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Poststrukturalismus (Dekonstruktion)



Unter dem Sammelbegriff werden die jüngsten Methoden und Theorien zusammengefaßt, in denen strukturalistische, psychoanalytische und historische Ansätze kritisch modifiziert, teils zurückgewiesen werden. Zugleich sind sie alle durch die radikale Umkehr der philosophischen Dekonstruktion bestimmt.

      Der Ausdruck Dekonstruktion bezeichnet eine philosophische Schule, die seit Ende der 60er Jahre in Frankreich, vor allem von Jacques Derrida , entwickelt worden ist. Sie wird dem sogenannten Poststrukturalismus zugerechnet und hat über ihre Rezeption in der allgemeinen Literaturwissenschaft, die an amerikanischen Universitäten einen herausragenden Platz einnimmt, großen Einfluß auf die Literaturtheorie gewonnen.
      Dekonstruktion kritisiert die 'Metaphysik der Präsenz', von der sie die gesamte Tradition der abendländischen Philosophie bestimmt sieht. Damit sind alle philosophischen Positionen gemeint, die ihre Begründung aus letzten begrifflichen Selbstidentitäten von ontologischer Priorität - wie z. B. Gott, Sein, Bewußtsein, Wahrheit - herleiten. Auch bei seinen modernen Anregern, wie etwa in Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers metaphysikkritischen Schriften, in der Phänomenologie Edmund Husserls , in der Psychoanalyse von Sigmund Freud und Jacques Lacan und im Strukturalismus, macht Derrida noch solche ungeprüften metaphysischen Annahmen aus.
      Seine Kritik an der abendländischen Tradition brachte er auf den Begriff des 'Logozentrismus'. Mit diesem Terminus, der mit der doppelten Bedeutung des griechischen Wortes logos spielt, bezieht sich Derrida auf die verbreitete Auffassung, daß die Sprache als Repräsentant von Außersprachlichem gerade auf die 'Präsenz' einer Sache bzw. der Wahrheit über sie ziele. Dementsprechend rekonstruierten Hörer oder Leser bei der Aufnahme von Gesprochenem oder Geschriebenem das 'eigentlich' Gemeinte, suchten also nach dem Sinn bzw. der Wahrheit. Dafür bietet im kleinen die Erfahrung alltäglicher eigener Lektüre beliebig viele Beispiele. Im großen folgt die Hermeneutik als Textauslegung in ihrer gesamten Geschichte diesem Muster, mag man nun an Aristoteles als Ausleger der Schriften seines Lehrers Piaton denken, an die Exegese biblischer Schriften, an die auslegende Subsumption eines individuellen Falles unter die allgemein und abstrakt formulierten Vorschriften eines Gesetzes in der Jurisprudenz, an das Verständnis von metaphorischer, alle-gorischer und ironischer Rede oder schließlich an den kontinuierlichen Auslegungsprozeß eines literarischen Werkes bei dessen Ãobersetzung in eine andere Sprache.
      Die Vertreter der Dekonstruktion sehen die traditionelle hermeneuti-sche Position, der zufolge sich an Texten ein durchgehender Sinn erkennen läßt, auch noch in der strukturalistisch bestimmten Semiotik wirksam, wenn dort in der Unterscheidung von Signifikant und Signifikat der Signifikant zwar als arbiträr, das Signifikat jedoch als unabhängig im Bewußtsein verankerte Entität verstanden wird.
      Die Dekonstruktion leugnet dagegen die vom Signifikanten unabhängige Existenz des Signifikats und sieht letzteres in einer Radikalisierung des semiotischen Ansatzes selbst wiederum zugleich als einen Signifikanten innerhalb eines Verweisungszusammenhangs. Derrida führt in diesem Zusammenhang sprachspielerisch den Neologismus differance ein, der zugleich 'unterscheiden' und 'aufschieben' bedeuten und das Ineinander von Sprach- und Denkordnung kenntlich machen soll.
      Als Folge von Derridas Lehrtätigkeit in New Haven ist die Dekonstruktion seit den 70er Jahren vor allem durch Arbeiten von Professoren der Yale University, wie Paul de Man und Harold Bloom, in die Literaturtheorie eingeführt worden. De Man untersucht die Bedingungen jeden Lesens, auch des dekonstruktivistischen, mit Hilfe der Rhetorik und gelangt zu dem Ergebnis, daß jede Lektüre zum Scheitern verurteilt sei, wenn sie nach Erkenntnis strebe, da man den Texten nicht anmerke, ob sie literal oder allegorisch zu lesen seien. Blooms Interesse gilt vor allem dem Prozeß von Anziehung und Abstoßung gegenüber den kanonisierten literarischen Vorbildern.
      Im antagonistischen Wechsel der Ideen, der sich zwischen den amerikanischen Universitäten der Ost- und Westküste eingespielt hat, schickt sich zur Zeit der kalifornische New Historicism an, die Ostküsten-De-konstruktion durch einen sozialgeschichtlich ausgeweiteten Textbegriff zu verändern, der die kulturellen Akte an ihrem historischen Ort und im den einzelnen Text umschließenden Netzwerk zugleich zu verankern erlaubt.
      Das Theoriekonzept der lntertextualität, das Julia Kristeva Ende der 60er Jahre entwickelt hat, weitet den strukturalistischen Textbegriff im Sinne einer allgemeinen Kultursemiotik aus und fragt nach der verändernden Wirkung von Texten auf gesellschaftliche Strukturen.
      Das Interesse politisch motivierter feministischer Arbeit in der Literaturwissenschaft hat lange Zeit der von Frauen geschriebenen Literatur gegolten, sich aber unter dem Einfluß der Dekonstruktion zunehmend auf Gender Studies verschoben.
      Was die Fruchtbarkeit der Ergebnisse angeht, hängt auch in der De-konstruktion, wie immer, viel davon ab, wer sie wie handhabt. Gekonnte Originalität, die zu frappierenden Einsichten führt, und gekünstelte Epigonalität, die sich in selbstgefälligen Spiegelfechtereien erschöpft, liegen dicht nebeneinander. Manches gemahnt an des 'Kaisers neue Kleider'. Dazu kommt ein Hang zur terminologischen Esoterik, die das Laienpublikum aus den literaturwissenschaftlichen Theoriedebatten der letzten Jahrzehnte ausgegrenzt hat.

     

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Poststrukturalismus  (Dekonstruktion)    





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