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Positivismus



Als Positivismus wird eine im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts programmatisch formulierte historisch-philologische Methode bezeichnet, die ihre Begründung aus dem philosophischen Positivismus Auguste Comtes nimmt. Ihre weite Verbreitung aber verdankt sie dem Literaturhistoriker Wilhelm Scherer und seiner Schule. Nach Comte gilt als erkennbar nur, was sich in empirischer Beobachtung ermitteln läßt. Diese Vorstellung hat die Naturwissenschaften des 19.Jahrhunderts geleitet, und ihrer methodischen Stringenz versuchte die positivistische Literaturwissenschaft zu folgen. Seine Stärken bewies der Positivismus in der materialorientierten Arbeit an den Quellen, etwa in großen Editionen, in der biographischen Forschung, in der ihn die Fakten aus dem Leben der Autoren interessierten, in der historischen und inhaltlichen Analyse, soweit es um Entstehungszeit, benutzte Quellen, Einflüsse usw. geht. Versagt hat der Positivismus dort, wo er versucht hat, scheinbar naturwisenschaftliche Gesetzmäßigkeiten in der Literaturgeschichte aufzudecken oder - vor allem in überzogenem Biographismus - die Werke der Autoren aus deren Herkunft, Charakter, Erziehung, Erlebnissen usw. zu erklären. Die biographischen Situationen aufzudecken, ohne die Goethe weder Die Leiden des jungen Werthers noch die Römischen Elegien oder den West-östlichen Divan je geschrieben hätte, trägt gewiß zur historischen Erklärung dieser Werke bei, jedoch nichts zum Verständnis der jeweils gewählten literarischen Formen des Briefromans, der Elegie oder der kommentierten Gedichtsammlung, die als Manifestationen des objektiven Geistes nur aus dem Kontext von Gattungs- und Formengeschichte erklärt werden können, auch wenn sie deren Konventionen sprengen.

      Trotz aller Kritik, die später und in Reaktion auf den Positivismus entwickelte Methoden wie die Geistesgeschichte und die werkimmanente Interpretation auf ihn gehäuft haben, bleibt festzuhalten, daß eine Literaturwissenschaft — wie jede historische Wissenschaft — ohne einen gehörigen Einschluß von Positivismus nicht möglich ist. Neuere Methoden haben den Positivismus nicht überflüssig gemacht, sondern die Grenzen bestimmt, innerhalb derer er Erkenntnis fördern kann.
     

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