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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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Expressionistische Lyrik-Avantgarde um I9I0



Die Dekade zwischen 1910 und 1920 war aus heutiger Sicht die wohl produktivste Phase in der Lyrik des 20. Jahrhunderts überhaupt. Es hat zu keiner Zeit je wieder derart viele Lyriker gegeben wie in diesem Jahrzehnt. Raabe hat rund 350 Namen von Buchautoren aufgeführt. Schon diese Zahl macht deuüich: Es wäre von vornherein völlig verfehlt, den Expressionismus als eine einheitliche Stilrichtung zu begreifen. Der Expressionismus war zunächst eine diffuse Sammelbezeichnung für eine literarische Bewegung, die ein breites Spektrum lyrischer Schreibweisen und dichterischer Selbstverständnisse umfasste. Der Begriff selbst war nicht mehr als ein Etikett, eine Formel, über deren Inhalt bereits gestritten wurde, als der Begriff gerade erfunden worden war. Der Expressionismus war im Übrigen nur eine- wenn auch eine zwischen 1910 und 1923 besonders wirksame - literarische Möglichkeit neben anderen. Er war kein Epochenstil, keine fest definierte Gruppe, keine literarische Bewegung mit fest umrissenen Programmen. Die vielen Kontroversen der Expressionisten untereinander sind Ausdruck von Polemiken der schärfsten Art, von Abgrenzungsritualen, die bis zu Handgreiflichkeiten in Cafehäusern führten.
      Die Fülle der Gemeinsamkeit jedoch, die eine große Anzahl expressionistischer Lyriker verband, war bestechend. Die meisten der Dichter gehörten der Generation der zwischen 1880 und 1890 Geborenen an. Sie wuchsen in den großen Städten und Metropolen Deutschlands und Österreichs auf und entstammten in der Regel gutbürgerlichen Familien. Sie teilten vielfach die Erfahrungen einer ungeliebten Schulzeit in teils leidvoll, teils hasserfüllt erlebten Gymnasialanstalten und waren in Familienkonflikte verwickelt, vor allem mit als autoritär empfundenen Vätern. Die Konfrontation mit einer hierarchisch erstarrten Studien- und Berufspraxis verlangte Anpassungen und führte zu Konflikten und Spannungen, aber durchaus auch schon vor 1914 zu erfolgreichen Karrieren. Charakteristisch für die expressionistische Dichtergeneration war ein verbreitetes Bewusstsein von Orientierungslosigkeit und Ohnmacht, das freilich vielfach kompensiert wurde durch die öffentliche Inszenierung selbstbewusster Haltungen und jugendlicher Provokationen und einen ausdrucksstarken Enthusiasmus, der in seinen mega-lomanischen Gesten und Selbstdarstellungsritualen noch im Protest gegendie wilhelminische Alltagskultur deren Hang zur großen, monumentalen Gebärde reproduzierte.
      Der literarische Expressionismus sah sich selbst, mit den Worten von Kurt Pinthus formuliert, dem Herausgeber der bedeutendsten Expressionisten-Anthologie, der Menschheitsdämmerung, als eine schäumende, chaotische, berstende Totalität. Der Begriff Expressionismus, zunächst für die Malerei gebraucht, wurde schon vor 1914 zum Schlagwort literarischer Manifeste und Programme. Er konnte deshalb so populär werden, weil er von Anfang an eine Abgrenzungsformel war. Es klang recht simpel: Der Begriff des Impressionismus war in der Malerei bereits gebräuchlich für die frühere Generation; so war Expressionismus nun eine vage Umschreibung des Neuen, das sich mit entsprechend avantgardistischem Optimismus und Selbstbewusstsein als das zugleich Unerhörte, Einmalige und Bahnbrechende definierte. Iwan Goll brachte den Anspruch 1914 auf den Punkt:
Der Expressionismus ist keine neue Religion, die hier gegründet wird. Er ist schon längst das tägliche Brot der Malerei. Er ist eine Seelenfärbung, die noch nicht chemisch analysiert war und daher keinen Namen hatte.
      Expressionismus liegt in der Luft unserer Zeit, wie Romantik und Impressionismus die einzige Ausdrucksmöglichkeit früherer Generationen waren.
      Expressionismus entfernt sich streng von ihnen. Er verleugnet jene Kunstgattungen des I'art pour l'art, denn er ist weniger eine Kunstform als eine Erlebnisform. Im Goetheschen Sinn.
      Expressionismus nähert sich der Klassik. Er hat mehr ; und man neigt dazu, den Stil, den diese neue Gefühlsart erzeugt, wegen seiner konzentrierten Hervortreibung des voluntaristisch WesenÜichen Expressionismus zu nennen.

     
   Hiller entfaltete wie Goll seine Definition aus einer Abgrenzungsstrategie zum Impressionismus und Ästhetizismus heraus. Für ihn war, in der Sprache der avantgardistischen Revolutionsmetapher ausgedrückt, der neue Stil aus der Liquidation des älteren hervorgegangen.
      Dass sich der Expressionismus erstaunlich schnell und erfolgreich durchsetzte, hing wesentlich mit Mechanismen der Gruppenbildung zusammen. Seine Protagonisten in Berlin, München, Wien, Prag, Leipzig, Dresden, Heidelberg und anderen Städten, locker gruppiert um die in Literatenkreisen schnell bekannt gewordenen Zeitschriften wie Die Aktion, Der Sturm, Die Revolution, Die weißen Blätter und Das neue Pathos, verstanden sich als Bewegung, die weder eine fest umrissene Poetik und Ästhetik noch ein detailliertes Programm hatte, sondern im Kern nur eine Voraussetzung einforderte: das Selbstbekenntnis, zur literarischen Generation der >Jüngsten< zu gehören. Das generationelle Selbstverständnis war der kleinste, zugleich aber wirksamste gemeinsame Nenner. Zur Durchsetzung am literarischen Markt, der sich rasch für Dutzende von Gedichtbüchern pro jähr öffnete, gehörte von Anfang an ein Netz literarischer Kommunikationsformen: außer den geschäftigen, teils sogar wöchentlich bzw. vierzehntägig erscheinenden Zeitschriften kam es rasch zu Neugründungen von Verlagen und zur Konzeption einflussreicher Publikationsreihen wie Der jüngste Tag, Lyrische Bibliothek, Die Aktionslyrik, Der rote Hahn, Sturmbücher und Das neuste Gedicht. Die Organisation öffentlicher Auftritte, gemeinsamer Lesungen, Vortrags- und Kabarettabende verfehlte, wie das Beispiel des >Neuen Clubs< in Berlin zeigte, ihre Wirkung auf Literaturkritik und Feuilleton nicht. Gerade diese Auftritte aber waren ein wichtiges Forum der Selbstdarstellung: Jugendlichkeit, verstanden als Anspruch der neuen Dichtergeneration, wurde öffentlich inszeniert und fand die ihr spezifischen Ausdrucksformen, sodass neben der vorgetragenen Dichtung die Art der Selbstpräsentation hervortrat, was nun seinerseits bei den beteiligten Künstlern den Zwang zur Originalität, ja zur Provokation und Theatralisierung der eigenen Autorschaft wie des eigenen Werkes erhöhte. Ein Ergebnis dieses Prozesses war der ungewöhn-lieh hohe Anteil literarischer Formen der Selbstdarstellung innerhalb des Expressionismus, die nur im geringen Maße den Charakter von Lebensbeschreibungen hatten, jedoch umso mehr eine Lust am Experimentieren mit Dichterposen und Allmachtsfantasien erkennen ließen, aber auch eine starke melancholische Neigung zu selbstreflexiven Themen und Gegenständen, bis hin zu Selbstbildern voller Angst und Orientierungslosigkeit. In diesen Kontext gehörte schließlich auch ein verbreitetes Interesse an po-etologischen Gedichten und Manifesten sowie an Widmungs- und Porträtgedichten.
      Im europäischen Kontext blieben der literarische Expressionismus und die in ihm zumindest bis 1914 konkurrenzlos dominierende Gattung Lyrik weitgehend eine auf Deutschland und Österreich begrenzte Angelegenheit. Er grenzte sich trotz der vom Sturm-Herausgeber Herwarth Waiden mit Ausstellungen, Einladungen und öffentlichen Auftritten effektvoll betriebenen Unterstützung von der europäischen Avantgardebewegung der Vorkriegszeit ab, die sich im Zeichen des Futurismus entwickelt hatte. In Italien entstanden, strahlte er auf Frankreich, vor allem aber auf die moderne russische Kunst aus. Der Futurismus war aber keineswegs nur eine Proklamationskunst aus großen Worten, so sehr sich der Urheber des Wortes, der Dichter Marinetti, entsprechend wortreich darstellte. Im Mittelpunkt der futuristischen Kunsttheorie und -praxis stand das Prinzip der Bewegung. Dynamik anschaulich zu machen, das war der eigentliche Ansatz des Futurismus. In allen Manifesten ist die Verherrlichung der von Technik und Geschwindigkeitsrausch bestimmten Gegenwart der traditionellen Bildsprache entgegengestellt. Die moderne Lebenswirklichkeit forderte vom futuristischen Künstler die Anpassung seiner Ausdrucksformen an die zeitbedingten simultanen Wahrnehmungsvorgänge. Futuristen wie Umberto Boccioni und Gino Severini versuchten die Frage zu lösen, wie Dynamik in Bild- und Farbkompositionen dargestellt und wie eine multisensorische Gleichzeitigkeit von Raum-, Zeit- und Geräuschempfindung auf visuelle Weise sichtbar gemacht werden könnte. Sie erfanden, weit über den impressionistischen Pointilismus hinausgehend, lichtvibrierende Farbstrukturen, die sich auflösten; sie drangen also zur Abstraktion vor. Dynamik also als Gleichzeitigkeit mehrerer fließend ineinander greifender, abstrakter Bewegungsphasen, die strahlenförmig in einzelnen Kraftfeldern zusammenkamen.
      Waldens epochaler Verdienst war es, als Sfurm-Galerist die Futuristen nach Berlin zu holen. Allerdings bildete sich in Deutschland keine futuristische Fraktion heraus. Ein Avantgardist der lyrischen Form aber, der bedeutendste Lyriker in Waldens Sturm, war in seiner Konzeption zumindest den Futuristen verwandt. Es war der Dichter August Stramm: I'ostbeam-ter im Höheren Dienst und eigentlich die bürgerlichste Existenz im Expressionismus; Westfale, Hauptmann der Reserve, ein Jurist, der über das Welteinheitsporto promoviert hatte - und dann den Verleger Herwarth Waiden kennen lernte. Stramm nahm am Krieg teil und fiel 1915 an der Ostfront. Im selben Jahr brachte der Sturm-Verlag seine Gedichtsammlung Du heraus, Liebesgedichte, die Stramm vor 1914 geschrieben und zum Teil im Sturm bereits veröffentlicht hatte. Seine Gedichte haben unter dem Namen Wortkunst einen so genannten abstrakten Expressionismus begründet. Stramm hatte Ansätze zu einer >WortkunstWortkunst

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Expressionistische  Lyrik-Avantgarde  um  I9I0    




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