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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Wilhelm Lehmann: »Die Signatur«



Wilhelm Lehmanns Gedicht »Die Signatur« erschien 1942 im Gedieh tband Der grüne Gott. Die Neue Rundschau hatte es im Februar 1940 unter dem Titel »Vögel am Wintermittag« veröffentlicht.
      Damastner Glanz des Schnees, Daraufliest sich die Spur Des Hasen, Finken, Rehs, Der Wesen Signatur.
      5 In ihre Art geschickt, Lebt alle Kreatur. Bin ich nur ihr entrückt Und ohne Signatur?
Es huscht und fließt und girrt - Taut Papagenos Spiel Den starren Januar? Durchs Haupt der Esche schwirrt, Der Esche Yggdrasil, die Hänflings-, Zeisigschar.
      15 Die goldnen Bälle blitzen,

Vom Mittagstisch gebannt,
Bis sie in Reihen sitzen,

Der Sonne zugewandt,
Wie Geister von Verklärten. 20 Die noch die Götter ehrten.
      Die leisen Stimmen wehn Aus den verzückten Höhn Ein Cembalogetön. Die Vogelkreatur, 25 Kann ich sie hören, sehn,
Brauch ich nicht mehr zu flehn Um meine Signatur.
      Während noch im Titel der Erstveröffentlichung ein konkreter Entstehungskontext rekonstruierbar ist, so akzentuiert der spätere Titel gerade umgekehrt einen Abstraktionsvorgang: Der Autor überschreibt sein Gedicht mit der Leitmetapher der Signatur, deren Blickfeld die Zeichenhaf-tigkeit und offenbarende Kraft von Naturphänomenen umreißt. Dabei beginnt die erste Strophe mit einer Beobachtung, die benannt und im Epitheton veranschaulicht wird: Damastner Glanz des Schnees. Auch dienächste Stufe der Beobachtung hat noch einen auf das Ich zurückverweisenden Bezug, die Ausdeutung der Spuren im Schnee: Drauf liest sich die Spur/ Des Hasen, Finken, Rehs. Erst der folgende dritte Schritt führt von der äußeren Beobachtung weg, indem die Fährten der Tiefe mit der Schlüsselmetapher des Gedichts zusammengebracht und als Der Wesen Signatur bezeichnet werden. Nicht die Naturimpression steht im Mittelpunkt, sondern die Frage der Bestimmung des reflektierenden Ichs. Diese philosophische Dimension wird bereits im ersten Vers der zweiten Strophe eingeführt: In ihre Art geschickt,/ Lebt alle Kreatur. Dem schlichten, thesenartigen Gedanken steht in den folgenden Versen die das Gedicht tragende Leitfrage gegenüber: Bin ich nur ihr entrückt/ Und ohne Signatur? Gefragt wird nach der Verortung des Menschen in der Welt, nach seiner Sonderstellung innerhalb der natürlichen Ordnung und nach der sein Wesen offenbarenden Signatur.
      Lehmanns Naturgedicht hat, so zeigen die Eingangsstrophe und die Leitfrage der zweiten Strophe, zwei Wahrnehmungsebenen; die eine zielt auf die äußere Beobachtung des Geschehens und wird von einem beobachtenden Ich aus perspektiviert, die andere lässt sich einem gedankenvoll meditierenden und über sich selbst nachdenkenden Ich zuordnen. Die Leitmetapher der Signatur verknüpft beide Ebenen und gibt dem gesamten Gedicht seine strukturelle und interpretatorische Konsistenz. Solche Art Naturgedichte waren weder poetische Naturschilderungen noch Stimmungslyrik, die sich der Natur als Kulisse einer bloßen Seelenlandschaft bediente. Dagegen spielten Verweise auf Naturphilosophie, theologische und theosophische Naturspekulationen, schließlich auch auf Naturmystik und -magie eine wichtige Rolle, wie in diesen Bezugsfeldern verschüttete und vergessene Antworten auf Grundfragen der menschlichen Existenz vermutet wurden. Diese Dimensionen wiederzuentdecken hieß eine Chance zu bieten, Sinn- und Orientierungskrisen der Moderne zu ertragen. Die Frage und die Suche nach der Signatur der Dinge und vor allem auch des der Natur und seinem eigenen Selbst entfremdeten Menschen bildeten für Lehmann wie für Huchel, Langgässer, Eich, Krolow und Bo-browski die Basis jahrelanger Schreibmotivation.
      Nun besteht Lehmanns Antwort keineswegs im Aufweis oder gar im Zitat naturphilosophischer und naturmagischer Weltdeutungen. Es macht vielmehr den eigentlichen Reiz des Gedichts aus, dass es in der dritten und vierten Strophe sich verallgemeinernden Reflexionen fast ganz entzieht. Die Frage Und ohne Signatur? bringt nicht das meditierende, sondern das beobachtende Ich wieder auf den Plan. Es richtet den Blick auf die Vögel im Gipfel der Esche. Heiter, leicht und ironisch wird der Ton, frei von gelehrigen Sentenzen des Philosophen. Eindrücke werden aufgezählt und im
Polysyndeton Es huscht und fließt und girrt mit bewegendem, rhythmischem Schwung vorgetragen. Dieses Bewegungsspiel findet auf der phonetischen Ebene seine Fortsetzung, und zwar im bewegten Spiel der Reime. Das Gedicht folgt keinem starren Modell, sondern mischt Kreuzreime, Paar-, umschließende und verschränkende Reime ; als Kehrreim wird das Schlüsselwort Signatur dreimal als Strophenschluss gesetzt. Das Moment der bunten, blitzartigen Bewegungen dominiert, der Reim fügt sich der Asymmetrie bei. Zum heiteren Bild gehört auch die Anspielung auf Mozarts Oper Die Zauberflöte, die musikalische Assoziation zum Vogelzwitschern, das Papageno mit den lockenden, reizenden und in den Bann ziehenden Tönen seiner Flöte nachahmt. Und auch die Reminiszenz an die Esche Yggdrasil aus germanischer Mythologie - an jene die Menschen- und Götterwelt verbindende, das Leben garantierende Weltesche - ruft keine Pathosformel auf, sondern hat einen ironischen Beiklang; die im Baum umherschwirrenden Hänflinge und Zeisige scheren sich nicht um den nordischen Mythos, auch die Esche Yggdrasil fügt sich ins heiter-harmlose, lebensfrohe Winterbild und dessen aufschwingende fröhliche Mittagsmelodie.
      Das beobachtende Ich der dritten und vierten Strophe schiebt Wahrnehmung und Assoziation ineinander. Das Ich, die Vögel im Baum beobachtend und sie in Reihen sitzen sehend, beginnt im ersten Vers der vierten Strophe mit einer vom Federkleid der Vögel inspirierten Farbimpression , deutet die allmähliche Beruhigung, das Sich-Setzen auf den Baum, als einen Vorgang des Bannens und entfaltet, ausgehend von dieser Assoziation, einen animistischen, naturmagischen Vergleich: Wie Geister von Verklärten,/ Die noch die Götter ehrten. Auch diese Assoziationen sind nicht von der Leichtigkeit des beobachtenden Schauspiels zu trennen. Das Ich spielt mit seiner eigenen Assoziationskraft, indem es umstandslos Anspielungen auf kulturelles , mythologisches und naturmagisches Wissen mischt und so die lärmenden, umherschwirrenden und allmählich zur Ruhe kommenden Wintergäste in der Esche einmal mit goldnen Bällen und ein andermal mit ehrfürchtig-frommen Geister[n] der Verklärten vergleicht.
      Auch die Schlussstrophe reiht sich ohne Bruch in die Heiterkeit der dritten und vierten Strophe ein, indem das Geschehen, das mit einer musikalischen Assoziation eingeleitet wurde , nun auch mit einer musikalischen Metapher abgeschlossen wird . Das Bild goutiert das Winterkonzert der Hänflinge und Zeisige, für die, so der Brockhaus, ein angenehmer, abwechslungsreicher Gesang charakteristisch sei. Wie stets scheinen Lehmanns Naturbeobachtungen bis ins Detailpräzise zu sein. Die letzte Strophe führt allerdings über die heitere Impression hinaus und zur Leitfrage zurück, indem nun die Antwort gegeben wird: Die Vogelkreatur,/ Kann ich sie hören, sehn,/ Brauch ich nicht mehr zu flehn/ Um meine Signatur. Diese Antwort gibt die Frage an das Ich zurück; denn entrückt ist das Ich seiner Signatur in dem Moment nicht mehr, in dem es mit seinen Sinnen sich auf das Naturgeschehen einlässt. Das, was es dort zu hören und zu sehen gibt, bleibt kein bloß äußerliches Geschehen, sondern verweist zeichenhaft und vieldeutig auf sein Wesen, verrät also etwas über die Welt und über seine kleine Beziehung zu den geheimen Ordnungen und Beziehungsspielen der Natur, von denen der Mensch eben noch nicht ganz ausgeschlossen ist. Schriftzeichen zu lesen, Spuren im Schnee zu registrieren und seine eigene Position im Bezugsfeld von Naturraum und kultureller, künstlerischer und geistiger Welt zu bestimmen, dazu lädt das Gedicht ein, nicht mit einem Unfehlbarkeitsund Ausschließlichkeitsgestus, sondern gleichnishaft verkleidet in einem winterlichen Genrebild.
      Lehmanns Leitmetapher der Signatur entstammt, wie Schäfer erläuterte, Jakob Böhmes Buch De signatura rerum oder von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen ; die Lektüre hat der Dichter in seinem Tagebuch notiert. Böhme erklärte die das Wesen offenbarende Signatur eines jeden Dings aus der zeichenhaften Verknüpfung der äußeren und inneren Gestalt: Und ist kein Ding in der Natur, das geschaffen oder geboren ist, es offenbaret seine innerliche Gestalt auch äusserlich. Daher ist schon für Böhme der Signatur-Begriff ein Schlüsselbegriff zum Wesen der Dinge; es sei in der Signatur der größte Verstand, darinnen sich der Mensch [...] nicht allein lernet selber erkennen, sondern er mag auch darinnen das Wesen aller Wesen lernen erkennen. Lehmann hat Böhmes Theorie der Signatur nicht dogmatisch als Welterklärungsmodell übernommen, sondern als heuristisches Prinzip der eigenen poetischen Schreibpraxis. Der Dichter setzt die Signatur nicht, sondern spürt sich in geduldiger Beobachtung und Reflexion auf, indem er sich auf die Details der Natur einlässt, und zwar nicht auf deren erhabene, pathetische Seite, sondern, wie im Gedicht vorgestellt, auf die zunächst unbedeutenden, winzigen Spuren und Details. Erst allmählich vermag er dann Chiffren und Beziehungen entdecken, die ihn auf seine eigene Zeit- und Lebenssignatur zurückführen. Vor diesem Hintergrund ist das Gedicht ein poetologisches Programmgedicht der naturlyrischen Schule, das weit über die Zäsurgrenze von 1945 hinaus anregend wirkte.
     
   Innerhalb der Rezeptionsgeschichte war es Elisabeth Langgässer, die auf doppelte Weise Lehmanns Gedicht zu verstehen versuchte. Sie beurteilte es als herrlichstes, süßestes aller Naturgedichte - so in einem Brief anden Dichter vom November 1942 -, zugleich aber konfrontierte sie das Gedicht mit der Zeitsituation, in der es entstand: Mir schien das Krachen des ungeheuren Winters darin aufbewahrt - wie hätte man ihn noch reiner, gelassen-heiterer aufnehmen können, wenn nicht Krieg, Krieg, Krieg wäre! - Langgässers Bemerkung - ein verzweifelter Ausruf, keine Kritik des Gedichts - liest sich dem Inhalt nach wie eine verblüffende Parallele zu Brechts später berühmt gewordenen Versen aus dem Poem »An die Nachgeborenen«, das einige Monate vor Lehmanns »Signatur« in einer Exilzeitschrift erschienen war: Was sind das für Zeiten, wo/ Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist/ Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

  

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Wilhelm  Lehmann:  »Die  Signatur«    


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