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Historisierung von Kommunikationsqualitäten



Ausdifferenzierungsphänomene verweisen auf Geschichte und in diesem Falle auf die medienhistorische Frage, wie die Geschichte der Unterscheidung von Kommunikationsqualitäten zu beschreiben ist. Ihre Selbstorganisation fällt weder, so ist zu befürchten, mit der Ebene der Technikgeschichte noch mit der der Produktgeschichte oder der der Kommunikalionssituationen zusammen. Trotzdem kann man anhand aller dieser Ebenen Ausdifferenzierungstendenzen beobachten. Bleiben wir wieder im Bereich der Videotechnik, die Zeitungsredaktionen, Hollywoodsludios, rasende Radioreporler, Theaterbühnen und -Zuschauerräume, drahtlose Telegraphie, Rundfunkorchester, Kirmesplätze und die miniaturisierte Kinoleinwand mit einer black box in der Wohnstube zu einem Massenmedium namens Fernsehen verband.


      Die Versuche im Nachkricgsfernsehen der Bundesrepublik unter dem Etikett des Fernsehspiels eine medienspezifische Differenzqualität, also Kunst zu entwickeln, sind bekannt. Allerdings gab es schon sehr frühe Stimmen, die dem Fernsehen genau diese Möglichkeit absprechen. Erfahrungen mit anderen Kommunikationstechnologien sind der Grund für die Einschätzung Rudolph Arnheims, in der Fernsehtechnik eine reines Ãobertragungsmittel zu sehen, die im Gegensatz zu Radio und Film keinerlei neue künstlerischen Möglichkeiten anzubieten habe46. Obwohl es 1935 noch gar kein institutionalisiertes Fernsehen gab, finden sich in Arnheims kurzem Text bereits alle wesentlichen Argumente der kulturkritischen Kommentare, mit denen die Medienforschung das Fernsehen bis heute begleitet . Dem Radio- und Filmkritiker Arnheim ist intuitiv klar, daß die Deixis einer notwendigerweise selektiven Wahrnehmung - und zwar gerade bei 'Direktübertragungen' - sowohl mit 'Realität' verwechselt werden und gleichzeitig zu einem neuen Realitätskonzept führen wird. "|...] people who know how to observe and to draw conclusions from what they see will profit greatly. Others will be taken in by the picture on the screen and confused by the variety of visible things. After a while they may even cease to feel confused |...|" . Wenn die letztere Phase erreicht ist, hat sich eine neue Kommunikationsqualität stabilisiert und verlangt nach neuen Unterscheidungen. Medial inszenierte Authentizität ist nun zu einer Form sozialer Wirklichkeitskonstruktion geworden, die man nicht aufgrund dieses Produktionszusammenhangs unberücksichtigt lassen kann.
      Die Fernsehzuschauer lösen das Massenpublikum, das draußen in den Kinos zusammenkommt, ab . Vor dem Fernseher vereinzelt sich nun ein Massenpublikum beim Heimempfang. Zusammen war man sowieso schon in routinemäßiger und altvertrauter Interaktion. Nun entlastet das Medium Fernsehen von dieser Routine, ohne daß die Interaktion gänzlich aufgegeben werden muß. Die Notwendigkeit der wechselseitigen Rücksichtnahme ist durch die kommunikative Kopplung reduziert, da die wechselseitige Wahrnehmung durch die Hinwendung auf das Fernsehgerät unterbrochen wird47. Die kommunikative Seite der familiären Interaktion wird an das Medium delegiert, und ein Bereich interaktionsfreier Kommunikation etablierte sich somit innerhalb des Interaktionsbereichs der Familie . Diese an Interaktion partizipierende Kommunikation strukturiert die Interaktionsverhältnisse der Familie neu. Kommunikation ist in einer Interaktionssituation präsent, ohne in ihr erzeugt zu werden. Die Programmdiversifikation und mehrere Geräte pro Haushalt sprengen auch die Fa-milie oder sonstige Klcingruppen noch weiter auf48. Um die Inszenierung der interaktionsfreien Kommunikation von Störungen durch Interaktion zu entlasten, dürfte eigentlich nur ein Zuschauer vor jedem Gerät sitzen.
      Nimmt man zu diesen Beobachtungen die Vielfalt der Sendeformen des Fernsehens hinzu, so kann man vermuten, daß die Leilfunktion des Fernsehens heute eher darin besteht, einen Schnittpunkt von möglichst vielen Kommunikationsqualitäten zu organisieren. Die einst dominierende Kommunikationsqualität des Massenmediums, jene 'wahre' Fcrn-schwirklichkeit der 50er bis 70er Jahre, hat sich unter Anwendung ihrer eigenen Slruklurmöglichkeiten ausdifferenziert. Ging es schon während dieser Zeit, wie hoffentlich deutlich geworden ist, nicht um die dislanz- und differenzlose Verwechslung mit der interaktiven Alllagswelt, so haben sich doch die Selektionsschwerpunkte verschoben. Am Anfang stand in Deutschland die Vorstellung, zumindestens die politische Organisation der Gesellschaft transparent werden zu lassen, mit der die britische Militärverwaltung noch einmal die bürgerliche Ã-ffentlichkeil durch das Fernsehen wiederbeleben wollte. "But doing things at the same lime and doing them together is not quite the same. Radio and television do give a eozy family touch to public lil'e |...]" . Die Illusionen der Abbildungsrealität wurden und werden in vielen Sendeformen des Fernsehens angestrebt. Familien-, Kriminal- und Vorabendserien oder Unlerhallungssendungen mit live-Charakter halten diese Tradition aufrecht. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Schölermanns und Hesselbachs nur geringfügig von der Lindenstraße. Demgegenüber haben sich andere Kommunikationstechnologien -wie etwa der Spielfilm und das Kino - auf die Steigerung der Intensitäten von Kopplungserfahrungen spezialisiert.
      Gerade die Menge der Filme, die im Fernsehen gezeigt werden, bestärkt uns in dieser Annahme. Der Film wird im Gegensatz zum Fernsehen wesentlich mehr als der 'phantasievolle' Umgang mit seinen Referenzgegenständen angesehen. Das - zumindest in Deutschland - einstmals geplante Fernsehen im Kino fand nicht statt, sondern der Film gelangte, wie von der Filmindustrie befürchtet, ins Fernsehen . Obwohl beide Kommunikationsqualitäten aus den Fernsehgeräten herauskommen, meinen wir an dieser Unterscheidung festhalten zu können, da Film als eine deutliche Differenz zu Fernsehen im Fernsehen erfahren wird. Auch Gattungsnamen wie Dokumentarfilm weisen daraufhin, daß diese Art des Films eben einen Sonderfall darstellt, einen eigenen Typus, der besonderer Hervorhebung durch einen Namen bedarf. Darum ist es bei genauerem Nachfragen und besonders gegenüber Kommunikalionspartnern, die für Kommunikationsqualitäten sensibilisiert sind, angebracht anzumerken, ob man den Film, über den gerade gesprochen wird, im Fernsehen gesehen hat oder im Kino. Für Filme trifft gewissermaßen der Fall zu, daß im Fernsehen das Gegenteil der Kommunikationsqualität des Fernsehens vermittelt wird. Derartige Gegenstrukturen verstärken durch Herausarbeiten der Differenz die Identität von Kommunikationsqualitäten. Einmal angestoßene Ausdifferenzierungsprozesse lassen sich allerdings kaum aufhalten. Auf der Ebene der Angebote läßt sich deshalb eine Drift in die Richtung einer immer differenzierteren Typenbildung beobachten. Sie siedeln sich an den Grenzen anderer Schemabildungen an und tendieren durch ihre Vielfalt zu Individualtypen, die trotzdem eine hohe Erwartbarkeit ihrer Selektionsleistungen garantieren. Die Konkurrenz der Kommunikalionsqualitäten und das Spiel mit Differenzen um der Differenz willen, inszeniert durch Subjekte, Werbespots und Medienangebote, ist derzeit die Botschaft.
     

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Historisierung  Kommunikationsqualitäten    





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