oder eine postmoderne Gesellschaft festgestellt.
      4. Diese postmoderne Gesellschall wird vor allem von Bauman als eine Welt des radikalen Pluralismus und der multikulturellen Polyphonie aufgefaßt. Daß dieser Pluralismus in Indifferenz ausmünden kann, wird immer wieder von Tourainc hervorgehoben.
      5. Es ist gleichzeitig eine Well des extremen Individuulisinus, der Anomie und Entfremdung, die durch das Streben nach Selbstverwirklichung und durch narzißtische Tendenzen gekennzeichnet ist.
      6. Die hier kommentierten Soziologen sind sich darin einig, daß die modernen oder postmodernen Probleme noch am ehesten durch eine radikale und umfassende Demokratisierung zu lösen sind. Während bei Bauman und Giddens der Akzent eher auf Pluralismus und individueller Selbstverwirklichung liegt, heben Beck und vor allem Tourainc die Bedeutung sozialer Bewegungen hervor.
Im folgenden kommt es nicht so sehr darauf an, andere Standpunkte und Meinungen darzustellen, sondern der Frage nachzugehen, wie feministische, marxistische und konservative Theorien auf die hier skizzierte Problematik reagieren. Denn wenn es zutrifft, daß die Fragestellungen der »klassischen« Soziologie und die Ansätze Baumans, Touraines, Becks und Giddens' die wichtigsten Themen der Moderne-Postmoderne-Diskussion umreißen, dann sollte es möglich sein, die feministischen, konservativen und marxistischen Reaktionen auf diese Themen sowohl im soziologisehen als auch im sozialen Kontext besser zu verstehen. Dies ist der Grund, weshalb hier die Zeitdiagnose anhand von vier verschiedenen, aber komplementären Betrachtungsweisen ausführlicher dargestellt wurde.
     

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