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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Paradigmenwechsel in der Lyrik um I930



Schon durch die Lyrik der 20er-Jahre ging ein scharfer Riss zwischen euphorischen Bekenntnissen zur Moderne und einer zunehmenden Abkehr von ihr, ein Riss, der wie im Falle Kästners sogar innerhalb eines Werks spürbar war. 1930 schrieb Willy Haas, Literaturkritiker und Herausgeber der einflussreichen Literarischen Welt in einem mit Restauration überschriebenen Essay: Man spricht überall in Literatenkreisen von der kulturellen und literarischen Reaktion in der letzten Saison. Die radikale Berliner Literatur fühlt den Boden unter den Füßen schwinden. [...] Die Symptome des Verfalls liegen in der verfallenen Sache selbst. Haas spürte die Atmosphäre einer literarischen >Restaurationewige Ordnung< waren Indikatoren für ein radikal verändertes Selbstverständnis von Lyrikern.
      Die Reaktion auf die Kulturkrise illustriert jenes Unbehagen in der Kultur, das Freud 1929 in seiner gleichnamigen Abhandlung analysierte. Er hatte beobachtet, wie sich die Behauptung verbreitete, einen großen Teil an unserem Elend trage unsere sogenannte Kultur, also die von Technik, Fortschrittsglauben und Naturbeherrschung bestimmte Gegenwart. Er kam zu dem Ergebnis, daß der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt werde und dass die Werturteile der Menschen unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet werden, also ein Versuch seien, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen. Die Manifeste zum lyrischen Paradigmenwechsel um 1930 bestätigten in ihrer Polemik gegen die moderne Kultur der Weimarer Republik Freuds Diagnose zur Kulturkritik, und auch für den Glückwünschen geleiteten Versuch, die eigenen Illusionen mit Argumenten zu stützen, ließen sich zahlreiche Belege finden. Werner Bergen-gruen hat sich 1932 in einer Rede der neuen Semantik des Traditionalismus bedient und das in die Zukunft weisende Dichterbild umrissen: Jahreszeiten und Weltalter, menschliche Lebensläufe und Völkerschicksale sind dem Dichter Unterpfänder und Widerspiegier ewiger Ordnungen. An diesen ist alles gelegen. Nur unter ihrem Aspekt vermag ich den Beruf des Dichters zu begreifen, [...] als den eines Offenbarmachers dieser ewigen Ordnungen. Naturlyrik, Jahreskreis- und Tageszeitengedicht, Geschichtsdichtung, auf menschliche Schicksale, Gemeinschaft und völkischvaterländische Stoffe rekurrierende Poesie, und zwar aus Perspektive ewiger Ordnungen, die der Dichter verbürgt, weil ihm das Amt eines Offenbarmachers dieser ewigen Ordnungen zukomme: Bergengruens Rede umriss mit verblüffender Präzision sowohl die Thematik traditionalistischer Dichtung wie das Selbstverständnis ihrer Protagonisten.
      Auch ein vielfältiges Engagement für die Weimarer Klassiker gehörte selbstverständlich zu den vornehmsten Aufgaben der Lyriker, wie das Beispiel Hans Carossas zeigt. Er nahm im März 1932 in Weimar an den Goethefeiern zum 100. Todestag teil, reiste im Juni 1933 wiederum nach Weimar zur Tagung der Goethe-Gesellschaft, war im November des Jahres, auf Goethes Spuren wandelnd, in Rom, hielt 1935 in der Hauptstadt des fa-schistischen Italien Vorlesungen, sprach 1936 in der Magdeburger Goethe-Gesellschaft Worte über Goethe, die später zur Rede Wirkungen Goethes in der Gegenwart weiter ausgeführt wurden, und erhielt 1938 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt.

     
  

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