Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

Index
» Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
» Das Jahrzehnt der Menschheitsdämmerung 1910-1920
» Frühexpressionistische Großstadtlyrik

Frühexpressionistische Großstadtlyrik



Die meisten Lyriker des Expressionismus blieben im Unterschied zu Stramm auf dem Fundament einer Poetik, die bekannte Strophenformen, Genres und metrische Techniken aufgriff, diese aber sprachlich und thematisch so veränderte, dass Form, Sprache und Inhalt in ein Spannungsverhältnis zueinander traten. So haben Dichter wie Heym und van Hoddis die vier-zeilige Strophenform und den fünfhebigen Jambus immer wieder aufs Neue adaptiert, ohne in epigonale Muster zu verfallen, weil Bildtechniken, Sprachgesten und Gedichtthemen sich deutlich von der Lyrik der Jahrhundertwende unterschieden. Die Eigenständigkeit des Frühexpressionismus lässt sich gerade an der Großstadtdichtung demonstrieren, deren Gegenstand bis ins neunzehnte, das Großstadtthema entdeckende Jahrhundert zurüclcver-folgt werden kann. Die Motivation, sich als Künstler mit diesem Thema auseinander zu setzen, hat aus expressionistischer Perspektive Ludwig Meidner anschaulich formuliert: Wir müssen endlich anfangen, unsere Heimat zu malen, die Großstadt, die wir unendlich lieben [...], die tumultuarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, die Gasometer, welche in wei

ßen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Coloristik der Autobusse und Schnellzuglokomotiven. Die Großstadt, wie sie Meidner sah, war ein positiv bejahter, dem eigenen Modernitätsbewusstsein kongenialer Erlebnisraum. Entsprechendes hatte Kurt Hiller 1911 für den >Neuen Club< und seine Dichter formuliert: Wir behaupten , dass der Potsdamerplatz uns schlechthin mit gleich starker Innigkeit zu erfüllen vermag, wie das Dörfli im Tal des Herrn Hesse. Die Formung des Erlebnisses des intellektuellen Städters sei bewußtes Ziel der neuen Bewegung. Es ließe sich für dieses enthusiastische Loblied auf die Stadt, das zugleich ein Loblied auf die lyrische Avantgarde ist, eine Reihe poetischer Paradigmen finden. Die Symbiose von Dichter und Stadt beschwor beispielsweise Becher: Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte, / Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht! Ebenso emphatisch und hymnisch fiel Armin T. Wegners »Gesang von den Straßen der Stadt« aus: Euch will ich singen, breitbuchtige Straßen, wild-überwühlte Plätze, / Blutrinnende Adern der unendlichen Stadt.
      Die poetische Darstellung der Großstadt war keineswegs ausschließlich auf die Problematik der dissoziierte [n] Wahrnehmung, der Atomisierung und Isolierung einzelner Bilder und der Simultaneität des Disparaten beschränkt, auch wenn der neue Erfahrungsraum der Metropolen der Vorkriegszeit im Reihungsstil eine besondere Ausdrucksform fand, in einer vor allem bei Alfred Lichtenstein nachweisbaren Verstechnik, in welcher der einzelne Vers wie ein flüchtiger Wahrnehmungsmoment eine Einheit für sich bildet, während das Gedichtganze seine innere Kohärenz verliert, wie im Gedicht »Der Morgen«:
... Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da. Nur selten hastet über sie ein fester Mann. Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa. Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an.
      5 Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick. Vier fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar. Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick. Und alles ist langweilig hell, gesund und klar.
      In welchem Maße die Metropolen zu immer neuen Beobachtungsperspektiven und -nuancen reizten, zeigen Heyms »Berlin«-Sonette. Auch wenn in ihnen die Faszination der großstädtischen Welt noch hier und da durchscheint, so dominiert doch eine ambivalente Sicht. Berlin ist bei Heym keineswegs ein Ort der Vitalität und des Optimismus; gerade das Empfinden der Ã-de und Enge, der Erstarrung und der Einschnürung verbindet sich mit dem Großstadterlebnis. Schon das erste Sonett interpretiert die Monumentalität des Raums, das Riesensteinmeer als statische Enge: Der hohe
Straßenrand, auf dem wir lagen,/ War weiß von Staub, Wir sahen in der Enge/ Unzählig: Menschenströme und Gedränge,/ Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen. Die Polarität von Idyll und Bedrohung nimmt auch das zweite Sonett auf, indem es das Motiv der Kahnfahrt auf dem Kanal in der Schlussstrophe deutlich einschwärzt: Wir ließen los und trieben im Kanäle / An Gärten langsam hin. In dem Idylle / Sahn wir der Riesenschlote Nachtfanale. Im letzten der »Berlin«-Sonette schlägt das düstere Bild der Stadt - Schornsteine stehn in großem Zwischenraum / Im Wintertag, und tragen seine Last - vollends in ein Totenbild um. Die Gegenwart in der Weltstadt wird Inbegriff einer erstarrten, avitalen Ordnung voller Mühe und ohne Lebensorientierung, während der Armenfriedhof in grotesker Umkehrung zum Ort der Bewegung, ja der Vitalität wird, die Heym bis zum Revolutionsmotiv im Schlussvers steigert:
Ein Armenfriedhof ragt, schwarz, Stein an Stein,

Die Toten schaun den roten Untergang
Aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.
      Sie sitzen strickend an der Wand entlang,
5 Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein,

Zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.
      Die Wahrnehmung der Enge im Kontext frühexpressionistischer Großstadtdichtung ist ein Zeichen für die Ambivalenz des Themas, das sich keineswegs auf Rene Schickeies Losung Ihr werdet mit der Stadt die Erde Euch erobern reduzieren lässt. In seinem Gedicht »Beengung«, das eine Art Selbstverständigungsgedicht der expressionistischen Generation über ihr Verhältnis zu Familie, Staat und Gesellschaft ist, ist das Bild der in globaler Perspektive immer dichter vernetzten Welt in den Vorwurf der Beengung der eigenen Entfaltungsmöglichkeit einbezogen: Die Welt wird enge. Die Städte langweilig, / So schmal die Länder. Die Meere zu klein. / Die Körper, in giftigen Räuschen entheiligt, / Sie welken und stürzen zu Schutthaufen ein. In der Koppelung von Apokalypse und Großstadt, wie in Bechers Gedicht »Berlin«, wird die Negativierung des Großstadtthemas noch signifikanter:
Berlin! Du weißer Großstadt Spinnenungeheuer! Orchester der Ã"onen! Feld der eisernen Schlacht! Dein schillernder Schlangenleib ward rasselnd aufgescheuert, Von der Geschwüre Schutt und Moder überdacht!
5 Berlin! Du bäumst empor dich mit der Kuppeln Faust, Um die der Wetter Schwärme schmutzige Klumpen ballen! Europas mattes Herz träuft in deinen Krallen! Berlin! In dessen Brust die Brut der Fieber haust!

Die Modernität der Großstadt kann sogar - hier wird die Distanzhaltung zur technischen Moderne, ja zur Moderne überhaupt deutlich - zum Ausdruck für die Sinn- und Bedeutungslosigkeit menschlicher Existenz werden, wie bei Albert Ehrenstein: Und ob die großen Autohummeln sausen, / Aeroplane im Ã"ther hausen, / es fehlt dem Menschen die stete, welterschütternde Kraft. / Er ist wie Schleim, gespuckt auf eine Schiene. Eine direkte Entgegensetzung von beklemmender Großstadtwirklichkeit und befreiender Utopie entfaltet Lotz' Gedicht »Hart stoßen sich die Wände in den Straßen ...«, das, in diesem Punkte vergleichbar mit Bechers Gedicht »Beengung«, in der Wir-Perspektive den Standort der expressionistischen Künstlerzirkel, Bohemiens und Kaffeehausliteraten der Vorkriegszeit reflektiert. In die Anspielung auf die Stadt hat Lotz ein Dekadenz-Motiv einbezogen, bis hin zur Karikatur des eigenen subkulturellen Milieus :

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
      5 Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind, Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten, Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind, Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
      Lotz' Wunschbild, bestimmt von Süden, Fernen und Wind, war Teil einer vitalistischen Lebensutopie, die aus der Opposition zur unbefriedigenden Gegenwart erwuchs. Während des Krieges und vor allem während der kurzen Revolutionsphase verstärkte sich die Utopie-Komponente expressionistischer Dichtung. Die utopischen Konturen verloren ihre exotische Abenteuerperspektive, während soziale und politisch-moralische Dimensionen stärker zum Vorschein kamen. In der Großstadtdichtung vollzog sich eine weitere Metamorphose des Themas: Im Bild der neuen Stadt wurde der Entwurf einer neuen Welt sichtbar. Ein Beispiel dafür ist Alfred Wolfenstein. Sein Sonett »Städter« hatte die Wahrnehmung der Großstadt als Ausdruck moderner entfremdeter Verhältnisse gedeutet: Nah wie Löcher eines Siebes stehn / Fenster beieinander, drängend fassen / Häuser sich so dicht an, dass die Straßen / Grau geschwollen wie Gewürgte sehn. // Ineinander dicht hineingehakt / Sitzen in den Trams die zwei Fassaden / Leute, wo die Blicke eng ausladen / Und Begierde ineinander ragt. Vor dem Horizont revolutionärer Veränderungen, für die eine poetische Bildlichkeit noch gefunden werden musste, bot sich, wie in Wolfensteins Gedicht »Neue Stadt«, die Plastizität des Großstadtbildes an, nun als verklärtes poetisches Modell eines sozialen Traums: Aus neuem Chaos, aus demhohen Meer, / Zu dem wir schmelzen, grenzenlose Form rausch' her: / Mauern gleich innigen Weilen, Häuser gleich Wellen, / Geistherzen, die zu Freudenstädten schwellen! In seinem Gedicht »Klänge aus Utopia« hat Becher diesen Traum von der neuen Stadt als Vorschein der künftigen Welt in grell-bunten Farben enthusiastisch beschworen - als bizarre Variation südlicher Landschaft:
O Mutterstadt im freien Morgenraum! Es flügeln Fenster an den Häuserfronten. Aus jedem Platz erwächst ein Brunnenbaum Veranden segeln mondbeflaggte Gondeln.
      5 Sie künden Männer an, elastisch schwingen Die durch der Straßen ewig blaue Bucht.
     

 Tags:
Frühexpressionistische  Großstadtlyrik    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com