Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Die europäische Soziologie, die als eigenständige Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Emile Durkheim, Max Weber, Alfred Weber, Ferdinand Tönnies,
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Der Fall Baudrillard: Indifferenz ohne Ideologie



Baudrillard ist deshalb ein Fall , weil sein Werk wesentliche Aspekte der postmodernen Problematik bündelt und der im vorigen Abschnitt angesprochenen Indifferenz eine extreme Form gibt. Im Gegensatz zu Münch und Welsch, die eher das Demokratisierungspotential der spätmodernen oder nachmodernen Gesellschaft hervorheben und die Gefahren, die der durchorganisierte Kapitalismus birgt, übersehen, stellt Baudrillard die Indifferenz als Austauschbarkeit von Werten, Emotionen und Eindrücken in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Sie wird - zusammen mit dem Zeichentausch und der Simulation - zum Kernbegriff seiner Theorie der Postmoderne als Postlüstoire.

     
In L'Illusion de lafin kommen beide Begriffe vor und können als Synonyme oder Fastsynonyme gelesen werden: »Produktion, Markt, Ideologie, Profil, Utopie , all das war modern, die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft war modern - die unsere, irreal und spekulativ, die nicht einmal die Idee von Produktion, Profil und Fortschritt hat, ist nicht mehr modern, sondern postmodern .«'" Schon an dieser Stelle wird klar, daß in Baudrillards Denken Mannheims Schlüsselbegriffe Ideologie und Utopie einem verschollenen modernen Zeitalter angehören und in der Postmoderne nichl wiederbelebt werden können. Diese Postmoderne wird von Baudrillard auch als »notre poslhistoire«" bezeichnet, weil er, wie noch zu zeigen sein wird, von dem Gedanken ausgeht, daß durch die totale Mediensimulation im Spätkapitalismus Ereignis, Politik und Geschichte aufgehoben werden. Darin stimmt er mit dem von ihm beeinflußten Jameson überein.
      Dies ist wohl der Grund, weshalb Wolfgang Welsch, der die Postmoderne streckenweise als pluralistische Idylle denkt, den Soziologen aus Nantcrre als »Leilfigur des diffusen, Differenzen löschenden Postmodernismus«" aus der heilen Welt einer postmodernen Vielfalt kurzerhand in den Orkus der Poslhistoire verbannt: »Baudrillard - so erklärt sich das - ist kein Denker der Postmoderne, sondern variiert eine andere und ältere Diagnose, die der Posthisloire.«" Poslhistoire und Postmoderne werden wie sich schon im ersten Kapitel gezeigt hat, dualistisch gegeneinander abgegrenzt: »Demgegenüber ist das Theorem der Postmoderne von grundsätzlich anderem Zuschnitt. Der Unterschied zum Posthistoirc-Lamcnto ist essentiell, und nichts ist irreführender, als Postmoderne und Poslhistoire in einen Topf zu werfen.«

   Es ist zweifellos richtig, daß der Eintopf als theoretisches Rezept nichl zu empfehlen ist; es fragt sich aber, ob es sinnvoll sei, sowohl den konservativen Koslowski als auch den Denker der Indifferenz, von der pluralistischen Idylle fernzu-hallen, statl sie als widersprüchliche Standpunkte in die postmoderne Problematik zu integrieren. Wäre Koslowskis Konservatismus nichl als ideologische Antwort auf die von Baudrillard analysierte Indifferenz zu verstehen? Gibl die Indifferenz nichl den Rahmen ab, in dem nationalistische, liberale, fundamentalistische, feministische und konservative Ideologien gegeneinander antreten?
So sieht Baudrillard es nicht: Er geht von dem Grundgedanken aus, daß nach dem Scheitern des Marxismus-Leninismus und der Mai-Revolle des Jahres 1968 das Politische und die politische Ideologie keine Rolle mehr spielen, weil sich der Tauschwert als reiner Zeichenwert restlos verselbständig! und alle Gebrauchswerte als Referenten jenseits des Tausches, also die ganze Wirklichkeit überzieht, verdeckt. In dieser Situation verschwinden Politik und Ideologie als selbständige Faktoren, weil der gesamte Bereich der materiellen und kulturellen Gebrauchswertproduklion von der Vermittlung durch den Tauschwert erfaßt und der Abstraktion oder Simulation des Tauschprinzips überantwortet wird.
      In diesem Zusammenhang spricht Baudrillard von einer »Involution des Politischen« und einer »Resorption des Politischen«1"' und stellt in Simulacres et Simulation fest, daß die politisch-ideologischen Gegensätze in der Indifferenz als Austauschbarkeit der Werte und Standpunkte aufgehoben werden: »Verschwunden ist die Gegnerschaft der Gegner, die Wirklichkeit der unvereinbaren Anliegen, der ideologische Ernst des Krieges.«1" In einer noch nie dagewesenen globalen Komplizenschaft verwalten europäische Kommunisten und Sozialisten den Kapitalismus, und die kommunistischen Regierungen Chinas und Vietnams tragen trotz des scheinbaren amerikanisch-vietnamesischen Antagonismus zu seiner Entfaltung bei.

     
In diesem vom Tauschwert dominierten Kontext ist auch die marxistische Ideologie oder Politik zur Atrophie verurteilt. In La Gauche cliviiw, einer Chronik der französischen Politik der Jahre 1977-1984, schildert Baudrillard, wie die französische Linke den Kapitalismus verwaltet und die Revolution systematisch verhindert, statt sie durchzuführen. Angesichts solcher Stagnation, die zur »Auszehrung« des Marxismus als Politik führt, spricht er im apokalyptischen Ton vom »Schluß mit dem großen marxistischen Versprechen«"1* und in einem rhetorischen Rundumschlag vom Bride des Subjekts, der Revolution und der Geschichte. In La Gauche divine, wo der Spielraum der französischen Regierung im Rahmen von IUI, OHCI), GATT und NATO mit keinem Wort erwähnt wird, ist von einer »Liquidierung der Geschichte« und einem »Ende der Geschichte«"'' die Rede.
      Die Vermutung liegt nahe, daß wir es bei Baudrillard mit einer apokalyptischen Stimmung zu tun haben, die bei zahlreichen Pariser Intellektuellen aus dem Scheitern der fiXer Mairevolte und dem Niedergang der marxistischen Metaerzählung hervorging. Baudrillard, der in seinen ersten Schriften - ähnlich wie Foucault und Lyolard - auf eine Revolte der benachteiligten Minderheiten und Randgruppen hoffte""', verabschiedet sich später von diesem Rcsi-dualmarxismus und wendet sich einem nietzscheanischen Henken zu, das zusammen mit der Ideologie jede Art von Ideologie- und Gesellschaftskritik für obsolet erklärt, weil Baudrillard meint, daß die soziale Wirklichkeit nicht mehr wahrgenommen wird: Ihr Sein löst sich im Schein des Tauschwerts auf.
      Weshalb kann Baudrillards soziologisches Erkenntnismodell als nietzseheanisch bezeichnet werden, und wie sieht es konkret aus? Sein Denken ist wie das der postmodernen oder poststruktu-ralistischen Philosophen Deleuze, Lyotard und Derrida negativ als Anliplatonismus und vor allem als Antihcgclianismus aufzufassen.

     
Nicht zu Unrecht spricht Christopher Norris im Zusammenhang mit Baudrillard von einem »inverted Platonism«"*1, einem »umgedrehten Platonismus«, der das Sein durch den Schein, die wahre Erkenntnis durch die Rhetorik Lind das Signifikat durch den Signifikanten ersetzt.
      Es ist zugleich ein umgedrehter Hegelianismus, der nur noch die Erscheinungen wahrnimmt und die Frage nach dem Wesenszusammenhang kurzerhand durchstreicht. Die dialektische Frage der Hegelianer Lukäcs, Goldmann und Henri Lefebvre, wie der »Schein und die Täuschung dieser schlechten, vergänglichen Welt«IKJ auch im Spätkapitalismus noch durchbrochen oder aufgelöst werden könnte, ersetzt Baudrillard durch einen »Rausch an der bloßen Oberfläche«"*1, wie er selbst im Zusammenhang mit der Mode sagt. Anschließend zitiert er Nietzsches bekannten Text, der die Oberflächlichkeit der Griechen rühmt: »O diese Griechen! Sie verstanden sich darauf, zu Icbcnl Dazu tut not, tapfer bei der Oberfläche, der Falle, der Haut stehnzubleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben! Diese Griechen waren oberflächlich - aus Tiefe ...«"*'
Auch Baudrillard nimmt sich vor, oberflächlich aus Tiefe zu sein: denn er glaubt nicht mehr an die Möglichkeit, das Wesen oder die Wirklichkeit hinter den Erscheinungen zu erkennen. Seine Darstellung der epistemologischen Verschiebung, zu der es seiner Ansicht nach im Ãobergang vom 19. zum 20. Jahrhundert kommt, ist ein großangelegter metarecil im Sinne von Lyotard und zeugt von einem wachsenden Agnostizismus, der zugleich ein Nietzscheanismus ist: »Die eigentliche Revolution des 19. Jahrhunderts, der Moderne, ist die radikale Zerstörung des Scheins, die Entzauberung der Welt und deren Auslieferung an die Gewalt der Interpretation und der Geschichte. Die zweite Revolution, die des 20. Jahrhunderts, der Postmoderne, die ein ungeheurer Prozeß der Sinnzerstörung ist, ist der vorausgegangenen Zerstörung des Scheins ebenbürtig. Wer mit dem Sinn zuschlagt, wird durch den Sinn erschlagen.«"*'' Im Anschluß an diese - durchaus historische - Interpretation der beiden letzten Jahrhunderte stellt Baudrillard fest, daß die dialektische und die kritische Szene leer sind: »La scene dialcctique, la scene critique sont vides. II n'y a plus de scene.«""'
Wo die Wirklichkeit vom Schein überwuchert oder aufgesogen wurde, dort verschwindet der Archimedische Punkt, von dem aus man den Schein kritisieren könnte. Dies ist wohl der Grund, weshalb in Baudrillards Werk das Wort dispa-rition zusammen mit der »Furie des Vcrschwindens« so häufig vorkommt. Zugleich mit der Wirklichkeil verschwinden der Sinn, die Wahrheil, das Soziale, die Geschichte und das Individuum. »Beyond every-thing«, ein Titel, den ein englischer Kollege seinem »nächsten Buch« geben wollte, resümiert in gewisser Hinsicht Baudrillards Gesamtanliegen.
      Wie sieht nun diese »Furie des Verschwindens« in seinem sozio-semiotischem Modell aus? In seinen Werken aus den 60er und 70er Jahren - Le Systeme des ohjets und l'our wie critique de I'economic politique du signe - gehl er von der durchaus plausiblen Grundlhcse aus, daß in der spätkapitalistischen Gesellschaft die Vermittlung durch den Tauschwert alle Lebcnsbcrciche erfaßt, so daß es immer schwieriger wird, Gebrauchswerte überhaupt wahrzunehmen, Gebrauchswert und Tauschwert zu unterscheiden. Während Marx und die Marxisten den Prozeß der zunehmenden Vermittlung zwar bemerken, aber weiterhin an der für sie wesentlichen Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert festhalten, hebt Baudrillard den die Kritik der Politischen Ã-konomie strukturierenden Unterschied auf: »Dort, wo die marxistische Analyse am überzeugendsten ist, dort tritt auch ihre Schwäche zutage: nämlich inder Unterscheidung von Tauschwert und Gebrauchswert.« Aus seiner Sich! verflüchtigt sich das Objekt in der Marktgcsell-schaft im funktionalen Zusammenhang des Warentausches und wird zu einem einfachen Zeichen für den Tauschwert.
      Im Anschluß an Marxens Kritik der Politischen Ã-konomie, aber in subversiver Absicht, entwirft Baudrillard in Pour une critique de I 'economic politique du signe ein dreistufiges Modell, das veranschaulichen soll, wie sich im Laufe der gesellschaftlichen lintwicklung der Gebrauchswert im Tauschwert auflöst, und das in Im Transparence du Mal durch eine vierte Stufe ergänzt wird: Hinein »natürlichen« Stadium des Gebrauchswerts folgt ein »kommerzielles Stadium« des Tauschwerts und diesem ein »Strukturales Stadium« des Tauschwerts als Zeichenweis. Diesem drillen Stadium »entsprach ein Code, und der Wert entfaltete sich hier unter Bezugnahme auf ein Lnsemble von Modellen«""*, d.h. daß er nicht mehr auf konkrete Objekte als Referenten zu beziehen ist. Das letzte oder »fraktale« Stadium beschreibt Baudrillard folgendermaßen: »Im vierten Stadium, dem fraktalen oder vielmehr viralen oder noch besser bestrahlten Stadium des Werts, gibt es überhaupt keinen Bezugspunkt mehr, der Wert strahlt in alle Richtungen, in alle Lücken, ohne irgendeine Bezugnahme auf irgend etwas, aus reiner Konliguität.«18'' Dies ist der Grund, weshalb er immer wieder von »la valeur« ganz allgemein spricht und stets den sich verselbständigenden und alles überwuchernden Tauschwert meint, der als solcher nicht mehr wahrnehmbar ist.
      Im »strukturalen« und »fraktalen« Stadium des Monopol- und Staalsmonopolkapitalismus werden Gebrauchswert und Tauschwert, die Marx, der den »Stade marchand« des Konkurrenzkapitalismus beschrieb, noch auseinanderhalten konnte, ununterscheid-bar. Schon in Pour une critique de l'economic politique du signe ist von einer »logique determinante de la valeur d'echange« die Rede sowie von einer »generalisataâ"¢ de la valeur d'echan-ge«.1''" Der materielle Schein bedeckt alles und macht jedes Fragen nach einem Jenseits des Scheins, nach der Wirklichkeit, zunichte.
      Dem Schein des Tauschwerts entspricht auf sprachlicher und scmiotischcr Ebene der Signifikant, dessen unhinlerfragbare Materialität und Vieldeutigkeit die Frage nach dem Signifikat als Sinn oder Wahrheit gegenstandslos erscheinen läßt. Analog zum Tauschwert heißt es vom Signifikanten: »Signifikat sind nur ein Effekt des Signifikanten .«''" Dieser Gedanke, den Baudrillard mit Barthes, Derrida und anderen Autoren der Tel-Quel-Gruppe, auf die er sich beruft1'", teilt, ist ein nietzscheanischer Versuch, den Schein als Unmöglichkeit von Begrifflichkeit, Sinn, Realität und Wahrheit der gesellschaftlichen Totalität gleichzusetzen.
      Diese Erkenntnis wird von Baudrillard in Lc Crime parfait thesenhall zusammengefaßt: »So verwirklicht sich die Prophezeiung: Wir leben in einer Welt, in der die ureigenste Funktion des Zeichens darin besieht, die Wirklichkeil verschwinden zu lassen und zugleich dieses Verschwinden zu tarnen . Die Kunst tut in der heutigen Zeit nichts anderes. Die Medien tun nichts anderes.«1' Dieses Verschwinden der Wirklichkeit, das völlig unbemerkt vor sich geht, bezeichnet Buudrillurd als »crime parfait«, als »perfektes Verbrechen«. 'w

Als Synthese von wirklichkeitsverdeckendem Tauschwert und referenzlosem Signifikanten faßt er das Simulakrum der Medien auf: im Anschluß an Marshall McLuhans These, derzufolgc das Medium selbst als Nachricht fungiert , versuch! er nachzuweisen, daß im System der Medien die Sinneinheiten selbstreferenlicll werden wie die Signifikanten, wie der Tauschwert. Als Produktion von Simulakren, die weder einen Ursprung noch eine Wirklichkeit zulassen, bezieht sich das Medium ausschließlich auf sich selbst und läßt dadurch eine Hyperrea-lität entstehen: »Das Hypcrrealc ist ein viel weiter fortgeschrittenes Stadium, in dem sogar der Widerspruch zwischen dem Realen und dem Imaginären ausgelöscht ist.«1'"'
Die Hyperrealitäl kommt dadurch zustande, daß die Simula-kra. aus denen sie sich zusammensetzt, auf keine Wirklichkeit mehr bezogen werden können. In Simulacres et Simulation unterscheidet Baudrillard vier Arten von Bildern : Bilder, die eine tieferliegende Wirklichkeit widerspiegeln; Bilder, die diese Wirklichkeit maskieren und entstellen; Bilder, die die Abwesenheit einer solchen Wirklichkeil maskieren, und schließlich Bilder ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit oder reine Simulakra.1'" »Der Ãobergang von Zeichen, die etwas verdecken zu Zeichen, die darüber hinwegtäuschen, daß es gar nichts gibt , ist der entscheidende Wendepunkt«1'"*, heißt es dort.
      Auffallend ist die Analogie zwischen diesen vier Bildkategorien und den vier Stadien der Vermittlung durch den Tauschwert: Die erste Kategorie entspricht dem »natürlichen Stadium des Gebrauchswerts«; die zweite dem »kommerziellen Stadium«, dem »capitalisme marchand«, in dem es zu erheblichen Verzerrungen kommt; die dritte dem »strukluralcm Stadium« des Monopolkapitalismus, in dem sich der Wirklichkeitsbezug allmählich auflöst; und die vierte entspricht schließlich dem »Stade fractal« des staatlich organisierten Kapitalismus, in dem jeder Wirklichkeitsbezug verlorengeht.

Talsächlich handelt es sich nicht um eine einfache Analogie, sondern darum, daß die Welt der Medien als Welt der Simulakren und der Simulation dem postmodernen Soziologen als eine Welt erscheint, die auf allen Ebenen durch den Tauschwert als Zeichen-wert vermittelt ist: »Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzten Begriffen. Ãoberall die gleiche Genesis der Simulakren: die Austauschbarkeit des Schönen und Häßlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und Halschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und Unnützen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Hbenen der Signifikation.«'"'' liier wird deutlich, was ein Simulakrum im Sinne von Baudrillard ist: Nicht eine Illusion, die früher oder später an der Wirklichkeit zerschellt, sondern etwas Unwirkliches, Schimärenhaftes, das die Stelle des Wirklichen einnimmt und ohne Holgen mit seinem Widerpart vertauscht werden kann.
      Mit der für ihn charakteristischen Rhetorik des sweeping statemenl treibt Baudrillard seine Indifferenz-Theorie auf die Spitze, wenn er schreibt: »Alles wird unentscheidbar, das ist die charakteristische Wirkung der Herrschaft des Codes, die auf dem Prinzip der Neutralisierung und der Indifferenz beruht. Das ist das allgemeine Bordell des Kapitals, das kein Bordell der Prostitution ist, sondern ein Bordell der Substitution und der Kommuta-tion.«2"" Zugleich bricht er dieser Theorie die Spitze ab, weil er, ausgehend von der Grundstruktur seines Diskurses, nämlich von der Aufhebung des Gegensatzes Gebrauchswert/Tauschwert, die Möglichkeit preisgibt, Wahres und Falsches zu unterscheiden: »Alles wird unentscheidbar...« Dies ist aber das Ende der wissenschaftlichen Theorie: Denn wo die Indifferenz als Austauschbarkeit total ist, dort ist es auch ziemlich gleichgültig, ob Marx, Althusser, Baudrillard oder Francis Hukuyama den Kapitalismus richtig interpretieren - es werden ohnehin nur Trugbilder ge-tauscht. Deshalb sollte Baudrillard auch auf seinen Lieblingsausdruck »en realite« verzichten: Wo die Wirklichkeit von der totalen Simulation verdeckt wird, kann sie auch nicht als Referent des Diskurses in Anspruch genommen weiden.
      Dennoch muß man sich hüten, Baudrillards Theorie als »unwissenschaftlich«, »elitär« 21" oder als »leere Rhetorik« kurzerhand zu verabschieden. Gerade für die Moderne-Postmoderne-Diskussion ist sie wichtig, weil sie das von Lyotard, Bauman und Welsch ausgeklammerte Indifferenz-Problem als wesentliche Dimension der postmodernen Problematik erkennen läßt. Ohne die von Baudrillard in allen Einzelheiten und vor allem im Bereich der Medien - analysierte Indifferenz als Austauschbarkeit der Werlsetzungen und Positionen ist die Postmoderne nicht zu verstehen. Baudrillard erregt soviel Unmut und ruft so viele Aggressionen hervor, weil die liberalen, konservativen und sozialistischen Ideologen nicht glauben, nicht zugeben können, daß es mit ihren Werten so weit gekommen ist.
      Dies ist aber der springende Punkt, den Baudrillard selbst vernachlässigt, wenn er vom »Ende der Idee«, »fin de I'idee« und der Ideologie spricht. Die Ideologie büßt ihre Funktion nicht ein, weil sie gerade innerhalb der postmodernen Problematik wesentlich dazu beiträgt, daß Individuen, Gruppen und Organisationen als Subjekte handlungsfähig bleiben. In einem von der Indifferenz als Austauschbarkeit dominierten Zusammenhang sind die ideologischen Reaktionen 21" noch stärker ausgeprägt als im Zeitalter der modernen Ambiguität oder der modernistischen Ambivalenz: Die Ã"ra der Indifferenz istwie Tourainc im Hinblick auf das Thema »Nation« immer wieder betont - zugleich die der Ideologien, die Baudrillard zusammen mit den Subjekten und den politischen Ereignissen für bloße Simulakra halt.
      Aus diesem Grund ist der hier verwendete Indifferenz-Begriff nicht der Baudrillards: denn er wird in Wechselbeziehung zur modernen Ambiguität und zur spätmodernen Ambivalenz definiert, aus denen die Indifferenz hervorgeht, sowie im Gegensatz zum dualistischen Diskurs der Ideologie, der seil dem Anbruch der modernen Ã"ra auf Ambiguität, Ambivalenz und Indifferenz reagiert. Der Zerlall der alten Großideologien, der wesentlich zur Entstehung posimoderner Rhetoriken beitrug, schließt neue Ideolo-gisierungen nicht aus, sondern ebnet ihnen den Weg.
      Der Cirund, weshalb Baudrillard die Ideologie als »discours de sens«'"', der dem Sinn nachspürt, nicht ernst nehmen kann, ist bekannt: Indem er den Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert annulliert, statt ihn dialektisch weiterzudenken, begibt er sich der Möglichkeit, das Andere des Tauschwerts zu bezeichnen.
      Hs ist zwar richtig, daß der Tauschwert in der zeitgenössischen Gesellschaft in nahezu alle Lebensbereiche eingedrungen ist, aber es ist unzulässig, die gesellschaftliche Dynamik auf ihre Marktgesetze einzuengen, weil man aufhört, sie zu verstehen. Wolfgang Fritz. Haug bemerkt zwar als Marxist und unabhängig von Baudrillard: »Vom Tauschwertstandpunkt aus ist der Gebrauchswert nur Köder«.2""'' Aber er wird sich hüten, ausschließlich diesen Standpunkt einzunehmen und ihm alle anderen Standpunkte zu opfern. Dies ist der entscheidende Unterschied zwischen Baudrillard einerseits und dem Marxismus oder der Kritischen Theorie andererseits.
      Denn ohne die Setzung des Gebrauchswerts ist selbst die spätkapitalistische Wirtschaft nicht zu verstehen. Ihr Funktionieren wirkt vollends opak, wenn nicht angenommen werden kann, daß sich Käufer trotz aller Warenästhetik, trotz aller Werbegags auch am Gebrauchswert orientieren.'0'' Der Grund, weshalb viele japanische und nun auch koreanische Produkte wie Computer und Fotoapparate auf dem Markt erfolgreicher sind als die der europäischen oder amerikanischen Konkurrenz, ist sicherlich nicht nur in ihrer Verpackung oder Aufmachung zu suchen, sondern in ihrer Leistungsfähigkeit als Gebrauchswerte und im relativ niedrigen Preis. In den Augen eines Computer- oder Fotokunden, der sich für die Speicherkapazität eines Computers oder die Genauigkeit eines Belichtungsmessers interessiert, muß das Verhältnis von Gebrauchswert und Tauschwert annähernd stimmen.
      Möglicherweise gibt es Kunden, die sich einen Apparat mit großem Teleobjektiv oder eine kleine Kamera mit elegance anschaffen, weil der Gegenstand im Zeichensyslem des Taiischkodes {code, BaudrillarD) etwas konnolieit. Fs ist wohl kein Zufall, daß das Tauschobjekt, dem sich Baudrillard in seinem Frühwerk mit Vorliebe widmet, das Auto20' ist: Der rote Sportwagen ist mythisch kodiert und kann gegen Sozialprestige, Geschwindigkeitsrausch, Fros und Tod getauscht werden. Aber nicht alle Käufer sind gleich dumm, und sie sind nicht immer achtzehn Jahre alt. Hätte Baudrillard trotz Pariser Hektik nicht die Mühe gescheut, in empirische Niederungen herabzusteigen und Käufer von Computern oder Kameras systematisch zu befragen, hätte er feststellen können, daß in diesem Bereich der Gebrauchswert noch ein ernst-zunehmender Faktor ist und die Simulakra des Markt- und Werbekodes eine eher untergeordnete Rolle spielen. Baudrillard aber erscheint die simulierte Welt der Werbung als die gesellschaftliche Ganzheit schlechthin.
      Natürlich hat er als postmoderner Postmarxist für empirische Sozialforschung nur Verachtung übrig und wendet sich statt der Empirie dem Mythos zu. Nicht der Gebrauchswert kommt für ihn als Alternative zur gegenwärtigen Hyperrealitat des Tauschwerts und des Simulakrums in Frage, sondern der symbolische Tausch der archaischen oder mythischen Gesellschaften: der nichtkommerzielle 'lausch als Gabe und Gegengabe, als Großzügigkeit jenseits von Akkumulation und Produktion. Gerd Bergfleth faßt bündig zusammen, worum es gehl: »Der symbolische Tausch ist das absolut Andere in Baudrillards Universum: das Prinzip einer universellen Subversion, das das Prinzip der universellen Simulation umkehren und aufheben soll. Die Andersartigkeit beinhaltet zunächst eine vollkommen andere Tauschform, die ökonomisch nicht mehr gefaßt werden kann: die Form der Generosität, die keine Ã"quivalenz kennt und keinen Wert bildet, die aber dafür auf dem Weg der Reziprozität den sozialen Zusammenhalt garantiert. Das Modell des symbolischen Tauschs ist der soziale Tausch der Primitiven, wie er sich im Gabentausch konkretisiert.«2m
Es gehl hier offensichtlich um die Aufwertung einer vorkapitalistischen Lebensform, die in einer scheinbar ausweglosen Situation einem zum Tode geweihten hyperrealen System als Alternative gegenübergestellt wird. Ã"hnlich wie der Marxist Goldmann, der die archaische menschliche Gemeinschaft in die nachkapitalistischc Zukunft projizierte2"'', versucht Baudrillard, den archaischen Mythos gegen das für ihn unerträglich gewordene System ins Feld zu führen. Der Unterschied zwischen dem Marxisten und dem Postmarxisten besieht darin, daß Goldmanns communaute humaine dem Leben und der

Zukunft zugewandt war, während Baudrillards symbolischer Tausch mit dem Tode solidarisch ist: »Seine nihilistische Ver-endung besorgt das System schon selbst, indem es simulativ alles entwertet, aber sein wahres Ende, das auch die Entwertung noch >enlwertet

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