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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Zwischen Kabarett- und Zeitungslyrik Moderne Gebrauchsdichtung



Der Beginn der 20er-Jahre brachte noch keine strikte Zäsur zum Expressionismus. Es erschienen im Gegenteil bis 1923 noch Dutzende von Gedichtbänden, die seine bereits gestiftete Tradition fortsetzten. Und doch erlosch rasch die literarisch-politische Utopie-Begeisterung, während die dadaistische Selbstkritik der Kunst wie bei Mehring neue experimentelle Felder für Gedichtproduktionen eröffnete. Neue Tendenzen zeigten sich bereits früh im literarischen Kabarett, das nach dem Sturz des Kaiserreiches eine neue Blüte erlebte. Kabarettlyrik war seit der Jahrhundertwende kein Randphänomen der Gattung mehr. Nur wer die Lyrik weiterhin als poetischen >Ur-laut< las, dem hatten Ringelnatz, Kästner und Friedrich Hollaender, der populärste Kabarettlieder- und Schlagerkomponist der 20er-Jahre, nichts zu sagen. Moderne Kabarettdichtung, vor 1900 in München und Berlin entstanden, stand von jeher in Opposition zur traditionellen Lyrik.
      Mit dem 1900 in Berlin von Ernst von Wolzogen gegründeten Kabarett >Überbrettl< - von der Zensur derart behindert, dass es nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurde - begann eine rasche Aufstiegsgeschichte der Kleinkunstbühne in Deutschland. Das Kabarett bot seinem Publikum auf satirisch-witzige Weise ein Programm, das Lieder, Parodien, kleine Melodramen, Sketche und Songs in loser Folge präsentierte. Unterhaltung, Zeit- und Gesellschaftskritik gingen im Kabarett eine enge Verbindung ein. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Kabarettkunst politisches und gesellschaftskritisches Kabarett, wie die Münchner >Elf ScharfrichterSchall und RauchSchall und Rauch< auch Ringelnatz seine Kabarett-Gedichte vor, so genannte >Turngedichte< mit satirischem Inhalt und Bänkel-lieder, die er später unter dem Titel Kuttel Daddeldu herausbrachte. Neben dem >Schall und Rauch< gab es in Berlin das im Dezember 1920 eröffnete Kabarett >GrößenwahnRampe< und >Die wilde BühneKabarett der Komiken dazu, das unter seiner Abkürzung >Kadeko< berühmt wurde. Alles, was Rang und Namen hatte, trat hier auf. Große Erfolge als Interpretinnen feierten in dieser Zeit Trude Hester-berg und Ciaire Waldoff und Komiker wie Theo Lingen, Paul Graetz und schließlich die >Comedian HarmonistsKuItur der Zerstreuung< galt. Viele Gedichte von Tucholsky, Mascha Kaleko und anderen erschienen in Zeitungen und Zeitschriften und galten als Beispiele für das neuartige Genre des >Zeitungsge-dichtsLektionenBittgesängeExerzi-tien< und >Episteln0-Mensch-Dichtung< im Kern Weltanschauungslyrik, geschrieben von einer höheren utopischen Position und mit viel rhetorischem Pathos der Überredung, so sind Brechts Lieder der Hauspostille gerade umgekehrt Kneipen- und Bänkellieder. Brecht selbst hat seine Hauspostille als eine Art Balladenbuch betrachtet. In den Gedichten dominiert ein erzählerisches Element, finden sich kleine Geschichten von Alltagshelden aller Art, auch von negativen Helden, Verführern, Abenteurern, Trinkern und Bettlern. Solche Lyrik war nicht für die Leseecke, sondern für den Gebrauch bestimmt. Den Abschluss der BRECHT'schen Lyrik der 20er-Jahre bildeten die 1930 veröffentlichten Gedichte Aus dem Lesebuch für Städtebewohner, Großstadtlyrik, die für das Moderne-Selbstverständnis der 20er-Jahre in besonderer Weise typisch war. Die Gedichte sind unter dem Aspekt einer Tagesreise durch die Großstadt angeordnet und wollen auf lustvolle Art die Großstadt als eine aufregende, faszinierende, der Moderne adäquate Lebenswelt erkunden. Die Kältemetapher findet sich auch hier als eine Schlüsselmetapher des frühen Brecht. Wenn ich mit dir rede/ Kalt und gemein/ Mit den trockensten Wörtern/ Ohne dich anzublicken/ [...]// So rede ich doch nur/ Wie die Wirklichkeit selber.
     
   Die Zeitlyrik der 20er-Jahre hatte eine Nähe zur Bühne und zum Theater, also zu jenen Institutionen, die ein Jahrzehnt lang eine Blütezeit im gesamten deutschsprachigen Raum erlebten. Brechts epochale Veränderungen auf dem Theater, die in dieser Zeit begannen, korrespondierten in der Lyrik mit dem Versuch, einen neuen Typ Gebrauchsdichtung zu produzieren. Brecht war zwar nicht der Einzige, der an diesem für besonders zeitgemäß und modern gehaltenen Genre arbeitete. Aber er hatte schon während der Produktion der Hauspostille eine recht klare Vorstellung, was mit dem Schlagwort Gebrauchsdichtung gemeint war. In seiner »Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen«, einem der Hauspostille vorangestellten Vorwort, heißt es gleich im ersten Satz: Diese Hauspostille ist für den Gebrauch der Leser bestimmt. Sie soll nicht sinnlos hineingefressen werden. Was ihm vorgeschwebt haben mag, war eine Art profanes Gesangbuch für den urbanen, modernen Städtebewohner, der sich der bürgerlichen Moral und Tradition überlegen fühlt, der an der Kälte der großen Städte Gefallen findet, der sich dem Leben samt dessen Tiefen und Grobheiten zu stellen weiß: eine autonome, starke, vitale Gestalt noch im grenzenlosen Scheitern. Hinter solcher Kälte-Fassade schimmert bei Brecht freilich immer schon Sentimentalität durch, ein Schuss Melancholie und Trauer.
     
Die Gedichte sprechen zwar nicht von Erlösungshoffnung und Geborgenheit, aber sie zeigen auch nicht den angepassten Gewinnertypus der rationalen, modernen Wirtschaftswelt der 20er-Jahre, den reich gewordenen Kriegsschieber und Börsenjobber, der kaltschnäuzig über Leichen geht, wenn es um seinen Profit geht. Brechts Figuren sind allesamt Außenseiter, die sich in ihrer provisorischen Existenz eingerichtet haben: Lebenskünstler, die zu provozierender Rohheit ebenso fähig sind wie zu zärtlichsten Liebes-schwüren. Dieses vitalistische Element ist ein Stück lyrischer Tradition der Moderne, die nicht nur auf Francois Villon, sondern auch auf Rimbaud zurückverweist und nicht zuletzt ein fernes vitalistisches Echo aus Nietzsche-und Expressionismuskontexten darstellt. In der poetischen Vision und Kraft des Lebensdrangs nahm Brecht am Ende der 20er-Jahre noch einmal an jener Hochschätzung des Lebens und des Lebensbegriffs teil. In diesem Punkte wenigstens zeigen sich epochale Zusammenhänge, welche die Lyrik zwischen 1890 und 1930 bei aller Unterschiedlichkeit der Stile, Richtungen und Bewegungen als Einheit erscheinen lässt.
     

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