Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Im Anschluß an das dritte und fünfte Kapitel geht es hier um zwei komplementäre Fragen: Wie kann eine kritische Theorie der Gesellschaft in nachmoderner Zeit aussehen, und wie verhält sie sich innerha
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» Moderne / postmoderne literatur
» Dialogische Theorie: Zwischen Umversahsmus und Partikulansmus
» SchlulJbetrachtunj»: Das Besondere und das Allgemeine in nachmoderner Zeit

SchlulJbetrachtunj»: Das Besondere und das Allgemeine in nachmoderner Zeit



Wie sich Lyotards Diskurs innerhalb der poslmodcrnen Problematik auf so/.ialphilosophischer, erkenntnistheorelischer und ethischer Ebene gegen den als repressiv empfundenen modernen Univer-salismus wendet, sollte im dritten Kapitel verdeutlicht werden. Mil seiner Partikularisierungstenden/, set/, er sich anarchisch gegen ein System zur Wehr, das alles normierl oder nivelliert und das total zu werden droht. Die extreme Parlikularisierung trägt indessen zur Stärkung der Systemdominante, des Tauschprinzips, bei: Die gegeneinander abgeschotteten Partikularismen erscheinen als unverbindlich, austauschbar. Wenn unzählige Gruppen, jede auf ihre Art, die einzig wahre Lehre verkünden und einander unablässig widersprechen, werden sie mir gleichgültig. Der amerikanische Pluralismus, der dem Prinzip verpflichtet ist »jedem seine Wahrheit« , bestätigt die Nichtigkeil parlikularistischcr Wahrheitsansprüche im Indifferenzzusammenhang.
      Die Einmaligkeil des europäischen Marxismus bestand darin, daß er, auf die spontane Ãobereinstimmung von Besonderem und Allgemeinem hoffend, das Menschenrechl verkündete. Das Proletariat als Auflösung des Klassengedankens und aller Klassengegensätze sollte es verwirklichen. Dieser historische Entwurf scheiterte nicht nur deshalb, weil der flexible Kapitalismus im Bereich sozio-ökonomischcr Morphologie dem realen Sozialismus haushoch überlegen war, sondern auch deshalb, weil sich im offiziellen Marxismus-Leninismus das verhängnisvolle Hegeische Prinzip durchsetzte, demzufolge die Belange der Allgemeinheit partikularen Anliegen stets vorzuziehen seien: in dubio pro imperio. Adorno formuliert es so: »Philosophie hat, nach dem geschichtlichen Stande, ihr wahres Interesse dort, wo Hegel, einig mit der Tradition, sein Desinteressement bekundete: beim Begriffsloscn, Einzelnen und Besonderen; bei dem, was seit Piaton als vergänglich und unerheblich abgefertigt wurde undworauf Hegel das Etikett der faulen Existenz klebte.« Nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus wurden viele - wenn auch zu vorgerückter Stunde - dieses Zusammenhangs gewahr und ergriffen Partei fürs Partikulare und Ephemere.
      Daß dieses postmoderne parti pris die herrschenden Zustände eher bestätigt als in Frage stellt, sollte hier dargetan werden. Als Alternative zeichnet sich ein dialektisches, spätmodernes Denken der Ambivalenz ab, das das historisch und sozial Partikulare mit dem Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeil und Wahrheit verknüpfl: Im inlerdiskursivcn Dialog sollen die Extreme, die im Bruch zwischen universalistischer Moderne und parlikularistischcr Postmoderne auseinandertreten, zusammengeführt werden. Die Allerität des Anderen soll nicht länger als ein zu negierendes oder aufzulösendes Hindernis, sondern als Möglichkeit der Selbstentfaltung und der gemeinsamen Wahrheitssuche wahrgenommen werden. Wo die Alterität uneingeschränkt anerkannt wird, muß auch der eigene Standpunkt nicht bis zur Bedeutungslosigkeit relativiert und pluralisiert werden: Schließlich hat der Andere ein ethisches und theoretisches Interesse daran, daß ich diesen Standpunkt ernsthaft vertrete.
      Dialogische Theorie kennt weder einen systematischen Abschluß noch endgültige Erkenntnisse; an den von ihr ermittelten Wahrheitsmomenten hält sie jedoch bis auf weiteres fest: erstens, weil auch Andersdenkende an ihnen festhalten und zweitens, weil sie einen Pluralismus der Indifferenz ablehnt, dem alle Wertset-zungen, Ideologien und Theorien gleich viel wert sind." Sie weiß um ihren historischen Standort und daher auch um die Möglichkeil, daß einer neuen Epoche die gesamte hier skizzierte Ideologie-Problematik obsolet erscheinen könnte. Daß diese nach-ideologischc Zeit noch nicht angebrochen ist, sollte gezeigt werden.
      Es bleibt zu hoffen, daß die hier interdiskursiv verteidigte These über die Lebensfähigkeit von Ideologien nicht zusätzlich von der Entwicklung der europäischen Gesellschaft bestätigt wird: nämlich durch einen Rückfall in nationalen Partikularismus und Chauvinismus. Als wirtschaftlich und politisch privilegierter Einwohner des europäischen Zentrums sollte man nicht dem bequemen Irrglauben verfallen, nationalistische Fehden könnten nur noch Völker an der südöstlichen Peripherie des Kontinents austragen. Wer mit einem englischen, französischen, flämischen oder wallonischen Nationalisten spricht, wird eines Besseren belehrt. Mögen feministische, sozialistische, christliche und grüne Bewegungen noch so sehr in das demokratische System integriert sein: Der Nationalismus könnte unversehens zu einer Bedrohung dieses Systems werden.
      Obwohl die kritischen Intellektuellen Huropas sich dieser Gefahr durchaus bcwul.it sind, scheinen sie für den europäischen Integrationsprozeß, der sie als einziger bannen könnte, wenig übrig zu haben. Während Marxisten und Vertreter der Kritischen Theorie nicht zu Unrecht daran erinnern, daß die Triebfeder des Einheitsstrebens die kapitalistische Konzernwirlschaft ist, nehmen postmoderne Denker wie Guatlari und Lyotard das europäische Projekt kaum zur Kenntnis. Ihnen sind die Außenseiter der Gesellschaft wichtiger: wie schon dem Marxisten Lucien Goldmann, als er sich eingestehen mußte, daß die nouvelle classe ouvriere, von der er sich eine Erneuerung des revolutionären Impetus versprochen halte, nicht existierte.''"
Der europäische Integrationsprozeß ist aber Wirklichkeit; und er ist nicht auf die Konsolidierung und Expansion der Konzernwirtschaft reduzierbar, weil er kulturkritische und ideologiekritische Aspekte aufweist, die von den Intellektuellen Huropas in diser Form noch nicht angesprochen wurden. Sie könnten jedoch entscheidend dazu beitragen, daß das zur Zeit noch vorherrschende monologische Denken allmählich durch ein dialogisches Bewußtsein und eine polyphone Identität überlagert wird. Denn das Zustandekommen eines europäischen Bundesstaates setzt die Entstehung multikultureller und mehrsprachiger Institutionen voraus, die die Struktur der Ideologie als Dualismus, Monolog und Identitätsdenken grundsätzlich in Frage stellen.
      Dieses dialogische und kritische Potential des europäischen Projekts wird selten zur Sprache gebracht. Sollte es sich entfalten, so könnten in Europa - anders als in den USA , der früheren Sowjetunion, China oder Japan - zum ersten Mal in der Geschichte ein genuin polyphones Staatswesen und eine in jeder Hinsicht europäische Gesellschaft entstehen, in der die Synthese von Einheit und Vielstimmigkeil kein Problem mehr wäre. In einer kulturellen, sprachlichen und ideologischen Polyphonie dieser Art wäre nicht nur der nationalistische Monolog zur Atrophie verurteilt; auch der Frage nach einem - von Soziologen wie Beck und Touraine geforderten - alternativen Gesellschaftssystem könnte gelebte Dialogizität zum Durchbruch verheilen.
      Solche Perspektiven werden von europäischen Intellektuellen wie Eric J. Hobsbawm kaum wahrgenommen: »Man weiß nicht mehr genau, was man mit einer europäischen Geschichte anfangen soll in einer nicht mehr eurozentrischen Welt«''"', sagt er. Als ob die Europäer auf Gedeih und Verderb mit dem »Eurozentrismus« verbunden wären: Zeichnen sich nicht gerade jenseits einer »eurozentrischen« Welt Möglichkeiten eines neuen, dialogischen Staatswesens ab, das eine noch nie dagewesene Dynamik entfallen könnte?
Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, die innerhalb der postmodernen Problematik schreiben, nehmen - wie die Philosophen - nur die Partikularismen wahr, nicht das kritische Potential einer polyphonen Einheit, eines mehrstimmigen Wir. Enzensber-gers Buch Ach Europa!, dem der Gedanke an eine gemeinsame Zukunft der Europäer völlig fehlt, wird von Paul Michael Lützeler als poslmoderne Fiktion gelesen: »Die dreiste Behauptung sei gewagt, daß in Enzcnsbergcrs Beobachtungen und Reflexionen sich eine poslmoderne Sicht bemerkbar macht, die sich in Abgrenzung von der Position der Modernisten so umschreiben läßt: statt Verfallenheit ansgroße Allgemeine eine Schwäche für das Besondere, statt der Verliebtheit in Abstrakta die Nähe zum Konkreten, statt Eröffnung von Tolalitätsperspektiven der Blick aufs Lokale und Regionale, statt monistischer Herleitungen und dogmatischer Erklärungen eine Pluralität von Deutungsversuchen, statt europäischer Unifikationsperspektiven Strategien nationaler und regionaler Diversifizierung .«""
An solchen Strategien fehlt es - wie die Ereignisse in Irland, Belgien, der ehemaligen Tschechoslowakei und dem zerfallenen Jugoslawien zeigen - beileibe nicht. Es kommt hinzu, daß die Stärkung regionaler Identitäten eines der Hauptanliegen europäischer Politik ist. Die Gefahr besteht jedoch darin, daß der von postmodernen Denkern kultivierte Partikularismus den erstarkenden Nationalismen Auftrieb gibt: Gegen die Indifferenz der Brüsseler Technokraten sollen die eigenen Wurzeln und Idiosynkrasien ausgespielt werden. »Ach Europa!«, rufen die Nationalisten verächtlich aus, weil sie die europäische Bürokratie für einen unnatürlichen Wasserkopf halten: als ob es in Paris und London nie Bürokratien gegeben hätte. Darin sind sie sich mit dem Schriftsteller einig: »En/.ensbergers Ablehnung des Brüssel-Europas ist entschieden.«'' Es gibt aber kein anderes; und die Alternative ist nicht ein authentisches Europa der schönen Seelen, sondern ein Rückfall in den monologischen Nationalismus, der als Spaltpilz wirken und die Abhängigkeit Europas von den USA festschreiben würde."
In dieser Situation ist der kritische Intellektuelle keineswegs dazu verurteilt, das »Brüssel-Europa« entweder zu verherrlichen oder zu verdammen. Er sollte bedenken, was für Tocqueville eine Selbstverständlichkeit war: daß Politik von Ambivalenzen und

Widersprüchen durchwirkt ist, die der Manichäer nie verstehen wird.M Die erste europäische Universität in Florenz-Fiesole ist ebenso ein Ergebnis europäischer Politik wie die Verschwendung von Subvenlionsgeldern. Das kritische Potential, das der europäische Einigungsprozeß noch birgt, sollte trotz dieser Antinomien und Verwerfungen wahrgenommen und entfaltet werden, solange die knapp werdende Zeit noch reicht: War nicht eine Stärkung der europäischen Institutionen vorgesehen? Waren nicht weitere europäische Schulen, Kulturzentren, Universitäten vor allem in mehrsprachigen Grenzregionen geplant? Ist eine systematische wirtschaftliche und institutionelle Hilfe für die Ukraine, Weißrußland und Rußland nicht integraler Bestandteil des Einigungsprozesses? Adornos bekanntes Pauschalurteil »Das Ganze ist das Unwahre«' isl unhaltbar, weil es die kritischen Impulse verdeckt, die von der Wirklichkeit ausgehen, und letztlich in den hier kritisierten Pailikularismus mündet.
      Erst wenn der Intellektuelle sich an den scheinbar trivialen Gedanken gewöhnt, daß es irgendwo zwischen Revolution und Resignation eine widersprüchliche und konfliktreiche Wirklichkeit gibt, die von mehr oder weniger kompetenten und korrumpierbaren Menschen gestaltet wird, kann er in Enzcnsbergers postmodernem Titel ein Komma ergänzen: Ach, Europa! - Solange dieses Aha- oder Eureka-Erlebnis nicht völlig auszuschließen ist, besieht noch Hoffnung, daß das europäische Projekt als Einheit von Besonderem und Allgemeinem, von Region, Nation und Föderalion, mit Hilfe der Intellektuellen schneller verwirklicht wird und jenseits des Gegensatzes von Moderne und Postmoderne, jenseits von Indifferenz und Ideologie eine neue Gestalt annimmt.
     

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