Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

Index
» Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
» Lyrische Moderne um 1890
» Ã"sthetischer Binnenraum, dichterischer Habitus und poetische Form

Ã"sthetischer Binnenraum, dichterischer Habitus und poetische Form



Rilkes Schreibpoetik zielte auf eine dichterische Praxis als Lebenspraxis in einem ästhetisch bestimmten Binnenraum. Es ging dabei keineswegs um bloße l'art pour l'art. Im Bezirk der Kunst sollten vielmehr Erfahrungen der Gegenwart zum poetischen Stoff transformiert und stilisiert werden. Für Rilke erfolgte die Wende zur Moderne in den drei Zyklen des Stundenbuchs, die zwischen 1809 und 1903 entstanden. Ihre religiösen Titel -Vom mönchischen Leben, Von der Pilgerfahrt und Von der Armut und vom Tode - kündigen keine religiöse Dichtung an; sie skizzieren vielmehr eine ins Ã"sthetische gespiegelte Religiosität. In Rilkes Stundenbuch ist Gott ein Schlüsselwort. Die Zyklen sind dadurch nicht einfacher, sondern schwieriger zu lesen. Die Bandbreite der Bedeutungen erweitert sich. So entfaltet sich das Wort Gott allmählich zur RiLKE'schen Universalmetapher, zu einem großen Bildkomplex, aus dem sich abzweigende Bildstämme und -äste ableiten, die nicht auf einen sie erklärendes Ende zulaufen, sondern innerhalb des Gedichtzyklus eigene Bildzyklen herausbilden. Wer sie verstehen will, muss sich auf die Komplexität des gesamten Zyklus einlassen.
      Rilkes Dichtung war jahrzehntelang populär, weil sie so viele Möglichkeiten bot, in jene Wellen einzutauchen. Nicht selten schichteten sich die Bildkomplexe zu mystischen Größen auf, in denen, wie in der Gottesanrufung, die Gedichtsprache auf religiöse Bilder, Gebetswendungen, Liturgien und Rituale anspielte. Und weil die Gottesformel keinen festen Bedeutungskern mehr hatte, wurde sie in den Zyklen zu einer immer wieder interpretierten Unbestimmtheitsstelle. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, so heißt es gleich zu Beginn, als ob im Bild des Kreisens und Kreisförmigen die Form des Zyklus bereits angedeutet wird: Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,/ und ich kreise jahrtausendlang;/ und ich weiß noch nicht; bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang. Andere Verse sind wie private Gebete gestaltet und heben mit der vertraulichen Ansprache Du an: Du bist ein Rad, an dem ich stehe,/ vor deinen vielen dunklen Achsen/ wird immer wieder eine schwer/ und dreht sich näher zu mir her. Die Bildketten sind durchaus polar gegeneinander gesetzt. Was eben noch wie eine mächtige Orientierung klang , das wird in anderen Versen zur Anspielung auf den verborgenen, dunklen Gott: Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe/ von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.

     
   Noch mehr als für Rilke war für George die Analogie von Religion und Kunst, die sakrale Auffassung von Dichtung, ein Leben lang unangreifbarwahr. Dichtung war eine Art religiöses Mysterium, das nur wenige verstehen. Die Geheimnisse, die Mysterien, sind nur den wenigen zugänglich, die sie verstehen, während anderen, den Nicht-Eingeweihten, das Treiben der Auserwählten stets in ihrem Sinn verborgen bleiben muss. Der Dichter als Seher und Priester: George war dieser Anspruch derart ernst und derart absolut, dass er ihn in der Tat wie einen Gottesdienst zelebrierte. Er schuf indes keine katholische Dichtung, sondern er setzte die Dichtung an die Stelle der Religion.
      Aus Baudelaires Schriften hatte der junge George Impulse für einen ästhetischen Dandyismus empfangen und als Entwurf einer aus dem eigenen Künstlertum geborenen aristokratischen Lebenshaltung adaptiert. Das spielerische Moment des Dandys wich einem elitebewussten Aristokratismus, der bei George bald mit einem messianischen Bewusstsein von der eigenen Auserwähltheit verbunden wurde. George eignete sich in Paris einen Dandy-Habitus an. Aristokratismus wurde eine Form der Distinktion, der kategorischen Abgrenzung, ein Ausschließungsritual, mit dem George die Grenze zwischen sich und später dann seinem Kreis auf der einen und den Ausgeschlossenen, der unwissenden Menge, auf der anderen Seite zog. George war einer der ersten und entschiedensten modernen Lyriker, die ihren Habitus und Lebensstil dezidiert antibürgerlich entwickelten. Es gab allerdings um 1900 keinen einheitlichen Künstlerhabitus moderner Dichter, vielmehr ein Spektrum an Differenzformen, das von der aristokratisch-herrschaftlichen Priesterpose Georges bis zur ein wenig abgebrannt und durchzecht wirkenden Boheme-Existenz beispielsweise eines Peter Hille reichte. Im Spektrum der Dichter seinen Platz zu finden hieß seinen eigenen Habitus, sein Ã"ußeres und seine unverwechselbare Form der Selbstdarstellung nach außen zu entfalten.
      Georges Dandyismus war keine Variante bourgeoiser Lebensweise. Es ging nicht um durchzechte und durchlebte, sondern um durchlesene und durchschriebene Nächte. Das Selbstverständnis des Dandys wandelte sich bei George früh zum Selbstbildnis des Sehers, der sich weiterhin aus einer strikt aristokratischen Haltung heraus definierte: Des sehers wort ist wenigen gemeinsam, heißt es in einem seiner Gedichte: Schon als die ersten kühnen wünsche kamen/ In einem seltnen reiche ernst und einsam/ Erfand er für die dinge eigne namen. George stilisiert seine Existenz zu einer künstlerisch-künstlichen, schließt sich von der profanen Welt ab und bekannte sich zu einem der Kunst und nur der Kunst geweihten Leben. Ein solches Programm war ein Bekenntnis zum konsequenten Selbstbezug der Kunst. Es ging um den Anspruch einer radikalen Einheit von Künstlertum und Kunstpraxis, um ein ästhetisch bestimmtes Leben, das keinem anderen Prinzip als dem der Kunst und der Schönheit verpflichtet sein sollte.
      Der Selbstbezug der Kunst und derjenige des Künstlers auf sich selbst bildeten die zwei Seiten einer Medaille.

     
   Und doch ist George, bei aller Inszenierung seiner Autorität, seiner Priester- und Meisterrolle, bei aller im Alltag genügend demonstrierten aristokratischen Lebensform am Ende keineswegs der Dichter liturgischer Lyrik, künstlicher Lebens- und Geisteswelten und artifizieller, manchmal unfreiwillig geschraubt wirkende Verse für den kleinen Kreis seiner wechselnden Anhängerschaft geblieben. Manche seiner Gedichte sind voller Melancholie und Leiderfahrung. Und sie sind es gerade dort, wo sie nicht bereits Teil eines Rituals sind, beispielsweise in den Liedern. Ein Beispiel dafür findet sich im »Siebten Ring«.

     
   An baches ranft Die einzigen frühen Die hasel blühen. Ein vogel pfeift 5 In kühler au. Ein leuchten streift Erwärmt uns sanft Und zuckt und bleicht. Das feld ist brach* 10 Der bäum noch grau.. Blumen streut vielleicht Der lenz uns nach.
      Zwar findet sich auch in diesem Gedicht noch Georges Vorliebe für prätentiöses Sprechen, seltene Wörter und Wendungen. Aber der erste Vers leitet eine kleine Reihe von mit äußerster poetischer Sensibilität gestalteter weiterer Verse ein: Verse, die ein paar karge, aber genaue Beobachtungen seismographisch registrieren und auf überflüssigen Dekor verzichten. Metrik und Rhythmus sind durchaus unregelmäßig; der vorletzte Vers wechselt unvermittelt vom dominierenden lambus zum Trochäus. Es ist der einzige Vers, der nicht mit einem Artikel oder einer Präposition beginnt. Er hat nichts mehr vom feierlichen Pomp der großen Programmgedichte, sondern deutet eine Rückkehr zum einfachen, liedhaften Sprechen an, nicht zuletzt auch zu einer Form der Verständlichkeit, die kaum noch Spuren vom Gestus des Sprechens im eingeweihten Kreis verrät.
     

 Tags:
Ã"sthetischer  Binnenraum,  dichterischer  Habitus  poetische  Form    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com