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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Thematologie



Der Ausdruck Thematologie, der aus der französischen Kompärati-stik stammt, löst allmählich auch in Deutschland die ältere Bezeichnung Stoff- und Motivgeschichte ab. Die ältere Stoff- und Motivgeschichte hatte ihre wichtigste Wurzel in den Untersuchungen der Volksmärchen durch die Brüder Grimm und ihre Nachfolger, die sich vor allem auf Verbreitung und Wanderung von Motiven richtete. Dabei beschränkte sich der Blick keineswegs auf die Märchen einer Sprache, sondern galt — schon bei den Brüdern Grimm — gerade den Literaturbeziehungen, etwa zwischen deutschen und slawischen oder skandinavischen Volksmärchen. Auch die — durch Johann Gottfried Herder besorgte - Sammlung von Stimmen der Völker in Liedern hatte der vergleichenden Stoff- und Motivgeschichte ein weiteres Feld eröffnet. Man hat dieser Forschung eine allzu positivistische 'Materialhuberei' vorgeworfen, mit der sie das ästhetische Moment von Literatur verfehle.


      Gegen die neuere thematologische Forschung läßt sich dieser Vorwurf jedoch nicht mehr erheben: Gerade in der Frage nach den ästhetischen Unterschieden, die sich an den zahlreichen dramatischen oder erzählerischen Gestaltungen desselben Stoffes ausmachen lassen, zeigt sie die jeweils spezifische Historizität solcher Texte. Die Thematologie stellt ferner ein Gegengewicht dar gegen eine allzu einseitige Ausrichtung literaturwissenschaftlicher Arbeit an den einzelnen Autoren.
      Der Ausdruck Stoff- ursprünglich meinte er einmal das Textilgewebe, hatte also dieselbe Bedeutung wie Text — bezeichnet in der Anwendung auf Literatur seit dem 18. Jahrhundert zweierlei: 1. im engeren Sinne einen vom Autor gewählten Vorwurf, ein 'Sujet', eines Werks als Stoff anzusehen sinD); 2. in weiterem Sinne eine schon vor der literarischen Ausführung liegende 'Fabel', einen 'Plot', als eine Konstellation von Figuren bzw. eine Abfolge von Situationen, die aus Mythos oder Geschichte stammen kann, Bezug zur äußeren Realität also nur im letzteren Fall aufweist. Zum Begriffsinhalt des 'Stoffes'gehött, so oft er auch vorkommen mag, nicht zwingend der Bezug auf die äußere Realität. Die weitere, Figurenkonstellation und Situation einschließende Definition des Stoffes erlaubt auch, zu sehr abstrakten Strukturen vorzudringen; etwa die 'Verwandtschaft' zwischen dem König Ödipus des Sophokles und dem Zerbrochenen Krug von Heinrich von Kleist aufzuzeigen: die zögerliche Suche des Richtenden nach sich selbst als dem Schuldigen, dessen Existenz in der Entdeckung zerbricht.
      Das Motiv wird vom Stoff abgegrenzt als kleinere, stärker schematisierte inhaltliche Einheit. Man hat verschiedene Einteilungen der Motive vorgeschlagen, z.B. die in Situationsmotive , Typenmotive sowie Raum- und Zeitmotive . Ganz formal lassen sich z.B. Kern- und Füllmotive unterscheiden.
      Gerade die unbefriedigende Trennschärfe bei der begrifflichen Unterscheidung zwischen Stoffen und Motiven legt nahe, den einheitlichen Ausdruck Thematologie zu bevorzugen.
      An einigen herausragenden neueren Beispielen, deren Lektüre auch dem Studienanfänger empfohlen sei, läßt sich gut erkennen, warum thematologische Untersuchungen zu besonders lohnenden Einsichten führen können:
Engelhardt, Dietrich von: Medizin in der Literatur der Neuzeit. Hürtgenwald 1991.
      Fülleborn, Ulrich: Besitzen als besäße man nicht. Besitzdenken und seine Alternativen in der Literatur. Frankfurt a. M., Leipzig 1995.
      Guthke, Karl Siegfried: Ist der Tod eine Frau? Geschlecht und Tod in Kunst und Literatur. München 1997.
      Hölter, Achim: Die Invaliden. Die vergessene Geschichte der Kriegskrüppel in der europäischen Literatur bis zum 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar 1995.
      Hörisch, Jochen: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes. Frankfurt a. M. 1996.
      Matt, Peter von: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. München 1989.
      Matt, Peter von: Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur. München 1995.
      Molk, Ulrich : Literatur und Recht. Literarische Rechtsfälle von der Antike bis in die Gegenwart. Göttingeil 1996.
      Rölleke, Heinz: 'O war' ich nie geboren!" Zum Topos der Existenzverwünschung in der europäischen Literatur. Mönchengladbach 1979.
      Schneider, Peter: 'ein einzig Volk von Brüdern". Recht und Staat in der Literatur. Frankfurt a.M. 1987.
      Stuby, Anna Maria: Liebe, Tod und Wasserfrau. Mythen des Weiblichen in der Literatur. Opladen 1992.

     
Thematologische Arbeiten sind in der Regel komparatistisch angelegt, dadurch lenken sie den Blick auf die engen Zusammenhänge zwischen den Literaturen der verschiedenen Sprachen. Sie sind in hohem Maße darauf angewiesen, verschiedene Methoden zu kombinieren, bewirken also eine Integration der verschiedenen literaturwissenschaftlichen Teildisziplinen. Schließlich liegt ein besonderer Reiz der Thematologie in der Notwendigkeit interdisziplinärer Arbeit, sei es daß der Blick auf die Bearbeitung gleicher Themen auch in anderen Künsten -z.B. in der Studie von Guthke - fällt, sei es daß â€” wie etwa in den Arbeiten von Engelhardts und Hölters - Fragen und Ergebnisse aus Medizin, Geschichte usw. berücksichtigt werden müssen.
     

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