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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Reinhold Schneider: »Entfremdet ist das Volk mir...«



Reinhold Schneider gehörte zwischen 1930 und 1945 zu den bedeutendsten deutschen Sonett-Dichtern. Schon 1928 hatte er, den lyrischen Traditionalismus vorwegnehmend und ihm bis zu seinem Tode im Jahre 1958 verpflichtet, eine große Zahl von Sonetten geschrieben, allerdings erst später veröffentlicht. Während des Nationalsozialismus hatte er Kontakte zum christlich orientierten Widerstand, vor allem zu Mitgliedern des Kreisauer Kreises. Schneider galt der faschistischen Kulturpolitik und Journalistik als ein missliebiger, verdächtiger Autor, der 1940 Schreibverbot erhielt. Die Zahl der zwischen 1933 und 1945 publizierten Schriften und Werke war jedoch trotz mancher Vorbehalte und Behinderungen recht hoch. Seine zwischen 1927 und 1937 geschriebenen Sonette wurden zunächst nur maschinenschriftlich vervielfältigt. Erst 1939 erschien ein erster Band mit Sonetten, dem 1941 im Privatdruck Dreissig Sonette, 1943 die Sonettdichtung Jetzt ist des Heiligen Zeit und 1944 die Sonettsammlung Die Waffen des Lichts folgten. Erst in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde die große Bedeutung, welche die Gattung des Sonetts bei Schneider spielte, vollends deutlich. Das Gedicht »Entfremdet ist das Volk mir ,..« ist auf den 16. April 1938 datiert und erschien 1944 in den Waffen des Lichts:
Entfremdet ist das Volk mir, nur sein Leiden Bedrängt mich nachts, und furchtbar drückt die Not, Daß ich nicht spreche nach des Herrn Gebot Und schweigend seh' das Heilige verscheiden.
      5 Ob aller Augen sich am Glänze weiden, Seh' ich die Nacht, das Unheil und den Tod, Und wie der Untergang im Siege droht Und nicht in falschem Ruhm Verderber kleiden.
      Verkehrt sind alle Zeichen, stumm die Dichter, 10 Es bannt das Wort nicht mehr die Todesmächte, Die deine Seele, Volk, in Fesseln schlagen.
      Mein Volk, mein Volk, wie wird der ewige Richter Dereinst uns wägen nach dem ewigen Rechte, Wenn er nicht zählte, was wir stumm getragen!
Christlich orientierte Widerstandsliteratur? Im Zentrum des Gedichts stehen, charakteristisch für die Sonettdichtung der 30er- und 40er-Jahre, Diskursbezüge zu Geschichte, Gegenwart, Volk, Religion und Dichtung. Und weil das Gedicht auch die Position des Ichs thematisiert und von den verstummten Dichtern spricht, ist das Sonett auch ein poetologisches Ge-dicht, in dem das Verhältnis des Dichters zu Publikum und Volk, zur aktuellen Zeitsituation der Siege und der Verderber und zur religiösen Verpflichtung, zu des Herrn Gebot erörtert wird. Vom Widerstand indes ist zunächst nur die Rede in eher negativierender Form. Daß ich nicht spreche nach des Herrn Gebot, darüber reflektiert das lyrische Subjekt, und dass es offenbar schweigend [...] das Heilige verscheiden sieht. Der Augenblick des Selbstzweifels ist unübersehbar. Schneider spricht von Leiden, Not, Bedrängung, Unheil und sogar vom Untergang im Siege.
      Das in fünfhebigen Jamben verfasste Sonett erweist sich als eine festgefügte, in der Gattungstradition fest verankerte Form, die bei aller Selbstreflexion, aller Verunsicherung und Beunruhigung einen sicheren Halt gewährt. Schneider hat seine Gedanken durchkomponiert und sie einer Strophenform anvertraut, die in ihrer Tektonik auf klar umrissenen Strukturelementen ruht. Der Aufbau folgt dem Steigerungsprinzip traditioneller Sonettdichtung. Das erste Quartett umreißt Situation und Zeitkonturen , während das zweite die Beobachtungen zuspitzt . Das erste Terzett fixiert in dramatischer Form bereits erste Konsequenzen , während das Schlussterzett eine Antwort bereithält .
      Zur festen Form zählt auch die Reimstruktur. Nicht dass der Autor Paarreim und umschließenden Reim kombiniert ist dabei entscheidend, sondern, die bis zuletzt durchgehaltene Wahl von semantischen Schlüsselwörtern in der Endstellung des einzelnen Verses, die dem Zeilenschluss ein besonderes Gewicht verleihen. Die Lexik des Gedichts zeigt an, dass kein Wort aus einer bloßen Stimmung heraus formuliert wurde. Das Sonett hält keinen Moment der Verunsicherung und Verzweiflung fest, sondern trans-zendiert ihn in einen Deutungsansatz, der eine Lösung anbietet. So wie der Autor sich der festen Form anvertraut, bietet das in seinen Themen zunächst höchst beunruhigende Sonett einen Hoffnungshorizont. Und noch ein weiteres Merkmal bestimmt Schneiders Wortwahl. Bei aller Verzweiflung und Not, die das Ich bedrängen, erscheinen Begriffe wie Volk, des Herrn Gebot, das Heilige, die Dichter, die Todesmächte, Seele und der ewige Richter in ihrer Bedeutung fest fixiert. Die Sprache des Gedichts konstituiert mit ihrem Pathos und ihrer sicheren Diktion die Position des lyrischen Subjekts als eines zu Bekenntnis und Erkenntnis gleichermaßen befähigten Sprechers.
      Dem Gedicht liegt ein Verständnis von Geschichte zugrunde, auf dem auch sein festes Begriffsfundament aufgebaut ist. Das Volk erscheint aus zweifacher Perspektive. Ihm werden gleich im ersten Vers Leiden zugeordnet. Allerdings wirkt es wie verblendet, wenn aller Augen sich am Glänzeweiden, obwohl die Siege aus der Sicht des Ichs nur falschen Ruhm bedeuten. Das Volk ist der intendierte Adressat des Gedichts; ihm gelten die Anredeformeln deine Seele, Volk und die dramatisch zugespitzte Anrufung Mein Volk, mein Volk, die wie die Evokation eines biblischen Propheten klingt. Diejenigen, welche die Macht haben, sind am undeutlichsten benannt. Weder aus dem Kontext des Entstehungs- noch des Veröffentlichungsjahres lässt sich eine unmissverständliche Zuordnung ableiten. Die Rede ist vom Verderber, der im Volke und mit dem Volke sein Unwesen treibt. Aber die Abstraktion der Begriffe und des metaphorische Umschreiben der Herrschenden lassen einen Assoziationsspielraum zu und verweisen auf eine Strategie des indirekten, verdeckten Sprechens. Wer sind die Todesmächte, welche die Seele des Volkes in Fesseln schlagen? Und welche Siege sind gemeint, die eigentlich Untergang bringen?
Zwar nutzt Schneider in seinem Sonett die rhetorische Tradition mit ihren Effekten und Dramatisierungen und ihrer pathetischen Strategie der Rührung, beispielsweise in der dreifachen Steigerung der Klimax Nacht, Unheil und Tod. Aber es gehört zur Charakteristik der Sonettsprache der zum faschistischen Regime auf Distanz gehenden Dichtern innerhalb Deutschlands und nach 1938 auch innerhalb Ã-sterreichs, dass sie den Nationalsozialismus und seine brutalen Herrschaftsmechanismen in vagen Umschreibungen benennen. Umgekehrt erfolgt eine - von Schneider subjektiv nicht gewollte - Aufwertung eines Regimes, wenn es die apokalyptischen Todesmächte repräsentiert und wie der teuflische Verderber umhergeht. Allerdings trifft diese Kritik die Bildstruktur nur als eine Kritik von außen. Das dem Sonett zugrunde liegende Verständnis von Zeitgeschichte hat nämlich eine heilsgeschichtliche Kontur. Die herrschenden Mächte repräsentieren in der Tat die Mächte des Bösen und der Finsternis und heißen dann zu Recht die Todesmächte. Das poetische Subjekt hat die Fähigkeit zu sehen und zu verkündigen, und es verkündet auf der einen Seite Geduld und Läuterung durch Leid und auf der anderen Seite die Zuversicht einer heilsgeschichtlichen Hoffnung. Der ewige Richter und die Macht, die dem ewigen Recht zukommt, schließen indirekt die Aussicht auf ein Ende ein. In diesem Geiste ist die letzte Strophe geschrieben worden, und zwar in der Anspielung auf ein stummes Tragen des auferlegten Schicksals: Wenn er nicht zählte, was wir stumm getragen! Die stummen Dichter freilich haben keinen Verrat begangen, ihr Schweigen steht in einem höheren Zusammenhang. Gedichte solcher Art sind von Selbstreflexionen bestimmte poetologische Rechtfertigungen, zugleich aber auch Gedichte, die dem Publikum einen Standort anbieten, der Trost und Halt gewährt. Vor diesem Hintergrund ist die feste, statische Form sowohl für den Dichter als auch für sein Publikum so etwas wie ein geschützter Rück-zugsort der verschwiegenen Kommunikation derer, die in der Gewissheit der Sprache wie der heilsgeschichüichen Ordnung die bedrohliche Gegenwart zu verstehen suchen.
     

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Reinhold  Schneider:  »Entfremdet  das  Volk  mir...«    


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