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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Raunen im klassizistischen Ton? Lyriker im Faschismus



Auf viele im faschistischen Deutschland Gedichte schreibenden Lyrikerinnen und Lyriker übte auch nach 1933 ein im lyrischen Traditionalismus verbreitetes Zeitbewusstsein eine besondere Anziehungskraft aus. Wer Gedichte schrieb, konnte sich aus der verdrießlich stimmenden Welt zurückziehen in einen eng begrenzten, zugleich aber geschützten Binnenraum der Poesie. Das Lyrikpublikum in Deutschland fühlte sich, wenn es nicht von nationalsozialistischer Oden- und Sonettdichtung, neuen Marsch- und Parteiliedern berauscht war, durch diese Haltung angesprochen. Georg Britting beispielsweise bot in Gedichtbänden wie Der irdische Tag , Rabe, Ross und Hahn und Lob des Weines Poesie für den stoischen Rückzug aus der Zeit an. Die Beharrung in der kleinen Welt war die Voraussetzung dafür, dass man weiter schreiben konnte, ohne durch politische Machtinstanzen wie die Reichsschrifttumskammer oder das politische Feuilleton nationalsozialistischer Zeitungen dramatisch gestört zu werden. In seinem poetologischen Gedicht »Das Wort« hat Weinheber die Grundhaltung des Rückzugs in einer Maxime formuliert. Das Gedicht lässt sich insofern als ein Programm-Gedicht der Inneren Emigration lesen, als es die paradoxe Einheit von Sagen und Nicht-Sagen, Aussprechen und Verschweigen selbstreflexiv andeutet, also das Grunddilemma der eigenen Lyrik und Gedichtpoetik:
Sagt nicht, was bodenlos,schrecklich und bitter besteht,sagt das Geheimnis nicht,nicht die Nacht, nicht den Schmerz, 5 kaum den Tag, und vom Todnur die Angst.
      Sagt nicht, was mir wie dirdauernd beschieden, sagtnicht die Vergeblichkeit. 10 Sagt nicht, wie heiß, groß, schwerhinter dem Schleier der Schamimmer Heimweh brennt,sagt nicht die Frage, hat
Antwort keine bei sich. 15 Nichts wert ist das Wort,nur für die Klage gut,menschlich gemäß.
      Denn ganz hilflos sind wir,und die Götter sind blind. Auch bei Weinheber zielt der Verweis auf die Klage auf eine Trostgedicht-Poesie, die mit dem Bewusstsein des Rückzugs aus der Zeit gut harmo-nierte. Die Trostfunktion von Lyrik erschöpft sich zuweilen in der Verkündigung eines diffusen Mitleids: Ob denn dort oben in den Sternensphären / Kein Balsam fließt, / Der unsrer kranken Erde tausend Schwären / Allheilend schließt? Ricarda Huchs rhetorischer Frage ist nicht zu entnehmen, was denn unsrer kranken Erde genau fehle. Die Personifikation suggeriert ein anschauliches, expressives Bild ; dessen Zeitbezug indes nebulös bleibt. Solche Art Lyrik wird durch den Gestus des Raunens bestimmt. Das lyrische Ich baut Erwartungen auf, ergeht sich aber in Andeutungen, die um so vager werden, je hoch tönender und klassizistischer die Rhetorik der Bilder und Periphrasen ausfällt. Im Gedicht »Mein Herz, mein Löwe« ist von Namen die Rede, die beflecken / Die Lippen, die sie nennen, vom Verbrecher und Lügner, von Grauen, blutrote [r] Schuld und vomBöse[n].
      Solche Zeitlyrik verstrickte sich im hermeneutischen Zirkel. Sie rechnete auf die Wissenden, die längst herausgehört hatten, wer wohl gemeint sein könnte; aber sie sagte denen kaum etwas mehr, als was diese ohnehin wussten oder längst gespürt hatten. Der Gestus des Raunens verleitete, weil er mit pathetischen, archaisierenden und antikisierenden Bildkonstruktionen aufgeladen wurde, zur Umdeutung faschistischer Herrschaftsformen in eine Metaphysik des Bösen. Hitler wurde zum diabolischen Dämon, sein Apparat zur luziferischen Heerschar und der Krieg zum apokalyptischen Strafgericht. Die Mystifizierung des Faschismus, wie sie sich in der Lyrik der Inneren Emigration andeutet, erhielt nach dem Kriege eine eminent wichtige politische Bedeutung, weil ihre Sprachregelung, ihre Umschrei-bungs- und Bildformeln das Faschismusbild der konservativen Adenauerzeit prägten. Von nachtverhangner Zeit war die Rede; der Faschismus erschien als Sündhafter Mächte grause Niedrigkeit.
     

  
   In Huchs Gedicht »An unsere Märtyrer«, 1944 im Gedichtband Herbstfeuer veröffentlicht, verschwimmen die Konturen der Opfer hinter einer Kaskade feierlicher Anrufungen: Meine Helden, geliebte, [...],/ Schmachvoll, gemartert, verhöhnt, von keinem Freunde getröstet. / [...]/ Ach, wo seid ihr, dass wir eure Wunden mit Tränen der Reue / Waschen und eure bleichen Stirnen mit Lorbeer krönen! Opfer und Täter gleichermaßen verformt das hohe Pathos der Hexameter zu mythologischen Figuren und transformiert Zeitgeschehen von Vers zu Vers in einen antiken Tragödienstoff. Wer hat da das Leben [... ] für des Volkes Freiheit und Ehre hingegeben? Wer wurde ein tragisches Opfer? Bei Gertrud von le Fort kommt die Perspektive derer, die in Deutschland Gedichte schrieben, deutlich zum Vorschein: Viele zogen hinweg, ich aber bleibe / Bei meines Vaterlands Gruft: zum hilflosen Hügel / Wein' ich mich nieder, dass meine zärtlichen Kniee / Den fast versunknen bezeugen. Bergengruens Gedicht
»Die Lüge« ist ein Beispiel für den moralischen Standort der Faschismus-Kritik und zugleich für deren enge Grenzen. Der leitmotivische Kehrreim und alles, alles war Lüge spiegelt Enttäuschungen derer wider, die der Text an hochgestimmte Erwartungen erinnert: Durch die Straßen marschierten die endlosen Fahnenzüge, / Glocken dröhnten dazu, und alles, alles war Lüge. / Dürres sollte erblühn! Sie wußten sich kein Genüge / in der Verheißung des Heils, und alles, alles war Lüge. /[...] Lüge atmeten wir.
     

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