Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Moderne / postmoderne literatur
Im Anschluß an das dritte und fünfte Kapitel geht es hier um zwei komplementäre Fragen: Wie kann eine kritische Theorie der Gesellschaft in nachmoderner Zeit aussehen, und wie verhält sie sich innerha
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» Moderne / postmoderne literatur
» Dialogische Theorie: Zwischen Umversahsmus und Partikulansmus
» Der theoretische Dialog: Sprache, Soziolekt, Diskurs

Der theoretische Dialog: Sprache, Soziolekt, Diskurs



Es hat sich gezeigt, daß Verständigung oder Kommunikation innerhalb der postmodernen Problematik auf zwei gegensätzliche Arten betrachtet werden kann: universalistisch und parlikularistisch . Die Gegenüberstellung von Habermas' Universalpragmatik und Lyotards Paralogic hat die Unzulänglichkeiten beider Modelle zutage treten lassen: Während der Universalismus dazu neigt, die Besonderheiten, die die Subjekte zu dem machen, was sie sind, zu vernachlässigen oder einzuebnen, werden sie vom Partikularismus in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Dabei werden alle Gemeinsamkeiten als kommunizierbare Univcrsalicn ausgeblendet. Im folgenden soll anhand eines Vergleichs von Poppers rationalistischer Kritik des jramework und Lyotards Theorie der radikalen Helerogenität vor allem der sprachliche Aspekt der Problematik beleuchtet und in der Darstellung des interdiskursiven Dialogs ausführlicher analysiert werden.
      Im Grunde gehl es wieder um Edward Sapirs und Benjamins Lee Whorfs bekannte These, derzufolge unsere kollektiven Sprachgewohnheiten unsere Wirklichkeitsauffassung prägen: »Tatsache ist, daß die >wirkliche Welt< weitgehend unbewußt auf den sprachlichen Gewohnheiten der Gruppe errichtet wird.« Diese in vieler Hinsicht plausible Annahme hat weitreichende Folgen: 1. Es gibt keine objektive Wirklichkeit, die alle Subjekte unvermittelt wahrnehmen. 2. Was als Wirklichkeit bezeichnet wird, ist eine Konstruktion, die auf den Gepflogenheiten und Regelsystemen einer Sprachgemeinschaft gründet. 3. Dies bedeutet, daß es nicht eine, sondern verschiedene Wirklichkeiten gibt. 4. Der Konstruktcharakter dieser Wirklichkeiten ist den Angehörigen der verschiedenen Sprachgemeinschaften nicht bewußt: Sie sprechen von der Wirklichkeit und wundern sich, daß ihre Nachbarn von dieser Wirklichkeit anders sprechen.
      In dem hier entworfenen Zusammenhang nimmt die Sapir-Whorl'-These eine konkretere Form an und besagt, daß der ideologische und theoretische Soziolekt , in dessen Rahmen wir denken, sprechen und handeln, unsere vorkonstruierte" Wirklichkeit ist, die wir teils von anderen übernehmen, teils mitgestalten: Bachlins Theorie des Dialogs wird hier zum Ausgangspunkt einer soziosc-miotischen oder textsoziologischen Theorie der Dialogizilät oder Interdiskursivität. Wir denken und sprechen also innerhalb bestimmter Rahmen oder frameworks, und die Frage, der auch Wolfgang Welsch in einem philosophischen Kontext nachgeht, lautet, ob es zwischen diesen frameworks »Obergänge« gibt oder nicht.
      Dem kritischen Rationalisten Karl R. Popper, dessen Aus-drucksweise an Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt, erscheint die gesamte hier skizzierte Fragestellung als hermcneutisch-dialek- sprechen verschiedene Sprachen - Sprachen, die verschiedene kognitive

Positionen ausdrücken, die auf verschiedene Welten passen.« Mit dieser Auffassung kann sich der Rationalist Popper nicht anfreunden, weil ihm deren partikularisierende Tendenz nicht geheuer ist: »Es ist nur ein Dogma - ein gefährliches Dogma -, daß die verschiedenen Frameworks unübersetzbaren Sprachen gleichen.«1' Um seinem Argument Nachdruck zu verleihen, fügt Popper hinzu, daß grundverschiedene Sprachen wie Englisch, Hopi oder Chinesisch lernbar und ineinander übersetzbar sind.
      Dieses rationalistische Argument klingt durchaus plausibel, weil es unseren Alltagserfahrungen, d.h. unserem common sense entspricht: Unsere Texte werden ins Chinesische, ins Koreanische oder ins Japanische übersetzt, und wir wissen oder hoffen, daß trotz einiger ärgerlicher Mißverständnisse oder unvermeidlicher Sinnverschicbungen die wesentlichen Gedanken wiedergegeben werden. Immerhin wird Roland Barthes - trotz einiger Ãobersetzungsfehler - auch in Japan verslanden und nicht etwa als dogmatischer Marxist, kritischer Rationalist oder konservativer Herme-neuliker rezipiert. Es ist aber keineswegs sicher, daß eine Ãobersetzung dem Original entspricht, wie der Rationalist anzunehmen scheint: Die deutschen Derrida-Ãobersctzungen entsprechen dem französischen Original mitnichten.' Deshalb ist den Dekonstruk-tivisten und den Postmodernisten zumindest teilweise recht zu geben, wenn sie an der Ãobersetzbarkeit zweifeln oder gar mit Derrida und de Man behaupten, die Ãobersetzung sei zwar notwendig, aber unmöglich.IS Schließlich ist bekannt, daß die Ãobersetzungen lyrischer Texte alles andere als wortgetreue Wiedergaben sind: Es sind zumeist Nachdichtungen, die neue Texte entstehenlassen, wie schon Benedetto Croce wußte."' Im Anschluß an solche Ãoberlegungen will das rationalistische Argument nicht mehr so recht überzeugen.
      Entscheidend ist jedoch, daß bei Popper ausschließlich von natürlichen Sprachen wie Englisch, Chinesisch und Hopi die Rede ist. Jede dieser Sprachen setzt sich aber aus zahlreichen Gruppensprachen oder So/.iolekten zusammen, die im Gegensatz zu der natürlichen Sprache, in der prinzipiell alle Ideologien, Theorien und Fachsprachen ausdrückbar sind, besondere Standpunkte und Interessen artikulieren. Innerhalb der deutschen Sprache lassen sich die Fachsprachen der Physiker, Marketing-Experten oder Soziologen nicht ineinander übersetzen. Sie können bestenfalls mit Hilfe der natürlichen Sprache kommentiert und erläutert werden.
      Dies bedeutet konkret, daß ideologische, philosophische und wissenschaftliche Soziolekte und deren Diskurse" nicht ohne weiteres ineinander übertragbar sind, weil sie partikulare Interessen und Erkcnnlnisintcrcssen ausdrücken, die einander Icilwcisc widersprechen oder gar inkommensurabel sind. Popper, der universalistisch-unbekümmert auf der These beharrt, daß der gute Wille des Einzelnen als Grundlage der Verständigung völlig ausreicht, illustriert malere lui das von ihm negierte Problem, wenn er proklamiert: »Der einzige Weg, der den Sozial Wissenschaftlern offensteht, besteht darin, alles verbale Feuerwerk zu vergessen und die praktischen Probleme unserer Zeit mit Hilfe jener theoretischen Methoden zu behandeln, die im Grunde allen Wissenschaften gemeinsam sind: mit Hilfe der Methode von Versuch und Irrtum, der Methode der Erfindung von Hypothesen, die sich praktisch überprüfen lassen, und mit Hilfe ihrer praktischen Ãoberprüfung.«

  


Popper würden Dekonstruktivisten und Postmodernisten als Pseudo-theoretiker erscheinen, die fasziniert auf das verbale Feuerwerk starren und dabei das Wesentliche vergessen: die Logik der Argumentation, die kritische Ãoberprüfung von Hypothesen. Seine eigene Argumentation zeigt indessen, daß er sich dezisionistisch und irrational über die Tatsache hinwegsetzt, daß nicht alle philosophischen und wissenschaftlichen Sprachen seiner »Methode der Erfindung von Hypothesen« und »ihrer praktischen Ãoberprüfung« folgen, sondern hermeneutische, phänomenologische, ethnometho-dologische oder dialektische Argumentationsmusler konstruieren, die Popper nicht dialogisch als Alternativen anerkennt, sondern als »verbales Feuerwerk« in den Bereich sinnloser Rhetorik relegiert.
      Es nimmt nicht wunder, daß Lyotard auf diesen rationalistischen Universalismus, der das Partikulare irrational tilgt, mit extremen Gegenargumenten reagiert: »Es gibt in der Wissenschaft keine allgemeine Metasprache, in die alle anderen übertragen und in der sie bewertet werden können.«1'' Es gilt daher, den Prätentionen des melasprachlichcn Univcrsalismus entgegenzutreten und den Widerstreit mit seinen Ungerechtigkeiten, seinen lorts aufzudecken: »temoigner du differend«.""
Aus dieser Sicht erscheint die von Popper vorgeschlagene universalistische Lösung als ein lort pur cxccllcnce: Popper verlangt von allen »Sprachspielen« , daß sie sich der Metasprache des Kritischen Rationalismus unterordnen und deren theoretische Kriterien anerkennen: llypothesenbildung, Ãoberprüfung, Falsifizierbarkeit. Da er es nur implizit verlangt, weil er das Problem der Heterogenität und des Widerstreits nicht reflektiert, kann sein Diskurs in diesem einen Punkt als ideologisch im restriktiven Sinne bezeichnet werden: Er setzt sich als »der einzige Weg« monologisch der Wirklichkeit gleich und schließt heterogene, abweichende Betrachtungsweisen aus.
     
Wolfgang Welsch würde Poppers Vorschlag, den Kritischen Rationalismus als Univcrsalsprache durchzusetzen mit dem treffenden Ausdruck »Majorisicrung« in Frage stellen: Als Majorisie-rung erscheint ihm jeder Versuch, eine Sprache als lingua maior zum umfassenden Rcgclsystem zu machen. Als Alternative schlägt er im Anschluß an Lyotard ein Denken vor, das die Alterität, Parlikularität und Eigenlogik der miteinander konkurrierenden Sprachen berücksichtigt: »Die vernünftige Betrachtung fördert vielmehr die Higenlogik der jeweiligen Argumentationen zutage und hält dazu an, ihr Rechnung zu tragen. Sie tritt allen Ãobergriffen, Majorisicrungen oder gar Tolalisierungcn entgegen.«
In seiner Kritik an Lyotard stellt Welsch allerdings dessen Postulat der absoluten Hclerogenität in Frage und strebt eine philosophische Position an, die einerseits die Verschiedenheit der Sprachen wahrnimmt, andererseits erkennt, daß es Ãoberfällige und Verflechtungen zwischen ihnen gibt: »Allein die Ãobergangstätigkeit der Vernunft vermag zielsicher zwischen der Skylla der Atomisierung und der Charybdis der Majorisicrung hindurchzuführen. Alles kommt darauf an, diese Ãobergangslätig-keit der Vernunft in ihrer Eigenart zu erkennen .«

   Demnach wäre Welschs Position als eine dialektische, modern-postmoderne Synthese von Universalismus und Partikularismus darstellbar: als transversale Vernunft , die, der Besonderheiten und Eigengeselzlichkeiten der verschiedenen Sprachen und Theorien eingedenk, um Ãobergänge zwischen den heterogenen Welten bemüht ist. Sie entspricht Welschs soziohistoriseher These, dcrzufolge die Postmoderne kein Bruch mit der Moderne ist, sondern deren Radikalisierung und Erfüllung.
      Welschs Hauptproblem scheint in seiner Einstellung zum Pluralismus und in seiner Ausblendung oder Bagatcllisierung der Indifferenz zu liegen, wie sich schon im zweiten Kapitel gezeigt hat. Von der transversalen Vernunft sagt er, sie sei »ob ihrer Reinheit und Leere ortlos« und unterscheide sich von allen »majorisierenden« Vernunftarten dadurch, daß sie »nicht über den Rationalitäten steht und die Rationalitäten gleichsam von oben herab betrachtet, sondern daß sie sich inmitten der Sphäre der Rationalität bewegt und Sicht nicht durch Ãoberblick, sondern durch Ãobergänge, durch vielfältige Bewegungen zwischen den Rationalitäten gewinnt, ohne daß ihre Ãobergänge je zur Metaposilion einer archimedischen Systematik gerinnen würden.«'
Die transversale Vernunft erscheint hier als eine Funktion des radikalen Pluralismus und der Austauschbarkeit der Positionen: Wo nicht eindeutig festgestellt werden kann, daß eine Position einer anderen vorzuziehen sei, muß sich Vernunft mit einer Ver-mitllcrfunktion begnügen, die der Shuttle-Diplomatie der UNO-Beamlen gar nicht unähnlich ist. Schließlich versuchen auch sie, mit bescheidensten Mitteln ein Gespräch zustande zu bringen. Als pensiero tlebole wird nun auch die Vernunft zu dieser positionslosen Shuttle-Bewegung verurteilt.
      Allerdings scheint diese Art von Transversalität nicht Welschs ultima ratio zu sein, weil er, wie alle seine Schriften zeigen, von Vernunft wesentlich mehr verlangt als nur Vermittlung und Ãobergangsversuche: nämlich Kritik. Er kritisiert nicht nur die Majori-sierungsversuche des Idealismus, sondern auch den extremen Partikularismus Lyolards. Kritik setzt aber einen kritischen Standpunkt voraus, der es uns gestattet, die Relevanzkriterien unseres Diskurses und die von ihnen ableitbaren Klassifikationen und Definitionen2'' auf andere Diskurse anzuwenden - ob es deren Aussagesubjekten gefällt oder nicht. Kurzum: keine Kritik ohne Majorisicrung. Wenn Welsch Hegel, Lyotard oder Koslowski kritisiert, wird sein Diskurs nolens volens zum majorisierenden Metadiskurs.
      Er müßte das Verhältnis von Transversalität und Kritik klären: Wenn Kritik aus diskurssemiotischen Gründen Majorisierung beinhaltet und die transversale Vernunft eine kritische Vernunft ist , kann sie sich nicht mit der Suche nach Ãobergängen begnügen, sondern muß einen Standpunkt einnehmen, der keinarchimedischer Punkt sein muß. Dieser Standpunkt kann jedoch nicht der des Pluralismus oder der Vielfalt sein, weil Pluralismus in jedem ideologischen Diskurs etwas anderes bedeutet: wie die Kontroverse zwischen den Postmodemistcn Koslowski und Welsch zeigt.
Ist nun innerhalb der nachmodernen Problematik - oder schon jenseits von ihr - eine Alternative zur transversalen Vernunft denkbar, die das majorisierende Moment der Kritik gleichsam mitdenkt und es nicht bei der Vielzahl der Positionen bewenden läßt? Es wird sicherlich mehrere Alternativen geben, aber eine von ihnen ist der kritische, der interdiskursive Dialog. Dieser gründet, wie schon angedeutet, auf Bachlins Gedanken, daß mein Diskurs ohne die intcrlexluelle2' Auseinandersetzung mit dem anderen Wort nicht zustande käme und daß er sich ohne diese Auseinandersetzung nicht entfalten könnte. Anders, mit den kritischen Rationalisten ausgedrückt: Ich bin auf die Kritik der anderen angewiesen, wenn ich nicht als Theoretiker in den eigenen Vorurteilen ersticken will .
      Vorurteile sind sowohl im theoretischen als auch im politischen Bereich nicht nur individuell, sondern auch kollektiv bedingt, wie das rationalistische Vorurteil von der restlosen Transparenz der Sprache und das komplementäre romantische Vorurteil von deren ewiger Dunkelheit2" erkennen lassen. Oftmals entstehen ideologische Vorurteile innerhalb von Wissenschaftler-gruppen - innerhalb von deren Soziolektcn - und werden dort aussozialpsychologischen und institutionellen Gründen gegen Kritik immunisiert.
      Ein extremes Beispiel ist die These der Althusser-Gruppe, daß zwischen Marxens Frühwerk und seinem Spätwerk ein epistemologischer Schnitt verläuft, der eine humanistische Ideologie von einer potentiell reinen Wissenschaftlichkeit trennt, die sich allerdings erst mit Hilfe einer gründlichen Exegese des Spätwerks artikulieren kann.2'' Daß andere Wissenschaftlergrup-pen von dieser These keineswegs überzeugt waren, schien die Althusserianer nicht zu stören. Der soziale Hermetismus ihrer Gruppe bewahrte sie vor kritischen Auseinandersetzungen, die den Konsens hätten sprengen können. ,, intersubjektive Kritik innerhalb einer Wissenschaft lergruppe sei trivial oder unwichtig und führe zu nichts. Sowohl in den Natur- als auch in den Sozialwissenschaften ist diese Kritik die Regel und bildet zusammen mit der empirischen Forschung den Motor wissenschaftlicher Entwicklung. Innerhalb der Kritischen Theorie kann intersubjektive Kritik u.a. dazu beitragen, Texte von Adorno, Benjamin, Horkhcimer oder Habermas besser zu verstehen; d.h. sie dient dem Selbstverständnis der Theorie. Freilich ermöglicht sie auch ein besseres Verständnis gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen sowie die kritische Rezeption anderer Theorien.
      Intersubjektivilät innerhalb einer Wisscnschafllergruppe hat jedoch auch eine dysfunktionale Kehrseite, weil sie aufgrund der von allen Beteiligten akzeptierten Wertsetzungen dazu neigt, bestehende Doxa laufend zu bestätigen, zu konsolidieren. So wurde innerhalb der Kritischen Theorie der Kritische Ra-tionalismus hartnäckig als Positivismus karikiert." Dabei wurde übersehen, daß er strenggenommen nur als Kritik des traditionellen Positivismus zu verstehen ist." Im Kritischen Rationalismus selbst wurde das Falsifizierbarkeitspostulat keiner radikalen Kritik ausgesetzt, und die seit Otto Neuruth immer lauter werdenden »externen« Kritiken wurden selten zur Kenntnis genommen. ' Intersubjektivität als Verfestigung ideologischer und wissenschaftlicher Doxa ist folglich nicht nur ein Charakteristikum der Althus-ser-Gruppe, sondern kennzeichnet alle theoretischen Soziolekle, deren unentbehrliches ideologisches Hngagement stets zu Dogma-tisierung und Monolog tendiert.
      Das Gehäuse des Monologs kann noch am ehesten durch inter-diskursiven Dialog, durch inlerdiskursive Kritik aufgebrochen werden: d.h. durch eine Auseinandersetzung zwischen ideologisch und theoretisch heterogenen Soz.iolekten und ihren Diskursen. Aus dialogischer Sicht erscheinen sowohl Poppers Universalismus als auch Lyolards Partikularismus als unproduktiv und steril: Wählend Popper die Helerogenität der Soziolekle und ihrer Diskurse nicht wahrhaben will und das Framework als Mythos rationalistisch-irrational negiert, betrachtet Lyotard die Helerogenität der sozialen Sprachen als der Weisheit letzten Schluß.
      Im Gegensatz dazu ist der inlerdiskursive Dialog ein Versuch, aus der Not eine Tugend und aus dem Hindernis des Framework eine kritische Produktivkraft zu machen: Die Auseinandersetzungmit dem anderen, dem fremden Soziolekt soll die kollektiven und individuellen Doxa aufbrechen, die meinem Diskurs innewohnen und von der intersubjektiven Kritik innerhalb des Soziolekts nicht berührt werden. Sie trägt wesentlich zu Selbstrcflexion und Distanzierung bei, ohne das Engagement in Frage zu stellen.
      So verschiedene Theoretiker wie der Durkheim-Schülcr Maurice Halbwachs und der Wissenssoziologe Karl Mannheim wußten, daß Verständigung zwischen Gruppen und Weltanschauungen ganz andere Probleme mit sich bringt als Verständigung innerhalb von Gruppen. In einem Aufsatz, der den Titel »Psychologie collcclivc du raisonnemcnl« trägt, bemerkt Halbwachs im Jahre 1938: »Auf diesem Wege sind ebensovicle verschiedene Logiken entstanden, von denen eine jede nur innerhalb der Gruppe Gültigkeil hat, die sich auf sie beruft und die sie hervorgebracht hat.«" Im Gegensatz zu Lyotard schränkt der spälmoderne Soziologe diesen Partikularismus wieder ein, wenn er hinzufügt: »Alle diese Teillogiken haben freilich einen und denselben Ursprung.«1'' Leider geht Halbwachs nicht der Frage nach, unter welchen Bedingungen und wie diese verschiedenen Gruppensysteme miteinander kommunizieren könnten.
      Mit ihr befaßt sich ausführlich Karl Mannheim, der - wahrscheinlich als erster - systematisch Kommunikalion innerhalb eines kollektiven Systems von Kommunikation zwischen kollektiven Systemen oder Aspektstrukturen unterscheidet. Es lohnt sich, die einschlägige Passage vollständig wiederzugeben, weil sie das hier angesprochene Problem auf sehr prägnante An zusammenfaßt: »Im Falle des Seins-verbundenen Denkens wird Objektivität nur etwas Anderes und Neues bedeuten: A) einmal die Tatsache, daß sofern man im selben System, in derselben Aspektstruklur steht, man gerade auf Grund der Einheitlichkeit der vorgegebenen Begriffs- und Katego-rialapparalur mit Hilfe einer hier möglichen eindeutigen Diskutier-barkeit zu eindeutigen Ergebnissen kommen kann und alles davon Abweichende als Irrtum auszumerzen in der Lage ist, B) daß wennman aber in verschiedenen Aspektstrukturen steht, die >Objektivi-tät< nur auf Umwegen herstellbar ist, indem man nämlich hier das in beiden Aspcktstrukturen richtig, aber verschieden Gesehene aus der Strukturdifferenz der beiden Sichtmodi zu verstehen bestrebt ist und sich um eine F;ormel der Umrechenbarkeit und Ãoberselz-barkeit dieser verschiedenen perspektivischen Sichten ineinander bemüht.«"'
Hätte Lyotard Mannheims Text gekannt , wäre er möglicherweise auf den Gedanken gekommen, daß die Hcterogcnität der Diskurse nicht der Weisheit letzter Schluß ist. Hätte Welsch ihn zur Kenntnis genommen, hätte er seine Vorstellung vom Ãobergang u.U. konkretisieren können. Denn Mannheims Analyse enthält mindestens zwei wichtige und immer noch aktuelle Gedanken: das »richtig, aber verschieden Gesehene« und das Problem der »Umrechenbarkeit und Ãobersetzbarkeit«.
      Zunächst stellt sich die grundsätzliche Frage, ob und wie heterogene Terminologien ineinander übersetzt werden können. Der Wissenssoziologc und llermcneutikcr nimmt an, daß eine solche Ãobersetzung prinzipiell möglich ist. Postmodernislcn wie Lyotard und Dekonstruktivisten wie Derrida hingegen sind anderer Meinung: Dem partikularisti-schen Trend folgend, gehen sie davon aus, daß jede Ãobersetzung von einer natürlichen Sprache in eine andere, von einer Gruppen-sprachc in eine andere Sinnverschiebungen nach sich zieht, die es uns verbieten, von Ã"quivalenten oder Synonymen zu sprechen. »Hjelmslevs Inhalt ist nicht Morris' Designat um, und dieses ist nicht Saussures signifie«, würden sie sagen und vorsorglich hinzufügen, daß diese Begriffe in völlig heterogenen Kontexten entstanden sind und einander möglicherweise sogar widersprechen. Paradoxerweise würden ihnen die sie perhorreszierenden und von ihnen perhorreszierten analytischen Philosophen in diesem Punkt recht geben.
      Kritische Theorie sollte sich weder von der Zeichenspalterei der Dekonstruktivisten noch vom Nominalismus der Analytikerblenden lassen und von zwei widersprüchlichen, aber komplementären Ãoberlegungen ausgehen, von denen die erste von Wolfgang Dressier auf textlinguistischer Ebene klar formuliert wird: »Eine vollständige, eindeutige Ãobersetzungsäquivalenz, gibt es nicht, und damit auch keine vollständige Ãobersetzbarkeit, denn nicht einmal im Rahmen derselben Sprache ist vollständige Synonymie sprachlicher Ausdrücke möglich.«" Was für die natürliche Sprache, auf die sich Dressler bezieht, gilt, gilt in diesem Fall auch für Soziolekte: Es wäre eine vergebliche rationalistische Liebesmüh, die Ã"quivalenz von Inhalt, Designatum und signifie nachweisen zu wollen. Statt dessen sollte die komplementäre Ãoberlegung in die Diskussion eingebracht werden: daß ein sinnvoller Vergleich stets Heterogenes, nicht Identisches zum Gegenstand hat und daß die gemeinsame Begrifflichkeit ,h die Gegenüberstellung von Inhalt, Designatum und signifie lohnend macht .
      Schon hier wird deutlich, daß Ãobersetzung jeder Art ein Prozeß ist, der seine Dynamik aus dem Spannungsverhällnis von Ã"quivalenz, und Inkommensurabilität bezieht und der erlahmt, sobald eines der beiden Extreme eliminiert wird. Die Gemeinsamkeit, die die Grundlage dieses Prozesses bildet, ist in der natürlichen Sprache angelegt, die Jurij Lotman als das primäre modellierende System auffaßt: Im Rahmen dieses Systems legen wir unsere Relevanzkriterien fest, klassifizieren und definieren wir. Innerhalb und mit Hilfe der natürlichen Sprache konstruieren wir anhand bestimmter Klassifikationen, Definitionen und Konnotationen Objekte wie Demokratie, Kunst, Arbeit, Freizeit, Glück und Unglück. Viele von uns wundern sich, daß diese Objekte in anderen Sprachen und Kulturen ganz, anders konstruiert werden.
      Aber schon der Ãobergang von einem Soz.iolekt zu einem anderen innerhalb der eigenen Sprache kann zu einer Kollision der Konstruktionen und Definitionen führen: Bekanntlich stellen sich Marxisten und vor allem Marxisten-Leninisten unter Demokratie etwas ganz anderes vor als Vertreter des Liberalismus. Adornos negativer Kunstauffassung liegt eine ganz andere Konstruktion zugrunde als der populären Ã"sthetik postmoderner Autoren wie Leo, Barth oder Leslie Fiedler, die auch im deutschen Sprachraum ihre Anhänger hat.
      Wenn nun ein an sich vieldeutiger Signifikant innerhalb eines Sprachbereichs verschiedene, z.T. widersprüchliche Bedeutungen annehmen kann, so hängt es damit zusammen, daß er von verschiedenen Soziolekten aufgenommen und in Ãobereinstimmung mit spezifischen Gruppenintercsscn »umfunktioniert«, neu definiert wird. So ist es zu erklären, daß Diskussionstcilneh-mer als Sprecher verschiedener Soziolekte einander immer wieder mit Fragen konfrontieren wie: »Was verstehst du unter Demokratie, Kunst, Wissenschaft, Freiheit, Diskurs?«. Die Eindeutigkeit dieser Vokabeln wird von der natürlichen Sprache als primärem modellierendem System nicht gewährleistet, weil sich diese Sprache nur in Soziolekten und Diskursen manifestiert.
      Diese können mit Jurij Lolman als sekundäre modellierende Systeme aufgefaßt werden, die vom primären System der natürlichen Sprache ableitbar sind: »Sekundäre modellierende Systeme stellen Strukturen dar, denen die natürliche Sprache zugrunde liegt. Im weiteren jedoch erhält das System eine ergänzende, sekundäre Struktur des ideologischen, ethischen, künstlerischen oder irgendeines anderen Typus.«1'' Innerhalb eines ideologischen, theoretischen oder literarischen Sekundärsystems machen die dem primären Sprachsystem entnommenen Zeichen einen Bedeutungswandel durch, weil sie in semantische und narralive Strukturen eingefügt werden, die für den Soz.iolekt einer Gruppe oder den Idiolekt eines einzelnen Autors spezifisch sind.
      Während das Lexem »Kosmopolitismus« in liberalen Soziolekten mit positiven Konnotationen verschen und häufig als Antonym
.zu »Nationalismus« verstanden wird, nimmt es im Marxismus-Leninismus eine pejorative Bedeutung an, weil es eine Begleiterscheinung des Imperialismus bezeichnet und im semantischen Gegensatz zu dem positiv konnotierten »Internationalismus« steht. Bei Habermas nimmt das Lexem »Diskurs« eine ganz andere Bedeutung an als bei Greimas, Lyolard oder im vorliegenden Text: Es bezeichnet ein Metagespräch und nicht eine seman-tisch-narrative Struktur oder eine rhetorische Form. Lexeme wie »Gesetz« oder »Abendland« nehmen bei Autoren wie Kafka oder Trakl aufgrund neuer semantischer Bedingungen neue »idiolek-tale« Bedeutungen an, die nur im Kontext des Einzelwerks näher bestimmt werden können.
     
   In diesem Zusammenhang soll die Frage nach der dialogischen Beziehung zwischen Soziolekten neu gestellt werden. Aus semio-tischer Sicht erscheint das Problem der Ãobersetzbarkeit von Termini nicht mehr als unüberwindliche Hürde: Die gemeinsame Begrifflichkeit, die Wörter verschiedener Soziolekte miteinander verbindet, ist in der Semantik der natürlichen Sprache angelegt, so daß angenommen werden kann, daß die theoretischen Soziolekte als sekundäre Systeme über das primäre System miteinander in Verbindung stehen oder zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Ein Lexem wie »Kunst« nimmt zwar in Luhmanns Systcmlheorie, im Formalismus, im Marxismus oder in der Kritischen Theorie ganz besondere, z.T. widersprüchliche Bedeutungen an. Allen diesen Bedeutungen ist jedoch die primäre Begrifflichkeit der natürlichen Sprache gemeinsam: Kunst als kulturelles Produkt, als ästhetische Erscheinung, d.h. als NichtNatur, Nicht-Wirtschaft, Nicht-Religion, Nicht-Politik usw.
      Für Dissens bleibt weiterhin genügend Spielraum; wichtig ist jedoch die Erkenntnis, daß Soziolekte als sekundäre Systeme nicht hermetische Welten sind, weil sie stets aus dem ihnen gemeinsamen primären System der natürlichen Sprache hervorgehen. Daher ist auch Hermeneutikern wie Karl-Otto Apel recht zugeben, wenn sie von der These ausgehen, daß die naturliche Sprache unsere letzte Meta- und Verständigungssprache ist. Dies bestätigen alle Nachschlagewerke der Soziologie, Psychoanalyse und Semiotik, in denen Fachsprachen als Soziolekte mit Hilfe der natürlichen Sprache erläutert werden.
      Daß die natürliche Verwandtschaft von Fach- oder Spezial-sprachen vorausgesetzt wird, läßt Paul Lorenzens prägnante Darstellung des interdiskursiven Dialogs, des Dialogs zwischen Or-thosprachen, wie er sagt, erkennen: »Erstens können die ermittelten exemplarischen und terminologischen Bestimmungen genügend Anhalt dafür geben, ein Wort des Autors als synonym mit gewissen Ausdrücken der eigenen Orlhosprache einzusetzen. Das wäre der Fall einer Ãobersetz.burkeit in die eigene Orthosprache.« Solche Ãobersetzbarkeit oder »Syno-nymie« ist nicht zufallsbedingt, sondern darauf zurückzuführen, daß Ãorlhosprachen als sekundäre Systeme in das primäre Sprach-syslem eingebettet sind.
      »Zweitens», fährt Lorenzen fort, »kann der Vergleich der Autorenorthosprache mit der eigenen ergeben, daß die erstcre gewisse Termini hat, die dem eigenen systematischen Nachdenken bisher entgangen waren. Dann kann man den Text nicht in seine eigene Sprache übersetzen, man kann aber seine eigene Sprache durch die neuen Unterscheidungen des Textes erweitern.« Auch in diesem Fall kann angenommen werden, daß eine solche Erweiterung nur vor dem semantischen Hintergrund der natürlichen Sprache möglich ist: Die latente Präsenz des primären Systems in den miteinander kommunizierenden sekundären Systemen bewirkt, daß die von

Lyolard als Normalfall vorausgesetzte radikale Heterogenität eher ein Ausnahmefall ist.
      »Drittens«, schließt Lorenzen, »kann der Versuch einer Ãobersetzung in die eigene Orthosprachc oder deren Erweiterung durch Termini des Textes zu Widersprüchen führen. Dann müssen das eigene Denken und die Resultate des Autors noch einmal systematisch überprüft werden.«4S Und gerade darum geht es im interdiskursiven Dialog: Es gilt, die Grenzen des eigenen und des fremden Soziolekls und Idiolekts abzustecken und gegebenenfalls zu überschreiten. Damit wird der zweite, von Mannheim in die Diskussion eingebrachte Gedanke angesprochen: »das in beiden Aspektstrukturen richtig, aber verschieden Gesehene aus der Slruklurdifferenz der beiden Sichtmodi zu verstehen«.
      Die Auseinandersetzung zwischen zwei ideologisch heterogenen theoretischen Soziolekten ist als dialektischer Prozeß von Konsens und Dissens aufzufassen, in dem die eigene Theorie abwechselnd bestätigt, modifiziert, erweitert und widerlegt wird. Angesichts des mir fremden theoretischen Engagements werde ich ständig zur Ãoberprüfung einzelner Theoreme und meines gesamten Standorts gezwungen. Mein Diskurs, meine Rclevanzkriterien und Klassifikationen erscheinen mir nicht mehr als die einzig möglichen, als mit der Wirklichkeit identisch, weil ich von meinen Diskussionspartnern dazu angehalten werde, mit Luhmann zu bedenken, »was man gewinnen würde, wenn man beim Beobachten eines Beobachters immer die Frage stellen würde, durch welche Unterscheidungen er eigentlich beobachtet«. Man gewinnt einiges: nämlich die Einsicht in die nicht explizierten Relevanzkriterien des eigenen und des fremden Diskurses, die darüber entscheiden, was das Diskurssubjekt wahrnimmt und was nicht oder was »im Beobachten latent bleiben muß«4', wie Luhmann sagt. Mit anderen Worten: Das Gespräch mit dem Anderen machtmir eine neue Wirklichkeit zugänglich: Die Wirklichkeit als Konstrukt des Anderen.
      Dessen Dissens, der als kritisch-destruktives Element dafür sorgt, daß kollektive und individuelle Doxa aufgebrochen werden, schließt jedoch den Konsens keineswegs aus. Und dieser inter-diskursive Konsens zwischen heterogenen Soz.iolekten hat weitaus größeren Erkenntniswerl als der Konsens innerhalb eines Sozio-lekts , der aus gemeinsamen Vorurteilen, jahrzehntelanger Routine und kollektiver Phantasielosigkcit hervorgehen kann.
      Welsch argumentiert allzu sehr im Bann von Lyotards Partikularismus, wenn er schreibt: »Der Dissens ist keineswegs das Ziel . Aber in Situationen effektiven Dissenses ist in der Tat nicht Konsens, sondern Dis-senserklärung das letzte Ziel.«4" Ebensogut könnte man behaupten, in einer Diskussion sei die Frage, nicht die Antwort das letzte Ziel: Der kritische Dialog bewegt sich nicht auf ein letztes Ziel zu, sondern ist ein unabschlicßbarcr Erkenntnisprozeß, in dem Konsens und Dissens einander die Waage halten - ähnlich wie Frage und Antwort im Alltagsgespräch. Entscheidend ist jedoch, daß der Konsens zwischen heterogenen Soziolekten inmitten von Dissens und Kritik zustande kommt.
      Weshalb ist er interessant? Zu welchen Ergebnissen kann er führen? Er kann gemeinsame Erkenntnisse oder interdiskursive Theoreme hervorbringen, denen Relevanzkriterien heterogener Wissenschaftlergruppen zugrunde liegen. Ein Beispiel ist das Objekt »Ideologie«, das sowohl in der Kritischen Theorie als auch im Kritischen Rationalismus als dualistische Rede konstruiert wird.die sich monologisch mit der Wirklichkeit identifiziert und gegen kritische Einwände anderer Diskurse immunisiert.
     
   Während nun innerhalb einer dialektisch denkenden Gruppe diese Erkenntnis zufriedenes Nicken auslöst, weil jeder aus früheren Gesprächen weiß, daß die einzige Alternative zum ideologischen Manichäismus die Dialektik ist, folgt in einem interdiskursi-ven Gespräch mit kritischen Rationalisten der Dissens: Sic fassen den ideologischen Dualismus anders auf, weil ihnen nicht Ambivalenz und Dialektik als Alternativen erscheinen, sondern Abstufung, analytische Kritik und konsequenter Fallibilis-mus. Sie muß der Dialektiker keineswegs akzeptieren, zumal er anhand von gründlichen Textanalysen zeigen kann, wie ideologischer Dualismus von einer ironischen Vereinigung der Gegensätze aufgelöst wirdâ"¢; er muß aber erkennen, daß die konsensfähigen Theoreme, die die gemeinsame Objektkonslruktion »Ideologie« ausmachen, von Dissens umgeben sind. Jenseits dieser Konstruktion erscheint ihm »Ideologie« als ein neues, als kritisch-rationalistisches Phänomen, das ihn zum Nachdenken anspornt und u.U. veranlaßt, »das eigene Denken und die Resultate des Autors noch einmal systematisch« zu überprüfen oder »seine eigene Sprache durch die neuen Unterscheidungen zu erweitern«, wie Paul Loren-zen sagt .
Entscheidend ist, daß der kritische Rationalist seinen Standpunkt zugleich offensiv und selbstreflexiv vertritt: nicht daß er bereit ist, mit mir die Rollen zu tauschen oder nach »Ãobergängen« zwischen den Sozioleklen zu suchen. Die Unabhängigkeit und Alterität seiner Kritik zwingt mich, meine eigene Position und die Grenzen des erzielten Konsenses zu überdenken. Dieser Konsens aber ist nicht einfach ein »Ãobergang« , sondern eine gemeinsame Objektkonstruktion, der klar formulierbare interdiskursive Theoreme zugrunde liegen .
      Interdiskursivitäl in diesem Sinne kann auf weitere heterogene Soziolekte ausgedehnt werden. Im vorliegenden Fall könnte die Strukturanalyse der »Ideologie« durch Untersuchungen über die ideologische Funktion in der zeitgenössischen Gesellschaft ergänzt werden. Dabei könnte sich herausstellen, daß Luhmanns system-theoretische These über die anhaltende Wirkung von Ideologien von kritischen Theoretikern, kritischen Rationalisten, Marxisten und konservativen Politologen bestätigt wird: »Ideologien erweisen sich Tag für Tag als lebenskräftig: Von einem Ende des ideologischen Zeitalters kann keine Rede sein. Richtig ist nur, daß der ideologische Eifer erlahmt und durch eine routinierte Pflege ideologischer Orientierungen ersetzt wird.«
Kritische Rationalisten und kritische Theoretiker würden dieses Theorem wahrscheinlich mit der Einschränkung bestätigen, daß der ideologische Eifer nur in bestimmten sozialen Situationen und dort nur scheinbar erlahmt. Sie könnten sich auf den eher konservativen Politologen Karl-Dietrich Bracher berufen, der feststellt: »Das Bedürfnis nach Weltanschauungen, die Anfälligkeit für den Gebrauch und Mißbrauch politischer Ideologien wird gerade im Augenblick der neuen dramatisierten Fortschrittsbrechungen spürbar und mobilisierbar.«5* In einem ganz anderen -marxistischen - Kontext wird diese Ansicht von Istvan Meszaros bestätigt, der in The Power of Ideoiogy postmoderne »>supra-ideological< claims«" zurückweist und von »the vital active role which ideology plays in the social reproduetion process« spricht.
      Dem dialogisch motivierten Diskussionsteilnehmer drängt sich die Frage auf, mit welchen Argumenten das gemeinsame Theorem Lebensfähigkeit der Ideologie plausibel gemacht wird. Es mag genügen, auf die Heterogenität dieser Argumente hinzuweisen, die vom Klassengegensatz bis zum Modernisierungsprozeß und Rechtfertigungsdruck reichen. Sie sind nicht auf einen Nenner zu bringen, zumal Luhmann Modernisierung ganz anders auffaßt als Bracher oder Meszaros. Aber gerade diese Heterogenität macht die Stärke des interdiskursiven Theorems und der nun möglichen gemeinsamen Objektkonstruktion »Funktion der Ideologie« aus. Eine Erkenntnis, die aus so verschiedenen Quellen gespeist wird, kann nicht das Vorurteil eines Einzelnen oder eines selbstzufriedenen Kollektivs sein.
      Sie ist keine Wahrheit im Sinne der Metaphysik; aber sie ist ein Wahrheitsmoment im unabschließbaren Erkenntnisprozeß des kritischen Dialogs. An einem solchen Wahrheitsmoment hält ein Theoretiker gegen modische Trends und kommerzialisierte sweep-ing Statements fest: zumal er weiß, daß Daniel Beils vielzitierte Aussagen über das Ende der Ideologien vom Autor selbst widerrufen wurden.'' Allerdings haben diese Aussagen, wie sich im zweiten Kapitel gezeigt hat, auf die Postmoderne-Diskussion nachhaltig eingewirkt. Dies ist schließlich der Grund, weshalb Lyotard vom »Ende der Meta-erzählungen« sprechen und dabei seinen eigenen postmodernen metarecil entfalten kann: eine partikularistischc Ideologie der Heterogenität. Man sollte nicht versuchen, im Rahmen dieser Ideologie zu denken, sondern Luhmanns Frage nachgehen, »durch welche Unterscheidungen eigentlich beobachtet« undwelche Funktion sein Diskurs in der postmodernen Problematik erfüllt.
     

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Der  theoretische  Dialog:  Sprache,  Soziolekt,  Diskurs    


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