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Moderne / postmoderne literatur
Sollten die Skeptiker recht behalten, dann befaßt sich dieses Buch mit einem nichtvorhandenen Objekt, einem proton pseudos, das zu kommentieren sich nicht lohnt. In regelmäßigen Absländen werden nämli
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» Probleme der Konstruktion: Moderne und Postmoderne als Epochen, Ideologien, Stile und Problematiken

Probleme der Konstruktion: Moderne und Postmoderne als Epochen, Ideologien, Stile und Problematiken



Man muß nicht Anhänger des Radikalen Konstruktivismus sein, um zu erkennen, daß wir Wirklichkeit nur als konstruierte wahrnehmen: Wo der Ökologe ein wertvolles Biotop sieht, sieht der Bauer lediglich unbrauchbares Land oder gar ein Hindernis auf dem Weg zur optimalen landwirtschaftlichen Nutzung; wo der Marxist-Leninist Ausbeuter und Klassenkämpfe wahrnimmt, spricht der Liberale zuversichtlich von sozialer Marktwirtschaft; wo sich der Liebhaber der Klassik schaudernd vom Chaos abwendet, lobt der Modernist oder Poslmodernist innovative oder zeitgemäße Kunst.
      Die Post moderne als »Ding an sich« gibt es nicht, sondern nur konkurrierende Konstruktionen, von denen man hofft, daß sie sich irgendwann vergleichen lassen. Zu Recht weist Brian McHale auf den »diskursiven und konstruierten Charakter der Post moderne«' hin und vergleicht sie mit anderen theoretischen Konslrukten wie »die Renaissance«, »die amerikanische Literatur« oder »Shakespeare«. Denn auch der scheinbar neutrale Gegenstand »Shakespeare« wird von einem Mitglied des George-Kreises wie Friedrich Gundolf anders konstruiert als von dem marxistischen Anglisten Robert Weimann.
      Dies gilt ebenso für die Begriffe »Moderne« und »Postmoderne«, deren Beschaffenheit nicht /;//;. von Zufallen und individuell bedingter theoretischer Spekulation abhängt, sondern auch von einem parli pris für ideologische Positionen, die bei einem konservativen Befürworter der Postmoderne wie Peter Koslowski ganz anders geartet sind als bei den Marxisten Callinicos und Jameson oder beim Autor dieses Buches, der auch in den folgenden Ausführungen hofft, eine semiotisch und soziologisch revidierte Kritische Theorie als dialogischen Entwurf im Sinne von Macht in weiterzuentwickeln.'"
Ls gibt hier nichts zu »entlarven«, denn es ist in jeder Hinsicht legitim, von einer konservativen, liberalen, marxistischen, feministischen oder kritisch-theoretischen Position auszugehen, um ein Objekt wie Postmoderne zu konstruieren. Gefordert wird jedoch, daß der Diskurs des Theoretikers die empirische Überprüfung und den kritischen Dialog nicht durch monologische , manichäischc und die Sclbstrcflexion behindernde Verfahren abblockt." Allerdings fällt immer wieder auf, daß konservative und marxistische , vor allem aber natio-nalsozialistische und stalinistischc Diskurse zu Monolog, Mani-chäismus und Unrcflektiertheit tendieren und schon dadurch ihre Objektkonstruktionen auf theoretischer Ebene entwerten. Als Produktionsslättcn von Theorien sind Ideologien also keineswegs gleichwertig oder gleich »wahr«, wie es verschiedene Varianten des Relativismus suggerieren. Auf keinen Fall kann aber eine Theorie durch Hinweise auf ihren konservativen oder marxistischen Ursprung widerlegt werden: Das zeigen die subtilen Ausführungen eines F. H. Tennruck, die im zweiten Kapitel kommentiert werden.
      Es ist naheliegend, daß »Moderne« und »Postmoderne« zunächst chronologisch als Perioden oder Epochen konstruiert werden. Denn schon das Präfix »post-« deutet an, daß von einer Zeit die Rede ist, die der Moderne Joint und trotz aller Affinitäten von dieser abweicht. So sieht es beispielsweise Manfred Hennen, wenn er meint, im Falle der Moderne sei »zwischen einem historischen Periodisierungsbegriff und einer umfassenden Sozialdiagnose zu unterscheiden«. Im zweiten Kapitel wird sich allerdings zeigen, daß die Sozialdiagnoscn immer schon eine Periodisierung als historische Klassifikation voraussetzen, und es liegt auf der Hand, daß eine solche Klassifikation nicht nur nach logischen und semiotischen, sondern auch nach ideologischen Kriterien konstituiert wird . Von den vertrackten Beziehungen zwischen Periodenbegriffen wie Neuzeil, Moderne, Modernismus und Postmoderne wird im nächsten Abschnitt ausführlicher die Rede sein.
      Zunächst erscheint es wichtig, den Unterschied zwischen Epoche und Ideologie näher zu betrachten, weil in den Auseinandersetzungen um Moderne und Postmoderne häufig unklar bleibt, ob es sich um Zeitabschnitte oder Großideologien als Wertsysteme handelt. Wenn beispielsweise Jürgen Habermas in seinem vieldiskutierten Aufsatz »Die Moderne - ein unvollendetes Projekt« die Moderne weitgehend mit dem Erbe der Aufklärung identifiziert und dabei die gegenaufklärerischen Tendenzen ausblendet, so verwendet er den Moderne-Begriff metonymisch, indem er eine jahrhundertelange Epoche auf einen ihrer ideellen Inhalte reduziert. n
Ähnlich, obwohl mit entgegengesetzter politischer Absicht, gehen Linda Hutcheon und Nicholas Zurbrugg vor, wenn sie im ästhetischen Bereich eine kritisch-populäre Postmoderne gegen einen elitären und konservativen Modernismus ausspielen. Zurbrugg faßt die Post moderne als »Ästhetik« " auf, und Hutcheon spricht von einer »ideologisch und ästhetisch motivierten Ablehnung der Vergangenheit im Modernismus« .'s In beiden Fällen werden Modernismus und Postmodernc als relativ homogene ästhetische Ideologien konstruiert.
      Einen ganz anderen Standpunkt nimmt der französische Marxist Henri Lcfebvrc ein, wenn er den Modernismus als gesellschaftliche Epoche definiert: »Um 1905 treten die ersten Umrisse des Modernismus und der Modernität allmählich aus dem Nebelschwadcn der Geschichte hervor .«lh An dieser Stelle treten die Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung klar zutage: »Modernismus« oder »Modernität«? Während »Modernismus« von den meisten Autoren weitgehend mit der Entstehung und Entwicklung der modernen Kunst und Literatur seit 1850 oder seit 1890 identifiziert wird, läßt Lcfebvrc seinen Modernismus ein halbes oder ein Vierteljahrhundert später beginnen: mil der ersten russischen Revolution. Dies mag legitim und kreativ sein, ist aber als historische Konstruktion etwas ungewöhnlich,zumal Lefebvre seine Periodisicrung nicht wirklich plausibel macht.
      Beginnt die ästhetisch-literarische Moderne nicht mit Baudelaire und den europäischen Revolutionen des Jahres 1848? Beginnt sie nicht mit Nietzsches Werk um 1880 -etwa mit der Morgenröte, die ebenso symbolträchtig ist wie die russische Revolution des Jahres 1905? Fragen dieser Art lassen zwar die Schwierigkeiten erkennen, die Versuche der Begriffsbestimmung mil sich bringen, sind aber nicht dazu angetan, konkrete Ergebnisse zu /.eiligen, weil einzelne Daten und Ereignisse keine tragfähige Grundlage für Konstruktionen wie »Moderne« und »Postmodernc« abgeben.
      Ebenso fragwürdig sind literaturwissenschaftliche Versuche, diese beiden Einheiten vorwiegend oder ausschließlich auf stilistischer Ebene zu definieren. Einer der bekanntesten ist wohl Ihab Hassans Merkmalanalysc, in der die Postmoderne als ein Ensemble von stilistischen Merkmalen aufgefaßt wird: Unbestimmtheit, Fragmentierung, Auflösung des Kanons, Ironie, Karnevalisierung usw. sollen für die nachmoderne Literatur besonders charakteristisch sein." Den informierten Leser wird hier nicht nur die von den Romantikern besonders geschätzte Ironie stutzig machen, sondern fast alle von Hassan aufgezählten Merkmale, weil sie in den meisten modernistischen Texten nachgewiesen werden können: Ist Fragmentierung nicht für Kafka und Musil charakteristisch? Ist Karnevalisierung nicht eine der wichtigsten Stilfiguren in Dostocvskijs, Celines und Prousts Romanen?
Weshalb greift Hassans Analyse nicht? Einmal deshalb, weil Hassan versucht, die Postmoderne ohne den Modernismus zu definieren und dadurch gegen Frank Fechners Regel verstößt, wonach Moderne, Modernismus und Postmodernc zusammengedacht werden sollten; aber auch deshalb, weil eine rein stilistische Analyse unzureichend ist. Sie läßt historische, gesellschaftliche, politische und philosophische Entwicklungen unberücksichtigt, ohne deren Zusammenwirken sich literarische Evolution als rein formales Geschehen in der Abstraktion auflöst .

Dies ist der Grund, weshalb Moderne und Postmoderne hier weder rein chronologisch als Perioden noch als Ideologien oder stilistische Systeme, sondern als Problematiken konstruiert werden.

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