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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Massenmedial generalisierte Kommunikationsqualitäten



Wenn man sowieso in allen Medien eine weitgehend identische Aktualität zu lesen, zu hören oder zu sehen bekommt, so kann man entweder auf die Subak-tualiläten von Kurzwellensendern, Fachzeitschriften, Piratensendern ausweichen oder nach gänzlich anderen Selektionskrilerien vorgehen. Wir schlagen hierfür das Konzept der Kommunikation.squalität vor. Da die Gesellschaft nicht mit einem stabilen Interesse psychischer Systeme an Themen und Relevanzen für ihre systeminternen Umweltkonstrukte rechnen kann, versucht sie immer neue Organisationsformen zu entwickeln, um Aufmerkamkeit für Kommunikation zu wecken und über längere Zeit zu binden. Bei Rundfunkprogrammen etwa haben sich die Produzenten darauf eingestellt, daß die 'Musikfarbe' das wesentlichste Kriterium bei der Auswahl eines Senders ist und erst in zweiter Linie die Verteilung und die Qualität redaktioneller Beiträge. Um möglichstviele Hörer zu erreichen, existieren Anfang 1992 auf dieser Basis schon 5 Programme des WDR, die sich nur noch sekundär, also darauf aufbauend, durch ein Angebot für bestimmte Bildungs- oder Altersschichlungen sowie Themenselektion unterscheiden.

      Der Versuch die Identität, also die Differenzqualität von audiovisuellen Kommunikationsformen, anhand von massenmedial generalisierten Kommunikationsqualitäten zu beschreiben, bewegt sich auf noch ungesichertem Terrain. Der Begriff ist in Anlehnung an die Theorie der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien entworfen, die sich mit der Steigerung der Annahme unwahrscheinlicher Selektionspräferenzen von Funktionssystemen durch ein spezielles Medium beschäftigt. Auch bei der Unterscheidung von Kommunikationsqualitäten richtet sich das Interesse auf die Annahme von relativ unwahrscheinlichen Selektionsleistungen der Kommunikation. Die Fragestellung knüpft an ein altes Interesse der Medienforschung an, die immer wieder versucht, die Identität von Medien aufgrund einer Einheitsperspektive zu erfassen, sei es situativ, etwa durch den Dispositivbegriff21, über die kommunikative Leistung oder die Rückbindung an technologische Innovation . Beobachtet man Kommunikationsqualität ausschließlich als ein Resultat der strukturellen - kommunikativen - Kopplung von psychischen Systemen und Gesellschaft, so gerät man leicht in die Nähe der Medienwirkungsforschung, deren Aussagen mit erheblichen Referenzialisie-rungsproblemen belastet sind - was aus systemtheoretischer Sicht eben mit dem Beobachtungskonzepl 'Wirkung' zusammenhängen dürfte.
      Zunächst drängen sich bei der Beobachtung von Kommunikationsqualitäten Analogien zu Problemen der Kommunizierbarkeit und Codierbarkeit von ästhetischen Erfahrungen auf25. Im Sinne einer Artikulation von Problemlagenkann die Ã"sthetikdiskussion als Symptom für die Suche nach einer Einheit von Differenzen gesehen werden. Vereinfachend kann man das Problem, für das die Ã"sthetiktheorie eine Lösung sucht - eine Einheitsperspektive aus normativer oder deskriptiver Sicht - an die Beschreibungen der Permutation des Verhältnisses von Sein, Kunst und Wahrheit rückbinden . Diese Grundelemente, die nicht voraussetzungslos gegeben sind, sondern selbst wiederum Unterscheidung sind, können in vielfältiger Weise aufgespalten und re-lationiert werden. Eine Aufspaltung der Kunst unter dem Gesichtspunkt Orgi-nal - Werk - Autor hat ab der Neuzeit eine besonders erfolgreiche - weil folgenreiche - Karriere gemacht. Unter anderem ist dies an dem Aufwand abzulesen, der im Rahmen der Ã"sthetiktheorie getrieben wurde, um diese Permutationskette, die Wahrheit mit einem Kunstwerk verbindet, aufzulösen . Der Erfolg dieser Verknüpfung liegt unter anderem daran, daß Werke als Medium der Kommunikation dienen können und Anschlußkommunikation auf Seiten des Kunstsystems und in anderen Teilsystemen erlauben. Die Assoziationsketten zwischen Referenz und Dingschema haben sich in der Selbstorganisation unseres Gesellschaftstyps stabilisiert, und auch der Wechsel der Selektionsperspektive im Sinne von Kommunikationsqualität ist eher darauf ausgerichtet, diese etablierte Strukturerwartung als Irritation zu nutzen als sie aufzulösen.
      Um Kommunikationsqualität als einheitsbildendes Konzept beschreiben zu können, müssen die Unterscheidungen näher bezeichnet werden, mit denen die Komplexität des Phänomenbereichs strukturiert werden soll . Als Anschlußpunkt kann der Suchbegriff der Materialität der Kommunikation dienen, der als Phänomenbereich zunächst auf Inkommunikabilität und Widerstände gegenüber Semantisierungen verweist, jedoch zugleich im Rahmen dieses Interesses neue Unterscheidungen eröffnet und damit mögliche Semantiken der Materialität beobachtet . Was kann man nun eigentlich mit dem Begriff der Kommunikationsqualität beobachten, wenn zugleich die Unterscheidung der Systemreferenzen - Gesellschaft und psychische Systeme - zu berücksichtigen ist? Qualität von Kommunikation ist nämlich derzeit für die Systemtheorie keine Beobachtungsunterscheidung. Funktion , Leistung und Reflexion werden statt dessen favorisiert.

     

Kann man Kommunikationsqualität im Rahmen einer neuartigen Systembildung beschreiben, die auf eine gänzlich andere Form der Selektivität umstellt? Wir verfolgen hier eine weniger weitreichende Hypothese, daß es unter der Systemreferen/, Bewußtsein um den re-entry der Unterscheidung interaktive Kommunikation / interaktionsfreie Kommunikation auf der Seite der interaktionsfreien Kommunikation geht, während es sich unter der Systemreferenz Gesellschaft um eine Formbildung mit dem Ziel der Eingrenzung eines systemspezifischen Umwelthorizonts unter einer neuartigen Selektionsper-spektive handelt. An die Stelle der klassischen Form/Inhalt-Unterscheidung, bei der Form nur auf der einen Seite der Grenze angesiedelt ist, geht es bei Kommunikationsqualitäten um den Wiedereintritt von Form in die Unterscheidung von Medium/Form auf der Seite des - unsichtbaren, nur in seinen Formen kenntlichen - Mediums. Damit gerät man jedoch in eine paradoxe Beschreibungssituation, denn die Form des medialen Substrates soll von Formen unterschieden werden, die mit Hilfe dieses Substrats gebildet werden. Das bedeutet, daß wir behaupten, das Medium werde in der Form der Kommunikationsqualitäten selbst sichtbar.
      Um diese Paradoxierung aufzulösen, ist ein Wechsel des Beobachterstandpunktes notwendig, denn es geht um die Frage: Wie wird Kommunikation aus der Sicht sozialer und psychischer Systeme beobachtet? Neben der Systemreferenz als erster Variable ist jedoch auch zu berücksichtigen, ob man Kommunikation als Struktur oder als Prozeß der Interpenetration von Bewußtsein und Gesellschaft betrachtet. Der Gesichtspunkt der Struktur thematisiert Semantik und Sclektionsaspekte wie Information oder Mitteilung, während der Prozeß auf die Zeitlichkeit der Komplexitätsproduktion beider Systemtypen verweist. Eine Vermittlungskategorie verknüpft beide Intcressenpcrspektivcn und schafft somit Verwirrungen: Verstehen. Bezogen auf die Autopoiesis des Bewußtseins in kommunikativer Kopplung mit Gesellschaft kann Verstehen als die Emergenz von Bewußtseinszuständen gesehen werden, zu denen es keine Alternative, also kein Nichtverstehen geben kann . Erst als Rückgriff auf bereits vollzogene Prozesse der Autopoiesis kann es zu Konsistenzproblemen kommen und somit zu einem Verstehen , das als bewußlseins-fähiges Problemschema auf Irritationen des Bewußtseins durch die Resultate der eigenen Autopoiesis verweist. Das Verstehen eines kommunizierten Selektionsangebots verweist darauf, daß im Kommunikationsprozeß die Unterscheidung der Selbst- und Fremdreferenz zugleich erzeugt und gehandhabt wird . Selektionsangebote können also einem Außenbereich - Umwelt, anderes System - zugeordnet werden, wobei das Verstehen in diesem Sinne noch nichts über Ablehnung und Annahme der Selektionsleistungen aussagt21*.
      Jene 'Dingschemala' - Texte, Fotografien, Filme -, die als Produkte von Kommunikationsprozessen, als Programme im Rahmen für zukünftige kommunikative Kopplungen oder auch als Träger einer semantischen Struktur beobachtet werden können, stiften durch diese unklaren Interessenlagen Verwirrung. Normalerweise verdeckt das Dingschema: 'Text' genau die Unterscheidung zwischen Prozeß und Programm oder anders gesagt: 'Texte' sind die Einheitsperspektive, unter der diese Unterscheidung invisibili-siert wird. Nehme ich einen Wahrnehmungsgegenstand als ein Dingschema wahr, versehen mit einer Zeichenorganisation, so enthält diese Konstruktion gleich zwei Bezeichnungen von Fremdreferenz. Als ein Teil der Außenwelt wird der Wahrnehmungsgegensland zur Quelle von Informationen und Mitteilungen, die wiederum über sich hinausweist. Diese Struktur bleibt auch dann bestehen, wenn einem Bewußtsein bewußt wird, daß es selbst diese Informationen und Mitteilungen im Kommunikationsprozeß erzeugt hat. Vergessen wird dann nämlich, daß nur der Prozeß der Bedeutungsproduktion bewußt geworden ist, während die doppelte Grenzziehung, die den Rahmen der Bedeutungsproduktion bildet - die Unterscheidung zwischen Dingschema und Bewußtsein und zwischen Dingschema als Bedeutungsträger sowie Referenzgegenständen - als unvordenkliches - 'natürliches' - Dispositiv in jeder Bedeutungsproduktion mitgeführt wird . Im Hinblick auf audiovisuelle Kommunikation und ihre besondere Qualität ist festzuhalten, daß beide Grenzziehungen zwar nicht aufgelöst, so doch anders strukturiert werden.

     

Ein Blick auf die Interpenetration von Bewußtsein und Gesellschaft in interaktiven Kommunikationssituationen kann hier aufschlußreich sein. Aufgrund der wechselseitigen Intransparenz von Gesellschaft und Bewußtsein kann die Gesellschaft den Erfolg von Kommunikation immer nur indirekt beobachten. In der Interpenetration beider Systemtypen wird von Seiten der Gesellschaft auf Bewußtsein als Instanz möglichen Verstehens rekurriert . Dies hat in der Interaktion jedoch nur dann Folgen, wenn beobachtbare Symptome des Nichtverstehens oder fehlende Aufmerksamkeit in der kommunikativen Kopplung irritierend wirken. In interaktionsfreien Kommunikationssituationen kann das Bewußtsein seine Kopplungen nach eigenen Interessen gestalten und ist vom Erwartungsdruck des 'Verslehens' insofern entlastet, als es nicht ständig durch Rückmeldungen den Bestand der Kommunikationssituation bestätigen muß. Diese Entlastungen kann es benutzen, um sich auf anderes zu konzentrieren, die Kommunikalion zu unterbrechen oder sich parallel mit Wahrnehmungen und Beobachtungen zu beschäftigen, die parasitär oder konträr zur Kommunikationsintenlion operieren. Die Materialität der Kommunikation wird in diesem Sinne für das Bewußtsein zu einem Medium, das für gänzlich andere Unterscheidungsinteressen, also Formkonstrukte, zur Verfügung steht.
      Was nun genau die Faszination dieser Formen für das Bewußtsein ausmacht, ist auf Seiten der Gesellschaft nicht zu beobachten. Von der Gesellschaft kann allerdings beobachtet werden, welche Struktur von Kommunikationsangeboten bei psychischen Systemen Reaktionen auslöst, besonders wenn 'Erfolg' lediglich dadurch definiert ist, daß die strukturelle Kopplung mit dem Massenmedium nicht unterbrochen wird29. Solange diese Kopplung besteht - und mittlerweile reicht den Ermittlern von Zuschauerquoten das eingeschaltete Programm nicht mehr aus - geht die Gesellschaft davon aus, daß Kommunikation stattfindet oder doch stattfinden kann, denn oft ist das Bewußtsein ja gerade mit 'Nebendingen' beschäftigt: mit Wahrnehmungen oder Beobachtungen. Aufgrund der Attraktionsmöglichkeiten, die Wahrnehmungen ermöglichen, weil sie dem Bewußtsein eine Informationsdichte hoher Intensität und geringer Abstraktion ermöglichen, versucht Kommunikation an diesem Aufmerksamkeitspotential zu partizipieren, indem es Wahrnehmungen so organisiert und mit Kommunikationen verknüpft, daß zugleich Aufmerksamkeit erzeugt wird und sich eine Vielzahl von Anschlußoperationen für Bewußtsein und Kommunikation ergeben.

     
Da man Aufmerksamkeit als psychisches Ã"quivalent zum Medium Kommunikation betrachten kann , geht es bei kommunizierten Mehrsystemereignissen um Aufmerksamkeitsbindung durch Formen. Dabei nutzt Kommunikation die Irritalionsanfälligkeit von psychischen Systemen. Die Erfahrung von Kommunikationsqualitiit hängt also damit zusammen, wie das psychische System mit angebotenen Beobachtungen der System/ Umwelt-Differenz umgehl. Sie bilden eigenständige Wirklichkeitsbereiche, die in dieser Gestall weder in funktional ausdifferenzierten Teilsystemen noch in Interaklionssituationen körperlicher Kopräsenz vorkommen . Indem Wahrnehmungen im Rahmen interaklionsfreier Kommunikation funktionalisiert werden, kann die Interpenetration von psychischen und sozialen Systemen in der Form interaktiver Kommunikation simuliert werden.
      Die Faszination für psychische Systeme liegt hierbei dominant auf der Wahrnehmungsebene, deren extrem kontextabhängige und kontingenzberei-nigle Gestalt wohl gewußt werden kann, aber in der Kopplung 'vergessen' wird. Unversehens werden dann 'Wahrnehmungen' semantisiert und dem Zeichenrepertoire der Kommunikation zugeschlagen. Das kann etwa bei Personenwahrnehmungen reizvoll sein, weil speziell wechselseitige Körperwahrnehmungen -an denen der Zuschauer parasitär partizipiert - zwar als Anzeichen für Kommunikalion verarbeitet, aber in der Kommunikation nie ohne weiteres auf diese Funktion festgelegt werden können. So gehört es in fiktionalen Gattungen zum inlerpretationsrelevanten Vorwissen, daß man seinen Wahrnehmungen stets kommunikative Bedeutsamkeit zuweisen muß, und zugleich - etwa beim Kriminalfilm - vor der Aufgabe steht, diese Bedeutungsfragmente im Laufe des Kommunikationsprozesses zu immer neuen Einheitsgestalten konfigurieren zu müssen. Diese Effekte der Kommunikationsqualität sind als Unterscheidungen nur solange möglich und wirksam, wie die Grenze von interaktiver und in-leraktionsfreier Kommunikation weiterhin - etwa durch mitlaufende Körper-sclbstwahrnehmung - gesichert ist . Die Unterscheidung muß also präsent bleiben und doch möglichst weit außer Kraft gesetzt werden. Zumindest partiell kann die Stabilität einer Kommunikationssituation -etwa Kino - funktionsäquivalent zu dieser Grenze eingesetzt werden. Erst wenn dies gewährleistet ist, kann das potentiell selbstreflexive Subjekt - cogito - sein
Bewußtsein den Schockeffekten des technisierten Wahrnehmungsraums - video - überlassen.
      Diese Strukturvorgaben eröffnen für die Gesellschaft neue Möglichkeiten, psychische Systeme durch Kommunikation zu faszinieren. Generell läuft dies auf eine Neuorganisation der Reflcxivität von Kommunikation hinaus, was nicht mit Rationalisierung oder einer Effi/.ienzsteigerung von Erkenntnisprozessen zu verwechseln ist . Die Selbstrcferenz von Kommunikation wird allerdings auf einer völlig anderen Komplcxitätscbcne reproduziert, weil nun verschiedene Ebenen der Informationsproduktion parallel aktiviert werden können . Wahrnehmung kann als Kommunikation semantisiert und, was für psychische Systeme zu weitaus größeren Konsequenzen führt, Kommunikation kann als Wahrnehmung invisihili-siert werden . Ambivalent und interessant wird es dann, wenn diese Einstellungen keine stabile Verbindung mit Mediengattungen mehr eingehen.
      Trotz allem ist festzuhalten, daß die Irritationen durch audiovisuelle Kom-munikalionsqualitäten weiterhin zum Gesellschaftssystem gehören und die Realitätsunterscheidungen psychischer Systeme 'sozialisieren' können. Wir haben uns an filmische Erzählweisen wie Rückblenden, Zeit- und Positionswechsel, schnelle Schnittfolgen als etwas 'Natürliches' und somit 'Reales' gewöhnt31. Deshalb tritt oft der Effekt auf, daß Interaktionserfahrungen zwar der Realität zugeordnet werden, die massenmediale Berichterstattung über sie jedoch aufgrund ihrer Kommunikalionsqualität - Komplexitätsrcduktion und Anordnung -als noch 'realer' als diese Realität erfahren wird. Da es sich um sozial relevante Kommunikation handelt, kommt es zur Verwischung von Realitätsgrenzen bei Zuschauern. Medienanalytiker oder Videokünstler formulieren dann häufig -gerade aufgrund intensiver Erfahrungen mit dem Massenmedium - ebenso radikale wie konträre Aussagen. Der Provokation etwa, Fernsehen sei kein Massenmedium sondern Realität , steht die ebenso pointierte Aussage gegenüber, es sei eine Droge, die die Grenze von Privatheit und Ã-ffentlichkeit zerstöre . Beide Beobachtungen beruhen, so meinen wir, auf gleichartigen Kopplungserfahrungen.
      Ein Folgeproblem der Orientierung an reflexiv organisierten Kommunikationsqualitäten liegt darin, daß die System/Wclt-Differenzen neue Rele-vanzstrukturen aufweisen. Die Referenzgegenstände der Kommunikation werden in dem Maße weniger interessant, wie Zuschauer ihre Beobachtungspräferenz auf Kommunikationsqualität umstellen. Das scheint derzeit vor allem bei jungen Zuschauern der Fall zu sein, die über ein intensives audiovisuelles 'Training' verfügen. Wenn, wie in Musikvideoclips üblich, die Qualitäten der Kommunikationen dominieren und Sachverhalte oder Referenzobjekte nurmehr am Rande mitbcobachtel werden, so entsteht eine Differenzqualität von Wirklichkeiten, die an Bewegung, Geschwindigkeit, Körpererfahrung und Rhythmus orientiert ist. Damit aber ist eine wesentliche Funktion von Kommunikation, nämlich Realität durch Bezeichnung und Unterscheidung zu erzeugen und mit dieser Unterscheidung zu verschmelzen, neu besetzt. Sie 'entwirklicht' sprachlich-semantisch zentrierte Kommunikation, was zu einer beträchtlichen Irritation gegenüber dieser neuen Sorte von Irritationen führt . In der Gesellschaft kann dies mit dem leicht gruseligen Schauer postmoderner Befindlichkeit reflektiert werden oder durch Baudrillards Klage über die Herrschaft des Codes in Simulakren dritter Ordnung oder aber zu der Mahnung führen, sich gefälligst wieder mit relevanten Gegenständen zu beschäftigen . Das Funktionieren von ausdifferenzierten Teilsystemen und symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien ist davon jedoch kaum betroffen. Die Funktion einer Selektion der Selektion auf der Basis von medial generalisierten Kommunikationsqualitäten könnte als eine Differenzierung von Authentizitätsgraden der System/-Welt-Differenzen der Kommunikation bezeichnet werden. Mit ihnen unterscheidet die Gesellschaft eine andersartige und im Resultat wohl unerwartete Selbstattribution von Realitäten, die sich tendenziell von dem Versuch entfernt, Welt- und Gesellschaftskomplexitäl in Kommunikation 'abzubilden'.
      Es überrascht nun kaum, daß gerade jene Medienangebote, die nicht auf das agenda setting der öffentlichen Meinung Rücksicht zu nehmen haben, die massenmediale Aufmerksamkeitsbindung auf der Basis von Kommunikationsqualität sehr effektvoll realisieren können. Davon ist sogar die Unterscheidung 'real'/'fiktional' betroffen. Viele 'fiktionale' Medienangebote, aber auch Sport-und Unterhaltungssendungen, live übertragene Gameshows etc. offerieren die wohl stets attraktiv bleibende Kombination einer erwartbaren Un-erwartbarkeit von stark vereinfachten Plotschemata verbunden mit anschaulichen Präsenzillusionen. Aus der Sicht schriftkodierter, interaktionsfreier Kommunikation kann dann kritisiert werden, daß die Reflexivität audiovisueller Kommunikation sich nicht in Richtung auf die Steigerung semantisch-sprachlicher Komplexität orientiert33. Die Struktur des Geschehens vieler audiovisueller Mediengattungen liegt weitgehend fest, und die Aufmerksamkeit richtet sich immer wieder darauf, wie diese Struktur in der aktuellen Abfolge der Ereignisse in der Kopplung eingelöst wird. Das Verhältnis von Aufmerksamkeitsbindung und Struklurerfüllung durch Variation wäre hier näher zu untersuchen. Fernsehproduzenten gehen heute jedenfalls davon aus, daß die Zuschauer sowieso schon alles gesehen haben und daß man ihnen deshalb keine innovativen Strukturen der Aufmerksamkeitsbindung mehr bieten kann.
      Mittlerweile haben sich psychische Systeme auch an qualitative Irritationen gewöhnt und erwarten sie förmlich, um die Intensität des eigenen Erlebens zu erhöhen. Diese Erwartung einer Informationsqualilät begleitet und dominiert die Aufmerksamkeitsbindung, wie die Werbeforschung nachgewiesen hat35. Die Parallelitäten zur massenmedialen Präsentation von Themen der öffentlichen Meinung sind auffällig. Nur wenn die Kommunikalionsqualität selbst Aufmerksamkeit erregen kann, ist es noch möglich, bei einem bestimmten Publikum Aufmerksamkeit für ein Produkt oder ein Thema zu finden. Umweltereignisse müssen deshalb interessante Formen aufweisen. Ob dies im Einzelfall durch Konflikte oder Harmonie, Antagonismen oder Idyllen realisiert wird, dürfte unwesentlich sein. Wesentlich sind prägnante Gestalten der Wahrnehmung verknüpft mit akzentuierten Formen der Kommunikationsqualität. Mit ihnen fingiert bzw. simuliert Fernsehen den Horizont 'Welt' und kommuniziert zugleich, daß es mit ihm nicht identisch ist. Diese Unterscheidung gehört zum Vorwissen des Rezipienten, der sich trotzdem davor fürchtet und/oder sich danach sehnt, daß er den Zusammenbruch dieser Diflerenz während der Dauer der kommunikativen Kopplung so weitgehend wie irgend möglich erleben wird. Die Handhabung dieser prekären Grenze kennzeichnet die Konkurrenzsituation der Massenmedien, und es entsteht der paradoxe Eindruck einer erwartbaren - also stabilen - Instabilität der Wirklichkeitenkonstruktion.
     

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