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Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)

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» Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
» Dada-Avantgarde zwischen Weltkrieg und Revolution. 1916-1920
» Emmy Hennings: »Nach dem Cabaret«

Emmy Hennings: »Nach dem Cabaret«



Die Spontaneität des Dadaismus darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Protagonisten zum Teil jahrelange Bühnenerfahrung hatten und ihr Metier, das Cabaret, die öffentliche Rezitation und den musikalischen Vortrag, bereits professionell beherrschten. Das galt insbesondere auch für Emmy Hennings, die aZZround-Künstlerin auf der Kleinkunstbühne vor und während des Ersten Weltkriegs, die eigene Verse und Lieder, Balladen von Wedekind und Pariser Couplets vortragen konnte, eigene Puppen für die Bühne anfertigte und während der Dada-Zeit avantgardistische Tänze aufführte. Bevor sie 1908 im Berliner >Cafe des Westens< und im Münchner >Bunten Vogel< auftrat, hatte sie bereits Tourneen mit einem Wandertheater unternommen und war mit einem eigenen Programm als Sängerin durch Schleswig-Holstein getingelt. In München erhielt sie im Kabarett >Simplicissimus< ein Engagement; zu ihrem Bekanntenkreis gehörten die im >Cafe Stephanie< verkehrenden Künstler, darunter Münchner Expressionisten wie Johannes R. Becher und Heinrich F. S. Bachmair, der Herausgeber der Zeitschrift Revolution, in der auch Hugo Ball, Dramaturg der Münchner Kammerspiele, Gedichte veröffentlichte. Im Juni 1915 ging sie zusammen mit Ball nach Zürich: ein Akt der politischen Emigration, der ein Leben unter materiell schwierigsten Bedingungen bedeutete. In seinem Roman Flametti oder vom Dandyismus der Armen hat Ball den Alltag und das Leben in der Variete-Truppe >Flamingos< geschildert, der er sich mit Emmy Hennings angeschlossen hatte. Als im Februar 1916 das dadaistische >Cabaret Voltaire< eröffnete, war Hennings von Anfang an als Vor-tragskünstlerm dabei.
      Das Gedicht »Nach dem Cabaret« erschien Mai 1913 im Gedichtband Die letzte Freude, der als fünfter Band der gerade von Kurt Wolff neu herausgegebenen Reihe Der jüngste Tag erschien, und zwar direkt nach Franz Kafkas He/ZER-Fragment und Ferdinand Hardekopfs kleinem Dialog Der Abend. Werfel und Wolff korrespondierten im Frühjahr 1913 über das Manuskript. Dass das Buch nur einen Druckbogen mit zehn Gedichtenumfasste, begründete Wolff damit, dass Emmy Hennings keine weiteren ihrer Gedichte für gut hielt und an einem Prosabuch arbeite, für das er sich ebenfalls sehr interessierte. Das Gedicht, drei Jahre vor den Zürcher Dada-Aktivitäten veröffentlicht, gibt einen anschaulichen Eindruck von der Lebenswelt der Boheme-Künstlerinnen, die, wenn auch nur für wenige Augenblicke, den Alltag jenseits des schönen Scheins der Bühne schildert. Der Text ist ein Rollengedicht, gesprochen von jemandem aus der Cabaret-Welt und damit aus jener Sphäre, die Emmy Hennings kannte. Die Müdigkeit, die das Gedicht noch im Sprechen über die Morgenstunde nach Cabaret-Schluss nachahmt, ist der Ausdruck physischer und oft auch psychischer Erschöpfung. Wie hart und kräftezehrend Hennings auch und gerade nach einer Zeit des Zürcher Dada-Erfolges ihre Situation als Variete-Künstlerin, Tänzerin, Sängerin und Mitspielerin erlebte, zeigt ein Brief an Hugo Ball, geschrieben aus Zürich im November 1917:1

   Ich bin sehr erschöpft. Es wird sich wohl wieder geben. Ja, ich glaube wohl. Ich singe nicht mehr gern und zum Marcelli-Ensemble gehe ich nicht. Bei Maurer verdiene ich für Samstag und Sonntag achtzehn Franken. Das ist viel Geld, aber es ist eine ungeheuerliche Anstrengung. Ich spüre, daß ich einen Knacks davon bekomme, wenn auch nicht in der Stimme, nicht in der Kehle. Jeden Morgen hole ich mir am Paradeplatz den Arbeitsnachweis, aber man nimmt mich nicht leicht, weil ich Ausländerin bin. Vielleicht kann ich in der Textilwaren-Fabrik ankommen.
      Das Gedicht »Nach dem Cabaret« ist weder eine versifizierte Autobiografie noch eine soziale Studie über das Künstlerelend. Das Rollen-Ich schafft eine Distanz zur eigenen Lebenssphäre und ist damit eine wichtige Voraussetzung für die poetische Präzision eines kleinen einstrophigen Gedichts, das mit wenigen Strichen sein Thema konturiert:
Ich gehe morgens früh nach Haus. Die Uhr schlägt fünf, es wird schon hell, Doch brennt das Licht noch im Hotel. Das Cabaret ist endlich aus. 5 In einer Ecke Kinder kauern,
Zum Markte fahren schon die Bauern, Zur Kirche geht man still und alt. Vom Turme läuten ernst die Glocken, Und eine Dirne mit wilden Locken io Irrt noch umher, übernächtig und kalt.
      Nur zehn Verse lang ist Hennings Gedicht. Es setzt mit einem schmucklosen, prosaisch wirkenden Satz ein: Ich gehe morgens früh nach Haus. Die Ich-Perspektive bindet die Beobachtungen an eine konkrete Erfahrungsund Erlebniswelt, die zu einer eindringlichen, situativen Momentaufnahmeverdichtet wird. Die ernüchternde Monotonie der Morgenfrühe bleibt in allen Versen gleich und wird von Metrum und Rhythmus gleichermaßen verstärkt. Der vierhebige Jambus wirkt schon deshalb so gleichförmig stereotyp, weil vor allem in den ersten Versen ein- und zweisilbige Wörter dominieren und das alternierende Metrum - nur die letzten beiden Verse bilden eine Ausnahme - mit dem Rhythmus der Wortbetonungen zusammenfällt. Zur Monotonie gehört auch die Struktur der Reimwörter, bis hin zur Banalität von Reimverbindungen wie Haus und aus; alt und kalt sowie Glocken und Locken. Diese statische Einförmigkeit charakterisiert die poetische Schreibweise des Gedichts. Bei den ersten acht Versen sind die Versgrenzen zugleich Satzgrenzen; der Lese- bzw. Vortragsfluss stockt nach jeder Zeile. Die Sätze erscheinen wie zu einer monotonen Auflistung einzelner Beobachtungen aufgereiht. Die Wahrnehmung ist zwar im Detail anschaulich, aber sie wirkt in dieser Variante des Reihenstils so, als spüre man förmlich die Müdigkeit des beobachtenden Ichs, das nur noch zu einer derart schlichten Parataxe aus wenigen Satzteilen fähig ist. Gerade darin allerdings zeigt sich die Bedeutung der virtuos eingesetzten Ich-Perspektive. Der lakonische Satzstil reduziert die Aufzählungen auf elementare Aussageformen , und das rhetorische Mittel des Parallelismus in Versreihen wie Zum Markte fahren [...] Zur Kirche geht und Vom Turme läuten verstärkt noch die Einfachheit und Einförmigkeit der einzelnen Zeilen.
      Das Raffinement der schlichten Form bestimmt auch die Gegenstandsebene des Gedichts. Es scheint zunächst nichts anderes als alltägliche Klischees der morgendlichen Szenerie festzuhalten: den Schlag der Uhr, die Dämmerung, das Licht im Hotel, die zum Markt fahrenden Bauern, die kauernden Kinder, die Kirchgänger auf dem Wege zur Frühmesse, das Glo-ckenläuten. Das Ich des Gedichts, vom Cabaret endlich unterwegs nach Haus, gehört der alltäglichen Szenerie zwar an, aber es steht zugleich außerhalb der bürgerlichen Normalität und hat nichts zu tun mit den am frühen Morgen schon geschäftigen Bauern oder den Kirchgängern. Die Außenperspektive dominiert, zumal die Selbstmitteilungen des lyrischen Ichs spärlich sind und in nur zwei Versen überhaupt vorkommen, und zwar im Eingangsvers und indirekt im Vers Das Cabaret ist endlich aus. Das Gedicht akzentuiert den Gegensatz zwischen Boheme und Bürgertum nicht auf programmatische Weise, etwa als Verspottung, Polemik und soziale Abgrenzung, sondern in unprätentiöser Form: als kurze Momentaufnahme aus dem Alltag. Die konkrete Wahrnehmung steht im Vordergrund, es gibt weder einen Kommentar noch eine Wertung zum Geschehen. Und doch ist die Antithese zwischen Boheme und Bürgertum programmatisch in die Textperspektive einbezogen. Dafürstehen die letzten beiden Verse: Und eine Dirne mit wilden Locken / Irrt noch umher, übernächtig und kalt. Diese Figur der Nacht wird gegen die Szenerie der Frühaufsteher und Kirchgänger gestellt. Sie ist die einzige Person, die näher in den Blick kommt, die schon vom syntaktischen Gefüge her nicht in den Parallelismus der simplen Einzelverse und -sätze hinein-passt. Das lyrische Ich skizziert flüchtig die Gestalt und das Verhalten und setzt mit der Bemerkung übernächtig und kalt zum ersten Male im Gedicht überhaupt zu einer kurzen, fragmenthaften Innensicht einer Person an. Die Dirne ist eine Kontrastfigur zur bürgerlichen Sphäre. Ihr Erscheinen erst durchbricht die Monotonie der Aufzählungs- und Auflistungsstruktur und setzt einen markanten Kontrapunkt zur gesamten Szenerie. Der Gedichtschluss verweist damit zugleich auf den Anfang zurück, auf die Beobachterfigur, die das Geschehen von außen wahrnimmt. Es charakterisiert die Stringenz der Verskonstruktion, dass die beiden letzten Verse auch in Metrum und Rhythmus eine Besonderheit bilden. So wird die stupide Regelmäßigkeit der Jamben in den Versen Und eine Dirne mit wilden Locken / Irrt noch umher, übernächtig und kalt jeweils in der Versmitte unterbrochen; das Enjambement sorgt ebenso für eine überraschende Komponente der Dynamik wie die syntaktische Struktur des über zwei Verse sich erstreckenden Satzes. Es ist die Boheme-Perspektive, die am Ende dem Gedicht ihre spezifische Wahrnehmungsform gibt: mit eben jener Illusionslosigkeit und nüchternen Klarheit, mit der die faszinierende Künstler- und Boheme-Welt der Varietes und der experimentierenden Kleinkunstbühnen zur frühen Morgenstunde um fünf erscheint: >Nach dem Cabaret

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Emmy  Hennings:  »Nach  dem  Cabaret«    




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