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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Oskar Loerke: »Leitspruch. November I940«



Oskar Loerkes »Leitspruch«, datiert auf November 1940, wurde von Peter Suhrkamp aus dem Nachlass des Dichters veröffentlicht:

Jedwedes blutgefügte Reich
Sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich.

      Jedwedes lichtgeborne Wort
Wirkt durch das Dunkel fort und fort.
      Die vier Zeilen sind Widmungsverse, die Loerke auf dem Vorsatz seines kulturgeschichtlichen Essay-Bandes Hausfreunde notierte, den er verschenken wollte. Solche Grüße und Widmungsblätter sind im Nachlass recht zahlreich überliefert, und zwar auch und gerade aus der Zeit der unmittelbaren Vorkriegs- und Kriegszeit, also aus einer Lebensphase, in der Loerke sich mehr und mehr in den Schutz eines kleinen privaten Kreises von Fremden und Bekannten zurückgezogen hatte. Bereits im April 1933 hatte er auf entsprechenden politischen Druck hin sein Amt als ständiger Sekretär der Preußischen Akademie für Dichtkunst verloren. Als Lektor im Fischer Verlag versuchte er, soweit dies möglich war, weiterhin solche Autoren zu fördern und zu betreuen, die dem Naziregime distanziert gegenüberstanden. Für Loerke schien die poetische Sprache, wenn sie sich auf Chiffren und eine eigenständige Bildlichkeit versteht, noch eine Chance zu haben, sich vom öffentlichen Sprechen mit seinen Phrasen und Lügen abzugrenzen. Seine eigene Dichtung bot Schutzräume für Melancholiker und Grübler, vor allem aber ein Anregungspotenzial für jüngere Schriftsteller wie Lehmann, Eich, Huchel, Langgässer, Kasack und andere, die sich auf seine unaufdringlichen, von Reflexionen über Zeit, Landschaft und Kosmos bestimmten, zuweilen musikalischen Kompositionsprinzipien folgenden Gedichte einließen.
      In Loerkes Widmungsverse sind, eher zurückgenommen und verdeckt, kurze Zeitkommentare eingestreut, die Einblicke in die prekäre innere und äußere Situation des Dichters geben. In der Welt der Sklaverei/ Gelähmt an morscher Krücke, schrieb er in ein Exemplar seiner Gedichtsammlung

Der Silberwald, das er 1930 dem Schriftsteller Hermann Kasack zueig-Bete. Wir kommen schildlos, das Visier steht offen./ Wir furchten nichts, wir haben nichts zu hoffen, heißt es in einem anderen Gedicht. Ein Wid- mungsgedicht - Loerke schrieb es in ein Exemplar seiner Monografie über Anton Brückner - trägt den Titel »Der Sinn« und skizziert, auf Wenige Verse zusammengedrängt, das eigene Zeitverständnis. Die Sintflut Ut mir widerfahren, so beginnt das Epigramm, um sogleich gegen die Dramatik dieses Bildes die Selbstbehauptung dessen zu stellen, der die Sinn-Frage nicht aufgeben will: Mein Kopf trotz kummerbleichen Haaren/ Bleibt ewig in den Sinn gesenkt. Die Schlichtheit der Verse entspricht der elementaren Form der Epigramm- und Spruchdichtung und erinnert an Sentenzen in Versen, die wie kleine Ratschläge vorgetragen werden, aber auch die eigene Befindlichkeit andeuten. Seiner Schwester Else schrieb Loerke in ein Exemplar vom Kärtner Sommer : Ein jeder breche, wie er kann,/ Trotz Not und Qual des Bösen Bann./ Daß wenn sich auch die Welt bekriegt,/ Der Sinn der Welt nicht ganz versiegt.// Die Lüge schlägt uns ins Gesicht,/ Jedoch die Herzen schlägt sie nicht

   In Loerkes Werk spielt die Spruchdichtung keine besondere Rolle. Der Dichter nutzt sie eher für seine private Widmungspraxis. Daher bezieht sich die Lehrhaftigkeit seiner Sentenzen nicht auf ein allgemeines Publikum. Auch der Adressat der Widmung soll nicht belehrt werden. Vielmehr kommt den Sprüchen innerhalb des symbolischen Schenkungs- und Widmungsvorgangs die Aufgabe zu, eine spruchhafte Einsicht zu notieren, die den Dichter gerade beschäftigte, also einen Gedanken, der Reflexion und Selbstreflexion zusammenbringt und das Ergebnis in karger Form dem Adressaten als Dialogpartner mitteilt. Loerkes Sprüche sind allerdings in der Tradition der Spruchdichtung verankert. Der Dichter arbeitet mit kunstlosen, oft vierhebigen Reimpaarversen, die entweder ohne Stropheneinteilung bleiben oder aus wenigen Kurzstrophen bestehen. Ein Gedanke, eine Einsicht, eine flüchtige Beobachtung werden zu einem Spruch verdichtet. Der Tradition gemäß umgreifen die Verse eine kleine Weisheit, eine kurze Lebensmaxime. Sie können aber auch wie eine knappe Mahnung und Warnung wirken und zu aktuellem Geschehen Stellung beziehen. Loerke ging es dabei nicht um lehrhaft-moralisierende Tendenzen, schon gar nicht um die Wiederaufrichtung einer Dichterrolle als eines Prophetenamtes. Die Attraktivität der Tradition, wiederentdeckt für Widmungsverse, bestand darin, dass die Spruchdichtung in ihrer Neigung zur formelhaften, nur auf Wesentliches konzentrierten Sprache unmissverständhche Positionen bezog.
      Die Eindeutigkeit der Form und die klare Positionierung des Verfassers sind auch im »Leitspruch« von 1940 zu erkennen. Die beiden vierhebigen
Reimpaare sind parallel angeordnet und nach dem alternierenden jambischen Metrum transparent gegliedert. Im rhythmischen Gefüge werden die beiden als Opposition zueinander stehenden Begriffe besonders hervorgehoben: Reich und Wort. Diese elementare Kontrastierung bestimmt das gesamte Gedicht und macht den Kern des eigentlichen Spruchs aus: Politische Reiche, auf Gewalt gegründet, sind zum Untergang verurteilt, während das lichtgeborne Wort die Zeiten überdauert. Die Sprucheinsicht gibt eine allgemeine Erkenntnis wieder, die Loerke mit zeitgenössischen Dichtern der Inneren Emigration wie Schneider, Bergengruen, Huch und Wie-chert teilte. Die Position, so wenig originell sie als Gedanke auch sein mag, umreißt mit wenigen Worten die politische wie poetologische Basis Loer-kes. Der Spruch wurde zu einem Zeitpunk geschrieben, als innerhalb Deutschlands und Ã-sterreichs die anfänglichen Kriegserfolge des Hitlerreiches mit gewaltigem Pomp gefeiert wurden: Die Popularität des Faschismus hatte ihren Höhepunkt erreicht.
      Vor diesem Hintergrund ist die Lakonie des ersten Reimpaars zu verstehen. Der Dichter stellt sich mit ihr ins Abseits und formuliert sein Urteil über das blutgefügte Reich so unbeeindruckt wie furchtlos. Denen, die sich gerade noch an Siegen über halb Europa berauschen, hält Loerke entgegen: Jedwedes blutgefügte Reich/ Sinkt ein. Der Vergleich des Reiches mit einem Maulwurfshügel lässt an dem negativen Urteil keinen Zweifel, auch nicht an der politischen Funktionalisierung der satirischen Tiermetapher. So hält der erste Teil des »Leitspruchs« ein Menetekel bereit, ohne Pathosformel, ohne dramatische Inszenierung des eigenen Duktus, aber mit umso schärferer Konsequenz und umso stärkerer Gewissheit. Zugleich wird der Traditionsbezug der Spruchdichtung, die Praxis des seine Stimme zum aktuellen Zeitgeschehen erhebenden Spruchdichters evident. Auch der zweite Spruchteil enthält keine überraschend neue Erkenntnis. Vielmehr gibt sich Loerke als ein Autor zu erkennen, der dichterische Praxis, wie viele Dichter des lyrischen Traditionalismus, als hoch bedeutendes, dem Wort verpflichtendes Sprechen verstehen. Die metaphysische Kraft des Wortes wird durch eine religiöse Bildformel legitimiert, die Metapher vom lichtgeborne [n] Wort. Der Kontrast zwischen den beiden Reimpaaren des Spruchs könnte nicht größer sein. Als »Leitspruch« präsentiert, sind die vier Verse der Umriss eines gesamten Programms, das die Möglichkeiten und Grenzen der Inneren Emigration in nuce aufzeigt. Zu veröffentlichen indes war ein solcher Spruch nicht. Ihn auf ein Widmungsblatt zu schreiben hieß: sich der eigenen Position in doppelter Weise zu vergewissern und sie anderen auf privatem Wege mitzuteilen: Distanz zum blutgefügte [n] Reich, in deren Grenzen man sich befand, und Glaube an die Macht des lichtgeborne[n] Gegen-Wort[s], das die Wirklichkeit überlebt und am Ende siegt.
     

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Oskar  Loerke:  »Leitspruch.  November  I940«    

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