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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Bertolt Brecht: »Vom armen B.B.«



Eines der bekanntesten Gedichte Brechts, ein unumstrittener lyrischer Kanontext aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist die Ballade »Vom armen B.B.« ein poetisches Selbstporträt des Dichters.

     
Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern. Meine Mutter trug mich in die Städte hinein Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder 5 Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

     
In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang Versehen mit jedem Sterbsakrament: Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein. 10 Mißtrauisch und faul und zufrieden am End.

     
Ich bin zu den Leuten freundlich. Ich setze Einen steifen Hut auf nach ihrem Brauch. Ich sage: es sind ganz besonders riechende Tiere 15 Und ich sage: es macht nichts, ich bin es auch.

     
In meine leeren Schaukelstühle vormittags Setze ich mir mitunter ein paar Frauen Und ich betrachte sie sorglos und sage ihnen: 20 In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.

     
Gegen abends versammle ich um mich Männer Wir reden uns da mit »Gentleman« an Sie haben ihre Füße auf meinen Tischen 25 Und sagen: es wird besser mit uns. Und ich frage nicht: wann.

     
Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen Und ihr Ungeziefer, die Vögel, fängt an zu schrein. Um die Stunde trinke ich mein Glas in der Stadt aus und schmeiße 30 Den Tabakstummel weg und schlafe beunruhigt ein.

     
Wir sind gesessen ein leichtes Geschlechte In Häusern, die für unzerstörbare galten
.

     
Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind! Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es. Wir wissen, daß wir Vorläufige sind 40 Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.

     
Bei den Erdbeben, die da kommen werden, werde ich hoffentlich Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen 45 Aus den schwarzen Wäldern in meiner Mutter in früher Zeit.
      Im Manuskript ist das Datum der Entstehung genau vermerkt, der 26. April 1926. Die erste Fassung wurde offenbar, so die Manuskriptnotiz, nachts 1/2 10 im Dezug geschrieben. Brecht befand sich auf der Fahrt nach Pichling bei Linz um die erkrankte Marianne Zoff, Freundin und Schauspielerin, zu besuchen. Die Souveränität des Ich-Erzählers, der mit kaltem Vergnügen und skeptischer Ãoberlegenheit sein augenblickliches Leben resümiert, ist Teil eines exzeptionellen Selbstbildes des Dichters als junger Mann. Schon deshalb wäre es zu voreilig, das Gedicht als Autobiografie in Versen zu verstehen. Brecht war im Dezember 1921 in Berlin angekommen, hatte mit dem Verleger Erich Reiß einen Generalvertrag abgeschlossen, der ihm monatlich 750 Mark einbrachte. Brecht, mit seinem Stück 7m Dickicht der Städte beschäftigt, trat im Kabarett >Wilde Bühne< im Keller des Theaters im Westen auf, erhielt dafür etwas Honorar und war im Ãobrigen so unterernährt, dass er im Januar 1922 mehrere Wochen in der Berliner Charite wegen einer Nierenentzündung behandelt wurde. Die Bekanntschaft mit dem expressionistischen Dramatiker Arnolt Bronnen und Regie-Versuche zu Bronnens Stück Vatermord fielen in diese Zeit, ebenso die Vorarbeiten zu einem Theaterstück mit dem Arbeitstitel Das Stück vom kalten Chicago.
      Die Ballade »Vom armen B.B.« enthält mit der Formel Mißtrauisch und faul und zufrieden am End eher die Maximen einer Porträtfigur, die in ih-rer Asozialität und Modernität besticht. Die in neun Kapitel eingeteilte Ballade zeigt deren Konturen bereits in der ersten Strophe. Wie in einem Lebenslauf notiert Brecht ein paar Angaben zu einer Biografie, die zwar ein wenig die eigene Lebensgeschichte tangieren - die Herkunft des Vaters aus dem Schwarzwald und die Ansiedlung in Augsburg -, aber noch ungleich schärfer einen bestimmten Typus skizzieren, den Städter aus den schwarzen Wäldern, der sich von der Kälte der Wälder her definiert. Den Kälte-Topos nimmt das erzählende Ich wie ein Signum an, das Leben und Absterben miteinander verknüpft. Die Kälte, die Brecht in der Natur verortet, in den Wäldern, verleiht dem Großstädter einen eigenen Nimbus. Die zweite Strophe führt diesen Gedanken konsequent weiter: In der Asphaltstadt bin ich daheim. Damit ist der zweite Topos benannt. Die Asphaltstadt wird für Brecht zur Ortsbestimmung einer Moderne, der auch das Ich angehört und zu der es keine Alternative gibt. Das Gedicht gehört mit seiner entschiedenen Option für die Asphaltstadt zu den Großstadtgedichten, in denen immer wieder symbolische Chiffren die Ãobereinstimmung zwischen modernem Lebensstil, zivilisatorischer Modernisierung und moderner Dichtung illustrieren. Vor allem der moderne Habitus wird in den einzelnen Strophen differenziert ausgebreitet, um die im Titel autobiografisch fixierte Ich-Figur lebendig werden zu lassen. Dazu zählen auch die Attribute Zeitungen, Tabak und Branntwein, die der Erzähler in ironischer Verkehrung heiliger Rituale dem Begriff Sterbsakrament subsumiert. Genuss und Unterhaltung sind weitere Merkmale des Asphaltstadt-Bewohners, und zwar nicht auf einer gehobenen Ebene luxuriösen Lebens, sondern auf der Tabak- und Branntwein-Stufe.
      Der Ballade mit ihrer Stilisierung der autobiografischen Porträtfigur fehlt die poetische Konvention der Form. Brecht schrieb sein Gedicht in freien, unregelmäßigen Rhythmen, verzichtet auf metrische Ordnungsmuster und fügt über den Reim in jeder Strophe nur jeweils den zweiten und vierten Vers zusammen. Die Geschlossenheit eines getragenen Versrhythmus lockert auf, ein prosaischer Vortragston wird akzentuiert. Dazu passt auch der sparsame Gebrauch von Bildern und Vergleichen, sodass Metaphern wie die Kälte der Wälder deutlich hervorstechen und den Stil der Selbstdarstellung bestimmen. In der dritten Strophe tritt der Duktus der überlegenen Ironie hinzu, die zugleich Züge von Selbstironie einschließt. Es gibt für den Asphaltbewohner nur eine ihm gemäße Form der Kommunikation, die unterkühlte, coole Distanz. Wer auch immer mit dem Ich zu tun hat, gehört zu den Leuten, also zu den Frauen, die das Ich in seine leeren Schaukelstühle setzt, oder zu denen, die sich mit »Gentleman« anreden und die Redensart es wird besser mit uns wie eine höfliche Floskel austauschen. Ãoberhaupt fällt die Gentleman-Pose als ironischer Habitusauf . Sie konterkariert Tradition und Konvention, ist Teil eines nicht durchgehaltenen, sondern allenfalls zitierten Stils, ein Look auf den das Ich entschieden mehr Wert legt als auf moralische Prinzipien.
      Das Ausspielen der eigenen Asozialität gehört zum Selbstdarstellungsritual des Erzähler-Ichs, das auf diese Weise eine Interpretation gesellschaftlicher Modernität gibt: Es existieren für den Asphaltbewohner keine verbindlichen Werte, denen er sich verpflichtet fühlt. Und es charakterisiert die Modernität der großen Städte, dass Distanz und Abstand für das Verhältnis der Menschen untereinander und auch das der Geschlechter zueinander bestimmend sind. Brecht stilisiert gerade diese Seite der Moderne, als schätze er sie auf ganz besondere Weise. Allerdings hält der Erzähler die Pose nicht immer durch. Zwar vermag er selbstsicher und gewandt in der vierten und fünften Strophe die eigene Ãoberlegenheit hervorzukehren, wie im heitergelassenen Vers In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen. Aber es gibt auch andere Indizien, Spuren einer verdeckten Melancholie und unterschwelligen Einsamkeit, die Konturen einer anderen Seite des Ichs andeuten. Hatte der Balladenerzähler noch gerade im lässigen Ton seine flüchtige Naturbetrachtung über die Tannen und die Vögel abgeschlossen - Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen/ Und ihr Ungeziefer, die Vögel, fängt an zu schrein -, so folgt doch in der Wendung und schlafe beunruhigt ein die Anspielung auf eine Befindlichkeit, die nicht unter den Kälte-Topos rubriziert werden kann. Die siebte und achte Strophe werden noch deutlicher. Sie zitieren ein apokalyptisches Motiv, zwar nicht in dramatisierter Form wie im Expressionismus, also nicht als heimliche Lust auf Befreiung, wie bei Heym, und als Warnung und Mahnung wie im >0-Mensch-Pathos< aktivistischer Wandlungsmodelle, sondern eher als Feststellung und in kaum spürbarer emotionaler Anteilnahme.
      Das Amerika-Motiv, wie ein Exkurs in Klammern zugefügt, lässt den im Gedicht fortwährend aufgerufenen Moderne- und Modernisierungsdiskurs in einem anderen Lichte erscheinen. Die Katastrophenmeldung, unmittelbar folgend auf die im Exkurs noch illustrierte Errungenschaft moderner Kommunikationsmittel und den Bericht über die architektonische Meisterleistung der Neuen Welt , erscheint wie eine moderne Variante barocker vam'tas-Motive, also als poetische Vorhersage des Endes. Die gestische Pathos-Formel verstärkt die moderne Vergänglichkeitslehre des Erzählers, der, angedeutet mit effektvoll gesetzten dreimaligen Doppelpunkten, eine Quintessenz seiner Reflexionen präsentiert, das Ende der Städte , das Ende der Jetztzeit und die trübe Aussicht auf Zukunft: Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.
      Die letzte Strophe liest sich wie eine auf den Anfang rekurrierende Schlusspointe. Das Erzähler-Ich bezieht die eigene Person in die Katastrophenbotschaft, die kommenden Erdbeben, ein und verpflichtet sich zur Gelassenheit seiner Beobachterrolle. Noch einmal kehrt in der Virginia-Zigarre das Genuss-Motiv wieder, allerdings als ein Wunsch, denn es ist auch - in deutlich melancholischer Wendung - von Bitterkeit die Rede, die ihren Schatten auf die beiden Schlussverse wirft. Was am Anfang noch wie ein Lebenselixier der Moderne erschien, die Kälte der Wälder, die so passend war für eine überlegene Existenz in der Asphaltstadt, wird nun zurückgenommen: Von Verschlagenwerden in die Asphaltstädte ist die Rede, und zuletzt auch von sentimentalster Erinnerung, welche das Bild der schwarzen Wälder wie eine dem Bild der Asphaltstädte entgegenstehende, widerständige Chiffre erscheinen lässt: Ich, Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen/ Aus den schwarzen Wäldern in meiner Mutter in früher Zeit.
     

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Bertolt  Brecht:  »Vom  armen  B.B.«    


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