Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturwissenschaft und systemtheorie

Index
» Literaturwissenschaft und systemtheorie
» Stabilität und Entgrenzung von Wirklichkeiten - Peter M. Spangenberg
» Authentizität: Auflösung und Neuorganisation

Authentizität: Auflösung und Neuorganisation



Identität gewinnt man durch Differenz37. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, wie jene Differenzen, die die Prägnanz der Identitätsgestalt ausmachen, organisiert sind. Auch hier gehl es wieder um eine Umorientierung von Einheit auf Differenz, denn die Unterscheidung von Kommunikationsqualitäten bezieht sich auf Phänomene, die sonst unter dem Begriff der Medienästhetik beobachtet werden. Um ihre Identität aufzubauen, 'spielt' die Reflexivität audiovisueller Kommunikationsqualitäten, so unsere Hypothese, mit den etablierten Grenzen von kommunikativen und psychischen System/Umwelt-Unterscheidungen. Zwei Strategien sind hierbei zu unterscheiden: die Beobachtung der Einheit von Identität und Differenz, einerseits und die Orientierung an der Differenz von Identität und Differenz andererseits. Was wird also in der Unterscheidung konstant gehalten und was innerhalb der Unterscheidung unterschieden?

So gehört bis heute zu den Bildschirmriten von Nachrichtensendungen eine naturalistische Kameraästhetik, deren Profes-sionalismus darin besteht, daß der Beobachter als Beobachter unsichtbar bleibt . Wenn sich zudem in der kommunikativen Kopplung beim Zuschauer jene paradoxe Erfahrung gleichzeitiger Nähe und Ferne einstellt, er sich also gleichzeitig in Distanz weiß, aber Nähe als Qualität der Kommunikation erfährt und in dieser Erfahrung das Wissen um die Situation 'verdrängt', dann wird ein Eindruck von 'Welt' - von 'Realität' durch Kommunikation - erzeugt, der so nur durch ihre qualitative Selbstorganisation zu erklären ist.
     

Dieser Bereich wurde angesprochen, um zu verdeutlichen, daß sich Kommunikationsqualitäten nicht nur auf fiktionale Referenzgegenstände der Kommunikation beziehen oder als überdrehte Effekthascherei gegenüber übersättigten Zuschauern herangezogen werden müssen, deren Aufmerksamkeit sonst nicht mehr zu fesseln ist. All dies mag im Laufe der Ausdifferenzierung von Kopplungserwartungen und Erwartungserwartungen Bedeutung erlangt haben, doch ist zu betonen, daß bereits in der massenmedialen Konstruktion von 'realen' Referenzgegenständen Kommunikationsqualitäten zu berücksichtigen sind. Besonders virtuos kann audiovisuelle Kommunikalion natürlich die Unterscheidung + real handhaben38, weil sie damit an Wissensslrukturen und an wechselseitig stabilisierte Unterscheidungen von psychischen und sozialen Systemen partizipiert. Audiovisuelle Massenmedien nutzen hierbei den Effekt, daß für sie "|...| jetzt alles, jenseits aller Umständlichkeiten der Sprache, ein möglicher Gegenstand der Kommunikation wird [...]" . Dies gilt auch für kommunizierte Fiktionen, die nun mit allen qualitativen Mitteln audiovisueller Kommunikation und vor allem als 'reale' Wahrnehmungen fingiert werden können . Mußte zuvor die Anwesenheit des Abwesenden kommunikativ und imaginativ evoziert werden, so müssen psychische Systeme nun von und in ihrem Nahbereich die Abwesenheit des massenmedial vermittelten Anwesenden unterscheiden. Es geht dabei natürlich 'bloß' um einen Akzentwechsel, der allerdings nicht allein auf audiovisuelle Massenmedien beschränkt ist, sondern als verallgemeinerungsfähiger Effekt der Kommunikationsqualität auch in der Kopplung mit anderen Komrnu-nikalionstechnologien beobachtet werden kann39. Die generelle Paradoxie von Kommunikation - etwas Abwesendes als Geltendes zu behandeln - fasziniert derzeit jedoch in der Gestalt audiovisueller Kommunikation wohl am meisten.
      Jede Neuorganisation von Unterscheidungen verlangt danach, daß andere stabil gehalten werden. Audiovisuelle Massenmedien können es sich unter anderem deshalb leisten, Grenzen der 'Realität' - Raum- und Zeitunterscheidungen - zu verwischen, weil das Publikum eindeutig in Distanz gehalten werdenkann und ihre Körper im Raum weitgehend ruhiggestellt sind. Steigerungsmöglichkeiten der Selbstkontakte etwa durch dreidimensionale oder 360" Projektion, Großleinwände oder die Synchronisation von Bewegungen der Kamera und eines beweglichen Zuschauerraums werden erprobt und diskutiert41. Die Mischung von 'realen' und synthetischen Bildern aus verschiedenen Quellen gehört in der Werbung ebenso zum Alltag, wie die auf Grafikcomputern erstellten Trailer der Sportschau oder das Logo der ARD. Die rechnergestützte Weiterverarbeitung von Schrift, gescannten Grafiken, Videobildern und anderem Material zu Bildsequenzen in fotorealistischer Qualität ist mehr ein finanzielles als ein Technologieproblem. Die Einführung des hochauflösenden digitalen Fernsehens mit einer - geplanten - Bildschirmgröße von Im x 1,2m steht bevor. Im Hinblick auf die Kommunikationsqualität ist die Diskussion über diese technischen Entwicklungen von Interesse. Tenor der kritischen Einschätzung von HDTV unter dem Stichwort Telepräsenz sind wiederum die Befürchtungen , daß hiermit die Differenz der Abbildung von 'Realität' und massenmedialer Vermittlung zusammenbricht. Ã"hnliches gilt für die Kritik an den technisch aufwendigen und zur Zeit noch recht primitiven Videospielen im virtuellen Raum des Cyberspace43.
      Schwierigkeiten bereitet trotz allem Training die Einübung der Erfahrung, daß Wahrnehmungen unterschiedliche Referenzebenen von 'Realität' enthalten. Zum einen sind sie im Prozeß der psychischen Aulopoiesis nicht abzuweisen, während sie zum anderen als technisch vermittelte Wahrnehmungen im Rahmen medialer Inszenierungen das Bewußtsein dazu nötigen können, statt einer Einheit nun die Unterscheidung von Authentizität und Wahrheit vorzunehmen . Daß Authentizität medial inszenierbar ist oder genauer gesagt, so organisicrt sein muß, daß sie sich als Kommunikationsqualität einstellt, und doch nicht immer mit ontologischer Frcmdrcferenz zusammenfällt, wirft für ein Bewußtsein Probleme auf, das biologisch so organisiert ist, die Verarbeitung neuronaler Stimuli als Einhcitsgestalt der Fremdreferenz zu betrachten . Täuschungen sind im Alltag zwar möglich, aber letztlich eben als Täuschungen zu erkennen. Das Phänomen der bistabilen Wahrnehmungen kennzeichnet die Organisation des Bewußtseins, denn es kann immer nur eine Gestalt wahrgenommen werden, auch wenn die andere bereits 'gewußt' wird . Dies ist eine Erfahrung, die für das Bewußtsein immer etwas problematisches enthält, weil es bemerkt, daß es eine Ebene der Gestaltkonstruktion gibt, über die es nicht selbstreflexiv verfügen kann.
      Verbindet man die Produktion von Authentizität mit technischen Abbildungen und vergißt, daß es wiederum einer ganz präzisen Organisation der Technik bedarf, damit als medialer Effekt der Eindruck einer subjektunabhängigen Reproduktion entsteht , dann verstärken sich die Irritationen, weil Bewußtseinsinhalte mit der Prägnanz von Wahrnehmungen vom Bewußtsein nicht abgewiesen werden können. Wenn die Unterscheidung zwischen Bewußtsein und der Fremdreferenz von Bewußtseinsinhalten durch Kommunikationsqualität neu organisiert wird, so ist zu fragen, wie diese vermeintliche 'Ununterscheidbarkeit' , die als Effekt neuer Technologien erwartet wird, beobachtet werden kann. Die technischen Unterscheidungsfähigkeiten von Massenmedien beschränken sich jedenfalls schon lange nicht mehr darauf, psychische Fähigkeiten zu simulieren, sondern gehen mit Hilfe von Kommuni-kationsqualitätcn zu eigenständigen Wirklichkeitskonstrukten über. Die Refle-xivität von Kommunikation nutzt dabei bewußtseinsinterne Unterscheidungen und Einheitskonstrukte. So 'erinnern' Computergrafiken psychische Systeme an Ornamente und Figuren, weil das Bewußtsein nur in der Lage ist, die graphische Gestalt mathematischer Algorithmen zu 'erkennen'44.
      Die wesentlichen Grenzverschiebungen, mit denen audiovisuelle Kommunikationsqualitäten Identität durch Differenz erzeugen, betreffen also wichtige System/Umwelt-Unterscheidungen, mit denen Gesellschaft und psychische Systeme ihre Wirklichkeilenkonstruktion reproduzieren. Die qualitative Neuorga-nisation baut auf der Reflexivität audiovisueller Kommunikation auf. "Reflexi-vität ist ein sehr allgemeines Prinzip der Ausdifferenzierung und Steigerung." . Die Richtung der Ausdifferenzierung läuft derzeit auf die Unterscheidung einer neuen Form systeminterner Umwelten von Bewußtseins- und sozialen Systemen hinaus. Die Umweltkonstruktc im Rahmen der Massenmedien geraten immer mehr unter den Druck, sich statt durch Referenz erst einmal durch ihre Kommunikalionsqualitäten unterscheiden zu müssen45. Die Steigerungen beobachten wir demgegenüber eher unter dem Gesichtspunkt der Interpenetration von psychischen Systemen und der Gesellschaft. Dabei stimulieren gesellschaftlich vermittelte Kommunikationsqualitä-len psychische Systeme zu neustrukturierten Erfahrungsmöglichkeiten, und es geht längst nicht mehr nur um die Verbreitung von Kommunikation oder eine Ausweitung von Kommunikationsräumen.

 Tags:
Authentizität:  Auflösung  Neuorganisation    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com