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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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» Lyrik in finsteren Zeiten 1930-1945
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Gedichte schreiben als Ãoberleben. Zeit des Exils und der Verfolgung



Auch wenn bereits am Ende der 20er-Jahre die traditionalistische Wende über weltanschauliche Grenzen hinweg eine deutliche Zäsur innerhalb der Lyrikgeschichte markierte, war politisch-gesellschaftlich wie lebensgeschichtlich der Sieg des Faschismus im Januar 1933 eine entscheidende Bruchstelle. Aus Deutschland flüchteten Becher, Brecht, Ehrenstein, Goll, Lasker-Schüler, Mehring, Schickele, Ludwig Strauss, Tucholsky, Wolfenstein und viele andere. 1938 folgten österreichische Lyriker wie Werfel; im selben Jahr emigrierte Kaliko in die USA. Der Exodus erfasste auch Lyriker der älteren Generation. So ging George 1933, nachdem er die ihm durch das NS-Regime angebotene Präsidentschaft der Preußischen Akademie für Dichtkunst abgelehnt hatte, in die Schweiz, und Karl Wolfskehl, jüdischer Freund Georges und frühes Mitglied seines Kreises, floh über die Schweiz und Italien nach Neuseeland. Die jüdische Dichterin Nelly Sachs, 1933 von der Gestapo verhaftet und verhört, konnte 1940 auf schwedische Vermittlung Deutschland unmittelbar vor der drohenden Deportation verlassen. Während des Krieges erfuhren im rumänischen Czernowitz unter dem tödlichen Druck deutscher Besatzer Rose Ausländer, Imanuel Weißglas und Paul Antschel, der unter dem Namen Paul Celan in der Nachkriegszeit zu einem der bedeutendsten Lyriker avancierte, die Schrecken der Verfolgung und erlebten die Verschleppung ihrer Familien und Freunde aus dem jüdischen Ghetto in die Vernichtungslager.
      Schon die einzelnen Lebensgeschichten und Schicksale der Exilierten und Verfolgten verbietet es, ihnen eine gemeinsame poetologische Position zu unterstellen und sie wie eine Gruppe oder Sparte innerhalb der Geschichte der deutschsprachen Lyrik zu betrachten. Die Situation des Exils war eine zwar existenziell gleichermaßen bedeutsame, aber doch äußere, nicht zuletzt auch von spezifischen Umständen innerhalb der einzelnen Länder bestimmte Grundbedingung, die ideologische Differenzen, Unterschiede der lyrischen Schreibweisen und der Selbstverständnisse kaum auflöste. Auch im Exil näherten sich beispielsweise Brechts und Wolfkehls
Lyrik nicht an, so wie der auf Heine rekurrierende sprachliche Gestus der Zeitgedichte Mascha Kalekos mit den hymnisch-psalmodierenden Versen von Nelly Sachs kaum etwas gemein hatte.
      Bei aller Verschiedenheit der Lebensprämissen hieß Gedichte zu schreiben unter den Bedingungen von Exil und Verfolgung, weitgehend ohne ein Publikum zu arbeiten und so die Situation des Ausgeschlossenseins exis-tenziell und literarisch gleichermaßen zu erdulden. In Kalekos »Emigranten-Monolog« heißt es:
Ich hatte einst ein schönes Vaterland -So sang schon der Flüchtling Heine. Das seine stand am Rheine, Das meine auf märkischem Sand.
      5 Mir ist zuweilen so, als ob Das Herz in mir zerbrach. Ich habe manchmal Heimweh. Ich weiß nur nicht, wonach ...
      Das Zeitgedicht, das den Ton Heine'scher Zeitlyrik zitiert, umreißt das Exil aus der Perspektive des Flüchtlings, der das Heimweh im Duktus skeptisch-selbstironischer Zurücknahme umreißt. Wie vielfältig lyrische Schreibweisen und Selbstverständnisse nach 1933 waren, zeigt sich an den Gedichten Kalekos, Lasker-Schülers, Nelly Sachs' und Gertrud Kolmars. Diese hatte seit 1928 Gedichte veröffentlicht und war nach 1933, anders als ihr Cousin, der Gelehrte und Schriftsteller Walter Benjamin, in Deutschland geblieben. Gertrud Kolmar war, in Berlin wohnend, Zeugin der immer stärker werdenden Repressionen und Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung. 1943 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und ermordet; erst 1947 erschien ihre Gedichtsammlung Welten. In einem ihrer Schlüsselgedichte, »Die Jüdin« überschrieben, hatte sie für ihre Selbstbehauptung das Bild des gewappneten Turms gewählt: Ich bin fremd.// Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,/ Will ich mit Türmen gegürtet sein,/ Die steile, steingraue Mützen tragen/ In Wolken hinein. Schutzlos und verlassen dagegen zeichnete Lasker-Schüler im Gedicht »Die Verscheuchte« das Porträt einer Exilierten: Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt? Und auf den Alltag des Antisemitismus anspielend, schrieb Sachs: Wir sind so wund, / daß wir zu sterben glauben, / wenn die Gasse uns ein böses Wort nachwirft.2

   Zu den Gedichtbüchern, die Brecht im Exil schrieb, gehören die 1937 begonnenen Svendborger Gedichte und die erst 1955 unter dem Titel Kriegsfibel veröffentlichten Fotoepigramme, epigrammatische Vierzei-ler, die zu einzelnen Pressefotos des Krieges geschrieben und zum Teil als Bild-Text-Montagen arrangiert wurden. Die Adaption der Montagetechnik folgt künstlerischen Verfahren, die in der zeitgenössischen Agitationskunst Künstler wie John Heartfield erprobten. In großen Panorama-Gedichten wie »An die Nachgeborenen« verband Brecht politische Reflexionen mit autobiografischen, vor allem aber mit poetologischen Ãoberlegungen zur Rolle und zum Selbstverständnis des Exilschriftstellers und der Exilliteratur. Nicht nur die Zeitkonstellationen, sondern auch die Situation der Schreibenden und Sprechenden und nicht zuletzt die Sprache selbst waren von den finsteren Zeiten bestimmt:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! 5 Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind?
Auffallend viele Gedichte Brechts im Exil thematisieren das Selbstverständnis des Dichters und den Sinn des poetischen Schreibprozesses vor dem Horizont der Situation dessen, der, weit von seinem Sprachraum entfernt, keine Aussicht auf ein Publikum und damit auf zeitgenössische Wirkung mehr hat. Die Perspektive reicht vom trotzigen Optimismus - Schlage keinen Nagel in die Wand / Wirf den Rock auf den Stuhl! / Warum für vier Tage Vorsorgen? / Du kehrst morgen zurück! - bis zur verzweifelt-pessimistischen, albtraumartigen Ballade »Besuch bei den verbannten Dichtern«, in der Situationen des literarischen Exils in vielen Facetten durchgespielt werden. Brechts Lyrik ist ein Exempel für eine Dichtung, die zwar die prekäre Situation des Exilautors als eines Schreibenden ohne aktuelles Publikum reflektiert, die aber teils an Agitationsmustern festhält, teils auch im Aufschreibprozess sich selbst gegen Resignation und Schweigen behauptet.
      Andere Autoren, im Exil entschieden tiefer in Leid und Isolation verharrend als Brecht, schrieben Verse voller Verzweiflung und Depression. In seinem Gedicht »Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen« beschwor Max Herrmann-Neisse voller Schmerz die Erinnerung an die verlorene Heimat, die ihm die Treue nicht gehalten und sich ganz den bösen Trieben hingegeben habe:
In ferner Fremde mal ich ihre Züge zärtlich gedenkend mir mit Worten nah, die Abendgiebel und die Schwalbenzüge und alles Glück, was einst mir dort geschah.
      5 Doch hier wird niemand meine Verse lesen, ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht; ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen, jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.
      Wie eindringlich die lyrische Form hoch emotionale Appelle der Selbstbehauptung gestalten kann, zeigt paradigmatisch die erste Strophe aus Walter Mehrings »Emigrantenchoral« .2

   Werft Eure Herzen über alle Grenzen! Und wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus! Zählt auf der Wandrung nicht nach Monden, Wintern, Lenzen ... Starb eine Welt - Ihr sollt sie nicht bekränzen! 5 Schärft

Das Euch ein und sagt: Wir sind zuhaus!
Baut Euch ein Nest!
Vergeßt-Vergeßt Was man Euch aberkannt und Euch gestohlen ...
      10 [...]
Die ganze Heimat unddas bißchen Vaterland Die trägt der Emigrant Von Mensch zu Mensch - von Ort zu Ort is An seinen Sohlen, in seinem Sacktuch mit sich fort...
      Solche >kämpferische< Poesie findet sich auch bei einer Reihe anderer Lyriker, deren Werk erst nach dem Kriege bekannt wurde, etwa bei Erich Arendt, der, hervorgegangen aus Waldens Zeitschrift Der Sturm, zwischen 1936 und 1939 am spanischen Bürgerkrieg teilnahm und später nach Frankreich, Trinidad und Kolumbien emigrierte. Seine Sonette, Lieder und Oden wirken in ihrem expressiven, leidenschaftlich-enthusiastischen Sprachduktus wie flammende Aufforderungen des lyrischen Sprechers an sich selbst, nicht zu verzagen und durchzuhalten. So dichtete Arendt auf die Ermordung Garcia Lorcas: Durch Andalusiens Gärten tobt der feige Mord. / Mit stummen Fäusten kämpft dein Volk - / Doch wenn es wieder froh deine Strophen singt im großen Schlußakkord, // dann, Männer, stimmt die lang vergessenen Gitarren, / dann brause, Sierrawind, daß die Nevada glüh! Diese Poesie setzt auf einen Selbstbehauptungswillen, der in dem Maße für den Schreibenden einen Ãoberlebenswillen darstellt, wie er in der Autosuggestion und Imagination der Sprachbilder und des Metapherngeflechts einen poetischen Schutzraum entstehen lässt, der fast eine autonome Sprachwelt für sich bedeutet.

     
Eine solche monologische Situation konnte existenzielle Schreibkrisen auslösen, die manchen, wie Wolfenstein und Ehrenstein, an den Rand des Verstummens brachten, andere aber erst recht zur Gedichtproduktion antrieb: Schreiben war Leben, hat Rose Ausländer nach dem Kriege die Entstehung der unter Verfolgung und Exil entstandenen Lyrik umschrieben: Schreiben war Leben. Ãoberleben. Diese Ãoberlebensstrategie galt zwar längst nicht für alle Dichter, aber sie war für viele eine Art Orientierungsmöglichkeit: als Existenz-Zeichen, als sprachliche Vergewisserung der eigenen Menschenwürde unter Bedingungen äußerster Erniedrigung. Wie einsam die lyrische Zwiesprache mit sich selbst sein konnte, zeigt Wolfskehls Gedicht »Ultima poetae« in dem sich der Dichter weitab von Europa als den letzten verlassenen Poeten porträtiert: So einsam, so allein, so ganz verlassen / Hock ich, verschlagen unter fremde Sassen, / Daß selbst ein Nachtmahr zur Gesellung freut. / Du würgst mich? Hast dich nicht vor mir gescheut? Lasker-Schülers Gedicht »Ich liege wo am Wegrand« macht in eindringlichem Tone Einsamkeit und Verlassenheit verständlich und spricht, alle flüchtigen Mitleidseffekte in deutliche Kritik umwandelnd, die an, die vordem noch sich an den Liedern erfreuten; nicht zufällig hatte die Autorin die Widmung Treulosen Freunden vorgesehen.
      Ich liege wo am Wegrand übermattet -Und über mir die finstre kalte Nacht -Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.
      Wo soll ich auch noch hin - von Grauen überschattet - Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht Und weite Himmel blauvertausendfacht.
      Lasker-Schülers Exillyrik ist dadurch gekennzeichnet, dass sie, die frühere lyrische Praxis fortsetzend, ihren dialogischen Charakter nicht ganz aufgibt, bis hin zur direkten Ansprache eines Gegenübers. Die Personalpronomen verwiesen auf ein im Gedicht imaginativ aufgerichtetes Beziehungsnetz, das die monologische Situation des Sprechens aufhebt: eine Technik, die auch in den frühen Gedichten Paul Celans zu beobachten ist. In seinen zwischen 1938 und 1944 geschriebenen Versen, in denen sich bereits Motive und Sprachfiguren seiner späteren Lyrik herausbildeten - bis hin zum Gedicht »Todesfuge« das noch während des Krieges geschrieben wurde -, ist die poetische Ich-Du-Konstellation eine lyrische Grundlinie, von der aus der Sprecher seinen poetischen Reflexionsraum aufbaut: Wo, sag, war Heimat, und was, sag, war Welt? // Flammende Steppe - mein Mantel, mein Mut: / Zünde mein Bild in ihr rastloses Blut. Vor dem Hintergrund des lyrischen Traditionalismus gibt es bei Celan immer wieder Gedichte, die sich dem trügerischen Halt konventioneller Strophenformenund eingängiger Bildlichkeit entziehen. In ihnen dominiert eine sprachlich akzentuierte und artikulierte Widerständigkeit, die sich einer breit ausgemalten Leidensperspektive verweigert und die keineswegs religiösen Sinngebungsformeln folgt. Ein Beispiel dafür ist Celans »Notturno«238:
Schlaf nicht. Sei auf der Hut. Die Pappeln mit singendem Schritt ziehn mit dem Kriegsvolk mit. Die Teiche sind alle dein Blut.
      5 Drin grüne Gerippe tanzen. Eins reißt die Wolke fort, dreist: verwittert, verstümmelt, vereist, blutet dein Traum von den Lanzen.
      Die Welt ist ein kreißendes Tier, 10 das kahl in die Mondnacht schlich. Gott ist sein Heulen. Ich fürchte mich und frier.
      Unter extremsten Bedingungen des Exils und der Verfolgung hatte eine Reihe von Lyrikerinnen und Lyrikern zwischen 1933 und 1945 geschrieben. Für die in Gefängnissen auf ihren Tod wartenden Dichter, wie Albrecht Haushofer, und für die in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppten, wie Kurt Kapper und Ruth Klüger, sowie für die von Deportation bedrohten, wie Ausländer und Celan, war die Sprache ihrer Peiniger auch die Sprache, in der sie schrieben und um Leben und Ãoberleben kämpften. Werfel hat in einem Sonett diese Schreibsituation als eine exis-tenzielle Paradoxie veranschaulicht, der er nicht entrinnen konnte, die ihn aber auch zur Selbstbehauptung geradezu herausforderte: Kann soviel Angst ein Menschenmut ertragen? / Stahlruten pfeifen, die mich werden schlagen, / Ich fühl' noch, daß ich in die Kniee brach ... // Und während Unsichtbare mich bespeien, / >Ich hab ja nichts getan.< - hör ich mich schreien - / >AIs daß ich eure, meine Sprache sprach.

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