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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Mascha Kattko: »Großstadtliebe«



Mascha Kaleko, 1907 als Tochter einer Ã-sterreicherin und eines russischen Vaters im polnischen Schidlow geboren, lebte seit 1918 in Berlin, arbeitete in der jüdischen Gemeinde der Stadt und gehörte Ende der 20er-Jahre zur künstlerischen Boheme. Sie schrieb im Feuilleton der Vossischen Zeitung; Das lyrische Stenogrammheft, ihr erstes Gedichtbuch, wurde, gerade erschienen, im Mai 1933 von nationalsozialistischen Studenten während der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz symbolisch verbrannt. In doppelter Hinsicht war diese barbarische Aktion bemerkenswert. Erstens zeigte sie die Bekanntheit Kalekos, die fast mehr noch als der nicht unumstrittene Kästner als Zeitlyrikerin galt, die in ihren Versen die alltägliche Welt der Metropole festhielt und dabei ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten entfaltete. Die Spannweite ihrer Gedichte reichte von nachdenklich-melancholischen, traurigen Tönen bis zu unbekümmertem, ironischem Witz.
      Zweitens war Kaleko gerade auch als Jüdin und Autorin Zielscheibe kleinbürgerlich-spießiger Kritik. In der Sparte der Gebrauchslyrik repräsentiert die Schriftstellerin die >Zeitungslyrikduausn< mehr, und die Melancholie über die Flüchtigkeit der Liebesbeziehungen würde in eine Anklage gegen den Mann umschlagen, der seine Privilegien bei allen Veränderungen bewahren konnte. Das Gedicht allerdings unterscheidet die Sicht der Geschlechter nicht auf direkte Weise, sondern lässt sie ineinander verschwimmen. Nur selten, wie in der 2. Strophe, kommt überhaupt eine unverwechselbar positive Atmosphäre des Verliebtseins in den Blick: Man hat sich lieb und ahnt im Grau der Tage / Das Leuchten froher Abendstunden schon. Und doch wird die beinahe romantische Metapher Leuchten froher Abendstunden gleich wieder irritiert. Schon der nächste Vers geht in Alltagssorgen und Plage über, und der folgende ironisiert in seiner Banalität den flüchtigen romantischen Schein: Man teilt die Freuden der Gehaltszulage.
     
Kaleko kannte die Lebensverhältnisse der weiblichen Angestellten Berlins aus eigener Anschauung; sie hatte nach der Schule eine Sekretärinnenausbildung erhalten und arbeitete zeitweilig in diesem Beruf. In den Metropolen der 20er-Jahre spielte diese Gruppe arbeitender Frauen im Sozialgefüge eine besondere Rolle. Sie stand für den Anspruch auf Selbstständigkeit und Selbstbehauptung, und zwar in der Arbeitswelt wie in der freien Zeit, und sie repräsentierte daher einen neuen Typus von Frauen, welche die moderne Gesellschaft mit ihren öffentlichen Verwaltungen, industriellen Kontoren, Banken und Büros hervorgebracht hatte und die nun als Inbegriff der Modernisierung galten. Wie genau Kaleko Alltag und Lebenswelt dieser Frauen in ihren Gedichten beleuchtet, wird in knappen Anspielungen auf Wohnverhältnisse , Bürosphäre und Freizeit deutlich.
      In der Liebesgeschichte, die das Gedicht erzählt, sind keine individuellen Konturen des Paares sichtbar, während sich die Liebe immer mehr in den Spannungen und Widrigkeiten des Alltags verstrickt. Die moderne Welt hat keineswegs die kleinbürgerliche Moral verdrängt: Vorbei am Klatsch der Tanten und der Basen / Geht man zu zweien still und unberührt. Der Ausdruck gegenseitiger Liebe bleibt auf flüchtige, fast verschämte Gesten beschränkt; das prosaisch-umständliche Wort Beziehungsweise in den Versen Man küßt sich dann und wann auf stillen Bänken, / - Beziehungsweise auf dem Paddelboot ironisiert die gegenseitigen Verklemmungen. Die Darstellung von Gefühlen wird bei Kaleko auf ein Mindestmaß beschränkt, ja geradezu in nüchternen Aussagesätzen wie Erotik muß auf Sonntag sich beschränken und Man spricht konkret und wird nur selten rot unterbunden. Sachlichkeit scheint zu dominieren, bis hin zur symbolischen Zurücknahme traditioneller Liebesbeweise: Man schenkt sich keine Rosen und Narzissen.
      Indes ist die sachlich-unterkühlte Ausdrucksform der Liebe trotz Telefon, Reichspost-Nachricht und Stenografenschrift keineswegs eine bloße Entsprechung zur versachlichten Kommunikation der modernen Gesellschaft. Kalekos »Großstadtliebe« ist eine Geschichte gescheiterter Beziehungen, in der sich Gefühle nicht entfalten und die Partner - still und unberührt - nicht zueinander finden konnten. Das Ende der Geschichte, die keine andauernde Liebesgeschichte werden konnte, formt die Autorin zur Abschiedssatire aus, indem sie die vom Beginn an defizitäre Kommunikation [p]er Stenographenschrift mit dem Wörtchen: >aus< beschließt. Die unterkühlte Umgangsweise ist Ausdruck gestörter Kommunikationsfähigkeit, gegenseitiger Bindungsangst und der Unfähigkeit, eine Liebesbeziehung auf Dauer aufrechtzuerhalten. Die versachlichte Sprache des Ge-dichts ist daher ein mimetisches Mittel um in der nüchternen Parataxe und im epischen Präsens des Erzählstils die traurig-defizitäre Geschichte einer »Großstadtliebe« zu konkretisieren. Kaliko spart sorgfältig alle Ro-mantizismen aus und zerstört diese sogar im Ansatz, wenn beispielsweise in der ersten Strophe statt gefühlsseliger Verliebtheit von einem Irgend was die Rede ist, welches das Paar zusammenbringt: Ein Irgend was [... ] / Verführt dazu, sich gar nicht mehr zu trennen. Indem die Autorin auf eine romantisierende Darstellungsform verzichtet, erschließt sie zugleich ein neues Sprachrepertoire und aktualisiert auf diese Weise das Genre der Liebeslyrik, in dem nun die möbliert-großstädtische Welt samt Telefon, Gehaltszulage, Weekendfahrt, Himbeereis und Paddelboot ihren Einzug hält.
     

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Mascha  Kattko:  »Großstadtliebe«    


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