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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Gertrud Kolmar: »An die Gefangenen«



Gertrud Kolmar, die 1894 in Berlin geborene Lyrikerin, wurde am 27. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert, nachdem ihr Vermögen enteignet und bürokratisch-penibel die Wohnung aufgelöst worden war. Die Dichterin, die bereits 1917 einen Band Gedichte veröffentlichte, hatte die einzelnen Stufen der antijüdischen Repressionen seit 1933 miterlebt, den Entzug der Staatsbürgerschaft 1935 in den Nürnberger Rassegesetzen, die Pogromnacht vom 9. November 1938, Zwangsarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie 1941 und die Verschleppung ihres 81 Jahre alten Vaters im September 1942. Das Gedicht »An die Gefangenen«, das die Autorin mit der Datierung Zum Erntedankfest am 1. Oktober 1933 versah, liest sich vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte wie eine Antizipation des Kommenden und ist doch ganz erfüllt von der Situation des Jahres 1933:

   Oh, ich hab euch ein Lied singen wollen, das die Erde erregt, Wild aufflattern macht das schwarze Tannhaar der Berge, Hinsausend den Schaum der Meere wie Kehricht zusammengefegt, und flüchtende Wolken reißt - o Gott, wir Menschen sind Zwerge.
      5 Ich habe drei kluge Worte sinnend zusammengebracht Statt der Klänge, die heiß wie Blut aus dem Herzen spritzen, Die rasen, wie eine Sturmglocke aufschreit um Mitternacht, Wenn apokalyptische Reiter auf mähnigen Pferden sitzen.
      Und ich sollte in eure Martern niederstoßen die Faust, 10 Daß sie verschlungen werde, zerknackt von fressender Flamme, Oh, ich müßte mit euch, in Krämpfen, zerprügelt, hungrig, verlaust Hinkriechen auf tränendem Stein, gefesselt mit eiserner Kramme.
      Das wird kommen, ja das wird kommen; irret euch nicht! Denn da dieses Blatt sie finden, werden sie mich ergreifen. 15 Herr, gib, daß ich wach mich stelle deinem heiligen großen Gericht, Dann, wenn sie an blutendem Schopf durch die finsteren Löcher mich schleifen!

Du siebzehnjähriges Mädchen, dem sie die Locken zerfetzt, Du junger armer Mensch, dem sie grausam die Rippen brechen, 20 Verzweifeln will ich, will aufweinen, elend, verletzt,
Und singen dem Vogel gleich, dem Nadeln das Auge stechen!
Was ist das Leben? Ein Dung, drauf weiße Narzissen erblühn. Was soll der Leib? Er war schön, doch bald muß er enden. Was ist die Seele? Nur Fünkchen, nur kleines Glühn, 25 Und Einer deckt zu, deckt es zu mit den stillen, gewaltigen Händen ...
      Das Gedicht gehört zum Gedichtzyklus Das Wort der Stummen, der zwischen August und Oktober 1933 entstand. Das 32 Blatt umfassende Manuskript hatte Hilde Benjamin, spätere Justizministerin der DDR, die mit dem 1942 in Mauthausen ermordeten Cousin Gertrud Kolmars, Georg Benjamin, verheiratet war, offenbar 1942 erhalten; erst 1978 erschien die Erstausgabe des Worts der Stummen. Woltmann schreibt zur Entstehungssituation:
Gertrud Kolmar besitzt [... ] ein hohes Maß an seelischer Kraft, daß sie ihrer Empörung in ihrem eigensten Medium, dem Gedicht, Ausdruck zu verleihen vermag. Alle ihre um September und Oktober 1933 entstandenen Gedichte sind Zeugnisse dieser Empörung und dieser Kraft. [... ] Sie ergreifen heute noch unmittelbar aufgrund der Drastik des dargestellten Leidens, der Intensität des dichterischen Mitleidens und der Schärfe der Kritik am Regime. Es gibt vermutlich wenig Vergleichbares in der deutschen Literatur dieser Zeit, weniges, das in solcher Nähe zur erlebten Situation sich gleichwohl so einprägsam zu artikulieren vermochte.
     
   Im Gedicht »Die Gefangenen«, das mit einem Herbstbild anhebt - die Autorin gehörte zum Kreis junger Naturlyrikerinnen und Naturlyriker - verdrängen die Berichte von Folterungen und Misshandlungen bald das gesamte naturlyrische Panorama: Die Nägel um ihre Gurgeln gekrallt zum Ersticken -/ Der Hieb mit dem Kugelstock, mit dem klatschenden Lederstreifen -/ Sie irren im Lager um mit kranken, entsetzten Blicken/ Und leben wahrscheinlich noch. Das können sie nicht begreifen. Auch im Gedicht »An die Gefangenen« finden sich noch Elemente von Naturlyrik, wie überhaupt der in der Datierung das Erntedankfest am 1. Oktober 1933 anklingende Anlass, im thematischen Kontext aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar, einen Bezug zum Jahreszeitenmotiv herstellt. Allerdings ist die emphatische Ankündigung, ein Lied singen zu wollen, das die Erde erregt, in deuüichem Kontrast zu jeder Form des Dankes formuliert.
      Das Genre des Naturgedichts wird in Kolmars Lied verkehrt. Aus dem Dank wird Empörung, und diese wird in ein expressives Naturbild gefasst, in ein Bild von der furiosen Empörung der Natur: Wild aufflattern macht das schwarze Tannhaar der Erde,/ Hinsausend den Schaum der Meere
Gegen diese Macht steht die aufseufzende Erkenntnis: o Gott, wir Menschen sind Zwerge.
      So ausdrucksstark und intensiv die Bilder gesetzt wurden: Das Gedicht selbst ist in seiner regelmäßigen Strophenform und mehr noch in seinen sechshebigen Hexametern durchkomponiert, also keineswegs ein bloßes Dokument der Erregung und Empörung, das nicht als Gedicht, sondern als authentische Wiedergabe von Emotionen und Empfindungen zu lesen ist. Es charakterisiert Kolmars Gedichtszyklus und auch ihr ein Lied genanntes Gedicht »An die Gefangenen«, dass die Autorin ihr Sprechen an traditioneller Formensprache orientiert. Rilkes Sprach- und Formduktus klingt im Gedicht nach, die Schlussverse zitieren den Dichter. Und doch ist die Verskonvention mit ihren metrischen Abfolgen nur ein äußeres Muster, das dem Sprechen zwar eine erste Formgebung verleiht, es aber letztlich nicht auf die Konvention festlegt. Das wird in vielen Versen an der polaren Spannung zwischen Metrik einerseits und Sprechrhythmus andererseits deutlich. Schon in der ersten Strophe findet sich am Versanfang, den Gestus der inneren Erregung nachbildend, ein gedrängter, die Stimme kaum senkender, angespannter Rhythmus . Zäsuren unterbrechen rhythmische Folgen . Die Tempi sind unregelmäßig. Aufgrund der Emphasen , Evokationen und Ausrufe ist ein expressiver, melodische Elemente zurückdrängender Stimmausdruck dem Sprechduktus des Ichs adäquat. Erst die letzte Strophe zeigt ein anderes Gefüge. Statt der Ausrufe verwendet die Autorin drei parallel konstruierte Fragen, in denen wie in einem abstrahierenden Schluss die Konkretion des Vorherigen, die Ungeheuerlichkeiten der Täter und die entsetzliche Qual der Opfer, mit Bildern und Wendungen erklärt wird, die im Duktus und in der Bildkonfiguration barocker Verssprache nachempfunden sind.
      Angesichts der in bewegenden Worten geschilderten Torturen vermögen Verse wie Was ist das Leben? Ein Dung, drauf weiße Narzissen erblühn kaum zu trösten, auch wenn diese Intention vor allem im letzten Vers durchklingt: Und Einer deckt zu, deckt es zu mit den stillen, gewaltigen Händen. Der Wechsel vom hoch emotionalen Ion der vorherigen Strophen zum reflexiv-nachdenklichen Ton am Gedichtschluss erfolgt an einer das Gedicht bestimmten Schlüsselstelle, direkt hinter dem Vers Und singen dem Vogel gleich, dem Nadeln das Auge stechen, also hinter dem Vers, an dem die Identifikation des poetischen Subjekts mit den Gefangenen metaphorisch umschrieben wird. Die eindringliche, albtraumhafte Bildlichkeit des Verses fasst noch einmal alle angedeutete Brutalität zusammen.
     
Kolmars Gedicht überschreitet das in traditioneller Rhetorik aufgestellte Gesetz des abgetönten, Leid und Tod nur andeutenden, sich in Schmerz und Schrecken zurückhaltenden Sprechens. Die Verletzung rhetorischer Konventionen hat für das gesamte Gedicht Konsequenzen: So sehr die Hexameter-Form, der emphatische Duktus und das artifizielle metrisch-rhythmische Gefüge die Wirksamkeit einer traditionalistischen Poetik anzeigen, so klar ist ein solcher Zusammenhang letztlich wieder zu relativieren, ja zu revidieren. Das Gedicht reproduziert keine klassizistische Formattitüde. Es bedarf keiner bloß andeutenden Sprache, keines hohen, getragenen Stils der Wendungen und Metaphern, sondern zielt umgekehrt selbst dort, wo zunächst die Tradition durchscheint wie im Vers Herr, gib, daß ich wach mich stelle deinem heiligen, großen Gericht, auf die Konkretion des Schreckens und der Qual: Dann, wenn sie an blutendem Schopf durch die finsteren Löcher mich schleifen! Die Kombination der beiden Verse ergibt eine widersprüchliche Einheit, ein Formfragment. Das Gedicht, das gerade noch Formtraditionen aufruft, wird am Ende doch von der Emotion des Augenblicks bestimmt, die das Subjekt fast überwältigt, sodass die Sprache selbst noch ungeglättet erscheint, betroffen vom gerade Erfahrenen, Erlebten und Erlittenen. Kolmars Worte der Stummen haben, der Paradoxie des Titels entsprechend, durchaus etwas Provisorisches. Sie wollen nicht durchgearbeitet und durchkomponiert erscheinen, sondern bezeugen allenthalben ihre Vorläufigkeit.
      Nicht die Form gibt Halt, sondern der flüchtige, Muster und Regeln der Poesie überschreitende Aufschreibmodus, der alles andere als dauerhaft und klassisch gelesen werden will. Diese Seite der Schreibsituation wird im Gedicht selbst thematisiert, und zwar ohne Illusionen: Denn da dieses Blatt sie finden, werden sie mich ergreifen. Die tödliche Bedrohung war für die Autorin höchst konkret. Gerade darum konnte der identifikatori-sche Impuls so überzeugend vorgetragen werden; gerade deshalb gelingen der Autorin Momentaufnahmen der faschistischen Repression, die angesichts der weiteren Lebensgeschichte Kolmars wie vorweggenommene Erfahrung erscheinen. Im Gedicht »Die Gefangenen«, dem Gedicht »An die Gefangenen« thematisch und stilistisch eng verwandt, heißt es: Der Gummiknüppel, die Faust und ihre zuckenden Leiber -/ Die Nägel um ihre Gurgeln gekrallt zum Ersticken -/ Der Hieb mit dem Kugelstock, mit dem klatschenden Lederstreifen -/ Sie irren im Lager um mit kranken, entsetzten Blicken/ Und leben wahrscheinlich noch. Das können sie nicht begreifen. Pinthus hat 1936 in seiner Anthologie Jüdische Lyrik der Zeit Kolmars Gedichte seit 1933, von denen er freilich nur Weniges kannte, auf folgende Weise charakterisiert: Hier, bei Gertrud Kolmar, scheint gelungen, was im Grunde gar nicht aufgeht - das Gedicht über das konkrete Lei-den und Sterben. Es ist gelungen - oder kommt in die Nähe des Gelingens -, weil es schlichter, kunstloser, ist als sonst, halb Kunst, halb Agitation. Gerade das Element des Agitativen, die Rolle der Auflehnung und des Widerstands gegen das konkrete Leiden und Sterben, verhindert noch heute, das Gedicht als Poesie der verstummten Opfer zu lesen. In seinem Widmungsgedicht »Gertrud Kolmar« hat Bobrowski für Kolmars Gedichte die Formel rostig von Blut gefunden und damit die widerständige Wirkung treffend umschrieben: Ungestorben aber die finstere Zeit, umher/ geht meine Sprache und ist rostig von Blut.2

  

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Gertrud  Kolmar:  »An  Gefangenen«    


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