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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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» Das Jahrzehnt der Menschheitsdämmerung 1910-1920
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Die Mensch-Dichtung des Expressionismus



Neben Wolfenstein und Becher galt schon den Zeitgenossen vor allem Franz Werfel als Protagonist der >0-Mensch-Dichtung< des Expressionismus. 1911 war seine Sammlung Der Weltfreund erschienen, die ihn rasch bekannt machte. 1913 folgten der Gedichtband Wir sind und 1914 das Lyrikbuch Einander. In der Menschheitsdämmerung ist Werfel mit den meisten Gedichten vertreten: ein Zeichen dafür, dass der hymnisch-pathetische Ton des Dichters sehr geschätzt wurde. Im zeitgenössischen Ruhm spiegelte sich auch die Vorliebe der gesamten Epoche für den amerikanischen Lyriker Walt Whitman, einen Dichter des 19. Jahrhunderts, der seit der Jahrhundertwende in Deutschland wie ein Kultautor verehrt wurde und den Werfel nachahmte. Werfel versuchte sich in ekstatisch-hymnischen Aufschwüngen, propagierte menschenversöhnendes Pathos und besang schließlich auch sein eigenes dichterisches Weltgefühl. Sein Gedicht »An den Leser« endete mit dem Programm allgemeiner Verbundenheit: Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein! Werfels Poetik basierte auf Pathos- und Menschheitsformeln; er war wesentlich an der Ausprägung eines Stils und einer Welthaltung beteiligt, der schon von kritischen Zeitgenossen >0-Mensch-Dichtung< genannt wurde. Das Menschenbild dieser Dichtung hat Werfel prototypisch in seinem Gedicht »Der gute Mensch« formuliert, das eines der wichtigsten Programmgedichte der >0-Mensch-Dichtung< war und in der Menschheitsdämmerung den vorletzten Abschnitt Aufruhr und Empörung beendet und unmittelbar zum letzten Teil der Anthologie überleitet, die mit Liebe den Menschen überschrieben ist. Geschrieben mitten im Weltkrieg, preist der Dichter die Apotheose des Menschen, indem er, wie die ersten drei Strophen zeigen, ihn zum Erlöser und zur Christusfigur verklärt:

  
Sein ist die Kraft, das Regiment der Sterne, Er hält die Welt, wie eine Nuß in Fäusten, Unsterblich schlingt sich Lachen um sein Antlitz, Krieg ist sein Wesen und Triumph sein Schritt.
      5 Und wo er ist und seine Hände breitet, Und wo sein Ruf tyrannisch niederdonnert, Zerbricht das Ungerechte aller Schöpfung, Und alle Dinge werden Gott und eins.
      Unüberwindlich sind des Guten Tränen, 10 Baustoff der Welt und Wasser der Gebilde. Wo seine Tränen niedersinken, Verzehrt sich jede Form und kommt zu sich.
      Der Titel »Der gute Mensch« ist das Programm einer ganzen Richtung des Expressionismus. Die >0-Mensch-Dichtung0-Mensch-Dichtung< später angehängt wurde, waren derart unpolitisch wie Werfel. Johannes R. Becher beispielsweise und Ludwig Rubiner, Rudolf Leonhard, Alfred Wolfenstein, Karl Otten und zeitweilig auch Walter Hasenclever verwarfen in ihren oft seitenlangen Hymnen und lyrischen Manifesten in Gedichtform die bestehende wilhelminische Gesellschaftsordnung und gestalteten enthusiastisch utopische Bildwelten vom Neuen Menschen und von der Neuen Welt. Die apokalyptische Motivik verband sich mit utopischen Visionen: Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts / Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts! Der Dichter sah sich als Verkünder einer neuen geläuterten Wahrheit. Die Rede vom Neuen Menschen wurde zur weit verbreiteten Pathosformel der >0-Mensch-Dichtung0-Mensch-Dichtung< vorwegnimmt:
Wir fegen die Macht und stürzen die Throne der Alten, Vermoderte Kronen bieten wir lachend zu Kauf, Wir haben die Türen zu wimmernden Kasematten zerspalten Und stoßen die Tore verruchter Gefängnisse auf.
      5 Nun kommen die Scharen Verbannter, sie strammen die Rücken, Wir pflanzen Waffen in ihre Hand, die sich fürchterlich krampft, Von roten Tribünen lodert erzürntes Entzücken, Und türmt Barrikaden, von glühenden Rufen umdampft.
      Beglänzt vom Morgen, wir sind die verheißnen Erhellten, 1 o Von jungen Messiaskronen das Haupthaar umzackt, Aus unseren Stirnen springen leuchtende, neue Welten, Erfüllung und Künftiges, Tage, sturmüberflaggt!
Lotz' Gedicht lebt vom Aufbruchsmythos, den er in dem Maße zu Bildkaskaden ausformt, wie er die politisch-gesellschaftliche Konkretion des Entwurfs schuldig bleibt. Den Jugend-Topos ersetzen in den folgenden Jahren Schlagwörter wie Bruder, Mensch, Neuer Mensch und Neue Welt. Ein spezifisch politisches Programm, dem die Kampfaufrufe und Utopien zuzuordnen wären, findet sich kaum. Vor solchem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass Revolution und Republik letztlich in der >0-Mensch-Dichtung< poetische Chiffren blieben. Das metaphorische Potenzial zählte, nicht die politische Programmatik. Diese Verwandlung des Gedichts in ein Manifest, eine Predigt ist für eine ganze Reihe von Beispielen der >0-Mensch-Dichtung< typisch; die Verse gehen in rhythmische Prosa über: Wir müssen die Herzfackeln anzünden. Unsere Leiber müssen eine Brücke, unsere Seelen einen Damm bauen. Hörst du Schlürfen, Tappen, Angstrufen und Beten der Verirrten, die sich sehnen? Aus uns müssen wir Licht machen. Die Politik des

Herzens sollte eine Antwort sein auf die verantwortungslose Verteidigung des Ersten Weltkriegs durch deutsche Intellektuelle. Die Erneuerung des moralischen Bewusstseins wurde zur Tagesforderung. Der Herz-Topos bildete den sprachlichen Kern der >0-Mensch-Dichtung< und war der Inbegriff für moralische Integrität. Die >0-Mensch-Dichtung< blieb eine Zeitlyrik, die ihre enthusiastische Phase in den letzten Kriegsjahren erlebte und 1920 kaum noch überzeugte. Goll, einer ihrer Protagonisten, zog 1921 eine erste Bilanz. Seinen Essay nannte er Der Expressionismus stirbt:m
[...] Expressionismus war eine schöne, gute, große Sache. Solidarität der Geistigen. Aufmarsch der Wahrhaftigen.
      Aber das Resultat ist leider, und ohne Schuld der Expressionisten, die deutsche Republik 1920. Ladenschild. Pause. Bitte rechts hinausgehn. Der Expressionist sperrt den Mund auf... und klappt ihn einfach wieder zu. [... ] Jawohl, mein guter Bruder Expressionist: das Leben zu ernst nehmen, ist heute die Gefahr. Kampf ist Groteske geworden. Geist in dieser Schieberepoche Ulk. [...] Der >gute< Mensch mit einer verzweifelten Verbeugung begibt sich in die Kulisse. [... ]

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