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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Mythos und Mystik in den 20er-Jahren



Die Lyrik der 20er-Jahre hatte ein Janusgesicht. Sie grenzt sich vom Expressionismus ab, setzt auf Gebrauchslyrik und Kältemetaphorik. Zugleich aber nimmt sie beispielsweise mit dem poetischen Lebensbegriff Traditionen der Jahrhundertwende wieder auf. Es schließt sich mit ihr der Kreis der frühen Moderne. Während Brecht noch Gebrauchslyrik als zeitgemäßes Genre propagierte, wurden die Vorbehalte gegen die Mixtur von moderner Dichtung und modernem Leben immer vernehmbarer. Benn formulierte die scharfe Kontrastellung zwischen Kunst und Leben. Man lebt vor sich hin sein Leben, so argumentierte er, das Leben der Banalitäten und Ermüdbarkeiten, in einem Land reich an kühlen und schattenvollen Stunden, chronisch in einer Denkepoche. Nur im Gedicht und nirgends anders schien ihm eine Alternative zur banalen Wirklichkeit. Worte, Worte - Substantive! Sie brauchen nur die Schwingen zu öffnen und Jahrtausende entfallen ihrem Flug.

     
   Vor allem Rilke wurde für ein Teil des Publikums und nicht zuletzt für junge, nach 1900 geborene Autoren zur Leitfigur der Gegenseite. Er hatte mit dem Erscheinen der Sonette an Orpheus ein von seiner Lesergemeinde ebenso wie vom einflussreichen Feuilleton enthusiastisch gefeiertes, epochales Ereignis geschaffen und mit seiner mythisch-dichterischen Orpheusfigur einen bald auch für andere Gattungen attraktiven Mythos-Rekurs eingeleitet. Zugleich forcierte die RiLKE-Rezeption der 20er-Jahre auch ein Interesse am Konnex von Mystik und Moderne. Rilke selbst hatte schon in seinem Stunden-Buch Spurenelemente mystischer Traditionenals Motive aufgegriffen, Bilder der Erleuchtung, der mystischen Schau und des ekstatischen Sprechens; die poetische Chiffre der Dunkelheit, die auch in mystischen Schriften eine große Rolle spielt, ist eines der das Stunden-Buch strukturierenden Leitmetaphern. Rilke starb im Dezember 1926. Er wurde innerhalb der Gattungsgeschichte deutschsprachiger Lyrik zum ersten modernen Klassiker erhoben; für einen Teil des Publikums endete mit Rilke die deutsche Lyriktradition überhaupt. Schon die Nachrufe zielten in diese Richtung. Klaus Mann nannte Rilkes Gedichte tröstlich und hilfreich und deutete einen entscheidenden Paradigmenwechsel an, in dem er die Gattung mit eben jenen Werten in Verbindung brachte, die der auf die Kälte-Metapher fixierte antimetaphysische Poetik der Moderne entgegenstand. Rilkes Tod wurde entschieden stärker als derjenige Georges 1934 wie eine Zäsur empfunden: Abschluss und Ãoberwindung der lyrischen Moderne zugleich.
      Ein Beispiel dafür, wie sich die Schreibpraxis junger Autorinnen und Autoren bereits geändert hatte, war die 1927 von Willy R. Fehse und Klaus Mann herausgegebene Anthologie jüngster Lyrik. Verse, angefüllt mit immer wieder variierten Einsamkeits-, Herz-, Schmerz- und Abschiedsstimmungen, hatten die Herausgeber ausgewählt, Gedichte voller Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, geschrieben in einer poetischen Sprache, die nach drei Jahrzehnten plötzlich wieder wie selbstverständlich von Sonne, Mond und Sternen, Meer, Wind, Wolken und Wellen, Herbst und Trauer sprach, so als habe es Sprachskepsis und Formexperiment nie gegeben. Eine Dichtung war entstanden, die sich von der Gebrauchslyrik der 20er-Jahre endgültig verabschiedete und einen romantizistischen Rekurs wagte: Schlafe! Die Erde wird milder./ Warte, der Traum tritt schon ein./ Blühen werden die Bilder/ Des Traumes in sanfterem Schein. Die Opposition zur Technomanie zeigt sich in der konsequenten Aussparung von Großstadt- und Technikmotiven. Und wenn ein Gedicht, eher eine Ausnahme, überhaupt ein Thema wie »Die Lichtreklamen« aufgreift, dann dominiert der negative Abwehrgestus: Sie sind zu rastlos und zu grell und viel zu laut. Die Liedform mit ihren Vierzeiler-Strophen beherrscht wie ein symbolisches Formmuster der Tradition die Anthologie jüngster Lyrik. Nun war die Liedform im Expressionismus gleichermaßen wie in den an Chansons, Couplets und Songs reichen 20er-Jahren nie aufgegeben worden. Aber von der jüngsten Generation wurde sie in direktem Rückgriff auf die Formensprache des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt, während Formexperimente mit der Liedstrophe wie bei Brecht und Mehring als modernistische Spielereien, ja als Kontrafaktur der Poesie überhaupt ausgegrenzt wurden. Im selben Jahr, als die Anthologie erschien, hatte Brecht mit ebenso lässiger wie provozierender Attitüde einen Lyrik-Wettbewerb dereinflussreichen Zeitschrift Die literarische Welt zum Anlass genommen, den Verfasser eines Lobgedichts auf einen Sportchampion zu prämieren, der sein Gedicht nicht einmal eingesandt hatte. Ãober vierhundert jungen Lyrikern aber, die leer ausgegangen waren, hatte er Sentimentalität, Un-echtheit und Weltfremdheit vorgeworfen: Das sind ja wieder diese stillen, feinen, verträumten Menschen, empfindsamer Teil einer verbrauchten Bourgeoisie, mit der ich nichts zu tun haben will! Aber diese Kritik, so viel Aufsehen sie zunächst machte, verhallte wirkungslos: ein Zeichen dafür, dass der um 1920 schwungvoll inszenierte Moderne-Impuls nun am Ende des Jahrzehnts seine Kraft verloren hatte. Die Zeit der Gebrauchs-, Kabarett- und Revue-Lyrik war für Jahrzehnte vorbei.
     

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Mythos  Mystik  20er-Jahren    


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