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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Else Lasker-Schüler: »Die Verscheuchte«



Am 19. April 1933 flüchtete Else Lasker-Schüler aus dem nationalsozialistischen Deutschland, schon lange vor der >Machtergreifung< des Faschismus als Zielscheibe antisemitischer Attacken. In Zürich soll sie einige Tage verängstigt herumgeirrt sein, ehe sich Freunde ihrer annahmen und jüdische Organisationen für ihr Unterkommen [...] sorgten. Nach einer Zwischenstation in Ascona reiste sie im Frühjahr 1934 zum ersten Male in den Orient, nach Ã"gypten und nach Palästina. 1937 reiste sie ein zweites und 1939 ein drittes Mal; eine Rückkehr in die Schweiz wurde ihr von den Schweizer Behörden verwehrt: Aus der Reise nach Palästina wurde ein fast sechsjähriger Aufenthalt, die letzten und schwersten Jahre in Else Lasker-Schülers Leben, auch wenn sie keine finanzielle Not litt und von Freunden unterstützt wurde. 1943 brachte Moritz Spitzer ihren letzten Gedichtband heraus, dem sie den Titel Mein blaues Klavier gegeben hatte. In dieser Sammlung erschien auch das Gedicht »Die Verscheuchte«.

     
   Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,

Entseelt begegnen alle Welten sich
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.
      Wie lange war kein Herz zu meinem mild ... 5 Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
      - Komm bete mit mir - denn Gott tröstet mich.
      Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich? Ich streife heimados zusammen mit dem Wild Durch bleiche Zeiten träumend - ja ich liebte dich ...
      10 Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt? Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich Und ich vor deine Türe, ein Bündel Wegerich.
      Bald haben Tränen alle Himmel weggespült, An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt - Auch du und ich.
      Das Gedicht bewahrt bis zuletzt, bis in den Schlussvers, seinen dialogischen Charakter. Es beginnt zwar wie in melancholischer Stereotypie mit einem Nebelbild, in das Konturen eines Todesmotivs eingezeichnet sind . Aber nachdem die zweite Strophe dieses Bild bis zur bitteren, im kargen Parallelismus formulierten Sentenz ausweitet - Die Welt erkaltete, der Mensch verblich -, ändert sich mit der Gebetsformel Komm bete mit mir die Perspektive des lyrischen Subjekts. Die Reflexion führt in die Vergangenheit, verbindet sich mit einem Traummotiv und wechselt unversehens die Richtung; was eben noch wie eine allgemeine Frage nach der Signatur der Gegenwart schien und sich wie eine Reflexion über Welt, Mensch und bleiche Zeiten las, erfährt nun eine persönliche, fast intime Erinnerungsform; denn der wie ein nachdenklicher Ausspruch klingende Satz ja ich liebte dich hat in der bisherigen Struktur des Gedichts keinen direkten Bezugspunkt.
      Für Lasker-Schüler indes ist die Verknüpfung der Zeitreflexion mit der Liebeserinnerung keineswegs eine Kombination von disparaten Gedichtgegenständen. Deshalb sollte noch einmal, nun aus dem Blickwinkel des Verses Durch bleiche Zeiten träumend - ja ich liebte dich, nach der Semantik der ersten drei Strophen gefragt werden. Der melancholische Einsatz der ersten Strophe, einer Terzinenstrophe, ist unter diesem Aspekt ein vorweggenommenes Fazit der Beziehungslosigkeit und Vereinsamung. Nichts mehr ist in seinen Umrissen deutlich auszumachen, die Begegnung alle[r] Welten bleibt folgenlos, wie das erste Wort des zweiten Verses bereits vorwegnimmt. Die Abfolge der Verse ist allerdings schon in der ersten Strophe keineswegs evident; es charakterisiert die Lyrik Lasker-Schülers, dass ihre Bilder, Motive und Anspielungen eher skizzenhaft bleiben. Der Gedankenstrich nach dem zweiten Vers hat keineswegs die Funktion, nur eine Sprechpause zu signalisieren; der Vers Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild nimmt nämlich das Bild der Eingangszeile wieder auf, schließt also nicht unmittelbar an den Vers Entseelt begegnen alle Welten sich an. Mit solchen Vers-, Satz- und Bildkonstruk-tionen hat Lasker-Schüler - mehr als vielfach angenommen - mit modernen Techniken der Aussparung und Verdichtung experimentiert. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass das Gedicht weder die eigene Lebensgeschichte der Verfasserin verschlüsselt noch überhaupt auf einen authentischen, dokumentarischen Exilbericht zuläuft. Nur in einem oberflächlichen Sinne ist Lasker-Schülers Gedicht »Die Verscheuchte« daher ein bloßes Exildokument - so sehr der markante Titel Die Verscheuchte zunächst wie eine bündige Selbstbeschreibung des eigenen Schicksals erscheint.
      Kennzeichnend für die offene Erinnerungsform des Textes ist die offene Struktur des lyrischen Subjekts. Das Ich wird nicht zum Ich einer sprechenden Person ausgestaltet, die ihre Lebensgeschichte erzählen will, sondern dissoziiert in einzelne Stimmen. Der melancholischen Stimme des Anfangs mit ihrer allgemeinen Weltperspektive gesellt sich die Klagestimme hinzu, die ihre Klage auf doppelte Weise formuliert, einmal als Ausdruck tiefer persönlicher Verletzung und Isolation , ein andermal als Form sentenziösen Sprechens . Der Reflexionsraum, den das Ich des Gedichts entfaltet, hat keine festen Koordinaten, sondern vereinigt unterschiedliche Gedanken- und Erinnerungsfelder. Unüberhörbar ist die Stimme der Heimatlosigkeit, die auf der einen Seite im Bildfeld des Wilds erscheint , auf der anderen Seite aber als literarischer Topos der Verzweiflung und Orientierungslosigkeit: Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die Frage beantwortet das Gedicht nicht. Statt dessen wird sie weiter variiert und zugespitzt, zwar nicht als Frage, sondern in einer Bildkomposition, die das Motiv des Wild[s] wieder aufgreift: Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich/ Und ich vor deine Türe, ein Bündel Wegerich. Das Bild, ein Schlüssel zum Verständnis des Gedichts, hat einen komplexen Aufbau. Es konfrontiert ein angesprochenes, freilich nicht näher fixiertes Du mit einer wiederum im Kontext des Gedichts keineswegs vermittelten Situation. Die Verscheuchte findet sich mit ihrem Los nicht in der Weise ab, dass sie denjenigen, denen der Vers galt Wie lange war kein Herz zu meinem mild, nicht mehr unter die Augen tritt. Die scheuen Tiere [... ] wagen sich heraus, wagen sich, wie es in einer die Syntax des Satzes auflösenden Wendung heißt, vor deine Tür, ein Bündel Wegerich. Die rhetorische Form des Anakoluths erweist sich als Element einer emotional gestimmten Rede, und zwar an einer Stelle des Gedichts, an der das passivische, jeden Dialog verweigernde Du mit der existenziellen Frage Wo soll ich hin konfrontiert wird. Auch die letzte Strophe bietet keine Antwort. Sie konfrontiert das duund ich mit einem Trauerbild , das ohne Hoffnung bleibt und nur noch in bloßer Reminiszenz an die aus solchem Stoff ihre Dichtung produzierenden, ihren Durst stillenden Dichter erinnert, das lyrische Subjekt und das imaginäre Du ausdrücklich einbeziehend.
      »Das Lied einer Emigrantin«, so hatte Lasker-Schüler noch in einer handschriftlichen Fassung ihr Gedicht überschrieben. Die Situation des Exils während des Faschismus indes ist zwar ein rekonstruierbarer entstehungsgeschichtlicher Hintergrund, nicht aber das eigentliche Thema. Im Kontext moderner Lyrik hat die Autorin vielmehr den das Gedicht zweifellos motivierenden Gegenstand, die Verscheuchung aus der Heimat, verstanden als ein Verscheucht-Werden aus menschlicher Gemeinschaft schlechthin, zu einer Reflexion ausgeweitet, in der sie das für ihre Jahrzehnte früher geschriebene Lyrik so charakteristische Werben um Nähe und Liebe, Dialog und Kommunikation im programmatischen Gestus verweigert. So bleibt auch der Gedanke des Trostes, am Ende der zweiten Strophe angedeutet , eine nur angedeutete Perspektive, aber kein Ziel, auf das der Text zuläuft. Das Schlussbild Bald haben Tränen alle Himmel weggespült steht sogar in gewisser Spannung zum vorherigen Trostmotiv. Im Werkkontext markiert, zusammengefasst, das Gedicht »Die Verscheuchte« den äußersten Pol bitterer Vereinsamung und Isolation, eine völlige Zurücknahme von du und ich, in der das »Lied einer Emigrantin« die Gegenwart des Exils in ihrer trostlosen Erbärmlichkeit erfahrbar macht.
     

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Else  Lasker-Schüler:  »Die  Verscheuchte«    


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