Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

Index
» Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
» Lyrik der zwanziger Jahre
» Erich Kästner:» Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner... ?«

Erich Kästner:» Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner... ?«



In seinem Essay Ringelnatz und Gedichte überhaupt beschrieb Kästner 1930, was den Gebrauchslyriker im Unterschied zum reinen Dichter besonders auszeichne: Die Gebrauchslyriker werden gelesen. Sie werden auch verstanden und überall vorgetragen, sogar geliebt und auswendig gelernt. [...] Die Gebrauchslyriker [...] schreiben für heute, zum Sofortessen; wahrscheinlich halten sich ihre Produkte nicht sehr lange und verderben rasch. Dieses Bild vom Gebrauchslyriker basierte auf der Annahme, dass offenbar zwischen Publikum und Autor ein stummes Einverständnis bestünde, was für heute und zum Sofortessen an aktueller Poesie geeignet schien; denn Gebrauchsdichtung konnte auf einen breiten Leserkreis rechnen.
      Der rasche eigene Erfolg gab Kästner Recht. Gebrauchslyriker hatten in den 20er-Jahren ihr Publikum und ihre Resonanz, und zwar vor allem bei denen, die sich in der urbanen Welt der Vergnügungen und Zerstreuungen zuhause fühlten. Allerdings gab es in der literarischen Kultur der Weimarer Republik weder einen dominierenden Zeitstil noch ein favorisiertes lyrisches Genre. Und auch das Publikum war keineswegs eine homogene Gruppe. Wenn es bei Kästner hieß, es sei wirklich keine Schande, Verse zu schreiben, die den Zeitgenossen begreiflich scheinen, so blieb die Frage offen, für welche Zeitgenossen die Verse begreiflich schienen. Mit welchen Widerständen der satirische Gebrauchslyriker rechnete, darüber gibt das poetologische Gedicht Kästners Auskunft, das bereits im Titel von prinzipiellen Vorbehalten seiner Leser berichtet: »Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?«

  
Und immer wieder schickt ihr mir Briefe, in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt: »Herr Kästner, wo bleibt das Positive?« Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
      5 Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen den leeren Platz überm Sofa ein. Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen, gescheit und trotzdem tapfer zu sein.
      Ihr braucht schon mal wieder Vaseline, 10 mit der ihr das trockene Brot beschmiert. Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene: »Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«
Ihr streut euch Zucker über die Schmerzenund denkt, unter Zucker verschwänden sie.
      15 Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzenund nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.
      Die Spezies Mensch ging aus dem Leime und mit ihr Haus und Staat und Welt. Ihr wünscht, daß ich's hübsch zusammenreime, 20 und denkt, daß es dann zusammenhält?
Ich will nicht mehr schwindeln. Ich werde nicht schwindeln. Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis. Es gibt genug Lieferanten von Windeln. Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.
      25 Habt Sonne in sämdichen Körperteilen, und wickelt die Sorgen in Seidenpapier! Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen. Sonst werden die Sorgen größer als ihr.
      Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben. 30 Im Osten zimmern sie schon den Sarg.
      Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben? ... Ein Friedhof ist kein Lunapark.
      Kästners Gedicht zielt auf ein Publikum, das offenbar vom Lyriker das Positive erwartet, als ein dem Guten und Schönen verpflichtetes Weltbild. Jenseits des anonymen Marktes , so die Fiktion der ersten Strophe, wendet sich nun der Lyriker ans Publikum, um seine satirische Zeitdichtung zu legitimieren, und zwar in fingierter mündlicher Rede und fast im moralisierenden Predigertone - bis hin zur leitmotivischen Anapher Ihr, die das Verhältnis zwischen Autor und Leserschaft hierarchisiert. Der hier spricht, daran soll von Anfang an kein Zweifel bestehen, weiß nicht nur um die Beschaffenheit der Zeit, sondern ver-mag auch über sie in pointierter Rhetorik souverän zu verfügen. Die moralisierende Einrede strukturiert das Gedicht zur >strafenden< Satire. Dazu passt der Parallelismus der syntaktischen Konstruktionen , die wie Predigtteile wirken, und die Einprägsamkeit schlichter Kreuzreimkombinationen . Das Motto der Strafpredigt ist in der einleitenden ersten Strophe und im Titel formuliert: »Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?« Die folgenden vier Strophen bieten Antworten, die auf die rhetorische Frage zulaufen: Ihr wünscht, daß ich's hübsch zusammenreime,/ und denkt daß es dann zusammenhält? Auf diese Frage folgt in der fünften Strophe ein programmatisches Selbstbild des Satirikers, dem sich gleichsam als Schlusskonklusion zwei Strophen anschließen, welche die Position des Sprechers noch einmal verdeutlichen, in der sechsten Strophe als zynisch-ironische Drohung und in der siebten als apokalyptische Todesvision.
      Die einprägsame rhetorische Form des Gedichts mit seinen überwiegend parataktischen, kurzen Sätzen unterstützen Metrum und Rhythmus gleichermaßen. Die Verse, im Grundschema vierhebige Jamben , folgen nur bedingt dem streng alternierenden Wechsel betonter und unbetonter Silben. Monotonie wird vermieden, statt dessen erhält jeder Vers seinen eigenen eigentümlichen Rhythmus und seine Rolle innerhalb des Textganzen. Zu den rhetorischen Effekten gehört auch die eingängige Bildlichkeit, die sich bestimmten Themenfeldern zuordnen lässt. So ist von Täuschung und Illusion die Rede , von Werten, die nicht den Alltag und die Wirklichkeit bestimmen und nicht zuletzt vom Zusammenbruch, dargestellt im Bild von der Spezies Mensch, die aus dem Leime gegangen sei, wie die gesamte Ordnung . Im Wortspiel Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis bezieht Kästner das Zeit- und Dichterbild aufeinander. Der Dichter als Schwarzmaler nimmt seine Legitimation aus seinem Urteil über die Zeit, zugleich aber auch aus einer Selbstverpflichtung zur Wahrheit, die emphatisch auf die Formel gebracht wird: Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln. Die Komplexität des Zeitbildes wird noch einmal in der letzten Strophe sichtbar: Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben./ Im Osten zimmern sie schon den Sarg. Die Personifikation der Zeit hat eine doppelte Funktion. Einerseits wird das Bewusstsein einer epochalen Zäsur deutlich - für 1930 erfasst der Autor damit präzise die Stimmung der Großen Depression -, andererseits die Erwartung eines Zusammen-bruchs, der in Verbindung gebracht wird mit dem Osten, also mit dem sowjetischen System, das für die einen den Abbruch einer neuen Zeit und für die anderen das Gespenst des Kommunismus bedeutete. Die Perspektive des Gedichts jedoch nimmt die politische Dimension des apokalyptischen Motivs nur als Bildelement abschließender moralischer Kritik: Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben? .../ Ein Friedhof ist kein Lunapark.
      Die Prägnanz, mit der Kästner die illusionistische Seite des Zeitbe-wusstseins, Sentimentalitäten und Sehnsüchte geißelt , hängt nicht zuletzt mit der verblüffenden Nähe des Dichters zur kritisierten Gesellschaft zusammen. Diese hat nicht verstanden, dass das Zeitbild des Dichters, sein Verständnis des Menschen als einer aus dem Leime gegangenen Spezies und seine Auffassung von der Gegenwart als einer von Krisen und drohenden Zusammenbrüchen geprägten Unordnung im Kern nichts anderem als dem Glauben an das Positive entspringt. Nicht dass es das Gut[e] und Schön[e] nicht gibt, sondern dass diese Werte wie ein Kitschbild ihren Platz über dem kleinbürgerlichen Sofa finden, also nicht die Alltagsmoral bestimmen, dagegen wendet sich das Gedicht. Es ist einzig der Dichter, der das Positive noch verbürgen kann; vom Positiven her leitet er überhaupt seine Rechtfertigung ab zu sprechen.
      Die Nähe zwischen Publikum und Dichter ist schließlich auch im Bild von der strampelnde [n] Seele aufgehoben, die aufs Knie genommen wird. Zwar hat Kästner es im Vers und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie kritisch gegen ein von Illusion und Schönfärberei bestimmtes Publikum gewendet. Zugleich aber ist die strampelnde Seele auch eine im Vers freilich nur angedeutete Metapher für das empfindende, sich mit der eigenen Zeit nicht abfindende Ich. In seiner prosaischen Zwischenbemerkung hatte Kästner die sentimentale Seite dieses Ichs, das noch auszusprechen weiß, was es im Innern bewegt, vehement verteidigt - gegen moderne Gedichtpoetiken: Es gibt wieder Verse, bei denen auch der literarisch unverdorbene Mensch Herzklopfen kriegt oder froh in die leere Stube lächelt. [...] Daß jemand ausspricht, was ihn bewegt und bedrückt - und andere mit ihm - ist nützlich. Wem das zu einfach ist, der mag es sich von den Psychoanalytikern erklären lassen. Wahr bleibt es trotzdem. Die Perspektive des poetologischen Gedichts »Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?« zielt im Bild von der strampelnde [n] Seele auf jenes Herzklopfen, auf authentische Aussprache dessen, was bewegt und bedrückt. Hinter der rhetorischen Form des Gedichts, das seinen Sprecher zur unbestechlichen moralischen Instanz erhebt - zum Strafprediger, der pathetisch verkündigt, die Zukunft sei ein Friedhof und kein Lunapark -, wird ein sich nach Harmonie und Positivität sehnendes Ich sichtbar, eine gegen die Zeitstrampelnde Seele, die sich Haus und Staat und Welt zwar nicht zusammenleimen und -reimen möchte, wohl aber vom geordneten Zusammenhang der Dinge noch eine Vorstellung hat.
      In Kästners satirischem Ideal war, auch wenn es im Gedicht nur ex ne-gativo erscheint, der Wunsch nach dem Positive[n] als Wunsch nach einer anderen Spezies Mensch und einer anderen als der im Sterben liegenden Zeit aufgehoben. Dem Dichter, der sich als Einziger der moralischen Maxime Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln verpflichtet fühlt, kam die Autorität zu, in seiner vehementen Zeitkritik das Positive zu bewahren. Die Poetik der strampelnde[n] Seele renovierte den Authentizitätsanspruch einer verdeckt sentimentalen Gefühlspoesie, die sich nach außen hin ebenso skeptisch wie zeitgemäß-modern gab, in ihrer Konsequenz jedoch auf vormoderne Traditionen verwies. Für scharfsichtige zeitgenössische KÃ"STNER-Kritiker wie Walter Benjamin bot daher gerade der Anspruch auf authentische lyrische Gefühlssprache eine Angriffsfläche:
Was blieb, sind die leeren Stellen, wo in verstaubten Sammetherzen die Gefühle - Natur und Liebe, Enthusiasmus und Menschlichkeit - einmal gelegen haben. Nun liebkost man geistesabwesend die Hohlform. An diesen angeblichen Schablonen glaubt eine neunmalweise Ironie viel mehr als an den Dingen selbst zu haben, treibt großen Aufwand mit ihrer Armut und macht sich aus der gähnenden Leere ein Fest.1

   Das Gedicht »Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?« zeigt indes nicht allein einen Melancholie-Virtuosen, der Gefühle nur als Hohlform für rhetorisch ausgefeilte Verstechniken aktiviert, sondern auch den Dichter, der sentimentalisch über den Verlust des Positivefn] reflektiert. Es war der Dichter selbst, der sich die Frage Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner? stellte und der wusste, dass die Antwort Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt der rhetorische Effekt des Satirikers, nicht aber dessen letztes Wort sein konnte.
     

 Tags:
Erich  Kästner:»  Und  wo  bleibt  das  Positive,  Herr  Kästner...      


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com