Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Die europäische Soziologie, die als eigenständige Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Emile Durkheim, Max Weber, Alfred Weber, Ferdinand Tönnies,
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» Moderne / postmoderne literatur
» Moderne und Postmoderne aus soziologischer Sicht
» Eine konservative Postmoderne?

Eine konservative Postmoderne?



Habermas, der, wie im nächsten Kapitel deutlich wird, die Post-moderne weitgehend mit den konservativen und aufklärungsfeindlichen Ideologien der Nachkriegsgesellschaft identifiziert, hatdiese Frage schon beantwortet. Dennoch lohnt es sich, sie zu wiederholen, weil nach dem bisher Gesagten die Vermutung naheliegt, daß die konservativen Antworten mit gesellschafts-krilischen , feministischen und marxistischen konkurrieren und kollidieren. Schon deshalb erscheint es wenig hilfreich, die Postmoderne als homogene Ideologie auf Konservatismus oder »männliches Denken« festzulegen. Interessanter und theoretisch in jeder Hinsicht ergiebiger ist die Erkenntnis, daß in verschiedenen ideologisch-theoretischen Perspektiven ähnliche Probleme wahrgenommen werden.
      Allerdings bildet die konservative Soziologie -ähnlich wie der Feminismus und der Marxismus - innerhalb der postmodernen Problematik einen besonderen Komplex von Fragestellungen, der im Spannungsverhältnis zwischen Markt und Ideologie angesiedelt werden kann. Wie die Marxisten und einige Feminislinnen beobachten auch die zum Konservatismus tendierenden Soziologen die fortschreitende Vermarktung aller Lebensbereiche mit Sorge. Mit Barry Smart, der alles andere als konservativ ist, stellen sie eine »Kommerzialisierung der lnformations- und Kommunikationsmedien«''" fest und würden möglicherweise sogar dem Marxisten Fredric Jaineson beipflichten, wenn dieser im Anschluß an Baudrillard von einer postmodernen Gesellschaft sprichl, in welcher der Tauschwert alle Gebrauchswerte überwuchert.'"
Zu diesem Problem bemerkt beispielsweise Koslowski, dessen Ausführungen sich streckenweise wie Ideologisierungen von Alfred Webers Soziologie anhören: »Die Normen der Wirtschaft bewegen sich außerhalb der Kultur .«'M Er fügt hinzu: »Das ökonomisch-technische Paradigma neigt dazu, die kulturelle Sinn-und Bcdeutungshaltigkcit menschlicher Praxis zu unterschätzen und auszublenden.«" So ist es zu verstehen, daß die hier kommentierten Soziologen dazu neigen, den wertzersetzenden Prozeß der Modernisierung und Vermarktung durch neue Wertsetzungen zu kompensieren: durch religiöse und moralische, d.h. ideologische Erneuerung.
      Recht nuanciert argumentiert Friedrich

II.

Tenbruck, der im Gegensatz zu Koslowski und Htzioni das Wort Vostmoderne zwar nicht verwendet, die Entfaltung der Moderne aber in einer Perspektive darstellt, welche an die von Bauman, Touraine und Yealman erinnert. Ihm erscheint die Aufklärung als zugleich universalistisch und missionarisch : »Was immer Sozialwissenschaftler heute über die sozialen Ursprünge des modernen Siikularismus sagen mögen - er war das Ergebnis der Mission eines universalistischen Wahrheilskonzepls, das mit der Aufklärung in die Well gekommen war und sich in der Wis-senschaltsreligion des lL). Jahrhunderts systematisierte.«'"'
Zu dieser Wisscnschaftsreligion gehört bei Tenbruck - wie bei Bauman und Touraine - auch der Marxismus-Leninismus oder der Kommunismus, der es für seine Pflicht ansieht, »universale Wclt-kirche zu sein«.'" Hier wird klar, daß innerhalb der postmodernen Problematik nicht so sehr die für Anarchisten und Existenlia-listen wichtigen Frühschriften von Karl Marx in den Vordergrund treten, sondern die ökonomistischen oder zentralislischen Deutungen von Marxens Lehre, für die einerseits Theoretiker wie Karl Kautsky, andererseits die Marxisten-Leninisten verantwortlich sind. Diese Erkenntnis könnte dazu führen, daß man Aufklärung und Marxismus, vor allem angesichts ihrer Selbstkritik bei Rousseau und im Ncomarxismus, nicht länger auf einen metaphysischen Universalismus festlegt, sondern sie eher heuristisch als kritische und dialogische Theorien auffaßt, die nicht Wahrheiten verkünden, sondern nach der Möglichkeit von Wahrheit fragen.

Die von Tenbruck skizzierte Alternative zielt allerdings in eine andere Richtung, die für die gesamte postmoderne Problematik kennzeichnend ist. Nach der vom Soziologen diagnostizierten Selbsientzauberung der Wissenschaft 'â"¢ scheint nur noch eine Absage an den aufgeklärten Universalismus in Frage zu kommen. Sic mündet wie bei Bauman und einigen Feministinnen in den Partikularismus, in dem Tenbruck - nicht zu Unrecht - die neue Entwicklungstendenz zu erkennen meint: »Nur eine Alternative wäre denkbar: daß der Gedanke der universalistischen Wahrheit am Ende wieder aus der Welt käme, so wie er einmal in sie hineingekommen ist. Auf solchen Pluralismus, in dem die Wahrheit sich auf dem Platz einer wie immer definierten praktischen und faktischen Richtigkeit einzelner Aussagen bescheiden müßte, deuten viele Anzeichen hin. Denn seit langer Zeit sind wieder Lehren offensichtlich erfolgreich, welche sich nicht an universalistischen Wahrheitskriterien orientieren. Es sind auch nicht nur religiöse Sekten und Kulte, welche sich rein für das anbieten, was sie sind, ohne nach anderen Bekenntnissen zu fragen. Auch durch die neue Jugendkullur weht mächtig der partikularislische Zug .«'" Die ausführliche Wiedergabe dieser Passage ist deshalb lohnend, weil Tenbruck hier in wenigen Sätzen wesentliche Aspekte der postmodernen Zeitdiagnose zusammenfaßt.
      Aus ihr leitet er die Erkenntnis ab, daß Wissenschaft keine Werle beweisen kann, weil »im doppelten Universalismus von Freiheit und Rationalität kein Fundament zu entdecken« ist. Daher lautet Tenbrucks konkrete Alternative: Rückkehr zu den als güllig erlebbaren und erfahrbaren Werten: »Die Wissenschaft hat gemeint, über die Rangordnung von Werten könne nur mittels rationaler Beweise entschieden werden. Aber das Gegenteil isl richtig. Werte erweisen sich in ihrem Rang und in ihrer Gültigkeit nur dort, wo sie, in ihrer Fähigkeit, Erfahrung zu verarbeiten, erfahren werden.«"" Eine Rückkehr zur kulturellen Erfahrung des Alltags mag zwar sinnvoll sein, aber ein Verzicht auf rationale Ãoberprüfung von Werten ist geradezu gefährlich: Soll etwa der Wert der »reinen Rasse« Werten wie »Freiheit«, »Gerechtigkeit« und »Menschlichkeit« gleichgestellt werden? Soll es unmöglich sein, über die Vcrallgemeinerungsfähigkeit dieser Werte zu diskutieren?

   Wie fragwürdig eine Idcologisierung der Wertproblematik sein kann, zeigen die Schriften von Peter Koslowski, der einerseits dem Liniversalismus und Rationalismus der Aufklärung absagt und die Herrschaft des Menschen über die Natur kritisiert, andererseits den radikalen Pluralismus von Postmodemislen wie Bauman, Lyolard und Welsch ablehnt, weil er in ihm einen neuen Polytheismus zu erkennen meint. Zwar hat die französische Post-moderne den latenten Toialitarismus hegelianischer und marxistischer Philosophien aufgezeigt: »Ihre Gefahr ist jedoch, daß sie dem Abgleiten des poslmodernen Wissens in die Beliebigkeit eines Polytheismus Vorschub leistet.« Koslowski kommt es, wie schon seinerzeit Chateaubriand, darauf an, diesen Polytheismus durch eine postmoderne Romantisierung des Christentums zu überwinden. "IS
Tatsächlich spielt er im Rahmen eines dualistischen, monologischen und von mythischen Aktanten dominierten Diskurses die Romantik gegen die Aufklärung aus: »Die Romantikereischeinen uns heute als die eigentlichen Realisten, die den Problemdruck der Moderne und den problematischen Charakter der gesellschaftli-chen Modernisierung seit der Industrialisierung schärfer gesehen haben als die reduktionistischen >Realisten< und Aufklärer.«""' Wer hier mit »Realisten« gemeint ist, bleibt unklar: Wahrscheinlich alle, die anderer Meinung sind.
      Wohin dieser Diskurs führt, zeigt Koslowskis nächster Schritt, der einen Anschluß der Postmoderne, die »eine spirituelle und religiöse Signatur«"" aufweist, an das Mittelalter vollzieht. Nicht diese Romantisierung der Postmoderne, an der Chateaubriand und Novalis Gefallen fänden, erscheint dem Autor restaurativ, sondern Habermas' Projekt der Moderne, »weil es Vergangenes, nämlich den Linkshegclianismus, am Leben zu erhalten versucht«."" Romantik und Mittelalter hingegen sind hochaktuell.
      Angesichts solcher Argunientalionsmustcr nimmt es nicht wunder, daß Koslowski an dem von Bauman, Lyolard, Welsch oder Yeatman verkündeten Pluralismus keinen Gefallen findet: »Vielfalt isl nicht der Sinn unserer Kultur, sondern die Folge der Erfüllung eines wichtigeren Zweckes.«10'' Dieser höhere Zweck scheint eine ideologische oder religiöse Normalisierung der Gesellschaft zu sein, die in dem hier entworfenen Zusammenhang als ideologische Reaktion auf den marktbedingten Pluralismus zu deuten isl: »Das Christentum isl normale Religion in Dculschland, das Christentum als ganzes, nicht eine seiner Konfessionen.«""
Der hellenistisch-christliche Charakter der neuzeitlichen europäischen oder deutschen Kultur soll nicht in Frage gestellt werden; als fragwürdig erscheint aber ein präskriptiver Diskurs, der monologisch eine bestimmte Normativität verkündet und dabei Dichotomien und mythische Aktanten einsetzt: »Gegen das moderne Axiom >Die Relationen bestimmen die Substanz und das Selbst< setzt die postmoderne Kultur die Selbst-Deutung >Das Selbst isl eine unteilbare und ursprüngliche Substanz^«'" Nicht der Idealismus dieses Salzes isl ideologisch, sondern der hier konstruierte Dualismus zwischen einer funktionalistischen Moder-ne und einer christlichen Postmoderne sowie der mythische Ak-tanl »poslnioderne Kultur«, den Koslowski als real handelnde Instanz auftreten läßt.
      Obwohl Koslowski kaum zu einem besseren Verständnis von Moderne und Poslnioderne beiträgt, weil er im Gegensatz zu Tenbruck beide Begriffe stark ideologisiert und Tenbrucks vorsichtige Argumentation durch ideologische Plädoyers ersetzt, ist sein Diskurs interessant, weil er - wie die anderen soziologischen Diskurse - von der postmodernen Problematik Zeugnis ablegt. Er tut es zunächst dadurch, daß er bekannte poslnioderne Schlüssel-begriffe wie soziale Bewegung und Selhstfiiuiung einbringt: »Die neuen sozialen Bewegungen sind eine Reaktion auf die Krise der Moderne und deren Verlust an kultureller Konlexlualilät.«"" An Giddens' Darstellung der »spätmodernen« Gesellschaft erinnern bei Koslowski poslnioderne Programmpunkte wie »Wiederentdeckung des Selbst« und »Aufgabe der Selbslfindung«."'
Nicht unwichtig, weil für die Postmoderne-Diskussion symptomatisch, ist seine Krkenntnis, daß extremer Pluralismus und Partikularismus jederzeit in Indifferenz umschlagen können: »Bei gleicher Gültigkeit aller Lebensordnungen und -deutungen in einer Gesellschaft herrscht nicht Toleranz, sondern Gleichgültigkeit in kulturellen Fragen.«" Auch hier zeigt sich, daß die poslnioderne Gesellschaft sowohl aus konservativer als auch aus marxistischer und feministischer Sicht als kollektive Gratwanderung zwischen Toleranz, und Indifferenz darstellbar ist.
Um einen Sturz in die marktbedingte Indifferenz zu verhindern, plädiert Koslowski für eine religiöse und ethische Erneuerung der Wirtschaftsgcsellschaft. Er spricht von der Notwendigkeit einer »größere Gemeinsamkeit des Ethos«" in postmoderner Zeil und erklärt: »Wirtschaftsethik ist der Versuch, gegen diese

Entwicklung eine neue Einheit zwischen Wirtschaft und Kultur, Arbeitswelt und Lebenswelt zu schaffen.«1"'
Dieser Versuch evoziert die Vorhaben der beiden amerikanischen Soziologen Daniel Bell und Amitai Elzioni, deren Diagnosen sich zwar erheblich unterscheiden, die aber mit Koslowski die Ansicht vertreten, daß die entfesselten Markt- und Konsummecha-nisnien nur noch durch religiöse und ethische Erneuerung zu bändigen sind. Auch sie lassen erkennen, daß die Marktgesetzc einerseits zur Ausbreitung der Indifferenz beitragen, andererseits ideologische Reaktionen auf diese Indifferenz, provozieren: feministische und ökologische Rettungsversuche, religiöse Erneuerung oder Besinnung auf ethische Werte .
      Symptomatisch für die postmoderne Dialektik von Indifferenz und Ideologie ist Daniel Beils Kritik der spälkapilalistischen Ordnung, deren Entfaltung die Gesinnung zu zerstören droht, die sie ermöglicht hat. Im Mittelpunkt von Beils bekanntem Buch Die naclünduslrieUe Gesellschaft steht die Weberschc These über die »innerweltliche Askese« des Protestantismus, die zur Triebfeder rationalen Handelns und wirtschaftlicher Erfolgssuche wird. Diese These erscheint Bell als eine treffende Darstellung der traditionellen Industriegesellschaft, deren Grundvoraussetzungen in der nachindustriellen Neuordnung der Nachkriegszeit ausgehöhlt werden. Die innerweltliche Askese, die das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft gewährleistet hat, wird durch Akzentverschiebungen innerhalb des .spätkapitalistischen Systems erheblich geschwächt.
      Insgesamt können fünf Faktoren identifiziert werden, die für diese Entwicklung verantwortlich sind: 1. eine Schwerpunktverlagerung von der Güterproduktion in den Bereich der Dienstleistungen in der Wirtschaft; 2. ein entsprechendes Wachstum im gesellschaftlichen Sektor von freien und technischen Berufen begleitet vom Niedergang des Proletariats; 3. die wachsende Bedeutung der Wissenschaft für gesellschaftliche Innovationsschübe und gesellschaftspolitische Programmatik; 4. Zukunfts Orientierung im Sinne einer Steuerung des technischen Fortschritts; 5. Entstehung einer neuen »intellektuellen Technologie« oder einer »organisierten Komplexität«"7, wie Bell sagt, im Sinne der Kybernetik und der Informatik.
      In dem hier entworfenen Zusammenhang kommt es nicht so sehr auf die von Bell dargestellte Entwicklung von Wissenschaft, Technologie und Technokratie an, sondern vor allem auf die beiden ersten Punkte, in denen es um die Entstehung neuer Gesell-schaftsschichten geht, die sich nicht mehr vorwiegend an der Produktion als Giiterproduktion orientieren, sondern am Konsum, am Warenangebot. Diese Neuorientierung hat weitreichende Folgen, zu denen die Spaltung der Gesellschaft in einen wirtschaftlich-technologischen und einen kulturellen Bereich gehört. Wahrend die traditionelle lnduslriegesellschaft Bell als ein integriertes System von Kultur, , stellt sich ihm die nachindustrielle Gesellschaft als eine von Konsum und Amüsement beherrschte, hedonistische Welt dar.
      Beils Erklärung lallt, wie bereits angedeutet, dialektisch-ironisch aus: »Die Ironie des Schicksals aber wollte es, daß all dies vom Kapitalismus selbst unterminiert wurde, der durch Massenproduktion und Massenkonsum die protestantische Ethik /erstörte und an ihrer Stelle eifrig eine hedonistische Lebensweise förderte.« "K Diese Entwicklung führt eine Spaltung der Gesellschaft herbei: »Denn wahrend das System im Hinblick auf die Organisation von Produktion und Arbeil nach wie vor Vorsorge, Fleiß und Selbstdisziplin, Hingabe an die Karriere und den Erfolg verlangt, fördert es im Konsunibereich die Haltung des carpe dient, d.h. Verschwendung, Angeberei und die /.wanghafte Jagd nach Amüsement.«"'' Beiden Bereichen ist allerdings das Fehlen einer »transzendentalen Ethik« gemeinsam.
      Es ist aufschlußreich zu beobachten, wie sich Beils Zeitdiagnose an dieser Stelle mit dcrTouraines überschneidet. Man wird sich noch erinnern, daß Touraine im Zusammenhang mit der

»zerfallenen Moderne« vom »Streben nach Lust, gesellschaftlichem Status, Profit oder Macht« sprach . Die beiden Soziologen ergänzen einander insofern, als Bell Touraines These weiterdenkt und behauptet, die hedonistische Kultur der nach-industriellen Gesellschaft sei antibürgerlich und dem Modernismus des 19. Jahrhunderts verpflichtet.
      Verkürzt ausgedrückt: Die Flucht in die Mode und in die paradis artificiels , die mitten im 19. Jahrhundert einigen wenigen vorbehalten war, ist heute eine kollektive Erscheinung. Beil spricht sogar vom »Sieg des Modernismus« in der zeitgenössischen Gesellschaft Lind spielt in seinem Buch Cultnral Conlradictions oj Capitalism die leistungsorientierte Moderne gegen den Modernismus als zerfallene oder späte Moderne aus. Nicht zu Unrecht bemerkt John O'Neill, »Beils Auffassung der Postmoderne auf eine Ablehnung der gesamten Moderne hinaus bis auf deren Puritanismus als eine der bürgerlichen Kultur und Industrie entsprechende Ethik«.'""
Es fragt sich allerdings, ob die Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts talsächlich, wie Bell meint, ein integriertes System von Wirtschaft und Kultur war. So verschiedene Denker wie Marx und Alfred Weber haben immer wieder, jeder auf seine Art, auf das Spannungsverhältnis von Wirtschaft und Kultur hingewiesen. Es kommt hinzu, daß die Konsumorientierung, wie Veblen in seiner Theorie der leisure vlass und des Gcltungskonsums gezeigt hat11, bereits im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts angelegt war. Aufgrund der von Bell beschriebenen Prozesse öffnet sich die Konsum- und Freizeilsphäre immer größeren Gruppen, so daß die Konsumorientierung global mit der Prolitorientierung konkurrieren kann. Beide Orientierungen gehen aber aus der Marktwirtschaft hervor und werden vom Tauschwert beherrscht , der tendenziell alle Kulturwerte negiert.

     
Bell zeigt, wie dies geschieht, wenn er die Zerstörung der protestantischen Ethik durch die Entwicklung des Kapitalismus schildert. Er faßt diese Entwicklung allerdings als eine Auseinandersetzung zwischen zwei Ideologien auf, zwischen der individualistisch-puritanischen und der hedonistischen, ohne zu bedenken, daß schon das Profitstreben des 19. Jahrhunderts aufgrund seiner durch den Tauschwert vermittelten Indifferenz alle kulturellen Werte, auch die protestantische Ethik, tendenziell negierte. Schon deshalb sind seine Plädoyers ür eine ethische und religiöse Erneuerung der nachindustriellen Gesellschaft wenig überzeugend.1" Mit Koslowskis Rhetorik haben seine nuancierten Ausführungen eines gemeinsam: den Versuch, der Wirtschaflsgesellschaft eine andere als nur wirtschaftliche Ausrichtung zu geben.
      Daß dies ein postindustrielles oder poslmodernes Anliegen ist, bestätigt die auf Ethik und Gemeinschaft ausgerichtete Soziologie Amilai Etzionis. Etzioni, der in den 60er Jahren den Postnwderne-Begriff im Anschluß an C. Wright Mills verwendet und die Postmoderne nach dem Zweiten Wellkrieg beginnen läßt, stellt sich in Tlw Active Society eine nachmoderne Gesellschaft vor, die ihre eigene Entwicklung vollkommen beherrscht. Er versucht, eine Theorie dieser Gesellschaft zu entwerfen, die er als »theory of societal self-control«12'' bezeichnet.
      Wie sieht nun eine postmoderne, aktive Gesellschaft, die sich »selbst im Griff hat«, aus? Es ist zunächst eine Gesellschaft, die im Gegensatz zu vergangenen Gesellschaften ihre eigenen Wertsetzungen ernst nimmt, d.h. ihre Werte nicht nur durch Lippcnbe-kennlnisse ritualisiert, sondern verwirklicht. Etzioni gibt zwar zu, daß die technischen, technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Moderne nicht rückgängig gemacht werden können, möchte sie aber zur Aktivierung der Gesellschaft im Obergang von der Moderne zur Postmoderne einsetzen. Diese stellt er in großen Zügen wie folgt dar: »Ein umfassenderes Wissen und Bewußtsein, eine stärkere Beteiligung am öffentlichen Leben, eine Abnahme der Versessenheit auf materielle Vorteile und Belohnungen und ein Anwachsen wirksamer sozialer Kontrollen - all dies macht eine stärkere Ausrichtung auf Symbole und eine bescheidenere Rolle für Gegenstände im gesellschaftlichen Leben erforderlich.«'^ Dieser Diskurs, der im Gegensatz zu Beils Kritik keine Aufwertung der protestantischen Ethik intendiert, ist, wie die anderen konservativen Diskurse der Postmoderne, antiutilitaristisch, anlihedonistisch, antirationalistisch und bis zu einem gewissen Grad auch anliindividualistisch. Wie'fenbruck, Koslowski und Bell gehl es auch Etzioni um eine Neubesinnung auf kulturelle Werte, um Ethik.
      Daß diese Ethik z.T. Kants Philosophie verpflichtet ist, lassen sowohl die früheren als auch die späteren Arbeiten Etzionis erkennen, in denen der Autor sich dafür einsetzt, daß die Menschen einander nicht als Mittel, sondern als Zwecke behandeln. Die aktive, postmoderne Gesellschaft definiert er als eine »Assoziation von Mitgliedern, die einander als Zwecke behandeln und Nicht-mitglieder so, als wären sie Mitglieder«.Ilh Dieses Plädoyer für werlrationales, ethisches Handeln soll offensichtlich dazu beitragen, die entfesselten Marktmechanismen einer Postmoderne zu bändigen, die einerseits die Chance hat, eine »aktive Gesellschaft« zu werden, andererseits von ihrem eigenen Wirtschaftssystem bedroht wird: »Der >MassenIdeal

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