Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Sollten die Skeptiker recht behalten, dann befaßt sich dieses Buch mit einem nichtvorhandenen Objekt, einem proton pseudos, das zu kommentieren sich nicht lohnt. In regelmäßigen Absländen werden nämli
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Begriffshildung: Neuzeit, Moderne, Modernismus, Postmoderne, Posthistoire und nachindustrielle Gesellschaft



Es kann nicht darum gehen, alle Bedeutungen dieser dehnbaren und schillernden Begriffe aufzulisten und die Verwirrung weiter zu steigern. Wichtig ist zunächst, den Begriff der Moderne gegen die verwandten Begriffe »Neuzeit« und »Modernismus« abzugrenzen, zumal »Moderne« häufig als Synonym für »Neuzeit« oder »Modernismus« verwendet wird. Während zahlreiche soziologische und sozialphilosophische Theorien dazu neigen, »Moderne« und »Neuzeit« ineinszusclzen, hat sich vor allem in der Kunst- und Literaturwissenschaft ein Sprachgebrauch eingebürgert, der auf eine Identifizierung von Moderne und Modernismus hinausläuft. Die Bezeichnung Wiener oder Pariser Moderne meint nicht eine jahrhundertelange Entwicklung seit 1500 oder 1600, sondern die Kunst- und Literaturformen der Jahrhundertwende oder die literarische Entwicklung seit Baudelaire , die vor allem Walter Benjamin als ein Paradigma der Moderne beschrieben hat.
      Die Incinsselzung von »Moderne« und »Neuzeit« hat eine lange philosophische Tradition, die mit dem Zerfall des Hegel-schen Systems bei den Junghegelianern beginnt. In einem seiner Versuche, dieses System zu ergänzen und zu retten, spricht der Hegel-Schüler Friedrich Theodor Vischer von der »großen Krisis , welche die moderne Zeit vom Mittelalter trennt«. Anders als Hegel, der Mittelalter und Neuzeit als eine mittelalterlich-christliche Epoche auffaßte, sieht sich Vischer in der Mitte des 19. Jahrhunderts genötigt, die Moderne als Neuzeit als selbständige Einheit anzuerkennen. Diese

Anerkennung, die der neuen Ã"ra um 1850 in der Philosophie zuteil wird, ist kein Zufall, sondern zeugt von einer veränderten Geschichtsauffassung, die aus den Krisen des 19. Jahrhunderts hervorgeht und als spätmodern oder modernistisch im Sinne von Nietzsche und Baudelaire bezeichnet werden könnte. Mit anderen Worten: Zu Beginn der Spätmodernc oder des Modernismus wird die neuzeitliche Moderne im Rückblick erkennbar, definierbar und kritisierbar.
Nicht nur in der deutschen, sondern auch in der englischen Philosophie und Soziologie wird der Ausdruck »modern thoughl« in den meisten Fällen mit der Bedeutung »neuzeitliches Denken« versehen. So spricht beispielsweise Bertrand Russell in seiner History ofWestern Philosophy von der »modernen Philosophie« , die das mittelalterliche Denken ablöst und aus der Säkularisierung und Verwissenschaftlichung der Gesellschaft hervorgeht.1'' Etwas konkreter periodisiert der Soziologe Giddens, wenn er die Moderne erst mit der Aufklärung des 17. Jahrhunderts beginnen läßt 20, als das Werk Francis Ba-cons zu wirken beginnt. Ã"hnlich äußert sich der deutsche Soziologe Tenbruck, wenn er von der »wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts« spricht und die Säkularisierungstendenzen untersucht, die von dieser Revolution ausgehen.
      Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß der Ausdruck »Moderne als Neuzeit« nur im deutschen Sprachraum als sinnvolle Präzisierung erscheint, weil das Wort »Neuzeit« im Englischen nur mit »modern times« oder »modernity«, im Französischen nur mit »temps modernes« oder »modernite« und im Italienischen mit »etä moderna« bzw. »evo moderno« wiedergegeben weiden kann. Wenn aber Walter Benjamin im Anschluß an Baudelaires modernite von der »Moderne« spricht, so meint er nicht die Moderne als Neuzeit, sondern die Spätmoderne des 19. Jahrhunderts: den anbrechenden Modernismus in Kunst, Literatur und Philosophie.
      Wie verhalten sich nun Moderne und Modernismus zueinander? Der Modernismus könnte - wie im Zusammenhang mit F. Th. Vischcr bereits angedeutet - als eine Zeil des kritischen Nachdenkens über die Moderne oder als ein Reflexivwerden der Moderne gedeutet werden. »In gewisser Hinsicht war der Modernismus immer auch eine Kritik der Moderne «", stellen Roy Boyne und Ali Rattansi in der Einleitung zu ihrem Sammelband Postmodernism and Society lest.
      Sie haben insofern recht, als modernistische Philosophen und Schriftsteller wie Nietzsche, Dosloevskij, Musil, Kafka und Piran-dello zentrale Gedanken der Aufklärung und des Rationalismus in Frage stellen. Diese Autoren beginnen außerdem, wie sich im fünften Kapitel zeigen wird, an der Beherrschbarkeit der Welt im Rahmen des aufklärerischen Lind rationalistischen Fortschrittsglaubens zu zweifeln. Sic setzen zwar die Religionskritik der Aufklärung in einem neuen Kontext fort, zweifeln aber zugleich die von den Aufklärern etablierte Autorität der Wissenschaft an und antizipieren dadurch die Wissenschafls-kritik in der Postmoderne - etwa bei Lyotard, Vultimo und dem Soziologen Bauman. Insgesamt gehört jedoch der Modernismus als Selbstkritik der Moderne noch dem modernen Zeitalter an.
      Das Wort »Modernismus« evoziert in hispanistischen Kreisen sogleich den spanisch-amerikanischen Begriff des modernismo, eine literarisch-ästhetische Strömung, deren Hauptvertreter Juan Ramön Jimcnez , der Kubaner Jose Marti und der nicaraguanischc Lyriker Rüben Darfo sind. Es trifft keineswegs zu, wie bisweilen behauptet wird, daß der modernismo mit dem europäischen und nordamerikanischen Modernismus wenig oder nichts zu tun habe. Im Gegenteil, in zahlreichen Texten Martfs und Darios sind Einflüsse europäischer Mo-dernisten nachweisbar und bestätigen die Vermutung, daß der modernismo integraler Bestandteil der modernistischen Problematik Europas und Amerikas ist.2'
Dies wird auch in Gilbert Azams Buch El modernismo desde dentro deutlich, wo einerseits der literarische modernismo mit modernistischen Erneuerungsversuchen im spanischen und französischen Katholizismus verknüpft wird24, andererseits immer wieder gezeigt wird, daß der modernismo und die Generation del 9H eine Einheit bilden. A/am spricht von der »inneren Kontinuität , die zwischen der Neunundachlziger Generation und dem modernismo aufgezeigt werden kann«."'' Diese Generation, der neben dem Philosophen und Schriftsteller Miguel de Unamuno Autoren wie Azon'n , Pfo Baroja und Antonio Machado angehörten, ist in jeder Hinsicht als modernistisch im allgemeinen Sinn zu bezeichnen, weil sie einerseits die Krise der kulturellen Werte und des individuellen Subjekts in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellte, andererseits nachhaltig von Nietzsche, Schopenhauer, Kierkegaard sowie von europäischen und lateinamerikanischen Modernisten beeinflußt wurde.
      Wesentlich problematischer als die Verwandtschaft zwischen Modernismus und modernismo erscheint auf den ersten Blick die zwischen Modernismus und Avantgarde. Während einige Autoren von einer »Koexistenz« zweier einander fremder Strömungen sprechen, meinen andere, in den .avantgardistischen Bewegungen Europas modernistische Vorboten der Postmoderne zu erkennen. So behauptet beispielsweise Matei Calinescu, Modernisten wie Proust, Kafka oder Joyce hätten »kaum etwas mit so typischen Avantgarde-Bewegungen wie Futurismus, Dadaismus oder Surrealismus zu tun«.- Abweichend, aber bis zu einem gewissen Grad komplementär ist die Einschätzung von Scott Lash, der die Praxis der europäischen Avantgarden der 20er Jahre für postmodern hält, weil die avantgardistische Kunst die auratische Autonomie des Kunstwerks zerstört und sich nicht mehr an Eliten, sondern an Massen wendet: »I lake the avant-garde of the 1920s to he post-modcrnisl«."' Sollte diese Einschätzung zutreffen, müßten auch Brecht, Auden und Celine der Post moderne angehören ...
      Es ist hier nicht der Ort, dem vierten Kapitel vorzugreifen und Eashs Thesen zu kommentieren; vielmehr gilt es zu zeigen, daß Modernismus und Avantgarde nicht unbesehen identifiziert werden sollten. Im vierten Kapitel wird allerdings der Vorschlag gemacht, die Avantgarden als Bestandteile des Modernismus zu betrachten, einerseits weil avantgardistische Verfahren in modernistischen Romanen und Dramen vorkommen, andererseits weil dem Modernismus und der Avantgarde politische und existentielle Probleme gemeinsam sind.
      Schon Eashs These deutet an, daß die Postmoderne gemeinhin als eine Erscheinung aufgefaßt wird, die über die Moderne als Neuzeit und den Modernismus als Selbstreflexion der Moderne hinausweist. Obwohl der Begriff »Poslmodernc«, wie wir ihn heute kennen oder zu kennen meinen, zunächst in einer nord-amerikanischen Eiteraturdebatte aus den Jahren 1959 und 1960 verwendet wurde , tauchte er schon früher in verschiedenen Kontexten auf, die Wolfgang Welsch ausführlich beschreibt. Er weist mit Recht darauf hin, daß der Begriff in der Architektur erst um 1975 aufgenommen wurde, so daß die Behauptung, er stamme aus diesem Bereich, falsch ist.
      Welsch stellt fest, daß der englische Ausdruck post-modern zum ersten Mal um 1870 beim englischen Salonmaler John Wal-kins Chapman vorkommt, der sich vornimmt, über den damals modernen französischen Impressionismus hinauszugehen. Einen ganz anderen semantischen Inhalt erhält der vieldeutige Signifi-kant im Jahre 1917 bei Rudolf Pannwitz , einem Dichter und Philosophen, der den Menschen als »Vollender des Kosmos« zu verstehen sucht und im Anschluß an Nietzsche eine postmodernc Ãoberwindung des Nihilismus und der Dekadenz durch den Libermenschen fordert. Wie schon Nietzsche geht es also auch diesem Philosophen um eine postmodernc Erlösung von den Gebrechen und Wirrungen der Moderne - wobei »Moderne« in Pannwitz' Hauptwerken nicht so sehr »Neuzeit« bedeutet, sondern die Zeit der Krisen und der »decadence« seit 1850.2tl
In dem hier konstruierten Zusammenhang ist Welschs Hinweis auf den eher pejorativ verwendeten postmodernismo-icgviT des spanischen Philologen Federico de Onfz bedeutsam, der die »von 1905 bis 1914 reichende Korrekturphase« bezeichnet, »die auf den >modernismo< folgte, eher dieser im >ultramodcrnis-mo< erneut und verstärkt zum Tragen kam«."' Eine Parallelentwicklung im religiösen Bereich zeigt Gilbert A/.um auf, der von einer engen Verflechtung zwischen literarischem und religiösem modertiismo spricht.

     
   Für den soziologischen und politologischen Kontext ist die Auffassung der Postmodernc beim englischen Historiker und Philosophen Arnold Joseph Toynbcc von Bedeutung, weil sie noch in der gegenwärtigen sozialwissenschafllichcn Diskussion sporadisch wirkt. Toynbee geht von der These aus, daß das moderne nationalslaalliche Denken seit 1875 einem übernationalen, globalen Denken weicht. Obwohl diese These nicht abwegig ist, weil sie politische und kulturelle Entwicklungen im 20. Jahrhundert antizipiert, ist sie problematisch, weil sie gegenläufigen Tendenzen - etwa der Möglichkeit einer Renationa-lisierung des Denkens - nicht Rechnung trägt. Globalisierungs-tendenzen im ökologischen, politischen und technologischen Bereich sind zwar ein zentrales Thema der Postmoderne-Diskussion, aber die Neigung zum Purtikularisinus, die hier im Mittelpunkt stehen wird, scheint noch stärker zu sein."
Diese recht disparaten Auffassungen der »Postmoderne« zeigen, wie ein vieldeutiges Wort zum Ausgangspunkt zahlreicher Objektkonstruktionen werden kann, die sich überschneiden, einander widersprechen oder gar inkommensurabel sind. Jede Theorie, jede Ideologie kann sich des Wortes bemächtigen, um es zum Gegenstand der Hoffnung, der Bewunderung oder des Hasses zu machen. Der theoretische Diskurs kann als menschliches Kon-strukt derlei Impulse gar nicht vermeiden; allerdings sollte das theoretische Subjekt dafür sorgen, daß sie ironisch relativiert werden und als das erscheinen, was sie sind: als historisch kontingente Kräfte, denen es nicht gelingen sollte, den Diskurs zu vereinnahmen.
      Vereinnahmen läßt sich der Diskurs jedesmal dann, wenn ein Begriff wie Moderne oder Postmoderne schlicht diskreditiert, d.h. mit negativen Konnotationen versehen, karikiert und verurteilt wird. Mit Recht wehrt sich Wolfgang Welsch gegen die Karikatur der Postmoderne als Posthistoire: »Mit diesem Theorem der >Posthistoircpostmodcrn

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