Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Im Anschluß an das dritte und fünfte Kapitel geht es hier um zwei komplementäre Fragen: Wie kann eine kritische Theorie der Gesellschaft in nachmoderner Zeit aussehen, und wie verhält sie sich innerha
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» Dialogische Theorie: Zwischen Umversahsmus und Partikulansmus
» Theorie zwischen Ideologie und Indifferenz - oder: »Engagement und Distanzierung«

Theorie zwischen Ideologie und Indifferenz - oder: »Engagement und Distanzierung«



Keine Theorie kommt ohne ein ideologisches Engagement aus: Marxens parti pris für das Proletariat und seine Revolution ist die Triebfeder der Marxschcn Theorie; ohne den Glauben an das Individuum, die offene Gesellschaft und die kritische Diskussion hätte Karl R. Popper seinen Kritischen Rationalismus nicht entwickeln können; ohne seine Sympathien für die Minderheiten, die Fremden und Ausgegrenzten hätte Lyotard sein philosophisches Werk nicht entworfen. Jede philosophische oder sozialwissenschaftliche Theorie geht aus einer Ideologie hervor, sofern diese allgemein als Gruppensprache oder Soziolekt definiert wird, dem bestimmte Wertsetzungen, semantische Gegensätze, lexikalische Einheiten und narrative Ablaufe zugrundeliegen. Der Nachweis, daß eine bestimmte Theorie aus einer Ideologie hervorgehl - etwa der Kritische Rationalismus aus dem liberalen Individualismus - mag erhellend sein, sagt aber wenig über den Wert der Theorie aus und taugt nicht zu deren Widerlegung.
      Ein Theoretiker zerstört seine Theorie nicht, wird nicht zum Ideologen, indem er einen besonderen - liberalen, konservativen, sozialistischen oder feministischen - Standpunkt einnimmt. Er zerstört sie im Diskurs, sobald er als für den Ablauf verantwortliches Aussagesubjekt den semantischen Unterschied zum mani-chäischen Gegensatz, zum Dualismus werden läßt, seine Rede als semanlisch-narrativc Konstruktion mit der Wirklichkeit identifiziert und dadurch Gegenentwürfe und Gegenargumente monologisch ausgrenzt. Damit ist komplementär zur Ideologie im allgemeinen Sinn - als Wertsystem und Soziolekt - Ideologie im restriktiven oder negativen Sinn definiert: Sie ist ein dualistischer Diskurs, der vom Aussagesubjekt implizit oder explizit monologisch mit der Wirklichkeit identifiziert wird.
      Ein Vergleich der beiden Definitionen läßt zunächst die Unvermeidlichkeit der Ideologie im allgemeinen Sinn erkennen: Ohne marxistisches Engagement wären viele Zusammenhänge der kapitalistischen Gesellschaft undurchschaut geblieben, ohne feministische Kritik lägen zahlreiche Aspekte einer gesellschaftlich Ivermittelten Geschlechtlichkeit im Dunkeln. Zugleich führt er uns vor Augen, daß Ideologie als falsches Bewußtsein ein sprachliches, diskursives Problem ist, mit dem sich der Theoretiker unablässig auseinandersetzen muß.
      Er wird dazu - wenn er Theoretiker ist oder sein will - von seinem eigenen Diskurs angehalten, der als ideologischer Diskurs stets zu Dualismus, Identitätsdenken und Monolog tendiert: Schließlich gehl es darum, bestimmte liberale, konservative, sozialistische oder feministische Wertsetzungen zu verteidigen. Der Theoretiker lehnt es jedoch ab, sich von seinen eigenen Wertsetzungen, von seinem ideologischen Engagement blenden zu lassen. Er denkt ambivalent, selbstironisch, distanziert und nimmt sich mit Robert Musil vor: »Einen Klerikalen so darstellen, daß neben ihm auch ein Bolschewik getroffen ist. Einen Trottel so darstellen, daß der Autor plötzlich fühlt: das bin ich ja zum Teil selbst.«"
Eine selbstironischc Distanzicrung dieser Art ist nicht in allen gesellschaftlichen Lagen möglich. Sie ist schwer vorslellbar in einer stark politisierten Situation, in der ein liberaler Philosoph gezwungen ist, im Untergrund vorzutragen und nach jedem zweiten Satz innezuhalten, um rechtzeitig die Schritte der Geheimpolizei im Treppenhaus zu hören. Dazu bemerkt Norbert Elias, der das Begriffspaar »Engagement« und »Distanzierung« in die Diskussion eingebracht hat: »Die Kernfrage ist, ob es gelingen kann, sich in einer Situation, in der Menschen als Gruppen auf vielen Ebenen ernste Gefahren füreinander darstellen, zu einer distanzierteren, adäquateren und autonomeren Form des Nachdenkens über soziale Ereignisse voranzuarbeiten.«' Möglicherweise gelingt es in einer von Indifferenz und Pluralismus dominierten Poslmoderne, in der die Geheimpolizei sich auf Wirtschaftskriminalität und Korruption konzentriert und sich nicht mehr vorstellen kann, daß der im spärlich beleuchteten Keller gehaltene Vortrag eines Dissidenten die Behörden in Aufregung versetzen konnte.
      Jedenfalls erscheint nun Indifferenz als wirksames Korrektiv des ideologischen Engagements, das Theorie einerseits mit Lebenerfüllt, sie andererseits durch Dualismus, Identifizierung und Monologisierung zerstören kann. Indifferenz und Pluralismus ermöglichen es dem Theoretiker, sein ideologisch-theoretisches Engagement als eines unter vielen zu erleben und gleichsam »von außen« zu betrachten: »La pensee du dehors«4, würde der Ideologiekritiker Foucault sagen. Dadurch kommt es zu einer Relativierung des eigenen Standpunkts, die eine reflexive Einstellung zum Diskurs erleichtert.
      Reflexivität bedeutet in diesem Fall konkret: Wahrnehmung der semantischen, syntaktischen und narrativen Verfahren meines Diskurses , die aus bestimmten Wertentscheidungen, Selektionen und Klassifikationen hervorgehen und andere Verfahren ausschließen. Sie kann dazu führen, daß der partikulare und kontingente Charakter des eigenen Diskurses erkannt wird, der nun als ein mögliches Konstrukt der Wirklichkeit erscheint, nicht als mit dieser identisch. Diese reflexive und konstruktivistische Einstellung zum Diskurs ist zugleich genetisch: Das reflektierende Aussagesubjekt geht der Entstehungsgeschichte seines Diskurses nach Lind erkennt dadurch die historische, soziale und sprachliche Bedingtheit seines Konstrukts.
      Das reflexiv-genetische Bewußtsein kann eine dialogische Einstellung entstehen lassen, die das monologische, identifizierende Denken hinter sich läßt und manichäische Sprachmuster sowohl im semantischen als auch im narrativen Bereich in Frage stellt. Hermeneutik und analytische Philosophie, Marxismus und Kritischer Rationalismus, Moderne und Postmoderne erscheinen nicht als absolute Gegensätze oder als ewig verfeindete Aktanten , sondern als ambivalente Instanzen, deren Gegensätzlichkeit jederzeit aufhebbar ist. Werden Hermeneutik und analytische Philosophie von Habermas nicht zusammengeführt? Ist dem Marxismus und dem Kritischen Rationalismus nicht ein Fortschrittsglaube gemeinsam, der sie in die Klasse der »modernen Theorien« eingehen läßt? Ist die Postmoderne nicht die kritische Kehrseite, die Selbstkritik der Moderne?

Obwohl derlei Fragen nicht bejaht werden müssen, weil sie nur Konstruktionsmöglichkeiten suggerieren, lassen sieden illusorischen, ideologischen Charakter des Dualismus erkennen: Er schließt die Ambivalenz als dialektische Einheit der Gegensätze aus und behauptet zumindest implizit, daß Sozialismus und Faschismus, Rationalismus und Mythos, Ausschweifung und Askese nichts miteinander zu tun haben. Er sperrt sich gegen Musils dialektische Einsicht, daß Mussolinis ambivalente Gestalt die Extreme in einer für Ideologen unerträglichen eoineidentia opposi-torum zusammenrallen läßt: »Zum ideologischen Durcheinander der Zeit und seiner großen Bedeutung vgl. den Werdegang Mussolinis in D.N.R. Mai 1924. Er oszilliert tatsächlich zwischen den verschiedenen Polen.«s
Der Kritischen Theorie bleibt in der entwickelten Marktgesellschaft nichts anderes übrig, als den Standpunkt der ironischen Ambivalenz einzunehmen und zwischen dem Extrem des ideologischen Dogmatismus und dem Extrem der Indifferenz als radikaler Austauschbarkeit aller Wertsetzungcn dialektisch zu vermitteln. Denn sie entgeht der ideologischen Versuchung nur, indem sie sich dem Pol der Indifferenz, nähert und sich als austauschbare Theorie ironisch-pluralistisch relativiert; dem nivellierenden Tauschgesetz der Indifferenz kann sie aber nur entgehen, wenn sie - mit Adorno, Horkheimcr und Habermas - an Werten wie Subjektivität, Autonomie, Ironie, Reflexivität und Dialog festhält.
      Ohne dieses ideologische Moment würde sie sich unwiderruflich dem Tauschmechanismus ausliefern, der den postmodernen Theoretiker sagen läßt: »Der Postmodernist mag seine privaten Ansichten haben, aber er sieht keinen Grund, sie den Ansichten anderer vorzuziehen.« Wenn ich aber jederzeit die Ansichten meines Nachbarn übernehmen kann, weil ich meine Ansichten seinen Ansichten nicht vorziehe, erscheint es wenig sinnvoll, von »meinen« Ansichten zu sprechen: Es gibt dann freischwebende

Ansichten, die sich durch beliebige Individuen artikulieren .
      Das ideologische Festhalten an bestimmten Erkenntnissen, Wertsetzungcn und »Ansichten« verhindert nicht den Dialog, sondern macht eine reflexive Theorie, deren Subjekt sich seiner eigenen Partikularitäl und Kontingenz bewußt ist, erst dialogfähig. Diese Behauptung ist nicht so sehr eine Apologie der Wertsetzung und der Subjektivität, sondern eine Erklärung des Dialogs: Ein Gesprächspartner, der keinen Grund sieht, seine Ansichten meinen Ansichten vorzuziehen, ist für mich nicht interessant. Anregend ist hingegen das Gespräch mit jemandem, der zwar um die Parti-kularilät und Kontingenz seines Diskurses weiß und auch bereit ist, diesen Diskurs von Zeit zu Zeil ironisch zu relativieren, der aber leidenschaftlich an seinen Wertsetzungen und theoretischen Prämissen festhält. Denn nur in diesem Fall kann ich sicher sein, daß sein Interesse genuin, seine Kritik ernst gemeint ist.
      Ist er Dekonstruktivist, so suche ich das Gespräch mit ihm als Dekonstruktivisten, weil ich erfahren möchte, wie er das Verhältnis von Dekonstruklion und Kritischer Theorie einschätzt und ob er Habermas' Ansicht teilt, daß der späte Adorno ein Vorläufer des Poststrukturalismus ist. Ist er kritischer Rationalist, erwarte ich, daß er an seinem Diskurs festhält und erläutert, in welchen Punkten die Ideologiebegriffe des Kritischen Rationalismus und der Kritischen Theorie übereinstimmen und in welchen Punkten sie voneinander abweichen. Im folgenden Abschnitt soll gezeigt werden, unter welchen Bedingungen ein Dialog zwischen heterogenen Theorien möglich ist und welche theoretischen Ergebnisse er zeitigen kann.
      Mit Norbert Elias ließe sich sagen, daß wir von unserem philosophischen oder wissenschaftlichen Gesprächspartner sowohl Engagement als auch Dislanzicrung erwarten: Wir erwarten einerseits, daß er seinen Standort und seine Wertsetzungen ernst nimmt und sie mit den besten und subtilsten Argumenten verteidigt; wir erwarten andererseits, daß er die Ambivalenzen, Übertreibungen und Irrtümer seiner theoretischen Tradition kennt und imstande ist, sie ironisch zu kommentieren. Das globale Festhalten an der Kritischen Theorie wird mich nicht daran hindern, im Gespräch mit einem kritischen Rationalisten die Negativität von Adornos Dialektik in Frage zu stellen, und Habermas' Behauptung, wir müßten die ideale Sprechsituation »kontrafaktisch unterstellen«, mit Hans Albert zu kritisieren.
      Anders gesagt: Die Triebfeder des Dialogs ist nicht nur »wissenschaftliche Neugier« ganz allgemein, sondern das für die Geistes- und Sozialwissenschaften spezifische Interesse für die Alteritäl des Anderen. Dieses war auch das Hauplanliegen von Michail M. Bachtins Theorie des Dialogs, in der der Andere zum Hauptbezugspunkt des Subjekts wird: Ohne ihn als konlingentes, historisches Wesen kann sich das Subjekt nicht artikulieren, nicht bilden.'' Ich brauche den Anderen als Adressaten, um meinen Diskurs entwickeln zu können; und ich brauche nicht nur die Zustimmung und den Konsens des Gleichartigen, sondern auch den Dissens des Andersartigen, des Fremden. Im folgenden soll die Dialektik von Konsens und Dissens in einem soziosemioti-schen Kontext näher betrachtet werden. Alteritäl und Dissens sind demnach nicht als Störfaktoren zu betrachten - wie es bei Habermas tendenziell geschieht -, sondern als vitale Impulse, ohne die Theorien zu Sterilität und Tod verurteilt sind: Nichts reizt so zum Nachdenken wie der fundierte, klare und subtile Dissens des Andersdenkenden.
      Insgesamt wird deutlich, daß die Theorie nicht nur von der Ideologie, sondern auch von der marktbedingten Indifferenz ermöglicht wird, die relativiert und pluralisicrt. Es fragt sich daher, wie Kritische Theorie, die - ähnlich dem Individualismus und der ästhetischen Autonomie - ihre Existenz teilweise dem

Markt und seinen Gesetzen verdankt, die Marktgesellschaft radikal kritisieren soll, zumal der reale Sozialismus ihr nie als Alternative erschien. Es wäre zwar möglich, auf diese Frage abermals mit Adornos und Horkheimers Negativität zu antworten; aber diese Antwort befriedigt nicht mehr. Es erscheint sinnvoller und ehrlicher, die Frage zu wiederholen und selbstkritisch offen zu lassen.
     

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